Trugbilder

Ich bin nun schon seit mehr als fünf Jahren Mama und ich merke dennoch immer wieder, wie ich auf diese Trugbilder reinfalle. Früher waren es die gut gelaunten Mamas mit ihren Babies, die durchschliefen oder die wie nebenher stillten und scheinbar immer saubere, neue Sachen für ihre niedlichen Babys hatten. Dass ich mir einfach jede Woche eine andere Mama aussuchte, die das dieses Mal gut geregelt bekam, fiel mir lange gar nicht auf. In jedem Fall war ich hinter immer richtig fertig mit der Welt, weil ich mich so minderwertig als Mama fühlte. Denn, wenn wir ehrlich sind, ist es ganz und gar nicht entspannt, mit einem Baby (oder jetzt mit Kleinkindern) das Haus zu verlassen. Immer wieder frage ich mich mitten im Anziehchaos, wenn aber noch Sonnenmilch gebraucht wird, einer noch die Hose voll hat, ein anderer schon wieder alles ausgezogen hat, was man eben noch mühsam angekämpft hat (der Sommer mildert übrigens nur ab), ein Kind in Tränen ausbricht wegen einen großen Ungerechtigkeit von meiner Seite und der vierte Rotz und Wasser weint, weil er nur auf Mamis Arm so richtig glücklich ist, warum ich das überhaupt will, dieses Rausgehen. Und dann fängt es draußen auch noch zu regnen an. Mein persönliches Kryptonit mit vier Kindern und 2 Kilometern Wegstrecke vor mir.

