Alltagsästhetik: Einfach nur schön (auch wenn manche mich für irre halten werden)

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

Ja, ich weiß. Schön ist anders. Aber ich kann nicht umhin diesen Anblick verzückt zu genießen. Seit wir hier leben, machten die Rohre in dieser nun aufgestemmten Wand Probleme. Und das gern, wenn anders dran war. Wie Alphalama im Krankenhaus und Schneetreiben in Flussnähe.
Und dass ich meine Spülmaschine sehr, sehr liebe – ein bisschen weniger als meine Waschmaschine schon, aber dann kommt sie auch schon fast – ist mit 5 Leuten klar. Eigentlich bin ich eher Asketin des Lebens, brauche nichts, will nichts – aber ich will dreckiges Geschirr in eine Maschine stopfen und zwar ungeordnet und nicht vorgespült und dann will ich ein Knöpfchen drücken und weggehen, um was anderes zu machen. Unter meinem nicht sehr hausfraulichen Regiment  kommen auch Töpfe (keine Pfannen) und Pfannenwender in die Spülmaschine, auch Weingläser und so alles, wovon uns gute Hausfrauen dringend abraten. Und ich bin sowas von glücklich dabei.
Seit einiger Zeit hat das Rohr wieder Probleme gemacht, das Wasser stand teils in der unteren Küche, stank, verschmutzte das Becken. Und irgendwann ging es nicht mehr weiter. Ich habe Handwerker bestellt und die haben meine schlimmste Befürchtung Schritt für Schritt bestätigt: Das Rohr ist absolut dicht, das Rohr ist schon beim Hausbau fehlerhaft eingebaut worden, es ist ein Wunder, dass so lange was durch ging und kein noch größerer Wasserschaden entstanden ist. (Und das Beste ist: mein Spülverhalten hat, und das sollte man sich gut klar machen: absolut keinen Einfluss auf den Schaden!)
Es muss gestemmt werden und wahrscheinlich so weit wie das Rohr geht (also vom Keller bis in die 1. Etage).
Wir haben geräumt, Chaos gemacht, Chaos erduldet, Staub (noch immer) im ganzen Haus, wochenlang mit der Hand gespült. Ich war wirklich fertig mit den Nerven und habe gemerkt, dass dieses Neue „on top“ zu neuer (und so viel besserer) Stelle, drei Kindern, Schwangerschaft und dem Alltagsgedöns das Maß voll macht.
An irgendwas muss sich das ja entzünden.
Daher habe ich entschieden, dass dieses Rohr zum letzten Mal auf meinen Nerven rumtrampelt und ich wissen will, dass dies kein Thema mehr in meinem Altbau ist. So wie die Heizung oder die Haustüren. Wir haben es einfach komplett erneuern lassen. Fliesenspiegel hin oder her, Bauschutt und sontwas auch egal. Und hoffen, dass die Versicherung was zuschießt. Aber es geht auch ohne. Wir sind ja verantwortungsvolle Erwachsene und haben immer ein Püfferchen für Notfälle. Wobei das hier jetzt bitte der letzte Notfall für dies nächste Zeit war, denn wir wollen im kommenden Jahr sehr gern mit nur einem Auto ins Schwimmbad oder in den Wald fahren und dieses sollte nach Möglichkeit keines aus der Kategorie „für Bastler“ aus dem Jahr 1998 sein.
Und nun zum schönen Part: Die Leitung ist fertig, es fließt Wasser, unten kommt alles im Abwasser an, die Spülmaschine spült, ich kann Teewasser in der Küche holen, habe wieder die Mülleimer hier. Noch ist alles nicht an seinem Platz, aber das habe ich nach 2 vollen und einer halben Schwangerschaft kapiert: Das muss es auch nicht. Da soll doch 3 Wochen ein Regal vor meinem Regal stehen (so gewesen 8/17 in meinem alten Büro) oder 4 Wochen ein Umzugskarton voller Papiermüll im Büro stehen, unverrückbar doof vor der zweiten Tür (so im neuen Büro 10-11/17), sehr viel saubere Wäsche im ungeputzten alten Babyzimmer auf dem Lattenrost (verstaubt natürlich) liegen oder Kügelchen aus dem neuen Stillkissen (ich bin einfach ein hoffnungsvoller Mensch) unser neues Schlafzimmer verschönern (ja, wir haben zwischenzeitlich auch eine größere Zimmertauschaktion vorgenommen, online und im Nachbardorf  Möbel gekauft, sind im Haus größer umgezogen. Alles die Arbeit von Alphalama vor oder nach dem Spülen von Unmengen versifften Geschirr) – ich kann das mittlerweile mehr als gut sein lassen. Und mich mit einem Biojoghurt mit einem halben Bioapfel drinnen (hätte ich mir früher auch nie gegönnt, kaufe ich heute selbstverständlich. Wozu gehe ich denn arbeiten? Rabenmutter zu sein muss sich doch auch mal auszahlen – und zwar für uns alle) auf die Couch legen, auf die linke Seite wälzen und Yonderland oder sonst was Nettes genießen. Das hoch dosierte Magnesium immer in der Tasche natürlich, Prinzipien müssen trotz allem sein.
Ich bin so froh wie die Zwillinge seit jeder seinen Duplobagger hat und ihn jede Nacht mit ins Bett nehmen kann (nicht mehr abwechselnd) oder Minilama seit es ein Ninjagoheft mit seltenem Ninja dabei sein eigen nennen kann – und es die Zwillinge nicht länger in seinem Zimmer besuchen und alles auseinandernehmen, sondern es nun das gleiche im Zwillingszimmer (früher ausladend großen Elternschlafzimmer, nun bombiges Kinderzimmer) besuchen kann und mal ordentlich loslegen kann mit Unordnung ohne Konsequenzen.
Schön, schön, dieses neue Rohr. Und so teuer war der Spaß auch gar nicht. Nicht billig zwar, nichts, was ich regelmäßig tun will, aber ich habe das Doppelte befürchtet. Von daher: Alle Daumen sind oben und ich genieße das Surren meiner Spülmaschine während ich leckere Actyfrykartoffeln aufgabele.
Minilamas Schuh, sozusagen das pars pro toto für meine Aufgabe gegen die Welt und ihre Anforderungen an mich,  wird auch morgen geflickt. Meine Mama hat das altertümliche Nähset aus 2 dicken Nadeln gefunden und meine Oma ihr Wissen weitergegeben und Kordel bereitgelegt. Wir machen das auf die klassische Art. Die wo hinterher alles besser als als vorher. Die mag ich. Morgen wird also dieses Loch im Pololo Geschichte sein.

