Leben mit Zwillingen: Heute und vor 28 Monaten

Unsere Zwillinge sind seit 28 Monaten bei uns. Babylamas kann man die schon länger nicht mehr nennen. Als Minilama 28 Monate alt war, war es schon großes Geschwisterchen und hatte die Babylamas auf dem Schoß, trank ihnen die Milch weg und probierte ihre Sauger aus.
Zwillinge zu haben ist eine wunderbare Sache und ein großes Geschenk.  Ich habe mir schon immer Zwillinge gewünscht. Als der Wunsch dann wahr wurde, war ich mir nicht sicher, ob ich mir das gewünscht hatte, weil ich tief in mir geahnt habe, dass ich mal Zwillingsmama sein würde (also irgendwie vorhersehend) oder ob diese tiefe Wünschen auf irgendeine Weise die Wirklichkeit beeinflusst hatte.
In jedem Fall kam es mir unwirklich vor, dass aus meinen „wir bekommen sicher Zwillinge“ Witzen dann eines Tages Wirklichkeit wurde. Dieser Erstschock über den Kindersegen, den manche Eltern verspüren, habe ich einfach übersprungen und war erst total froh und später dann immer wieder ganz besorgt, ob mein Wunder auch in Erfüllung gehen würde.
Zwillingsmama zu sein ist vielfältig. Oft ist es  total witzig und amüsant,  da die Menschen oft auf so skurrile Weise auf Zwillinge reagieren. Manche Zwillingsmamas erwägen ja deshalb auch, einen Klingelbeutel an den Wagen zu machen, um für jeden dieser witzigen Sprüche auch gleich eine Spende einzusammeln. Je nachdem, was zuhause gerade los ist, ist es auch nervig, da man so sehr in die Öffentlichkeit gerät und viele Menschen sich einbilden, besser zu wissen, was die Kinder gerade brauchen und sich ungefragt einmischen oder – was mich auch sehr geärgert hat – meinen, man sei zu schwach und zu zerbrechlich und ungeeignet für das eigene Leben, dass man nun karitative Unterstützung benötigt. Eine andere Erscheinung davon ist es leider, dass man echt oft angeglotzt wird, wenn man entweder unterwegs ist oder sich gerade mit was Schwerem abmüht.
Meistens ist es super schön , so süße und tolle Kinder zu haben und beobachten zu dürfen, wie sie aufwachsen und ich würde nicht tauschen wollen. Oft denke ich mir, gerade aktuell in der Trotzphase, dass diese Trotzphase mal zwei schon eine Nummer für sich ist, von der ich gern ab und an mal eine Pause haben möchte und auch den Kindern gern für eine kurze Weile die ganze Wut über die eigenen Grenzen ersparen würde.
Das Leben mit unseren Zwillingen hat sich seit ihrer Geburt ziemlich verändert. Die Zwillinge, die kleinen autonomen Anarchiekinder, ja auch. Es lohnt sich also, mal genau zu schauen, wie die Basics, die Alltagsdinge sich so verändert und entwickelt haben. Alltag mal zwei – das heißt natürlich auch doppelt so viele Fläschchen, doppelt so viel Brei kochen, doppelt so viele Kleider besorgen und waschen, doppelt so viele Stoffwindeln waschen, doppelt so viel einpacken, wenn man mal raus will.
Aber wie hat sich unser Leben eigentlich verändert seit wir die Babies begrüßen durften?
Hier ein kurzer Überblick über alle Dinge, die einen täglich so betreffen:

 

Frisch geschlüpft und die erste Zeit zuhause Mit 28 Monaten
Ernährung Die Zwillinge sind Flaschenkinder. (Wer dazu mehr wissen mag, einfach im Archiv stöbern oder den Links folgen).

Es war einiges an Ausrüstung nötig, um die hungrigen Gesellen zufrieden zu machen. Die Kinder haben rasch im Schnitt 8 Fläschchen Pre-Milch am Tag getrunken. Mindestens 15 Glasfläschchen und passende Sauger, ein guter Vaporisator, ein Thermometer und Thermosflaschen, haben wir gehabt.
