„Das ist nicht gut“ -Lamasus auf dem Heimweg

Gestern war ich mit dem Kinderwagen unterwegs. Auf dem Rückweg, 800 m von zu Hause entfernt begann Babylama zu weinen. Ich legte den Turbo ein, um rasch nach Hause zu kommen, und dort genauer nachzuforschen. Eine Frau verlässt ihr Haus und sieht abschätzig zu mir herüber. Sie murmelt etwas vor sich hin, schüttelt den Kopf, murmelt lauter. Ich frage nach, was los ist. Sie antwortet, dass es nicht gut sei, dass das Baby weint und erklärt mir auf Nachfrage, das Baby habe Hunger und brauche Essen. Die Erklärung, das ich nach Hause unterwegs sei, um falls das der Fall wäre, Essen zu geben, lässt sie nicht gelten. Das Schreien sei nicht gut, ein Schnuller sei nötig.  Mit diesen Worten biegt sie in die örtliche Förderschule ein.
Ich gehe nach Hause, verschämt das Baby auf dem Arm und breche zuhause in Tränen aus.
Die Belehrung der Unbekannten gibt mir den Rest, da es mir ohnehin sehr schlecht geht und ich mir selbst darüber im Klaren bin, dass Babyschreien nicht sein soll. Wir hatten am vorhergehenden Tag Kindtaufe im Haus. 16 Personen im Haus, ab 12.30 Uhr Essen, Kaffee, Kuchen, Abendbrot. Seit Freitagabend war die Patin des Babys zu Besuch, da sie von weiter her kommt. Wir hatten sie nach dem Kitagang und einem Fütter- und Wickelumweg nach Hause eben zum Zug gebracht. Ihr geht es aktuell nicht sehr gut, die Abende waren daher neben Haushalt und Taufvorbereitung von Gesprächen darüber bestimmt gewesen. Meine ohnehin für mein Bedürfnis zu geringe Schlafenszeit wurde noch geringer, auch die Schlafqualität hat weiter abgenommen. Das Vorbereiten, Putzen, Abstauben, Geschirr umhertragen usw. plus der Großeinkauf am Vortag, haben mich sehr geschlaucht. Parallel dazu Alltag und Haushalt, Wäsche, Bügeln… Meine Nerven sind sehr dünn. Minilama hat sich am Tauftag innerhalb von 10 Minuten gleich zwei Mal verletzt, einmal ist es sogar mit dem Kopf gegen den Heizkörper gefallen. Zum Glück bleib nur der Schreck. Die ersten Gäste kamen als ich Zwilling  gerade komplett entkleidet hatte, um Anzug/ Festkleid anzuziehen. Nudeln wurden parallel zum Sektempfang gekocht, ich bin sehr nervös geworden. In solchen Situationen tun meine Hände nicht, was sie sollen, ich schlage Butter statt Sahne (bei der Hochzeit vor einigen Jahren. Dabei war dann zu allem Überfluss auch so ein Triggermoment), ich werfe Kuchenstücke um (immer), ich lasse was überkochen oder anbrennen. Und die Menschen, die neben mir stehen, wissen im Nachhinein immer, immer viel besser, wie man das machen sollte. Ein Grund, warum ich so allgemein nicht gut drauf war, was, weil mich ein unerwartetes Ereignis so unvorbereitet getroffen hat, dass ich maximal davon getriggert wurde – und wieder mal zum 10 jährigen Mädchen  wurde – im Erwachsenenkörper mit der Verantwortung für eine Familie natürlich. Es ist mir nur mit maximaler Anstrengung gelungen, den Festtag einigermaßen gut über die Bühne zu bringen. Als die Zwillinge dann fast die Taufkerzen auf das Bodentuch geworfen hätten und wie die Irren mit dem Schellen schellen wollten, kam es mir so vor als wäre ich völlig kraftlos. Als wir Bilder machten und es nur noch war wie im schlechten Film (mit motzigem Minilama, das wütend auf den Stufen vor uns sitzt und  das Akku der neuen Kamera meiner Schwiegermama leer war und wir Handyfoto machten – während meine Mama Teile der Taufgesellschaft wieder in die Kirchen hinein bat und der Opa versucht beide Zwillinge auf dem Arm zu balancieren, weil die nur, nur nur, mit Gong und Schelle spielen wollen. Zur Not würden sie aber auch das Taufbecken leer trinken), lächelte ich nur grenzdebil. Vor der Tür dann noch ein weiteres Erlebnis, das gut mit meiner aktuellen Stimmung passte und ich war völlig daneben. Dann gab es Kuchen. Ich habe an dem Tag so gut wie nichts gegessen, kaum getrunken. Mein Kreislauf spielte total verrückt und die Hitze tat ihr Übriges.
