1000 Fragen an mich selbst #25

481. Bei welcher Fernsehsendung schaltest du sofort um?
Keine Ahnung. Ich sehe nicht fern.
482. Wann hast du zuletzt jemandem vorgelesen?
Eben. Den Kindern.
483. Bist du gut in Small Talk?
Jo, durchaus.
484. Welche Nachricht hat dich in letzter Zeit stark berührt?
Viele und doch keine, die ich jetzt benennen könnte.
485. Welche Sprache würdest du gerne gut beherrschen?
Hebräisch
486. Kannst du Kaugummiblasen machen?
Ja.
487. Welcher deiner Geburtstage hat dir am besten gefallen?
Keiner im Speziellen. Der im letzten Jahr war nett, ein feines Damenkränzchen.
488. Welche Floskel benutzt du zu oft?
„gell“ am Ende von Sätzen, wenn ich mit den Zwillingslamas rede.
489. Kannst du dich leicht in Zeichentrickfilme hineinversetzen?
Ja, ich habe mir meine kindliche Seele erhalten.
490. Suchst du dein Waschmittel nach dem Duft aus?
Erst in zweiter Instanz. Die erste Wahl treffe ich in Bezug auf die ökologische Komponente vom Waschmittel.
491. Kommt es dir so vor, als wäre das Gras des Nachbarn immer grüner?
Leider immer wieder mal
492. Welchen gesunden Snack magst du am liebsten?
Gurkenscheiben und Bananenmilch
493. Wie fest ist dein Händedruck?
Eher nicht so fest.
494. Schreibst du häufig etwas auf, damit du es dir besser merken kannst?
Ich schreibe mir oft was auf, um mich zu strukturieren.
495. Worauf hast du zuletzt mit Ja geantwortet?
Können wir ein Eis haben, Mama.
496. Welche Mahlzeit am Tag magst du am liebsten?
Den Kuchen am Nachmittag
497. Schläfst du manchmal beim Fernsehen ein?
Aktuell schlafe ich abends auf der Couch gerne mal ein
498. Wie stark ist deine Sammelleidenschaft?
Gering bis nicht vorhanden.
499. Hältst du dich immer an den Plan, den du gemacht hast?
Meistens schon. Außer mit fällt was Besseres ein.
500. Welches Kunstwerk hat dich stark beeindruckt?
Diese Seerosen von Monet. Die sind live gigantisch schön.