Täglich wurde mehrmals gespült und vaporisiert, alles neu vorbereitet, eingefüllt, Wasser gekocht usw. Wichtig ist es, ständig dran zu bleiben, damit nicht auf einmal keine sauberen Fläschchen mehr vorhanden sind, denn wenn die Kinder hungrig sind, ist der Vaporisator, egal wie toll er ist, immer zu langsam. Von wegen „Ruhen, wenn das Kind ruht“. Hier ist eher angesagt, sobald die Kinder ruhen, die Flaschen wieder einsatzbereit zu machen und neues Wasser abzukochen und auf 40 Grad abzukühlen.
Beschaffungsprobleme gibt es öfters mit dem Milchpulver, das kennen Mamas, die nicht stillen können. Hier herrscht zwischendurch regelrechter Mangel im Handel und man darf, wenn was da ist,  nur 3 Pakete pro Haushalt mitnehmen. Unser DM ist aber so kulant, dass wir pro Kind 3 Pakete kaufen dürfen und ich somit nicht ständig die Angst haben musste, dass wir morgen nichts zum Füttern haben.
Täglicher Verbrauch im Schnitt: 1 Paket Milchpulver.

Unterwegs ist natürlich entsprechend eine größere Logistik nötig, um die Kinder zu ernähren. (siehe „Unterwegs“)

Essen die Zwillingslamas alles, was auf den Tisch kommt. Auch in der Kita sind meine beiden die Topesser. Sie haben guten Appetit, honorieren die Kochkünste des Kochs, mögen nahezu alles gern. Sie essen gute Portionen und machen uns was das angeht keine Probleme. Unterwegs ist das natürlich genial.
Schlafen Die Zwillingslamas schlafen als Babies relativ gut. Sie sind in Wiegen in unserem Zimmer untergebracht, wo wir sie auch füttern. Meist hat einer eine gute Nacht, der andere eine eher schlechte Nacht. Gegenseitig wecken sie sich nie, auch tagsüber nicht. Das verwundert Außenstehende immer wieder.
Nach dem Fläschchen schlafen sie  immer schnell wieder ein. Wickeln mussten wir schon mit 6 Monaten nachts nicht mehr, auch weil Alphalama mit Beikoststart die nächtlichen Mahlzeiten konsequent ausschleicht.
Wir Eltern sind die meiste Zeit relativ ausgeschlafen.
Wann das Schlafen schwierig wurde kann ich nicht mehr sagen. Aber es ist ein schwieriges Thema. Wir waren lange so froh, dass die Babies besser schlafen als Schrei-Minilama  und über vieles hinweggesehen. Das hat allerdings mit 14 Monaten zuverlässig geschlafen.
Das tun die Zwillinge nicht mehr. Zwilling 1 schläft meistens gut, braucht 2-3-mal den Sauger nachts, wenn er ihn im Schlaf verliert. Zwilling 2 schläft ähnlich leicht wie Minilama, wacht oft weinend auf, steht dann auf, legt den Schlafsack ab, weckt auch seine Geschwister, kommt zu uns ins Zimmer gelaufen, schläft regelmäßig die zweite Nachthälfte bei uns im Bett.
In guten Nächten muss Alphalama 3-mal raus, in schlechten sind wir Eltern bis zu 10-mal auf den Beinen. Ab 5.00 Uhr ist eigentlich immer Schlafende und der Tag beginnt.
Wir Eltern sind regelmäßig in einem Zombimodus unterwegs, was dazu führt, dass unsere Geduld oft rasch aufgebraucht ist.
Gesundheit Bis auf  eine wiederkehrende chronisch-obstruktive Bronchitis mit Diagnose hyperreaktibles Bronchialsystem, besonders  im ersten Herbst und Winter bei Zwilling 1 alles ok. Zum Glück hatte der Kinderarzt in der Klinik nicht recht behalten als er meinte, dass wir uns noch Öfters (zumindest in dieser Sache) sehen werden.