Es ist natürlich nicht jeden Tag so intensiv hier, aber entspannt war es im Grunde genommen seit Jahren auch nicht mehr. Immer wachsam bleiben, dass die Türen abgeschlossen sind (neuerdings auch, dass die Schlüssel außer Reichweite sind, denn meine Kinder sind sehr intelligent und da sie zu mehreren sind auch richtig erfindungsreich), dass keine Sonnenmilch in Reichweite ist, dass meine Arbeitskleidung (die saubere, ohne Löcher) nicht herumliegt, dass auch sonst nichts da ist, was die Kinder anziehen könnte (ob es was zu essen für mich ist, ein Stein oder Deko) oder oder. Parallel dazu muss an 1000 Sachen gedacht werden von der Wechselwindel für die Zwillingslamas und eine andere fürs Babylama, Helm, Fahrradhandschuhe und Fahrradschloss für Minilama, Sonnenschutz für alle, was zu trinken für alle und Regenschutz, Kitarucksäcke mit allem möglichen Krams, Wechselkleidung (nahezu täglich, da die Zwillinge in der Kita ungelogen 3-4 mal in der Woche auslaufen) und Sachen für die Freizeitgestaltung, Und was zu essen ja auch immer. Und Warnwesten. Und wehe es fehlt was. Da sind die Kinder gnadenlos. Vor allem, wenn andere dabei sind, ist das immer das erste, was berichtet wird. Wobei mir das schon längst irgendwo vorbei geht. Ehrlich. Der Vorwurf, die Sachen wären irgendwie kaputt hingegen, der ist jetzt ja neu und da lerne ich noch den coolen Umgang. Der Lernprozess hat mich schon ein bisschen Geld gekostet bisher, da ich dem Kind dann umgehend mal was Ordentliches gekauft habe. Aber nur was kostet, bringt auch was, oder wie war das?
Als ich nur Minilamas Mama war war klar für mich: Wenn man grade mal eine Stunde außer Haus ist, braucht man im Grunde nichts außer wetterangepasster Kleidung. Man verhungert und verdurstet nicht so schnell. Fertig aus. Auch Wechselkleidung hatte ich keine dabei, meist auch keine extra Windel. Ging super. Aber die anderen hatten das alles dabei, in schweren Säcken schleppten sie den Hausstand mit umher. Und so kam es, dass ich in der Krabbelgruppe auch ein Fläschchen mit Wasser dabei hatte. Ich denke damit hat alles angefangen. Die dauerte 45 Minuten und ist mal eben über die Straße. Unwillig zwar, aber Minilama hat schon geguckt, was die anderen hatten. Daher hat Minilama ja auch immer neben dem Kitabrot noch was Leckeres dabei. (Und ja, das empfinde ich als anstrengend, mir jeden Tag was neues Nettes auszudenken) Weil es eben guckt, so die Erzieherinnen. Oder: Weil es dem Kumpel mal in die Hand gebissen hat, weil der eine Milchschnitte dabei hatte. Ich hasse es nach wie vor, wie sehr ich mich durch das Verhalten anderer beeinflussen lassen muss, weil meine Kinder es eben mitbekommen und das auch wollen. Ganz im Ernst: Man verhungert und verdurstet nicht, wenn man eine Stunde ohne unterwegs ist. Man kann auch Musikunterricht haben ohne Essen und Trinken zu müssen. Was ich übrigens konsequent umsetze. Und auch stolz drauf bin.
Mit den Jahren ist es aber trotzdem immer mehr geworden. Da die Zwillinge so gut trinken, müssen sie dauernd gewickelt werden, Mit den sch*** Plastikwindeln sogar noch öfter. Überall wickele ich. In der Kita, auf dem Spielplatz, am Brunnen, vor der Turnhalle, auf dem Sportplatz.
Dabei ist immer mehr Zeugs. Die Kinder haben über die Woche verteilt mehrere Hobbies, Wechselkleidung, Essen, Trinken, andere Schuhe – alles packe ich noch dazu. Und öfters ist irgendwas kaputt, zu klein oder sonst was, dass wir dann direkt noch im Laden was Neues kaufen (müssen.) Der Wagen ist total voll und ich fühle mich wie eine Krake, wenn ich daraus alles ausgebe. Und ich hole dann aus der Kita ab und bringe hin und hole nach einer Stunde wieder ab. Meist mit allen Kindern im Schlepptau.
Die Kinder zu Holen und zu Bringen ist echte Arbeit. Der Wagen ist schwer, die Kinder lebhaft. Insbesondere seit Babylama seine Schreiphasen mit dem Abholen und manchmal auch mit dem Bringen synchronisiert hat und ich einfach nicht genug Arme habe, um alles zu bewerkstelligen. Aber von anderen helfen lassen will ich mir auch nicht. Denn das wertet mich in meine Leistung als Mutter zu sehr ab. Ich kann nicht über meinen Schatten springen. Der Leidensdruck ist wohl noch nicht groß genug.
Wenn wir zum Sportplatz gehen, alle fünf nachmittags, ist das ein Kraftakt. Das muss ich mal so sagen. Es ist echt anstrengend. Obwohl ich schon alles reduziert habe, was ging und dauernd überlege, wie ich die Dinge vereinfachen kann. Aber die Umgebung macht es eben nicht immer leicht.