Rückbildungsgymnastik – eine Nachwehe der Entbindung

Ich bin aktuell mitten in der dritten Rückbildungsgymnastikphase. Ich mache bei den Kursen mit und stelle sie nicht grundsätzlich in Frage, wie man ja im Grunde alles was mit der Reproduktion in Zusammenhang steht in Frage stellen kann (natürliche Geburt, Stillen, Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Screenings, Fluorgabe usw. usw.)
Da die Kassen es flächendeckend zahlen, wird es sich für sie schon lohnen und insofern einen Sinn haben, denke ich mir. Und außerdem habe ich einfach keine Lust mehr, alles zu überdenken, alles in Frage zu stellen. Das macht junge Mütter total wahnsinnig. Wenn sie dann nach natürlicher Geburt stillend und impfverweigernd daheim sitzen und dem Kind ständig Globuli einwerfen, also so richtig auf Linie sind, dann kommen schon die neuen Sachen, wie die Frage, ob das Kind motorisch auch auf dem Laufenden ist und ob man nicht noch mal zum Osteopathen sollte oder sonstwas. Ich habe den Scheiß (sorry) so weit ich konnte und bis zur Erschöpfung und Selbstaufgabe (außer den Globulikram, da mache ich grundsätzlich nicht mit) beim ersten Kind mitgemacht und bin seither kuriert. Ich nehme die Sache wie sie ein Mann nehmen würde und weiß: Mein Kind /Kinder ist OK wie es ist, es entwickelt sich normal und wenn nicht, wird das auffallen und von einem Arzt entsprechend weiter behandelt. Aber die Grundannahme ist erstmal die, das alles OK ist und ich nicht aufwändig eingreifen muss. Das entspannt sehr.
Ich mache also Rückbildungsgymnastik und das auch nach dem Kaiserschnitt, wenngleich die Mär geht, dass ein Kaiserschnitt die Beckenbodenmuskulatur gar nicht belastet.
Es ist kein Wunderprogramm, das schlaffe Bäuche und Busen wieder schlagartig schön aussehen lässt, sondern ein funktionales Training für einen normalerweise unberücksichtigten Muskel. Alles andere muss man natürlich in seiner Freizeit selbst  machen. Das darf man nicht vergessen, wenn man seine Erwartungen an die Veranstaltung formuliert. Traumfigur und nette Mamis treffen ist defintiv nicht im Rahmen des Erwartbaren. Auch ein gemütliches „Hebi“-Feeling stellt sich nicht ein (wobei ich das auch noch nie hatte, wahrscheinlich, weil ich Globuli und Naturgedöns nichts abgewinnen kann und außerdem ja nicht stille.)
Und je mehr Kinder man hat, fällt auch der Effekt der Abwechslung im Babyalltag flach. Ich empfinde es als eine Pflicht für meine Gesundheit, ich trainiere darüber hinaus aber noch täglich 20 Minuten zuhause den Beckenboden. Durch den Hebammenmangel sind zunehmend mehr Frauen in den Kursen, letzte Woche waren es 25, teils mit Säugling in einem kleinen Raum, der so für 10 Leute ausgelegt ist. Da wird nicht nach dem Einzelnen geschaut und die Mamas kennen sich entweder schon vorher oder eben nicht. Ich bleibe beim zweiten und habe öfters auch einen Spiegel zum Lesen dabei. Besonders, da von 60 veranschlagten Minuten 5 mit Warten auf die Kursleiterin, 5 mit Aufbauen, 10 mit Warten bis alle eingetragen sind und 5 mit dem Erfassen neuer Mamas verplant sind. „Dann turnen wir heute schneller“ so die Hebamme.

Beim ersten und jetzigen Kurs war ich in einer Gruppe, die vormittags mit Kind angeboten wurde, bei den Zwillingen ging ich nachmittags ohne Kind, da meine Mama kam und mich unterstützt hat. Der Nachmittagskurs war ein geschlossener Kurs, die anderen beiden offene Kurse.

Mit Minilama war es meine einzige Unternehmung in der Woche, jetzt ist es einer von vielen Terminen. Ich muss in den Nachbarort fahren, in ein Nebengebäude der Klinik, in der Minilama aus mir rausgeprügelt wurde. Seit ich einen Schleichweg gefunden habe, der mich die Klinik umfahren lässt, klappt es besser für mich. Die Berichte anderer Mamas deren Kinder dort zur Welt kamen bestärken mich leider in meiner Beurteilung der medizinischen Kompetenz in dem Haus. Schade, dass ich das vor 5 Jahren nicht wusste.
Mit den anderen Kindern bin ich so gut wie nie (Minilama, vielleicht 5 Mal) und noch seltener (insgesamt gesichert 3 Mal, jedes Mal weil Minilama krank war oder ich zu Alphalama ins Krankenhaus musste) im ersten Lebensjahr alleine mit dem Auto  gefahren. Mit Babylama fahre ich 3 mal in der Woche zu Terminen. Aber gerne mache ich es nicht. Ich finde es auch total umständlich mit der Babyschale und der Umpackerei ins und aus dem Auto. Und da ich es ja nie mache wie alle anderen, ist auch das wieder kompliziert. Ich trage nämlich nie ein Baby in der Babyschale. Ich fahre mit dem Kinderwagen ans Auto, und trage dann mit der Babytrage in den Ort des Geschehens. Eine Wickeltasche nehme ich keine mit, sondern meinen Arbeitsrucksack. Und da ich nicht stille muss ich zur „Strafe“ einiges an Zeugs mitnehmen. Und da ich keine Pampers nutze und auch keine Feuchttücher und sonst nichts, was für den Mülleimer ist, habe ich auch hier einiges zu tragen.