Irgendwie ist es mir trotz aktivem Achten darauf nicht geglückt, dass der Hinterkopf von Zwilling 1 schön rund bleibt. Ich habe die beiden echt gewendet wie die Hähnchen und geschaut, dass keiner eine spezielle Seite beim Nebeneinanderliegen hat. Das ist so ein Zwillingsproblem. Ich hatte die Schwierigkeiten klar, dennoch hatte das Baby von Anfang an eine Lieblingsseite. Eine Mama aus dem Rückbildungskurs hatte dann ein Kissen in der Tragewanne ihres Wagens, die gab mir dann den Tipp, ein Lagerungskissen anzuschaffen. Wir haben dann beiden Kindern eins gegönnt und es hat sich gut ausgewachsen. 100 % weg ist es leider nicht, aber durch die Haarpracht wird es verdeckt. Da hatte ich lange dran zu knabbern, dass mir sowas „passiert“ ist, aber weder Kinderarzt, noch der Oberarzt in der Klinik noch ein spezieller Orthopäde, von ich das Kind dann hingeschleift habe, war sonderlich von meinen Horrorszenarien überzeugt.
Kitakrankheiten wie Bindehautentzündung, Mund-Hand-Fuß-Krankheit oder Magendarmerkrankungen. Und Fieber wegen dem Zahnen.
Im Grunde aber die normale Abhärtung, die jedes Kitakind durchmacht, leider mit einer Häufung von Magen-Darm-Infekten, die uns dieses Frühjahr einmal in die Klinik brachte und beim Gesundheitsamt meldepflichtig werden ließ. War aber im Rückblick alles halb so wild.
Pflegen und Wickeln Die Zwillinge sind sehr wenig gewaschen worden, um die empfindliche Haut nicht zu reizen. Geduftet haben sie trotzdem immer total toll.

Wickeln war eine wahre Wonne. Besonders nach dem ganzen Ärger mit Minilama, das monatelang das Wickeln sehr abgelehnt hat und viel getobt hat, war das Wickeln immobiler süßer Knöpfe eine echte Freude. Ich habe es sehr genossen, jedes Mal. Wir wickeln die ersten 2 Lebensjahre ausschließlich mit Stoff. (Für mich eine Herzensangelegenheit und eine Kompensation, dass ich den Kindern keine Muttermilch bieten konnte.)

Die Zwillinge werden einmal in der Woche im Hallenbad nach dem Schwimmspaß gewaschen. Machen wir auch mit Minilama so. Hat sich für uns bewährt, da wir Eltern wenig Ärger damit haben und die Kinder es gut finden.
Das Wickeln ist eher problematisch. Seit wir das Stoffwickeln in der Kita (auf Druck der Kita) aufgeben mussten, wollen die beiden auch zuhause die Prozedur mit den Höschen- oder gar Bindewindeln nicht mehr erdulden. Außerdem haben beide eine wirklich gesegnete Verdauung und trinken auch überdurchschnittlich viel. An guten Tagen macht jeder bis zu 5 Windeln mit was Größerem voll, und läuft auch noch 2-mal wegen Pipi aus. Auch mit den Wegwerfprodukten, auch mit Markenwindeln. Zwischendurch ging es mit dem Toilettengang mal recht vielversprechend los, das ist aktuell aber wieder zurückgegangen.
Das Windeln anlegen ist ein mühsames Geschäft, umso ärgerlicher ist es dann natürlich, wenn sie kaum 30 Minuten sauber und trocken halten.
Unterwegs sein Der Aktionsradius mit den Babylamas ist sehr klein. Im Grunde ist es unser Ort und das Nachbardorf, wo Minilamas Kita ist. Die Zeiten außer Haus sind so geplant, dass man nach dem Fläschchen rausgeht und zum nächsten Fläschchen wieder heimgeht. Ich bin kein Fan davon, den halben Hausstand mit zu nehmen und auch grundsätzlich der Meinung, dass zuhause und nicht unterwegs gegessen und getrunken wird., da wir ja alle nicht am Verhungern sind. (sehen die Kinder manchmal anders…)
Dennoch waren wir täglich mehrmals draußen, allein zum Kitagang zwei Mal  (knapp 7 Kilometer Weg). Das Auto habe ich alleine in den ersten 8 Monaten nie genutzt mit den Kindern, weil mir das Ganze mit den Sitzen und dem bewegen von zwei Nichtläufern ab Parkplatz zu anstrengend war. Dafür ist das Zwillingszeugs zu schwer, zu wuchtig, zu wenig wendig.