Da ist der Schotterweg, auf dem der Kinderwagen sich so schwer drücken lässt, zumal wenn Zwilling 2 nicht mal eben vom Board absteigen will, der Ausraster von Zwilling 1, der sitzen muss, das Steinewerfen von Zwilling 2, die Heulattacke vom Baby (frisch gewickelt, frisch gefüttert, den kompletten Heimweg bis hierher auf dem Arm getragen – nur dass es nicht heißt, dass Baby habe Hunger…) usw. Es nieselt, Minilama soll sich noch umziehen, beobachtet aber die frisch manikürten Einzelkindmädelsmamas in den sauberen Stoffhosen mit den glänzenden SUVs, die ihre kleinen Zicken grade vom Tanzen abholen und sich über deren Tonfall austauschen und trödelt so sehr, dass alle anderen schon auf dem Sportplatz sind und wir nachrennen müssen – obwohl wir mit als erste da waren. Nicht nur ich kann das nicht leiden. Minilama auch nicht. Absolut nicht. Und schon geht das Gemecker los, bei mir stumm, bei Minilama so wortreich wie in meinem Kopf. Währenddessen klägliches Babygeschrei und schwere Aggressionsattacken gegen den altersschwachen Doppelwagen von Zwilling 1, der raus will, nur raus. Wir sind schließlich auf dem Sportplatz und da wird gelaufen und mit dem Rechen die Sprunggrube gerecht (nur 1 Mal, weil ich nicht gecheckt habe, mit welcher Mordwaffe da hantiert wird, aber egal). Zwilling 2 ist kurzzeitig verloren gegangen, fällt aber durch die auffällige Jacke dann doch wieder auf, die meine Schwiegermutter uns genäht hat). Ich muss nur ein bisschen laufen, um zur Gruppe aufzuschließen. Kein Problem, da ich eben über die Brücke schon den Aufwärmsprint gemacht habe, als das Zwilling 2 mit ungelogen voll Stoff die Brücke runter gerannt ist und ich es schon mit dem Kopf auf der Fahrbahn habe liegen sehen. Und dieses Kind ist dermaßen schnell – ich kann kaum glauben, dass es erst 2 ist. Zum Glück ist Minilama die letzten Meter jetzt zu Fuß unterwegs, das Rad ist abgesperrt am Fahrradständer vorm Stadion. Minilama hat sich auf dem Heimweg verhört gehabt und war losgefahren als ich Stopp gesagt hatte. Zum Glück war die Autofahrerin aufmerksam. Von daher bin ich froh, dass aktuell eine Gefahrenquelle ausgeschlossen ist.
Als es dann geregnet hatte und alle mich angeblafft haben (bis aufs Baby, das hat geblafft, weil ich es wieder abgelegt hatte, damit es nicht nass wird), dass es jetzt regnet (Minilama wegen des getrübten Sichtfeldes, Zwilling 2, weil ich beim Schirm halten helfen wollte und Zwilling 1, weil ich das Beißen ins Regencover untersagt habe), habe ich kurz gedacht, ich kann nicht mehr – aber was solls? Es geht immer weiter. Ich habs ja nicht anders gewollt. Und will es im Grunde auch nicht anders. Ich denk mir immer wer A sagt muss auch B sagen. Wer Kinder will darf meiner Ansicht nach ruhig eine frühe Fremdbetreuung wählen (da hatte ich mal ein Streitgespräch mit anderen Mamas, die meinen dafür bekäme man ja keine Kinder und dass 2 Jahre daheim nötig seien. Sehe ich anders, denn ich hab nicht 5 Jahre studiert und 2,5 Jahre Ausbildung hinter mir, um mir dann ein Haushaltsgeld überweisen zu lassen. Außerdem kenne ich die Unterhaltsgesetze und die Rententhematik), aber man soll schon nach Kräften die Kinder in ihren Stärken fördern.
Und wenn ich dann andere Mamas (jede Woche andere natürlich) sehe, wie sie leichtfüßig aus dem Auto steigen, dem Kind noch nachwinken und nach einem kurzen Plausch heim düsen, dann habe ich wieder dieses Trugbild vor Augen. Dass es leicht wäre, was für nebenher. Dass es normal und selbstverständlich ist, dass die Kinder sauber angezogen und fröhlich loslaufen können und in der Pause eine frische Banane mümmeln können. Dass die das vollständige Arbeitsmaterial dabei haben. Dass sie pünktlich da sind, dass sie zeitig abgeholt werden und der Tisch mit frischer Rohkost und Bäckerbrot gedeckt ist, dass Brotdosen für den nächsten Tag gefüllt sind.
Bei meiner Mama sah es immer total leicht aus so als ob sie es nebenher machen würde. Sie war auch immer deutlich cooler als ich, zumindest hat es auf mich so gewirkt.
Ich bin da eher anders. Ich finde es echt anstrengend, immer treu da zu sein bei den Terminen der Kinder, immer noch dafür extra zu versorgen mit besonderem Essen und Trinken, mit frischen Kleidern, mit passenden Schuhen und dabei immer alle Kinder mit im Schlepptau zu haben. Was regt es mich z.B. jeden Dienstag auf, dass die Förderschule an der zentralen Stelle nicht behingertengerecht ist und ich mit dem Doppelwagen nicht bis zu Umkleide komme, dass ich immer einige Kinder vorne stehen lassen muss (oder auch nicht, dann muss ich einigen Kindern nachrennen während ich Minilama beim Umziehen helfe) oder dass die Baustelle an der Steigung zu eng für den Wagen ist und ich auf die Straße ausweichen muss bzw. mit dem Handwerker um 5 weitere cm Straßenbreite verhandeln muss. Erfolgreich allerdings.
Aber bei anderen scheint es doch so smooth zu laufen. Oder doch nicht?