Was man braucht fürs Baby

  • Wechselkleidung
  • Windeln
  • Feuchttücher oder Äquivalent
  • Müllbeutel / Windelbeutel (in diesen Kursstätten darf man oft seine Windeln nicht wegwerfen)
  • eine Decke, auf die man das Baby legen kann
  • Nahrung, Fläschchen und Wasser fürs Baby
  • ein Spucktuch
  • eine Wickelunterlage
  • viele haben noch was zum Spielen dabei, ich bin da aber kein Fan von, weil man dann noch was zusätzlich dabei hat, was man auch noch waschen muss.

Was im Kurs war, wasche ich hinterher

Was ich für mich brauche

  • Sportkleidung, am besten mit langen Beinen und mit Armen, sodass man auch schlecht rasiert nicht auffällt. Ich trage eine weite Jogginghose (bzw. die Jogginghose, die ich schon in der Schule hatte und ein Kurzarmshirt aus diesem Synthetikstoff, in dem man nicht so schwitzt). Das sieht sportlich aus und fällt alles leger. Finde ich besonders in Zeiten, wo man den Körper nicht so ideal findet, eine gute Idee.
  • zueinander passende, intakte Socken, am besten etwas höher, sodass schlecht rasierte Beine nicht auffallen. (Ja, das ist für mich als dunkler Typ, der nicht mehr als 2 Minuten unter der Dusche Zeit hat, ein großes Thema) ich habe mir 5 Paar neu gekauft und im Rucksack gelagert, da es mich nervt in der Öffentlichkeit kaputte Socken zu tragen
  • Handtuch
  • Was zu trinken
  • Haargummi (besonders ab dem 4. Monat nach der Geburt, wenn der Haarausfall so richtig losgeht.

Ich bin dazu übergegangen, meine Tasche vorzupacken, dann geht es einfacher.

Es machen zwei Hebammen im Wechsel, beide spulen aufs Wort genau ihr Programm immer und immer wieder ab. Es macht Sinn, sie mal abzugrätschen (wobei die eine nicht ansprechbar ist), um nach der Rektusdiastase zu sehen, damit man weiß, welche Übungen man machen darf. Aber ich erlebe das oft als Mainstreamprogramm für junge Erstlingsmamas, die keine Probleme haben. Wer einen schwachen Beckenboden hat, wird über diesen Mumpitz hinaus noch weitere Hilfen brauchen, da bin ich mir sicher.
Außerdem muss man selbst schauen, dass man keine Übungen macht, bei denen Zug auf die Bauchmuskeln kommt, denn es gibt auch Hebammen, die das eine sagen und dann krasse Bauchmuskelübungen machen.
Man darf die Rückbildungsneigung des Körpers nicht unterschätzen. Er will wieder zurück in Form kommen, da darf man 10 oder 20 Wochen nach der Geburt getrost den Bauch etwas schonen. Ich habe mit wirklich lockerer Gymnastik und einem leichten Kaloriendefizit plus viel, aber langsamer Bewegung mit Kinderwagen an der frischen Luft schon wenige Monate nach der Geburt die lästigen überschüssigen Kilos wieder los gehabt und das Becken hat sich auch wieder zusammengeschoben, sodass die Jeans wieder zugehen. Wenngleich die Narbe noch immer zwickt bei Hosen.
Wichtig ist es ohnehin täglich was für den Beckenboden zu machen, an der Ampel, im Auto, beim Kochen oder wann auch immer. Und zu hoffen, dass das reicht und man in den Wechseljahren nicht noch zu allem Elend noch inkontinent ist…