Das Anziehen und in den Kinderwagen bringen und später wieder hoch holen ist körperlich anstrengend und bedarf organisatorischer Fertigkeiten. Außerdem muss man extrem schnell sein, denn der Arbeitsablauf wird immer wieder durch wütendes oder ängstliches Weinen neu beschleunigt.
Die Zwillinge  zu bewegen ist ein organisatorischer Aufwand, den wir mehr als selten unternommen haben. Ab 10 Monaten ging es besser, auch weil die Gesundheit vom Baby 1 dann stabiler wurde, die Kinder auch irgendwo abgesetzt werden könnten und ziemlich durchgeimpft waren. ich  bin ungern mit ungeimpften Kindern unter vielen Leuten, da die zunehmende und meiner Ansicht nach auch asoziale Impfmüdigkeit mancher Menschen ja die Schwächsten am meisten schädigt.Eine Autoreise braucht sehr viel Vorplanung, da viele Dinge mitgenommen werden müssen, Medizin, Inhaliergerät, Wechselkeidung, Säuglingsnahrung usw. Daher lassen wir das meistens aus.

 

Auch heute ist der Radius eher klein, sicher auch, weil wir alles ja vor Ort bekommen können. Wir gehen bei gutem Wetter nach wie vor täglich zu Fuß zur Kita und wieder zurück.

Auch Dinge des täglichen Bedarfes und die Wege zu den Freizeitaktivitäten legen wir in der Regel zu Fuß zurück.
Die Zwillinge nehmen zunehmend aktiv an diesem Geschehen teil, will heißen, sie laufen selbst. Sie sind laufbegeistert und laufstark. Ich muss sie manchmal bremsen, wenn sie müde sind oder übermütig oder wenn es dunkel wird, da es dann zu gefährlich für die beiden Wusel wird.
Einmal in der Woche sind wir im Hallenbad, ansonsten im Ort. Auch die Hobbies finden vor Ort statt. Da haben wir bei der Haussuche schon drauf geachtet, denn ich will und werde kein Mamataxiunternehmen aufmachen.
Die Omas und Opas kommen uns tendenziell eher besuchen als wir sie, auch, weil die Kinder eher wild drauf sind und nicht jede Wohnungseinrichtung darauf abgestimmt ist.
Urlaube oder Kurzausflüge in die weitere Umgebung sind mit dem Auto und zunehmend auch ohne Doppelbuggy kein Problem mehr. Wir brauchen so gut wie keine spezielle Ausrüstung mehr, vielleicht Wechselkleidung und eine Ersatzwindel, aber sind ansonsten frei beweglich, besonders natürlich, wenn es draußen warm ist.

Kommunikation Die Zwillinge kommunizieren viel miteinander, auch nonverbal und suchen unsere Nähe, lachen, wenden sich uns zu, suchen von Anfang an viel Kontakt zu Minilama Die Zwillinge reden relativ viel, bei Weitem nicht auf Minilamaniveau zu der Zeit, aber sie verstehen und verständigen sich. Durch die Trotzphase ist es oft schwierig rauszufinden, was in dem kleinen Wutzwerg vorgeht und wie man das Leid lösen könnte, da das Sprechen dann zugunsten wüstem Geschrei aufgegeben wird. Aber wir Eltern lernen.
Beschäftigung/ spielen Die Babyzwillinge liegen viel auf ihrer Decke, entdecken Hände und Greiflinge, bleiben an einem Ort und sind dort zufrieden. Ich kann sie auch mal alleine lassen und die Etage wechseln, um eine Waschmaschine anzustellen. Ich bin sehr viel entspannter in der Babyzeit als mit Minilama, einfach, weil ich den Eindruck habe, ich weiß, was zu tun ist. Die Zwillinge sind extrem mobil, motorisch sehr ambitioniert, erklettern nahezu alles, probieren jeden Knopf und jede Schublade. Sie spielen viel mit Fahrzeugen, gucken Bücher, laufen Bällen hinterher, beobachten Tiere, balgen herum, und schneiden mit Vorliebe mit der Schere.