Verschwiegene Schattenseiten der Elternschaft: Schlafprobleme und Schreibaby

Mit etwas Abstand sehe ich die Babyzeit von Minilama deutlich klarer und begreife auch besser, warum wir als Eltern so außerordentlich oft grenzwertig belastet waren – und das obwohl wir beide junge, geduldige und agile Menschen sind und nur ein Kind hatten. Ich begreife auch besser, warum ich oft so traurig und enttäuscht war, warum ich es nicht ertragen konnte, andere Mütter mit ihren gut schlafenden, gut gelaunten, innig schmusenden Babies zu sehen, warum ich so dermaßen frustriert war, dass Minilama keinerlei Anstalten machte, irgendwie mobil zu werden.

Schon die Geburt meines ersten Kindes war für mich eine traumatische Erfahrung. Ich will das noch heute kleinreden, denn eigentlich war es keine schlimme Geburt. Ich kenne Frauen, die was ganz anders mitmachen mussten. Daher gestehe ich mir nach wie vor nicht gern zu, dass auch ich viel mitgemacht habe. Einfach weil das Ganze objektiv nichts war. Es war ein Blasensprung, ein Kristellergriff, Geburtsverletzungen, auch am Zervix, eine starke atone Blutung, die durch Nähen gestillt wurde und die einige Stunden später auf der Station noch einmal nachblutete. Zudem hatte ich Stillprobleme und wurde mit Milchpumpe aus der Klinik entlassen. Trotz viel Unterstützung durch meine Hebamme konnte der Milchfluss nicht in Gang gebracht werden, daher musste ich den Versuch beenden. Soweit so normal. Dennoch hat mich das arg mitgenommen und geschwächt. Und in meinem Selbstbild angegriffen. Nach wie vor rechtfertige ich mich dafür. Nach wie vor schäme ich mich, dass mein Kind keine Muttermilch bekommen hat.

Hinzu kam dann leider, dass Minilama häufig Phasen hatte, in denen es so gesehen ein Schreikind war, arge Schlafprobleme hatte und teilweise bis heute noch hat. Leider – und das sage ich direkt – haben wir Eltern keine richtige Hilfe finden können mit diesen Dingen. Mein alter Kinderarzt hat uns (also mich und Alphalama, der extra frei hatte nebst Baby) wieder heimgeschickt und gebeten ein Schlafprotokoll auszufüllen und in 6 Wochen wiederzukommen. Da waren wir mit 9 Monate altem Baby aber schon jenseits von Gut und Böse, völlig übernächtigt, vom Gebrüll zermürbt und wirklich an der Grenze des Leistbaren (und das mit einem Kind). Ich kam mir derart nicht wahrgenommen vor, dass ich den Arzt wechselte.

Aber von Anfang an: Das neugeborene Minilama war  im Krankenhaus durch die Geburt völlig gestresst und schrie durch die Nacht. Alphalama trug den kleinen Wurm flurauf und flurab im Tragetuch, bestellte noch in dieser Nacht sein eigenes im Internet. Die beiden entwickelten eine innige Tragebeziehung.
Zuhause wechselten Phasen am Tag, in denen das Kind zufrieden trank, strampelte und schlief und Phasen, in denen es untröstlich schrie. Am Anfang „half“ das Pucken noch um zur Ruhe zu finden, aber irgendwann befreite sich das Baby aus dem Pucktuch, so sehr ging es dagegen an. Da wir nicht überzeugt vom Pucken sind, ließen wir es dann auch sein. Die Zwillinge wurden nicht gepuckt. Auch andere Tipps wie warme Füßchen, Lavendelduft, Schnuller – alles half entweder gar nicht, kurzzeitig oder wurde wie der Schnuller verweigert. Minilama wechselte zwischen Phasen, in denen es Nähe wollte und Phasen in denen es sich mit aller Kraft von uns wegdrückte. Das waren für mich als junge Mutter die schlimmsten Momente, zu begreifen: „Mein Kind weint, es will aber meine Nähe nicht.“ Das musste ich erst mal verkraften. Natürlich kann ich all das rationalisieren und auch entwicklungspsychologisch deuten, dennoch tut es einfach weh erleben zu müssen, dass das Kind, zumindest phasenweise, überwiegend weint, Nähe manchmal regelrecht hysterisch ablehnt, sich wegdrückt und dann in der Öffentlichkeit ein lieber Goldschatz ist, der gluckst und von Fremden als „freundlich“ wahrgenommen wird, ja teils sogar auf dem Arm anderer Menschen total zufrieden wirkt. Das tut einfach nur weh und das kann man nicht schön reden.