Weihnachtsfest, du Konsumfest – oder doch nicht?

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Wir haben so viel Spielzeug. Zu viel für meine Begriffe, denn ich brauche deutlich länger Zeit das Ganze aufzuräumen als ich gewillt bin zu investieren. Und dabei haben wir vergleichsweise noch wenig. Verwandte und Bekannte halten sich mehr als zurück mit dem Zuwerfen mit Konsumgütern. Fragen, was die Kinder brauchen, schenken gerne DM Gutscheine oder Geld fürs Führerschein (oder Auslandsjahr)Konto, oder bringen was mit, das sich verbraucht. Aufkleber für Minilama beispielsweise. Oder sie schenken Bücher und Hörbücher – von denen man meiner Meinung nach nie geng haben kann. Da macht meine Konsumkritik eine Ausnahme.
Wir haben überwiegend ausgesuchtes und besonderes Spielzeug, wie man auf den Schnappschüssen erkennt. Nik oder Grimms und Haba Spiele, Holzsachen allgemein (außer dem Bobby Car, welches ökotest Sehr gut ist) auch keinen Plastikmüll im Kinderzimmer bzw. Wohnzimmer. Und die Babies haben kaum was extra bekommen. Und trotzdem: Die Schränke sind voll, die Spielzeugkisten auch. Wir haben letztens sogar eine neue gekauft.