Man kann sie keinen Augenblick aus den Augen lassen.

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Herausforderung selbstbewusstes und willensstarkes Kleinkind

Ich bin seit fast vier Jahren Mutter. Eine unglaubliche Zäsur. Mit einem Moment ist alles anders als zuvor. Und auch, wenn ich lange versucht habe „normal“ weiterzuleben, bin ich doch ab der ersten Sekunde, in der ich dieses wundervolle, laut meckernde Wesen gesehen habe, eine andere geworden. Ich habe schon vor der Geburt ohne groß Aufhabens mein Französischstudium beendet, mich exmatrikuliert. Etwas, dass ich wortreich vier lange Jahre nicht tun konnte. Ich habe begonnen nach einem Haus für uns zu suchen, weil mir die Umgebung, in der wir damals lebten nicht das bot, was ich mir für mein Kind wünsche. Ich begann mit diesen ganzen Nestbaudingen, wie Windeln kaufen, Biokleidung ordern, Bettchen aussuchen, alles mögliche fundamental ablehnen, wie Plastiksachen (nach wie vor) oder Kinderwagen (ich wollte nur tragen – eine absolute Unsinnsidee), meinen Kleiderschrank fast völlig ausleeren, weil ich dachte, dass ich nie wieder so schlank werden würde wie vor diesen zwei rosa Strichen auf dem Test (ein noch größerer Unsinn als die Kinderwagenidee).
Ich habe, anders als viele andere Mamas, die direkt und 100 % in einem Mamamodus waren, länger gebraucht. Lange habe ich mich dafür selbst unheimlich gescholten und unter Druck gesetzt. Aber heute sehe ich das alles viel, viel lockerer.
Minilama ist ein absolutes Wunschkind gewesen, das zum Glück nicht lange auf sich warten ließ. Ich habe die Schwangerschaft als wundervolle Zeit der Vorfreude erlebt, vieles gehäkelt, genäht, süße Kleinigkeiten vorbereitet, sehr viel Sport gemacht, super gesund gegessen, ein Mamaalbum geführt und vieles mehr, von dem ich gar nichts mehr weiß. Die Geburt jedoch war für mich regelrecht traumatisch, auch wenn ich wortreich in der Lage bin, alles zu relativieren, zu verdeutlichen, dass objektiv alles super und prima gewesen sei, allerdings ich selbst zu schwach war, das auch so einzuschätzen, wie es wirklich war. Die direkte Zeit danach verbrachte ich in akuter Todesangst, weil ich eine starke Nachblutung hatte und durch die chaotische Unorganisiertheit von Arzt und Hebamme immer mehr darin bestärkt wurde, dass es keinen Sinn mehr machte, mich aufzuklären, da ja alles zu spät war, später hatte ich massive Stillschwierigkeiten. Mein Unvermögen, mein Kind mit der Brust zu nähren machte mich in meinen Augen zu absoluten Versagerin. Zu m Glück konnte ich es natürlich entbinden. Wenn ich auch das nicht hätte leisten können, wäre ich völlig am Ende gewesen. Ich hielt mich daran fest, dass ich wenigstens 50 % dessen geleistet hatte, was ich von mir erwartet hatte, was ich für selbstverständlich hielt. Dass in meinem Geburtsvorbereitungskurs von 10 Frauen nur 2 natürlich entbunden hatten, nahm ich nicht wahr. Dass aber nahezu alle stillten, außer einer, die es nicht wollte und mir, das nahm ich dafür umso krasser wahr und schämte mich, wenn ich das Fläschchen auspacken musste. Fühlte mich asozial und verantwortungslos. Starke und negative Gefühle waren das damals.
Minilama war ein niedliches Baby, aber ich glaube, ich habe das damals gar nicht so richtig wahrgenommen, mich gar nicht so richtig dran erfreut. Ich war oft gestresst, kam schlecht damit zurecht, wenn das Baby weinte. Das machte mich körperlich fertig, überforderte mich. Zumal ich in der Mietwohnung trotz allen Beteuerungen, dass es ja normal sei, dass dort auch Babies wohnen, immer unruhig wurde, wenn wir den Lärm im Haus produzierten.