Alphalama erlebte das meistens abends zwischen 5 und halb 7, wenn ich schwimmen war. Ich hinterließ ein zufriedenes Baby und wenn ich wieder kam hörte ich schon auf der Straße, wie das Kind sich die Seele aus dem Leib schrie, während Alphalama es trug, fütterte, wickelte, schmuste, gut auf es einredete. Irgendwann nahm er Ohrenstöpsel, dann seine Kopfhörer. Er bekam nach einigen Monaten einen Tinnitus.
Zunächst hatten wir im Umfeld kein Verständnis erfahren. Dass Kinder mal brüllen und man wenig schläft ist ja auch normal. Als Minilama einige Monate alt war, wollten wir Eltern einige Stunden in die Stadt, um etwas essen zu gehen. Alphalamas Eltern kamen zum Kinderhüten. Minilama war süß und lieb, freute sich, dass der Opa da war (den liebt sie heute noch über alle Maßen). Als wir wiederkamen fanden wir zwei fertige Großeltern vor, die eben eine Pizza bestellt hatten. Das Kind in der Wiege schluchzte alle paar Minuten auf und hatte sich in den Schlaf geweint. Es wachte bald nach der Heimfahrt der Babysitter brüllend auf – und das Abendschreien begann erneut. Nur dass wir Eltern unsere Kraft schon verbraucht hatten. Minilama war bei den Großeltern irgendwann untröstlich gewesen, hatte nur geweint, sich weggedrückt. Wie bei uns auch. Seitdem gab es diese Art Babysittertreffen nicht mehr abends. Wir haben dann darauf geachtet immer zeitig daheim zu sein, um die Situation dort in geregelte Bahnen lenken zu können.

Mit dem Umzug ins Haus erreichte alles einen neuen Höhepunkt. War  Minilama über Tag auf der Baustelle zufrieden, ging es abends auf dem Weg in die Wohnung richtig zur Sache. Der gesamte Stress des Ortswechsels entlud sich. Wenn ich abends im Laden ausstieg, um etwas zu essen zu besorgen, musste Alphalama im Auto bleiben, ich schlug so fix es ging die Tür wieder zu. Das Kind brüllte wie am Spieß, man konnte es draußen hören. Es war satt, frisch, wir versuchten, es abzulenken. Keine Chance.
Kurz nach dem eigentlichen Umzug wachte das Kind nachts regelmäßig gegen 1.30 Uhr auf und brüllte 2 Stunden lang. Nahezu auf die Minute. Nichts half, wir haben alles probiert. Sogar Schmerzzäpfchen halfen erst nach den 2 Stunden. Wir guckten irgendwann nachts Filme, die Töne lenkten Minilama etwas ab. Völlig pädagogisch falsch, das weiß ich auch, aber wir waren kurz davor durchzudrehen.
Trotz der beträchtlichen nächtlichen Wachzeiten wachte Minilama gegen 5 Uhr auf, wollte nicht mehr schlafen. Bald darauf verweigerte es auch den Mittagsschlaf. Im Bett hatte es ohnehin nie geklappt, geschlafen wurde nur im Wagen. Aber auch mein Versuch durchs Gehen das Kind in den Schlaf zu schaukeln brachte nichts. Wir Eltern waren wirklich am Ende. Alphalama muss 1 Stunde zur Arbeit fahren, schlief mehrmals fast auf dem Weg ein. Und ich kam bei morgendlichen Spaziergängen im winterlichen Frühmorgen (so gegen 5 Uhr meist das erste Mal, in der Hoffnung, dass das Kind wieder in den Schlaf findet) an den Häusern Bekannter vorbei, deren Kinder bis 8 Uhr und länger schliefen. Ich war traurig, wütend, enttäuscht. Medizinisch gab es keine Erklärung, alles abgeklärt. Minilama zahnte sehr schnell, vielleicht lag es daran.
Dennoch: Minilamas Gebiss ist schon länger vollständig und die nächtlichen Wachphasen waren auch danach noch eine Zeit lang Thema. Und ich habe jetzt den Vergleich. Das war nicht normal, ganz einfach. Und ich hätte mir so sehr gewünscht, dass der Arzt das anerkennt, uns Mut macht. Aber diese Bestätigung haben wir nicht bekommen. Leider.