Die Kinder haben ein unterschiedliches Spielverhalten. Minilama hat lange Zeit nur sehr wenig gespielt, sondern zu 80 Prozent Bücher geguckt und zu 20 Prozent gebastelt mit Scheren, Kleber, Stiften und gepuzzelt.  Klassisches Spielzeug rührt es zuhause wenig an. Ich denke es liegt daran, dass es in der Kita die tollsten Sachen zur Verfügung hat und daher wenig Bedarf hat.
Die Babies sind von Anfang an sehr am Spielen interessiert. Sie spielen schon jetzt mit Küchenzubehör, mit Lego, mit Autos, Kuscheltieren, Motorikspielen. Minilama habe ich dazu als kleineres Kind viel angeleitet, die Babies nehmen sich selbst, was ihnen zusagt und spielen und lernen damit.
Besuchen wir andere Kinder, erkundet besonders Minilama deren Zimmer sehr genau. Es steht auf alles, was Geräusche macht und blinkt. Alles, was es daheim nicht hat. Es spielt mit kleinen Figürchen aus Plastik, mit Miniflitzern, sogar mit Babyhandies. Die Freunde sind oft abgeschrieben, weil deren Sachen so spannend sind. Die Babies stehen natürlich auch auf das Plastikzeugs und noch mehr auf das kleinteilige Spielzeug der Großen, wie Lego oder kleine Bauerhoftiere. Sie sind in einer anderen Kitagruppe als Minilama es war, das zeigt sich am am Spielverhalten. Minilamas Erzieherinnen waren tendenziell meiner Meinung, dass gutes Spielzeug ein offenes Spielangebot macht, Phantasie erfordert und aus natürlichen Materialien ist. Minilama kennt eher die montessoriinspierten Kitaräume, während die Babies im Spielzeugparadies weilen. Dort gibt es alles, was Eltern sich verkneifen und sehr sehr viel buntes Plastik.
Daher sind die Babies bei Weitem nicht so interessiert an diesen Dingen wie Minilama.
Die Kinder zu beschenken finde ich schwierig. Weil sie das, was sie wirklich brauchen sofort bekommen. Dazu zähle ich auch ein Fahrrad oder Möbel. Ich warte nicht auf Geburtstag oder Weihnachten, wenn beispielsweise im Frühjahr das Radfahren ansteht. Das Rad gibt es dann ohne konkreten Anlass, weil Minilama Radfahren lernen will (und es dann auch tut).
Wir sammeln auch keine bestimmte Spielwelt wie Lego oder Briozüge für die man dann Zubehör anschaffen könnte. Minilama hat bisher keine klare Präferenz für ein Spielzeug gezeigt.
Die Babies natürlich auch nicht, wenngleich manches besser ankommt als anderes.
Für die Festtage stehe ich also da: Eigentlich haben wir genug, einen großen Wunsch gibt es nicht, ergänzen können wir auch realiter nichts und trotzdem soll was unter dem Baum liegen und zwar von uns, den Großeltern, den Paten …
Wir haben lange überlegt, ob wir en großes Duploset für die Zwillinge und eine Werkbank oder Spielküche für Minilama kaufen sollen. Und haben uns dagegen entschieden. Weil wir keine teuren Staubfänger wollen.
Minilama bekommt einige Bücher und als Highlight ein kleines (!) Legoset, die Zwillinge das Starterset für die Holzeisenbahn (das Minilama nicht bespielt hat und ich daher rasch eingezogen hatte vor längerer Zeit). Dann haben wir was zu bauen über die Feiertage, aber es ist nicht so groß, dass die Kinder überfordert sind. Ich werde auch vor Weihnachten ein wenig ausdünnen, was im Wohnzimmer frei verfügbar ist. Dann konzentrieren sich die Kinder mehr auf das Neue, so meine Hoffnung. Spielzeug umräumen und das Angebot verändern ist ein regelrechtes Hobby geworden für mich. So komishc es klingt: Es macht aber Sinn, zu schauen, was man rausstellt und was im Moment mal im Schrank liegt. Manches wird dann wieder itnteressant, wenn es länger weg war. Anderes ist aber auch einfach nicht das Richtige für meine Kinder und das sortiere ich dann dauerhaft aus. Wichtig fidne ich, dass die Kinder selbst den Überblick nicht verlieren und noch selbst in der Lage sind, die Sachen einzuräumen.