Obwohl ich nicht die strahlende Mama war, sondern eher die Planerin und Organisatorin (ohnehin meine Stärken), waren Minilama und ich untrennbar. Ich hätte es nicht aus der Hand gegeben. Wo ich war, war das Kind. Auch wenn ich zu Beginn vielleicht das Mama-Kind-Band nicht innig spüren konnte, irgendwas in meinem Kopf arbeitete richtig. Zum Glück. Auch wenn ich schwer an den doofen Erfahrungen in der Klinik zu knabbern hatte, mittwochs gegen 10 noch monatelang an die doofe Hebamme denken musste, die die Geburt ohne Not derart vorangetrieben hatte, die einen Katheter legte ohne Beschied zu geben, was sie tat, und dann später noch ein Lob von mir haben wollte, dass sie mir den Dammschnitt erspart hatte, obwohl ich das Willkommensbild von der Klinik weggepackt und den Klinikwerberahmen drumherum klammheimlich in die Mülltonne brachte (was Alphalama glaube ich gar nicht weiß), das Kind hätte ich nicht hergegeben. Auch wenn ich mich manchmal postnatal-depressiv fühlte, war ich es glaube ich gar nicht. Nur sauer, gekränkt, erniedrigt worden und daher verletzlicher als sonst und super unsicher, weil ich etwas nicht hinbekommen hatte, von dem ich absolut erwartet hatte, dass ich es leiste. Ich bin mit mir sehr streng. Anderen vermittele ich Nachsicht mit sich selbst, an mich lege ich ganz, ganz andere Maßstäbe an.
An mein Erstgeborenes, meinen Thronfolger, übrigens auch. Mit den Babylamas bin ich viel gütiger, nachlässiger nahezu. Minilama hat manchesmal unter meiner Strenge zu leiden.
Minilama ist kein Anfängerkind gewesen und ist es auch noch heute nicht. Wer von der Elternschaft erwartet, ein goldiges Lachmäuschen um sich zu haben, das putzige Dinge tut und niedlich angezogen ist – der hätte nicht unbedingt im ersten Lebensjahr mein Minilama treffen sollen. Viele andere Kinder sind ja so, im Grunde nach der Liebe der Erwachsenen heischend und tun dann das, was diese von ihnen wollen. Süßes Glucksen oder sowas.
Habe ich mir früher immer gewünscht. Eine Art menschliches Haustier hatte ich wohl im Kopf, wenn ich heute nachdenke, was ich erwartet habe. Habe ich in der Form nicht bekommen. Und im Herzen auch nicht gewollt. Autonomie, Selbststand, Wissensdurst – das sind die Ziele, die ich eigentlich habe.
Und ich bin auch froh drum. Minilama hat seinen eigenen Kopf. Es wollte nicht krabbeln. Es wollte sich nicht drehen, es wollte nicht laufen lernen. Es wollte sitzen und sich umschauen, es wollte Bücher gucken, es wollte was erzählt bekommen.
Es hat sein Tempo gehabt und hat es noch. Und auch wenn ich früher wollte, dass mein 7 Monate altes Kind niedlich umherkrabbelt und auch wenn mich traurig gemacht hat, das mein 13 Monate altes Krippenkind ohne dass ich dabei war, krabbeln und laufen lernte und zwar von anderen als von mir, auch wenn ich begreifen musste, dass mein Kind nicht von mir lernen will, dass es sich regelrecht selbst erzieht, habe ich gelernt, dass ich als Mutter irgendwie trotzdem gebraucht werde. Autonomie ist nur möglich, wenn die Bindung sicher ist. Was das angeht, scheine ich einiges richtig gemacht zu haben.