Wenn Minilama im Buggy unterwegs einschlief (bis weit über den 2. Geburtstag) konnte man darauf wetten, dass es beim Aufwachen mindestens 1 Stunde lang untröstlich brüllt. Mir graute davor. Meine Mutter war mal dabei und konnte es nicht glauben. Sie stand schockiert daneben wie mein Kund wetterte und zeterte wie Rumpelstilzchen. Und wie es jeden Versuch nach Nähe einfach abwehrte. Jeden Versuch, es abzulenken, ins Leere laufen ließ. Wie es echt schlimm litt, aber wir nichts machen konnten.
Irgendwann hört das auf, Minilama redet wieder normal, es äußert Hunger oder Durst, es bekommt das Gewünschte. Und alles ist wie immer. Es redet, erzählt, spielt, lacht und ist froh. Man muss das Schreien aushalten. Wie schon in den Babyzeit auch. Helfen kann uns keiner. Es gibt keine Medizin, keinen Trick.

In der Kita hat es normal im Bett geschlafen, das war daheim mittags nie drin. Es hielt dort Mittagsschlaf von 12.30 bis 15 Uhr, manchmal länger. Es war eins der ersten Kinder, die schliefen.
Einmal, da waren die Babylamas schon auf der Welt, habe ich es wegen eines Arzttermins früher abgeholt. Es schlief noch, wurde geweckt. Da weinte es wie bei uns zuhause öfter, war untröstlich. Die Erzieherinnen kannten Minilama so gar nicht. Und ich schämte mich ohne es zu wollen. Und das aus einem Grund: dass mein Kind bei mir so ist, aber in der Umgebung der Kita niemals so reagieren muss. Auch das tut weh, sehr weh. Auch wenn ich weiß, dass Kinder in Kitas allgemein vieles machen und können, was daheim absolut unmöglich wäre.
Seit einiger Zeit haben wir den Mittagschlaf auch in der Kita aufgehört, da Minilama dann abends nicht ins Bett wollte. Bei uns war (und ist) es von 5 Uhr morgens bis 20 Uhr abends wach. Als es noch in der Kita schlief (teils bis 4 Uhr) war es manchmal bis nach 21 Uhr wach.
Da sage ich ehrlich: Das ist eine enorme Anstrengung für uns Eltern, daher haben wir auch so lange versucht, einen Mittagsschlaf zu „erzwingen“, einfach weil wir mal durchatmen mussten oder aufräumen, putzen, kochen. Bei den Babylamas sind wir was den Mittagsschlaf angeht, deutlich entspannter. Wenn sie im Wagen einschlafen, freut mich das, wenn nicht, gehe ich noch eine extra Runde, damit sie sich etwas ausruhen können. Vielleicht kommt die Entspannung daher, dass wir nicht mehr derart übermüdet sind.

Ich schaue mit offenem Mund auf Familien, in denen einer noch einem Hobby nachgeht, samstags Fußball spielt oder regelmäßig in einem Chor singt. Wo Kinder mitlaufen, abends um 7 Uhr im Bett eine CD hören und dann irgendwann einschlafen bis morgens um 8. Das klingt für uns wie Science-Fiction, zumindest wenn wir an unser erstgeborenes Kind denken.