Unser Alltag ist ihre Kindheit – Pseudointellektueller Unsinn mal auf die Spitze getrieben

Dieser Satz geistert ja schon länger durchs Netz und hat wohl irgendwie was mit der schönen Bullerbü-Kindheit zu tun, die alle unsere Kinder erleben sollen. Die sorgenfreie, naturnahe und wundervolle Kindheit, die wir Eltern unseren Kindern wünschen. Und für die wir uns aufopfern, zahllose Mamas gehen dafür auch bis zum Burn-Out. Denn die perfekte Kindererziehung, der super Haushalt, das Attraktivitätsgebot und die Karriereanforderungen und was weiß ich nicht, was Mütter noch alles leisten sollen sind echt viel und da schenken sich die Mamas nichts. Muttersein als Wettkampf. Kann sich keiner vorstellen, der nicht mal live dabei war.
Und dann dieser Satz. Der knallt mal richtig rein so wie eine Backpfeife. Unser schnöder Alltag, das Gerenne und Getue – das ist der Alltag unserer Kinder??? Der wichtigsten Wesen auf dem Planeten??? Oh nein. Da muss ich aber schleunigst was ändern, damit die Kinder es besser haben.
So was in der Art habe ich sofort gespürt, als ich den Satz gelesen habe. Manche meinen ja, sie finden die Satz sehr positiv und auch bestärkend. Das freut mich.
Ich finde ihn mehr als sinnentleert, je mehr ich darüber nachdenke. Und ich habe mich schnell von dem Druck verabschiedet, meinen Alltag kinderfreundlicher und erinnerungswürdiger zu gestalten. Nicht, dass ich meinen Kindern 24/7 das Bullerbüfeeling bieten würde mit Freispiel im Wald, duftenden Keksen, Freundesbesuch und Gartenleben und damit schon so perfekt wäre, dass mein Alltag den Kindern schon alles bietet, was sie brauchen um super gut aufzuwachsen. Nein, das mit Sicherheit nicht.
Aber: Mein Alltag heute hat nichts mit dem Alltag zu tun, den ich, Lamasus leben würde bzw. gelebt habe als ich kinderlos war. Die Wahrheit ist: Mein Leben ist komplett auf meine Kinder ausgerichtet. Meine beruflichen Ambitionen sind verschüttet, meine Pläne für Freizeitgestaltung, Sport, Reisen, Paarbeziehung und soziales Leben sind zu 100 Prozent den Bedürfnissen meiner Kinder untergeordnet. Auch mit den bösesten Absichten würde man es nicht hinbekommen, mich selbstsüchtig zu schimpfen. Geht einfach nicht. Ich stehe meinen Kindern jederzeit zur Verfügung, bin da und kümmere mich um alles, was anfällt. Ich sorge mich um ihr Glück, ihre Gesundheit, ihre Förderung, ihre Bewegung, ihre Freunde, ihre Ernährung und ihre Bildung. Mein Alltag sind meine Kinder und eben alles, was damit zu tun hat. Wenn ich mit ihnen in den Lidl fahre, dann tue ich es, um für uns alle (aber natürlich auch für sie) einzukaufen, um uns zu ernähren. Das ist eine Alltagserledigung, die in ihrer Kindheit stattfindet. Wenn ich mit ihnen in die Stadt fahre, tue ich es, damit sie lernen, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, damit sie unsere Geschichte kennenlernen und um ihnen neue Kleidung zu kaufen. Das ist nicht immer glamourös, aber es ist dem Ziel geschuldet, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Das macht auch mir nicht immer Spaß, aber ohne geht es nunmal nicht.
Unser Alltag und unsere besonderen Zeiten in Tag, Woche und Jahr sind die Kindheit meiner Kinder. Dazu gehören Ausflüge in den Wald, ins Freibad, zu Freunden, in den Urlaub, Picknicks, Kino- und Ausstellungsbesuche, Musik- und Sportunterricht, gemeinsames Kochen und Backen und intensive Familienzeit. Dazu gehört routiniertes Handeln und ständig gleiche Abläufe, wie Die Hol- und Bringsituation in der Kita, regelmäßige Erledigungen, das abendliche Zubettgehen. Dazu gehören leider auch Krankheit und Sorgen, Rückschläge und Streit, Überforderung und Unverständnis.
Und vor allem die Mutter (und der Vater) , die trotz der Verfügbarkeit ein kleines Inselchen „Ich“ retten will und daher manchmal auch „nein“ sagen muss. Weil sie  kein zweites und kein drittes Glas Saft eingeschenkt oder einen zweiter Nachtschlag verteilt , bevor sie (gerade Brei fütternd und für morgen kochend) selbst einen Bissen verzehrt hat. Weil jetzt keine Geschichte vorgelesen wird, weil sie gerade Beckenbodenübungen machen will und muss und das Kind bis vor 30 Sekunden zufrieden gespielt hat. Weil es jetzt keine Teilchen vom Bäcker gibt, da zuhause noch was Selbstgebackenes im Brotkasten liegt und wir als fünfköpfige Familie durchaus darauf achten, wofür wir unser Geld ausgeben. Sowas eben. Das hat mit Empathie zu tun, die ich meinen Kindern vermitteln will. Mit praktischem Lebenswissen. Und meine Kinder sollen spüren dürfen, dass ihre Eltern auch nur Menschen sind und keine gestressten Animateure.