Minilama macht was es will. Es erzieht sich in weiten Teilen selbst, es hat sein Tempo. Und in seinen Bereichen legt es derart vor, dass man vor Stolz zu platzen droht. Andere Dinge will es nicht. Es will nicht turnen, nicht im Kreis laufen, nicht auf Zuruf balancieren. Und dann macht es das auch nicht. Und dann blockiert es eben andere noch obendrauf. Ob ich das gut finde oder nicht, ob ich meckere oder nicht. Will heißen: Ich kann verdammt noch mal endlich aufhören, mich wie eine Irre aufzuführen. Und wenn ich jetzt fluche tue ich es, um zu betonen, wie wichtig genau das wäre. Aufzuhören, das Kind zu ermahnen, sich sozialkonform zu verhalten. Ob ich das tue und mich (!) damit der Lächerlichkeit preisgebe oder nicht ändert absolut nichts an Minilamas Verhalten. Es bessert sich nicht, es verschlimmert sich nicht. Minilama hat seine Haltung und fertig. Und ja, das gebe ich unumwunden zu: Diese Haltung passt mir absolut nicht. Ich finde es nicht ok, wie es sich im Turnen beispielsweise verhält. Wie es sich versperrt, wie es blockiert, wie es meckert und rumblökt, wenn es einen Meter ohne Hand laufen soll. Ich will, dass das aufhört. Wird es aber nicht. Bzw. wird es schon, weil wir erstmal nicht mehr hingehen werden. Grund: Ich, die Mama, habe keine Lust zu turnen. Zumindest nicht im Minilama-Style. Ich gebe auf. Die Babylamas bekommen im Sommer ihre Chance zum turnen, können schauen, ob sie es mögen.
Wenn ich in meiner Mamazeit eines gelernt habe ist es dieses: Probleme gehen nur dann weg, wenn die Phase irgendwann überwunden ist. Einfach so. Oder -und das ist meistens der Fall – wenn ich meine Haltung dazu verändere. Wenn ich auf meinen Beitrag bei der Eskalation schaue und ihn ausmerze. Das mag bei anderen Kindern anders sein. Hier komme ich stets auf dieses Mantra zurück: Inwieweit könnte ich umdenken, mich revidieren, meinen Blickwinkel verändern?
Ich bin ein sehr zwanghafter Mensch. Immer pünktlich, immer gehorsam, immer pflichtbewusst. Das macht es mir schwer, mein autonomes Kind angemessen zu betreuen. Und da muss ich an mir arbeiten. So einfach ist das.
So auch meine Fokussierung darauf, dass ich in meiner Elternzeit erleben wollte, wie Minilama seine ersten Schritte tut, wie es an meiner Hand durch die Welt stapft mit diesem niedlichen Watschelgang und dem süßen Lächeln. Das gab es nicht. Fertig aus. Und dabei hat nicht Minilama mich enttäuscht, wie ich manchmal tief in mir gefühlt habe, sondern da war ich egoistisch. Ich die Supermama wollte das Erlebensmonopol für diesen Schritt haben. Laufen lernen sie (fast) alle. Also macht es auch keinen Sinn, diese Entwicklung so krass zu fokussieren, wie ich es getan habe. Ich wollte damals für mich einfach einen Erfolg sehen, etwas, dass augenscheinlich die Belohnung dafür war, was ich auf mich genommen hatte. Purer Egoismus eben, genährt nicht von einem bösen Herzen, sondern von tiefer Unsicherheit mit der neuen, der so komplexen Rolle. Den „Gefallen“ bekam ich nicht.
Dafür andere, unerwartete. Erste Wörter, erste Sätze – natürlich im Kindergarten abgeschaut, von den peers, den von Herzen geliebten Erzieherinnen (samt dialektalem Einschlag), die mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit zu richtigen Gesprächen wurden. Ein verbaler Vorsprung von mindestens 2 Jahren zu Gleichaltrigen.
Natürliche Neugierde, Bibliophilie, Freude am Sprechen, am Gestalten – das hat man entweder oder man hat es nicht. Auch hier: Ich beanspruche keinen Anteil an dem, was das Kind kann. Ich habe angeboten, eine breite Palette an Möglichkeiten, mich stets informiert gehalten, welche guten Ideen es gibt – Minilama wählt aus und fordert ein. Mehr geben konnte ich als ich noch keine weiteren Kinder hatte. Heute muss ich oft vertrösten, erklären, dass jetzt drei da sind. Das passt Minilama nicht. Wenn es etwas will, dann viel davon und sofort. Da darf man nicht in die Zeitschrift gucken, während man beim 100 Teile Puzzle zum „dabeisein“ abkommandiert wurde. Das geht nicht.