1000 Fragen an mich selbst #24

461. Für wen bist du eine Inspirationsquelle?
Das sollen doch am besten andere beantworten, oder?
462. Wann hast du zuletzt einen Sonnenaufgang beobachtet?
Nahezu jeden Morgen mit den Kindern
463. Wie hoch war das höchste Gebäude, das du je besucht hast?
259 Meter.
Das Rockefeller Building in New York, bei Nacht.
464. Können andere auf dich bauen?
Ja, auf mich ist Verlass.
465. Was ist das Verrückteste, das du jemals getan hast?
Ich bin mal für 2 Monate in ein Kloster gefahren.
Habe mir keine großen Gedanken drüber gemacht.
War erst hart, hat mein ganzes Leben verändert. Zum Guten.
466. Kaufst du häufig etwas Neues zum Anziehen?
Für die Kinder definitiv ja.
Für mich nein.
467. Würdest du einen Teil deiner Intelligenz gegen ein sensationelles Aussehen eintauschen?
Wieso sollte ich?
Ich bin nicht nur schön, sondern auch schlau. :)
468. Weisst du, ob du jemals einen heimlichen Verehrer hattest?
Weiß ich. Nur wer es war, ist nach wie vor ein ungelöstes Geheimnis.
469. Welches Schmuckstück trägst du am liebsten?
Keins. Ich mag keinen Schmuck.
470. Was würdest du dein zukünftiges Ich fragen wollen?
470. Würdest du bei deinem Partner bleiben, wenn deine Umgebung ihn ablehnen würde?
Wahrscheinlich hätte ich das nicht getan.
472. Wann hast du zuletzt etwas gebacken?
Gestern oder so. Ich backe dauernd.
473. Für welche Gelegenheit warst du zuletzt schick angezogen?
Für die Taufe von Babylama.
474. Welche Redensart magst du am liebsten?
Von nichts kommt nichts.
475. Was ist auf dem Foto zu sehen, das du als Letztes aufgenommen hast?
Die Kinder
476. Findest du es wichtig, an besonderen Jahrestagen innezuhalten?
Ja. Schöne Dinge soll man gebührend begehen, bedrückende Dinge soll man nicht wegdrücken.
477. Was würdest du in einen Guckkasten kleben?
Was ist denn ein Guckkasten? Ich bin immer etwas hinterher bei neusten Trends.
478. Welche Cremes verwendest du?
Sonnenmilch im Sommer, gelegentlich eine Körperlotion. Ansonsten nichts regelmäßiges.
479. Wärst du gern körperlich stärker?
Oja. Aber es ist auch gut so, dass ich nicht jeden umhauen kann, der mich nervt. Das wären ganz schön viele.
480. Findest du, dass jeder Tag zählt?
Ich finde, man sollte versuchen,  jeden Tag bewusst zu leben.

1000 Fragen an mich selbst #23

441. Wie persönlich ist deine Einrichtung?

Ich glaube nicht (mehr) sehr persönlich. Wir haben die Möbel vom Möbelschweden und vom Möbeldänen, wie man sie zigfach in anderen Häusern sehen kann. Die Fotos sind natürlich persönlich. Aber besonders innovativ oder besonders ausgefallen ist es bei uns definitiv nicht. Eher zweckmäßig für die vielen Kinder. Das eine oder andere bei den Kindern ist noch von uns Eltern früher, also Kiefermöbel aus den 80ern.  Aber hier erzählt nicht alles eine Geschichte oder ist ein spannendes Mitbringsel von unseren Weltenbummeleien. Alphalama und ich legen Wert auf eine dekoarme Umgebung (hatten als Kinder den Overkill mitbekommen bei unseren deko- und Blumenfreundlichen Müttern). Reduziertes Wohnen ist es aber auch nicht, dafür sind die Kinder zu kreativ.

