Alltagästhetik: Küchenzauber Fastnachtsedition

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

 

Es ist Fastnacht. Die Kinder sind von den St. Martinsliedern übergangslos zu den Gassenhauern geswitcht. Und sie lieben Fastnacht. Anders als ihre Eltern, die gern am Strand herumlungern würden an den Tagen. Aber das könnten wir echt nicht machen, denn Fastnacht ist das Event der Frühjahrs.
Sie lieben es alle drei. Fast vier Stunden Kinderkarneval? Kein Problem. Da stehen die bis zum bitteren Ende auf den Tischen und klatschen, essen Gummibärchen und füttern sich mit Pommes.
Und da es neben dem Besuch der örtlichen Hoheiten mit Tanz und Gesang in der Kita auch was zu Essen geben soll, habe ich Baguette für die Kleinen gebacken und ein schon mal die schokolierten Teile vom Apfelmandala für Minilama vorbereitet. Obstteller deluxe quasi.

Die tollen Tage

Minilama mutiert jedes Jahr mehr zum Fastnachtsfan. Ja, das Kind liebt Fastnacht. Die Kita tut ihr übriges, denn aus dem Kolleginnenkreis der Erzieherinnen rekrutiert sich Jahr um Jahr die neue Dorfprinzessin bzw. neues Gefolge. Die meisten trainieren Kinder in der Tanzgruppe vor Ort. Alle sind auf dem Straßenkarneval zu treffen.
Langer rede kurzer Sinn: es gibt extra einen Rundlauf, um zu klären wer an Fastnachtsdonnerstag wie lange die Kita braucht – damit so viele wie möglich von den närrischen Damen zeitnah ins Gewühl eingehen können. Und auch wenn ich nahezu aus dem Rheinland komme, ist Fastnacht an der Mosel eine ganz, ganz andere Nummer. Und Minilama fragt eigentlich schon vor St. Martin nach Fastnacht. Wegen der Gummibärchen, wegen der Verkleidung, wegen der Prinzessin, wegen dem leckeren Köstlichkeiten, die es im Kindergarten gibt.
Karneval liegt nach den Weihnachtsferien schon in der Luft bei uns. Besonders letztes Jahr als die großen Montagsumzüge ausgefallen sind und bei uns im Mai nachgeholt wurden, war ein richtiges Fastnachtsjahr. Da gab es gleich ein Kostüm mehr und die Mama stand wackelnd unter Vomex-EInfluss an der Straße, während Alphalama und die Babylamas zuhause ausruhten. Nur Minilama, das die Pest ins Haus gebracht hatte, war zu dem Zeitpunkt schon wieder fit und verzehrte gut gelaunt Riegel um Riegel am Straßenrand.
Dieses Jahr waren wir weitestgehend fit. So fit wie Eltern mit drei kleinen Kindern in der Kita nunmal sein können, deren Kinder nachts seit Monaten kaum 2 Stunden am Stück schlafen und am Tag keine 2 Minuten ohne direkte Aufsicht sein können, die die Herdplatten anstellen und auf alles klettern, was wir so haben. Zumindest hatte niemand gebrochen, das reicht mir ja schon, um glücklich zu sein. Magendarm bekommen wir Eltern eigentlich immer auch ab (bitte jetzt kein Gerede von wegen Hygiene anstimmen. Wer den Schaden hat, bekommt die guten Ratschläge ja immer noch gratis dazu. Aber:  – manche Erreger sind einfach in der Luft und wenn man das wegwischt, hat man es sich schon fast gefangen. Da helfen weder Handschuhe noch Mundschutz. Und wahrscheinlich sind wir einfach zu weich für die Keime, die Minilama ins Haus bringt)
Die Kinder hatten je ein Indoor- und ein Outdoorkostüm. Und ohne es abgesprochen zu haben, wollte Minilama das gleiche Kostüm, das ich auch für die Babylamas besorgt hatte. Von der Art her. So brachte ich am Donnerstag Babybatman, Babysuperman und Superman in die Einrichtung. (oder eben die Frauenvariante – welches Geschlecht meine Kinder haben, erwähne ich hier ja bewusst nicht). Zumindest waren die drei als Superhelden unterwegs. Supermini hatte ein entsprechendes Longsleeve mit Klettcape, die Kleinen einfache Longsleeves mit den Heldengesichtern drauf. Das reicht für so kleine Kinder als Verkleidung. Gerade wenn der Tag lang ist. Das kann man auch super einfach so anziehen. Und das Minilamakostüm – das kann ein Geschwister nochmal haben oder ich verkaufe es eben wieder über Kleinanzeigen weiter. Ein bisschen was Besonderes muss es schon sein. Auch wenn ich mich immer wieder ertappe, mich zu rechtfertigen. Fastnacht ist ja so verschwenderisch und verschwenderisch ist doof.
Für den Straßenkarneval haben die Kinder immer Capes, die über die Jacke getragen werden. Ich halte nichts von Strumpfhosenbeinen oder dem Weglassen der Winterjacke. An Fastnacht ist es immer kalt und nach Fastnacht müssen wir Eltern wieder arbeiten gehen. Besonders, weil es ja vor Fastnacht eher schwierig war, einer geregelten Erwerbsarbeit nachzugehen, setze ich meine Hoffnung auf die Zeit nach Fastnacht. Und ich leiste meinen Beitrag, indem ich die Kinder warm einpacke. Dass andere dünner bekleidet sind wie ich im Hochsommer wundert mich jeder Jahr aufs Neue. Aber wieder gilt: Wahrscheinlich bin ich einfach zu weich für dieses Wetter. ich trage nach wie vor Wolle-Seide-Tights unter der Jeans und gedenke das auch noch etwas länger zu tun, wenn diese tolle Tights sich bis dahin nicht selbst aufgelöst hat. Ich trage das Ding wohl zu häufig…
Drache, Biene und Eule waren also bei den Festumzügen zusammen mit Erdbeere und Ritter unterwegs. Minilama erstaunt mich sehr wenn es ums Feiern geht: Da legt das Kind sich so richtig ins Zeug. Auch wenn der Zug noch so lange dauert, „helau“ wird gebrüllt, die Hand geschwenkt. Beim Kinderkarneval in der Halle stand das Kind 3,5 Stunden lang applaudierend auf einem Stuhl, nur unterbrochen durch eine Stärkung in Form eines Schälchen Pommes. Und 4 Kilometer Wegstrecke legte es auch noch zurück. Das sind die Momente, in  denen ich einfach weiß, dass meine Erziehung doch nicht so falsch ist, wie ich in schlimmen Momenten oft denke. Minilama kann sich problemlos in ein soziales Gefüge einfinden, hat keine Kontaktschwierigkeiten, kann seine Wünsche artikulieren, weiß sich zu benehmen, ist in der Lage, sich dorthin zu bewegen, wo es hin will. Ganz im Ernst: ich bin dermaßen stolz auf dieses autonome und selbstbewusste Kind. Da kann ich es leichter verschmerzen, dass gerade diese Autonomie in Minilamas Babyzeit mir oft sehr weh getan hat.
Es ist schön zu begreifen, wie viele Freiräume sich ein 3 jähriges Kind dank Unterstützung der Eltern bereits erobern kann.
Fastnacht war für Minilama ein Highlight im Jahr. Es folgen Geburtstag, Ostern, Urlaub am Meer, Babylamageburtstag, Urlaub bei den Alpakas, St. Martin usw. Das Kind weiß einfach, wie man sich das Leben schön macht.