Diese Form von teilen und abgeben ist für Minilama nicht möglich. Das ist schwer für es. Und mich zerreißt es auf der einen Seite, auf der anderen will ich den Geschwistern auch Mutter sein, will sie anregen, fördern, mit ihnen spielen. Minilama leidet unter der doppelten Entthronung, weil es nicht mehr alle, alle Aufmerksamkeit zu jeder Zeit bekommen kann. Es kann auch keine alleinige Aufmerksamkeit ansparen für spätere Phasen, in denen ich auf die Babylamas achten muss. Einfach, damit sie nicht auf den Tisch krabbeln oder an der Spülmaschine herum manipulieren. Da habe ich noch nicht gespielt oder aufgeräumt und gekocht. Auch die 2 Nachmittage, an denen Minilama und ich für uns alleine Zeit verbringen und die 2 Stunden Mittagspause an den Wochenenden, in denen es die Eltern für sich hat, reichen nicht aus, um es zu befrieden. Hier komme ich an die Grenze, das gebe ich zu. Mehr freie Zeit nur für ein Kind möchte ich nicht erübrigen, es ist ohnehin mehr als die Geschwister bekommen, mehr als ich für mich oder meine Partnerschaft habe. Oft muss Minilama ohne weitere Erklärung spüren: Hier ist die Grenze, mehr gibt es nicht. Das finde ich furchtbar, aber ich muss einfach zugeben, dass mehr nicht möglich wäre.
Minilama bringt mich, das liest man sicher heraus, oft an den Rand dessen, was ich leisten kann. Es hat Angewohnheiten, die dermaßen nervtötend sind, dass ich fast aus der Haut fahre. So braucht es zum An- oder Ausziehen der Jacken und Mützen und Schuhe 25 Ermahnungen und mindestens 20 Minuten. Mehrmals täglich. Morgens beim Anziehen, dann beim Jacke anziehen daheim und später wieder in der Kita. Und vorm Zubettgehen wieder Meist wird auch geschimpft und geweint. Das zermürbt mich, das nervt die Babylamas, das verzögert unseren Alltag. Ob wir nun in den Dinopark, zum Schwimmen, auf den Spielplatz  oder zum Indoorspielplatz wollen: Bevor das Schöne beginnt, muss erst das Theater gemacht werden. Weil die Babies nichts machen müssen und Minilama sich selbst anziehen soll, eskaliert diese Routine seit langer Zeit. Ich wollte lange nicht Anstand nehmen von dem, was das Kind kann und es durch Helfen verwöhnen. Mache ich mittlerweile aber oft. Und habe ein schlechtes Gewissen wegen der Inkonsequenz, spüre aber, dass das ständige Meckern und Ermahnen auf Dauer die Beziehung belastet, das Kind stresst.
Es ist super anstrengend und maximal fordernd, ein derart aufgewecktes Kind großzuziehen. Von 4 Uhr morgens bis 21 Uhr abends ohne echte Pause. Das ist nicht ohne. Kein Fernsehen, weil ich das nicht will, wenig Interesse an Hörspielen, weil ich denke ich noch nicht das Passende gefunden habe, das Minilama lange genug fesselt.
Als Mutter dieses Sturkopfes, dieses Quertreibers kann ich sagen: Kein Anfängerkind, aber dieses Kind kommt gut durchs Leben. Es weiß, was es will, es verfolgt seine Ziele, es spricht die ohne Scheu Leute an, die ihm beim Erreichen der Ziele helfen können. Es kommt weiter. Es ist unabhängig und braucht wenig, um sich sicher zu fühlen.
Wenngleich unsere Beziehung nicht so rosarot und verknallt ist, wie ich das bei anderen mitkriege: Lamasus, die rationale Denkerin hat bekommen, was sie sich gewünscht hat. Klug, selbstbewusst, willensstark, durchsetzungsfreudig, interessiert, vielseitig begabt ist das Kind. Und wo Licht ist, da ist auch immer Schatten, oder wie war das?