442. Welchen Songtext hast du jahrelang verkehrt gesungen?
Da ich Französisch als erste Fremdsprache gelernt habe, ist mir das Englische lange fremd gewesen. Ich schaue zwar Filme auf Englisch und lese auf Englisch, aber dieser intuitive Zugang ist nicht da. Ich kann die Lieder hören ohne ihren Text direkt zu erfassen. Will heißen: Ich singe noch heute massenhaft Texte verkehrt.
443. Würdest du gern viele Höhepunkte erleben, auch wenn du dann viele Tiefpunkte erleben müsstest?

Nö. Ich mags gern gemäßigt.

444. Mit wem hattest du vor Kurzem ein gutes Gespräch?
Mit einer Mutter aus Minilamas Schwimmkurs. Schön, dass auch andere Mamas so herrlich normale Ansichten haben.
445. Was trinkst du an einem Tag vorwiegend?
Leitungswasser.
446. Welches Lied hast du zuletzt gesungen?
Ed Sheeran, Shape of you, wenn ich für mich bin
Wenn ich die wilden Kinder dabei habe und sie mich durchs Dorf trieben, summe ich immer wieder
was von Nelly Furtado: When you say jump, I say how high. Schön wärs ;)
447. Kannst du über dich selbst lachen?
Oft. Nur, wenn ich so ganz verbissen drauf bin, dann erst später.
448. Wann hast du zuletzt eine Kopfmassage gehabt?
Schon was länger her. Ich hatte früher so ein Kopfmassagedings. Das war toll.
449. Wie sieht der ideale Sonntagmorgen aus?
Aufstehen, mit dem Hund raus, Bananenmilch schlürfen, ins Freibad hüpfen.
450. Machst du manchmal ganz alleine einen langen Spaziergang?
So ganz alleine eher nicht. Aber mit dem Hund oder dem Baby bin öfters mal für 15000 Schritte unterwegs.
451. Wann hast du zuletzt Fotos eingeklebt?
Wenn auch „einschieben“ gilt, letzte  Woche. Mache ich jeden Monat.
452. Worüber hast du vor Kurzem deine Meinung geändert?
Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Ich ändere ständig meine Meinung.
453. Wann wärst du am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben?
Noch nie. Das löst kein Problem. ich will immer nur raus, raus raus.
454. Glaubst du an eine offene Beziehung?
Nein. Da wird am Ende der Unattraktivere verletzt.
445. Welches Gesetz würdest du einführen, wenn du in der Regierung sitzen würdest?
Ich würde das bedingungslose Grundeinkommen einführen und die 30 Stunden Woche. Und was für sinnvolle Kinderbetreuung tun. Und außerdem den ÖPNV kostenlos bzw. deutlich billiger machen. Und die Mietpreisbremse wieder aktivieren.
456. Was würdest du mit einer Million Franken tun?
Meinen Kindern eine gute Ausbildung in den USA bezahlen. Wenn noch was übrig wäre, das Haus abbezahlen.
457. Wie hiess oder heisst dein Lieblingskuscheltier?
Zombi. Eine Katze mit Wuschelhaar.
458. Was war deine weiteste Reise?
Südafrika oder USA, je nachdem, was weiter ist.
459. In welcher Haltung schläfst du am besten?
Embryonalhaltung
460. Zu wem gehst du mit deinen Problemen?
Erst mal gehe ich in mich, dann rede ich mit meiner Mutter und Alphalama drüber.