Am Montag transportierte ich zusätzlich zu den Kindern noch 50 Süßigkeitenbeutelchen und drei Gurken in die Kita. Der Kinderzucker ist eine Tauftradition hier und Obst oder Gemüse  muss jeden Montag sein, Da ich Unterstützung von der Patin hatte, gingen beide Zwillinge zu Fuß und die Süßigkeiten liegen im Kinderwagen neben dem Baby. Die Kinder waren wegen der neuen Situation aufgekratzt und gefährlich unterwegs. Einer lief schon aus der Tür während wir noch was anderes machten – ich hatte aus Nachlässigkeit nach dem Fahrrad holen für Minilama nicht abgeschlossen. Schon an der Schule, knapp 500 Meter vom Haus entfernt, konnte ich nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, weil ich einfach völlig überfordert mit den wie Hunde spielenden Kindern war. In der Kita brauchte ich knapp 25 Minuten bis alle entkleidet, gecremt, gewickelt und verabschiedet waren und die Tütchen in die Gruppen drapiert waren. Minilama hatte sich unterdessen im Gebüsch versteckt und musste gesucht werden, weil ich mich richtig  verabschieden wollte. Auch hier verlor ich fast die Fassung. Fast den ganzen Hin- und Rückweg trug ich Babylama auf dem Arm, weil es laut schrie. Zuhause trank es dann ein Fläschchen und bekam eine frische Windel, ich setzte einen eine Maschine Wäsche an und trug die erste ins Erdgeschoss, brauche den Mülheimer hinters Haus und noch solche Dinge mehr
Wir gingen zum Bahnhof und die Patentante verabschiedete sich. Zeit seit dem großen Fläschchen 45 Minuten. Auf dem Rückweg vom Bahnhof sackte mir der Kreislauf völlig weg. Ich sah Doppelbilder und weiße Strukturen. Ich hatte mir was zu trinken mitgenommen, auch weil ich wieder Blasenentzündungsymptomatiken hatte. Das kommt bei mir vom Beckenschiefstand, verursacht aber starke Schmerzen. Und dieses Mal könnte es ja echt eine organische Sache sein, denke ich mir jedes Mal. Ist aber auch ein Stressding und tritt entsprechend  dann auf, wenn ich mich nur schlecht selbst regulieren kann.  Mein Kopf drehte sich, auch weil es gegen 10 Uhr war und ich nichts gegessen hatte. Und gestern ja auch nicht genug. Alles eher ungut und sollte nicht passieren.
Knapp 800 Meter von zuhause, um den Kreis nun zu schließen, beginnt das Baby abermals zu weinen. Und ja: Ich bin maximal gestört davon. Ich bin nicht (mehr) in der Lage, mich liebevoll zuzuwenden und das Baby auf dem Arm nach Hause zu tragen und das Kinderwagen in der anderen Hand zu schieben. Meine Regel daher: Das Baby wird jetzt nicht angefasst, ich bin zu aufgewühlt. ich kann es nicht beruhigen, das kenne ich schon und wenn ich es jetzt nehme, werde ich nur noch nervöser. Und das mit nur einer Hand und strampelndem schweren Baby ist mir zu heiß. Ich mag nicht, dass das Baby weint, das betone ich. Ich bin keine emotionslose Asi-Mutter, der das Kind egal ist. (Falls es so etwas überhaupt gibt) Im Gegenteil. Natürlich nervt das Weinen mich und macht mich auch aggressiv, aber noch mehr tut mir das Weinen leid. Und weil es mir gerade nicht gut geht, absolut nicht, macht das Weinen noch mehr mit mir: Es zeigt mir deutlich an, was ich für eine schlechte Mutter bin, wie minderwertig und schlecht ich bin. Dass ich falsche Prioritäten habe. Lieber ein Fest ausrichte als ganz fürs Baby da zu sein. Und auch dabei habe ich einen Fauxpas gemacht, weil ich nicht die Paten der Großen eingeladen habe. 14 Personen sind das mit Familien. (Dann wären wir bei 30 gewesen.) Das gehört sich normal so, aber ich konnte es nicht. Es war mir zu viel, ich konnte es nicht und habe daher die Reißleine gezogen und ich befürchte, dass ich einige davon damit verprellt habe. Ich hätte doch wenigstens zur Taufe selbst und zum Kuchen später laden können, denke ich ständig. Das wäre doch sicher gegangen. Ich überlege, wann wir ein reines Patenfest machen könnten und wie das aussehen sollte. So super teuer kann es aber nicht werden, da wir den Keller aufwändig sanieren müssen und ich durchs Elterngeld massive Einbußen habe, was mich derzeit immer wieder mal beschäftigt.