Eine Sache hat die stolze Mama, die anscheinend auf der Insel der Seligen lebt, erschreckt: Beim Kinderkarneval wurde schlimmer gesoffen als bei manchem Straßenkarneval. Ich naives Mäuschen dachte noch, die falsche Getränkekarte läge aus als ich erst Wein, Bier, Sekt las und dann am Ende Limo und Cola entdeckt hatte. Quasi ein Rest von der Galasitzung, dachte ich. Aber nein! Da saßen sexy Teufel mit lustigen Bären am Tisch, die Kinder tanzten vorne und die Alten flirteten fröhlich miteinander wie vor 15 Jahren während Bier und Wein flossen. Da oute ich mich gern als prüde. Alkohol trinken und Kinder dabei haben gehen für mich nicht zusammen. Besonders, wenn man alleine mit Kindern unterwegs ist. Und damit meine ich jetzt kein Glas Sekt nippen, sondern richtig was bechern. Die Kinder liefen quer durch die Halle, die Eltern, teils wieder auf der Suche gingen ihren Interessen nach. Finde ich doof, unangemessen und tatsächlich richtig peinlich. Noch peinlicher wie zu Jugendzeiten.Die Kinder sind doch jetzt dran, unsere Zeit war doch schon. Mal abgesehen, dass man doch auch ohne Alkohol Spaß haben kann (abgedroschen, ich weiß). Aber so schlimm ist die Kindersitzung echt nicht gewesen, dass man sie nur im Suff ertragen konnte. Es war richtig schön. Und als Eltern würde ich es nicht gut finden, wenn meine Kinder vor Betrunkenen Garde und Kindertanz aufführen würden.
Wie gesagt: ich oute mich als prüde, was Alkohol über das kleine Maß eines Glases hinaus angeht. Man weiß ja auch nie, was der Tag noch bringt. Und im Krankenhaus mit dem Taxi oder dem RTW ankommen mit der Begründung: „Wir Eltern sind leider noch zu dicht vom Kinderkarneval; wir konnten nicht selbst fahren“ – finde ich echt peinlich und allein dieses Risiko einzugehen wäre ich nicht bereit.