Verschwiegene Schattenseiten der Elternschaft: Schlafprobleme und Schreibaby

Mit etwas Abstand sehe ich die Babyzeit von Minilama deutlich klarer und begreife auch besser, warum wir als Eltern so außerordentlich oft grenzwertig belastet waren – und das obwohl wir beide junge, geduldige und agile Menschen sind und nur ein Kind hatten. Ich begreife auch besser, warum ich oft so traurig und enttäuscht war, warum ich es nicht ertragen konnte, andere Mütter mit ihren gut schlafenden, gut gelaunten, innig schmusenden Babies zu sehen, warum ich so dermaßen frustriert war, dass Minilama keinerlei Anstalten machte, irgendwie mobil zu werden.

Schon die Geburt meines ersten Kindes war für mich eine traumatische Erfahrung. Ich will das noch heute kleinreden, denn eigentlich war es keine schlimme Geburt. Ich kenne Frauen, die was ganz anders mitmachen mussten. Daher gestehe ich mir nach wie vor nicht gern zu, dass auch ich viel mitgemacht habe. Einfach weil das Ganze objektiv nichts war. Es war ein Blasensprung, ein Kristellergriff, Geburtsverletzungen, auch am Zervix, eine starke atone Blutung, die durch Nähen gestillt wurde und die einige Stunden später auf der Station noch einmal nachblutete. Zudem hatte ich Stillprobleme und wurde mit Milchpumpe aus der Klinik entlassen. Trotz viel Unterstützung durch meine Hebamme konnte der Milchfluss nicht in Gang gebracht werden, daher musste ich den Versuch beenden. Soweit so normal. Dennoch hat mich das arg mitgenommen und geschwächt. Und in meinem Selbstbild angegriffen. Nach wie vor rechtfertige ich mich dafür. Nach wie vor schäme ich mich, dass mein Kind keine Muttermilch bekommen hat.

Hinzu kam dann leider, dass Minilama häufig Phasen hatte, in denen es so gesehen ein Schreikind war, arge Schlafprobleme hatte und teilweise bis heute noch hat. Leider – und das sage ich direkt – haben wir Eltern keine richtige Hilfe finden können mit diesen Dingen. Mein alter Kinderarzt hat uns (also mich und Alphalama, der extra frei hatte nebst Baby) wieder heimgeschickt und gebeten ein Schlafprotokoll auszufüllen und in 6 Wochen wiederzukommen. Da waren wir mit 9 Monate altem Baby aber schon jenseits von Gut und Böse, völlig übernächtigt, vom Gebrüll zermürbt und wirklich an der Grenze des Leistbaren (und das mit einem Kind). Ich kam mir derart nicht wahrgenommen vor, dass ich den Arzt wechselte.