Nach drei Jahren sind wir leider auch schneller an der Belastungsgrenze als zu Beginn. Zum Glück können wir Eltern uns bei der Einschlafbegleitung abwechseln. Einschlafbegleitung heißt bei Minilama, dass jemand bei ihm bleibt, es streichelt und mit ihm Buch liest und CD hört, bis es einschlafen ist. Heute fordert das früher so schmuseunwillige Kind seine Streicheleinheiten explizit ein, hält oft im Tun inne, um uns oder die Geschwister wortreich zu knuddeln.

Neulich wachte Minilama ein paar mal nachts wieder schreiend auf, war nicht ansprechbar, brüllte nur laut. Wir waren dann beide an seinem Bett, redeten beruhigend auf es ein, versuchten heraus zu finden, was wohl helfen könnte. Bei jedem nächtlichen Aufwachen dieser Art ist die Kommunikation schwierig und sobald das Kind wieder normal spricht ist der Spuk vorüber. Es ist kein direkter Nachtschreck, aber vielleicht eine Art davon. In jedem Fall ist es echt doof für uns alle, wir haben dabei oft richtig Angst, dass es das ganze Haus wach brüllt und damit die kurze Nachtruhe beendet ist. Zum Glück erinnerte sich Minilama morgens nicht mehr daran. Wir hatten Angst, dass die Schlafschwierigkeiten zurück kommen würden, aber seit einiger Zeit schläft es zum Glück ruhig durch und steht morgens grinsend neben unserem Bett.

Ich sage ehrlich: Solche extremen Schlafschwierigkeiten wie Minilama als Baby bis knapp 14 Monate hatte (die mit den nächtlichen zwei Schreistunden) zehren enorm an den Kräften. Und sie isolieren auch. Ich wollte zumindest nicht hören, wie gut andere Kinder schlafen, wie schön es für andere mit ihren pflegeleichten Kindern ist, wie wenig sich ihr Leben geändert hatte, seit das mitlaufenden Kind bei ihnen ist, das alles so einfach mitmacht, wollte uns auch nicht outen, wie es bei uns zuging. Alphalama hingegen suchte oft den Austausch mit anderen Eltern.
Spaziergänge mit anderen Mamas mit dem Kinderwagen waren für mich oft schwierig, da Minilama manchmal (meist wenn andere dabei waren)  auch im Wagen ziemlich schrie. Das erste Babyjahr war wirklich eine einsame und anstrengende Zeit, die ich mir nicht zurückwünsche und keinem anderen wünsche.

Auch wenn es besser wird (das hört man ja immer): Schreibaby mit Schlafproblemen ist eine echt schlimme Kombination. Man kann nicht viel anderes machen als aushalten, mit dem Kind zusammen durchhalten. Und zu akzeptieren, dass das Kind gerade nur schreien kann/will/muss.
Das ist lange nicht so schön wie das Dauerstillen und Dauertragen, das innige Verbundensein der Naturmutter mit ihrem kleinen, verschmusten Schatz, das ich mir als Mutter-Kind-Beziehung gewünscht hatte. Aber es ist eine Facette der Wirklichkeit, die wir in der Babyzeit von Minilama erlebt haben, die zu unserem Leben geworden ist und die wir treu begleitet haben so gut wir konnten.
Heute nach drei Jahren hat sich vieles zum Besseren gewandelt. Minilama schläft seit es 14 Monate alt ist, weitgehend durch. Auf den Mittagsschlaf haben wir an den Wochenenden seit seinem 2. Lebensjahr immer weniger Wert gelegt, sondern versucht Phasen zum Ausruhen zu bieten, um so das irritierte Wachwerden mit Weinen zu verhindern. Die nächtlichen Weinattacken sind mit zunehmender Zahnzahl deutlich zurückgegangen, kommen aber an Tagen, die Minilama emotional aufgewühlt haben, durchaus nochmal vor und sind daher ein guter Indikator dafür, dass Minilama mehr Zuwendung braucht, weil es mit einem Thema besonders beschäftigt ist.