Asozial ist man nicht, asozial verhält man sich

Seit wir vier Kinder haben, denke ich wieder öfters darüber nach, wer eigentlich dazu gehört, wer am Rand der Gesellschaft steht und wie und durch wen das festgelegt wird.
Dieses „am Rand stehen“ ist etwas, das ich leider sehr gut kenne. Meine Eltern haben sich Anfang der 90er Jahre getrennt und wenn ich darüber spreche, was ich nur äußerst selten tue, füge ich stets hinzu, dass dies in meiner Heimat damals eine Zeit was, in der es noch unüblich, anstößig und assi war, sich zu trennen.
In meinem Umfeld waren alle Eltern noch zusammen, nur meine nicht. Und ich weiß nicht, wieso, aber diese Leerstelle „Vater“ war nie zu schließen. Auch wenn die anderen Väter absolut nichts taten, was direkten Einfluss auf ihre Söhne und Töchter hatte (außer Geld verdienen) war ein Leben mit Vater so viel normaler, so viel geordneter, so viel sicherer und so viel was weiß ich nicht alles
Ganz im Ernst: Ich bin irgendwie froh, dass es heute schon normaler ist, ohne Vater aufzuwachsen als vor 25 Jahren. Nicht weil das so klasse ist, sondern weil es im Gegenteil so schwierig ist, dass man die  mitleidigen und gleichzeitig herablassenden Reaktionen anderer nicht noch zusätzlich braucht.
Eine meiner Stärken, die es mir im Leben schwerer macht als nötig ist, dass ich ein feines Gespür für unterschwellige Stimmungen habe, von denen die meisten gar nichts mitbekommen. Ich habe eine so feine Nase für Atmosphärisches, dass ich es an manchen Orten kaum aushalten kann, an denen aber objektiv keinem ein Leid geschieht.
So erinnere ich mich noch deutlich an die echte Stimmung die herrschte, als eine Klassenkameradin mich vor anderen in Schutz nahm mit den Worten „da kann sie ja nichts für“ – weil ich mit unrasierten Beinen beim Schulsport unterwegs war und so gar nicht wusste, dass man sich seine Beine rasieren muss. Da war aber gar nichts Nettes dabei, im Gegenteil. Es war bodyshaming vom Allerfeinsten. Als sehr dunkler Typ habe ich mit Körperbehaarung zu kämpfen. Und habe dafür schon so gut wie jede Häme abbekommen, die man sich vorstellen kann.
Ich erinnere mich auch noch daran, wie ein Mitschülerin in der Oberstufe zu mir kam und sagte, dass sie das Abschlussballvideo nochmal angeschaut habe. Und dass ich auch drauf gewesen wäre. Mehr war nicht nötig. Es hat schallend geknallt in meinem Kopf so als hätte ich die Ohrfeige meines Lebens bekommen. Beim Abschlussball waren nämlich die Väter nötig für einen Vater-Tochter Tanz. Im Nachhinein haben die Mädchen oft gar nicht mit ihren Vätern getanzt (wie schon gesagt, außer Anwesenheit haben die meisten Väter meiner Jugend nichts gemacht), weil die eben nicht tanzen, so grundsätzlich nicht. Ich allerdings bin total ausgeflippt als es hieß, wir bräuchten den Vater für den Abend. Meine Mutter hat einen meiner Onkel gefragt, ob er mitkommt. Meine Tante kam dann auch mit. Egal. Im Endeffekt stand ich beim Eröffnungstanz mitten auf der Tanzfläche und wir waren eine ungerade Anzahl an Tanzschülern. Was mir bis zu diesem Moment nicht klar gewesen war. Scheinbar gibt es davon allerdings ein Video. Auf dem meine entgleisenden Gesichtszüge zu sehen sind, meine Überforderung, meine Scham. Und dann zwei Jahre danach war es wieder Thema. Nachmittags im Lateinunterricht.
Ich habe als Jugendliche nie etwas getan, was wirklich falsch war, definitiv nicht. Ich habe niemandem etwas Unrechtes oder Böses angetan.