Aber von Anfang an: Das neugeborene Minilama war  im Krankenhaus durch die Geburt völlig gestresst und schrie durch die Nacht. Alphalama trug den kleinen Wurm flurauf und flurab im Tragetuch, bestellte noch in dieser Nacht sein eigenes im Internet. Die beiden entwickelten eine innige Tragebeziehung.
Zuhause wechselten Phasen am Tag, in denen das Kind zufrieden trank, strampelte und schlief und Phasen, in denen es untröstlich schrie. Am Anfang „half“ das Pucken noch um zur Ruhe zu finden, aber irgendwann befreite sich das Baby aus dem Pucktuch, so sehr ging es dagegen an. Da wir nicht überzeugt vom Pucken sind, ließen wir es dann auch sein. Die Zwillinge wurden nicht gepuckt. Auch andere Tipps wie warme Füßchen, Lavendelduft, Schnuller – alles half entweder gar nicht, kurzzeitig oder wurde wie der Schnuller verweigert. Minilama wechselte zwischen Phasen, in denen es Nähe wollte und Phasen in denen es sich mit aller Kraft von uns wegdrückte. Das waren für mich als junge Mutter die schlimmsten Momente, zu begreifen: „Mein Kind weint, es will aber meine Nähe nicht.“ Das musste ich erst mal verkraften. Natürlich kann ich all das rationalisieren und auch entwicklungspsychologisch deuten, dennoch tut es einfach weh erleben zu müssen, dass das Kind, zumindest phasenweise, überwiegend weint, Nähe manchmal regelrecht hysterisch ablehnt, sich wegdrückt und dann in der Öffentlichkeit ein lieber Goldschatz ist, der gluckst und von Fremden als „freundlich“ wahrgenommen wird, ja teils sogar auf dem Arm anderer Menschen total zufrieden wirkt. Das tut einfach nur weh und das kann man nicht schön reden.

Alphalama erlebte das meistens abends zwischen 5 und halb 7, wenn ich schwimmen war. Ich hinterließ ein zufriedenes Baby und wenn ich wieder kam hörte ich schon auf der Straße, wie das Kind sich die Seele aus dem Leib schrie, während Alphalama es trug, fütterte, wickelte, schmuste, gut auf es einredete. Irgendwann nahm er Ohrenstöpsel, dann seine Kopfhörer. Er bekam nach einigen Monaten einen Tinnitus.
Zunächst hatten wir im Umfeld kein Verständnis erfahren. Dass Kinder mal brüllen und man wenig schläft ist ja auch normal. Als Minilama einige Monate alt war, wollten wir Eltern einige Stunden in die Stadt, um etwas essen zu gehen. Alphalamas Eltern kamen zum Kinderhüten. Minilama war süß und lieb, freute sich, dass der Opa da war (den liebt sie heute noch über alle Maßen). Als wir wiederkamen fanden wir zwei fertige Großeltern vor, die eben eine Pizza bestellt hatten. Das Kind in der Wiege schluchzte alle paar Minuten auf und hatte sich in den Schlaf geweint. Es wachte bald nach der Heimfahrt der Babysitter brüllend auf – und das Abendschreien begann erneut. Nur dass wir Eltern unsere Kraft schon verbraucht hatten. Minilama war bei den Großeltern irgendwann untröstlich gewesen, hatte nur geweint, sich weggedrückt. Wie bei uns auch. Seitdem gab es diese Art Babysittertreffen nicht mehr abends. Wir haben dann darauf geachtet immer zeitig daheim zu sein, um die Situation dort in geregelte Bahnen lenken zu können.

Mit dem Umzug ins Haus erreichte alles einen neuen Höhepunkt. War  Minilama über Tag auf der Baustelle zufrieden, ging es abends auf dem Weg in die Wohnung richtig zur Sache. Der gesamte Stress des Ortswechsels entlud sich. Wenn ich abends im Laden ausstieg, um etwas zu essen zu besorgen, musste Alphalama im Auto bleiben, ich schlug so fix es ging die Tür wieder zu. Das Kind brüllte wie am Spieß, man konnte es draußen hören. Es war satt, frisch, wir versuchten, es abzulenken. Keine Chance.
Kurz nach dem eigentlichen Umzug wachte das Kind nachts regelmäßig gegen 1.30 Uhr auf und brüllte 2 Stunden lang. Nahezu auf die Minute. Nichts half, wir haben alles probiert. Sogar Schmerzzäpfchen halfen erst nach den 2 Stunden. Wir guckten irgendwann nachts Filme, die Töne lenkten Minilama etwas ab. Völlig pädagogisch falsch, das weiß ich auch, aber wir waren kurz davor durchzudrehen.
Trotz der beträchtlichen nächtlichen Wachzeiten wachte Minilama gegen 5 Uhr auf, wollte nicht mehr schlafen. Bald darauf verweigerte es auch den Mittagsschlaf. Im Bett hatte es ohnehin nie geklappt, geschlafen wurde nur im Wagen. Aber auch mein Versuch durchs Gehen das Kind in den Schlaf zu schaukeln brachte nichts. Wir Eltern waren wirklich am Ende. Alphalama muss 1 Stunde zur Arbeit fahren, schlief mehrmals fast auf dem Weg ein. Und ich kam bei morgendlichen Spaziergängen im winterlichen Frühmorgen (so gegen 5 Uhr meist das erste Mal, in der Hoffnung, dass das Kind wieder in den Schlaf findet) an den Häusern Bekannter vorbei, deren Kinder bis 8 Uhr und länger schliefen. Ich war traurig, wütend, enttäuscht. Medizinisch gab es keine Erklärung, alles abgeklärt. Minilama zahnte sehr schnell, vielleicht lag es daran.
Dennoch: Minilamas Gebiss ist schon länger vollständig und die nächtlichen Wachphasen waren auch danach noch eine Zeit lang Thema. Und ich habe jetzt den Vergleich. Das war nicht normal, ganz einfach. Und ich hätte mir so sehr gewünscht, dass der Arzt das anerkennt, uns Mut macht. Aber diese Bestätigung haben wir nicht bekommen. Leider.