Gedanklich dreht sich alles und ich versuche, wirklich mit letzter Kraft, das Kind aus der unguten Lage, dass es draußen ist und weinen muss, weil es hier nicht über eine längere Zeit liebevoll gekuschelt werden kann, zu befreien. Meine Kinder lassen sich nicht durch 5 Minuten kuscheln und dann wieder in den Wagen legen beruhigen. Die werden richtig wütend, wenn man sie dann wieder ablegt und man ist wieder am Anfang angekommen, nur dass man total entkräftet vom Tragen ist und das Kind noch wilder weint. Insofern entschiede ich so kompetent es mir in dem Moment möglich ist, wie ich vorgehe. Ich gehe wirklich schnell, um heim zu kommen.
Dann wie schon berichtet, verärgert mein Verhalten eine Fremde. Sie wirft mir mehrere Dinge vor:

  • Ich kümmere mich nicht gut genug ums Kind – sonst würde es nicht weinen.
  • Ich weiß nicht, was das Kind braucht – sonst würde es nicht mehr weinen.
  • Ich bin derart unwissend und kenne mein Kind nicht, dass ich Hilfe von außen brauche – das Kind hat nämlich Hunger, eindeutig.
  • Ich gehe falsch mit dem Kind um-  es ist schlecht, dass das Kind weint und ich tue nichts, damit sich das ändert. (Was ja leider auch in großen Teilen stimmt, da ich ja wirklich zu sehr mit mir beschäftigt bin, um mich dem Kind gut zuzuwenden. Und da es mir schlecht geht, steige ich zumindest emotional auf die Kritik zu 100 % ein und denke gar nicht drüber nach, wie unpassend das grade ist)
  • Ich brauche daher Anleitung von außen – ich soll das Kind jetzt füttern. Aber – und das zeigt doch wie dämlich und böse ich bin: ich mache es einfach nicht.
  • Und da wird es persönlich: Entweder bin ich zu unorganisiert und zu nachlässig, dass ich nichts fürs Kind dabei habe oder, was eher deutlich wird: ich bin nicht in der Lage, das Kind jetzt und hier zu nähren. Da es der Frau egal war, dass ich nichts dabei hatte und deshalb nach Hause wollte (nicht vergessen: das Kind hatte keinen Hunger – auch 2 Stunden später hat es noch nicht wieder getrunken und es regt mich auf, dass viele Unbeteiligte  immer meinen, dass Kinder immer und ausschließlich Hunger haben, wenn sie schreien), ging ich davon aus, dass sie wollte, dass ich hier und jetzt meinen Hängebusen entrolle und das Kind so wie es im Wagen liegt, stille. Sie scheint, ihrer Körperspannung nach zu urteilen, mehr als bereit zu sein, das hier und jetzt zu übernehmen. Und das hat mich mehr als verletzt. Denn: Ich kann es leider nicht. Ich bin dazu nicht in der Lage. Was das angeht (und wie man ja sieht in vielen, vielen anderen Bereichen auch), bin ich eine absolute Versagerin. Ich bringe es nicht. Normalerweise kann ich mein Versagen und was das mit mir (noch immer) macht, gut verstecken. Aber wie gesagt, nicht die Erwachsene war unterwegs, sondern ich fühlte mich ohnehin gerade sehr, sehr klein. Und dann on top noch der dezente Hinweis darauf, dass ich doch nicht mal das Selbstverständlichste kann.
  •  Und am Ende, so als Raustreter: Ich bin absolut beschränkt und inkompetent: Wenn ich schon das Einfachste nicht hinbekomme, sollte ich doch wenigstens einen Schnuller dabei haben. Wenn das Kind weint, muss es einen Schnuller haben. Und noch nicht mal das kriege ich hin. Ich habe diese Frau sehr verärgert. Und jetzt muss sie in die Förderschule nach einem ihrer drei Kinder sehen. Sie hat nämlich Ahnung.

Das war dann doch zu viel für mich.