Wenn Minilama im Buggy unterwegs einschlief (bis weit über den 2. Geburtstag) konnte man darauf wetten, dass es beim Aufwachen mindestens 1 Stunde lang untröstlich brüllt. Mir graute davor. Meine Mutter war mal dabei und konnte es nicht glauben. Sie stand schockiert daneben wie mein Kund wetterte und zeterte wie Rumpelstilzchen. Und wie es jeden Versuch nach Nähe einfach abwehrte. Jeden Versuch, es abzulenken, ins Leere laufen ließ. Wie es echt schlimm litt, aber wir nichts machen konnten.
Irgendwann hört das auf, Minilama redet wieder normal, es äußert Hunger oder Durst, es bekommt das Gewünschte. Und alles ist wie immer. Es redet, erzählt, spielt, lacht und ist froh. Man muss das Schreien aushalten. Wie schon in den Babyzeit auch. Helfen kann uns keiner. Es gibt keine Medizin, keinen Trick.

In der Kita hat es normal im Bett geschlafen, das war daheim mittags nie drin. Es hielt dort Mittagsschlaf von 12.30 bis 15 Uhr, manchmal länger. Es war eins der ersten Kinder, die schliefen.
Einmal, da waren die Babylamas schon auf der Welt, habe ich es wegen eines Arzttermins früher abgeholt. Es schlief noch, wurde geweckt. Da weinte es wie bei uns zuhause öfter, war untröstlich. Die Erzieherinnen kannten Minilama so gar nicht. Und ich schämte mich ohne es zu wollen. Und das aus einem Grund: dass mein Kind bei mir so ist, aber in der Umgebung der Kita niemals so reagieren muss. Auch das tut weh, sehr weh. Auch wenn ich weiß, dass Kinder in Kitas allgemein vieles machen und können, was daheim absolut unmöglich wäre.
Seit einiger Zeit haben wir den Mittagschlaf auch in der Kita aufgehört, da Minilama dann abends nicht ins Bett wollte. Bei uns war (und ist) es von 5 Uhr morgens bis 20 Uhr abends wach. Als es noch in der Kita schlief (teils bis 4 Uhr) war es manchmal bis nach 21 Uhr wach.
Da sage ich ehrlich: Das ist eine enorme Anstrengung für uns Eltern, daher haben wir auch so lange versucht, einen Mittagsschlaf zu „erzwingen“, einfach weil wir mal durchatmen mussten oder aufräumen, putzen, kochen. Bei den Babylamas sind wir was den Mittagsschlaf angeht, deutlich entspannter. Wenn sie im Wagen einschlafen, freut mich das, wenn nicht, gehe ich noch eine extra Runde, damit sie sich etwas ausruhen können. Vielleicht kommt die Entspannung daher, dass wir nicht mehr derart übermüdet sind.

Ich schaue mit offenem Mund auf Familien, in denen einer noch einem Hobby nachgeht, samstags Fußball spielt oder regelmäßig in einem Chor singt. Wo Kinder mitlaufen, abends um 7 Uhr im Bett eine CD hören und dann irgendwann einschlafen bis morgens um 8. Das klingt für uns wie Science-Fiction, zumindest wenn wir an unser erstgeborenes Kind denken.

Nach drei Jahren sind wir leider auch schneller an der Belastungsgrenze als zu Beginn. Zum Glück können wir Eltern uns bei der Einschlafbegleitung abwechseln. Einschlafbegleitung heißt bei Minilama, dass jemand bei ihm bleibt, es streichelt und mit ihm Buch liest und CD hört, bis es einschlafen ist. Heute fordert das früher so schmuseunwillige Kind seine Streicheleinheiten explizit ein, hält oft im Tun inne, um uns oder die Geschwister wortreich zu knuddeln.

Neulich wachte Minilama ein paar mal nachts wieder schreiend auf, war nicht ansprechbar, brüllte nur laut. Wir waren dann beide an seinem Bett, redeten beruhigend auf es ein, versuchten heraus zu finden, was wohl helfen könnte. Bei jedem nächtlichen Aufwachen dieser Art ist die Kommunikation schwierig und sobald das Kind wieder normal spricht ist der Spuk vorüber. Es ist kein direkter Nachtschreck, aber vielleicht eine Art davon. In jedem Fall ist es echt doof für uns alle, wir haben dabei oft richtig Angst, dass es das ganze Haus wach brüllt und damit die kurze Nachtruhe beendet ist. Zum Glück erinnerte sich Minilama morgens nicht mehr daran. Wir hatten Angst, dass die Schlafschwierigkeiten zurück kommen würden, aber seit einiger Zeit schläft es zum Glück ruhig durch und steht morgens grinsend neben unserem Bett.

Ich sage ehrlich: Solche extremen Schlafschwierigkeiten wie Minilama als Baby bis knapp 14 Monate hatte (die mit den nächtlichen zwei Schreistunden) zehren enorm an den Kräften. Und sie isolieren auch. Ich wollte zumindest nicht hören, wie gut andere Kinder schlafen, wie schön es für andere mit ihren pflegeleichten Kindern ist, wie wenig sich ihr Leben geändert hatte, seit das mitlaufenden Kind bei ihnen ist, das alles so einfach mitmacht, wollte uns auch nicht outen, wie es bei uns zuging. Alphalama hingegen suchte oft den Austausch mit anderen Eltern.
Spaziergänge mit anderen Mamas mit dem Kinderwagen waren für mich oft schwierig, da Minilama manchmal (meist wenn andere dabei waren)  auch im Wagen ziemlich schrie. Das erste Babyjahr war wirklich eine einsame und anstrengende Zeit, die ich mir nicht zurückwünsche und keinem anderen wünsche.

Auch wenn es besser wird (das hört man ja immer): Schreibaby mit Schlafproblemen ist eine echt schlimme Kombination. Man kann nicht viel anderes machen als aushalten, mit dem Kind zusammen durchhalten. Und zu akzeptieren, dass das Kind gerade nur schreien kann/will/muss.
Das ist lange nicht so schön wie das Dauerstillen und Dauertragen, das innige Verbundensein der Naturmutter mit ihrem kleinen, verschmusten Schatz, das ich mir als Mutter-Kind-Beziehung gewünscht hatte. Aber es ist eine Facette der Wirklichkeit, die wir in der Babyzeit von Minilama erlebt haben, die zu unserem Leben geworden ist und die wir treu begleitet haben so gut wir konnten.
Heute nach drei Jahren hat sich vieles zum Besseren gewandelt. Minilama schläft seit es 14 Monate alt ist, weitgehend durch. Auf den Mittagsschlaf haben wir an den Wochenenden seit seinem 2. Lebensjahr immer weniger Wert gelegt, sondern versucht Phasen zum Ausruhen zu bieten, um so das irritierte Wachwerden mit Weinen zu verhindern. Die nächtlichen Weinattacken sind mit zunehmender Zahnzahl deutlich zurückgegangen, kommen aber an Tagen, die Minilama emotional aufgewühlt haben, durchaus nochmal vor und sind daher ein guter Indikator dafür, dass Minilama mehr Zuwendung braucht, weil es mit einem Thema besonders beschäftigt ist.