Mein Fehler war, dass ich ehrgeizig war und alles tat, um eines Tages diesen Ort verlassen zu können. Dafür habe ich viel Leiden erleben und viel verbale Gewalt einstecken müssen, bin geschubst worden, bekam täglich morgens im Bus ein Beinchen gestellt (bin auch öfters mal voll drüber gefallen), wurde für jede mittelmäßige Note mit Häme und Genugtuung überschüttet und im Sportunterricht, dem einzigen Fach, in dem ich schlechter als Note 2 war systematisch runtergemacht, sodass ich am Wochenanfang schon Angst vor den Sportstunden hatte. Wichtig oder wertvoll war ich für keinen. ich hatte natürlich auch Freunde, aber für die war ich eine unter vielen oder auch die, die im Fach xy weiterhalf.
Meine Mutter hat ihr Bestes getan, um mir beizustehen, aber auch ihre Grenze gemerkt. Denn bei den Lehrern war im Grunde das zentrale Thema das Fehlen des Vaters. Daraus erklärte sich mein Ehrgeiz und meine fehlende soziale Einbindung. (Heute würde ich das victim blaming nennen und wenn ich es mitbekäme an einer Schule, an der ich unterwegs bin, den Aufstand des Jahrhunderts machen. Mein Beruf ermöglicht mir auch genau das zu tun.)
Irgendwann war es einfach zuende. Und zwischendrin habe ich Strategien entwickelt damit umzugehen. Habe im Turnunterricht die Leistung verweigert. Und so die gleiche Note bekommen, wie wenn ich mich vor der gesamten Klasse blamiert hätte. Habe mir meine Nische gesucht, immer mehr Kontakt zu mir selbst bekommen. Meine Defizite nicht benannt, das viele Gute wichtiger genommen und lange Turnhosen und lange Oberteile angezogen. Vom Nachhilfe- und Zeitungsgeld Markenkleidung gekauft und Schulmaterial. Und bin einen Tag nach dem Abi ins Ausland gegangen und nicht wieder wirklich nach Hause zurückgekehrt.
Was ist geblieben? Das Wissen, wie es ist, im Grunde nicht dazu zugehören. Die Angst, immer nur geduldet, nur toleriert zu sein. Die Sorge, dass andere mich erneut so offen ablehnen, wie früher ohne dass ich eine Chance habe, dass es besser wird.
Wer legt fest, wer draußen ist? In meiner Jugend war draußen, wer anders war. So einfach war das.
Im Studium kam ich dann an einen Ort, wo alle ein bisschen so waren wie ich. Und scheiße war das geil. Ich war tatsächlich die Vorsitzende in unserem AStA. Ich, die keine 30 Stimmen bei der Wahl zum Mittelstufensprecher bekommen hatte. (die sechs Jahrgangsstufen mit vier Klassen à 30 Leute umfasst) Die Unsicherheit kommt allerdings immer wieder. Wenn ich meine Blase verlasse. Muss manchmal auch sein, durch die Kinder vor allem. Und da gibt es so fiese Mamabullies. Irre. Welche, die mich nicht grüßen, wenn ich grüße. In einem vollen Raum natürlich. Damit es auffällt und zurückknallt wie eine Ohrfeige. Welche, die nur meine Kinder ansprechen, aber mich nicht.
Alphalama fürchtet meine Elternzeiten. Ich kann es auch verstehen. Ohne den Rückhalt, den ich durch meine dienstlichen und frei gewählten Kontakte habe, bin ich in diesen Zeiten total verwundbar. Dann bin ich für die Kinder in freien Gruppen unterwegs. Da bin ich wieder dieses arme Kind, das nur Breitseite bekommt und keine Anerkennung erfährt. Fühle ich mich oft so dermaßen am Rand. Nicht immer natürlich. Das wäre ja irgendwie krankhaft. Aber ich erlebe immer wieder Situationen, in denen Menschen komisch auf mich reagieren. Eine Mutter war immer irre arrogant zu mir beispielsweise. Bis sich in einem von mir angezettelten Gespräch beim Kinderturnen der Grund herausstellte: Diese Mutter ist unzufrieden mit ihrem Körper nach drei Kindern und konnte nicht aufhören darüber zu schwärmen, wie toll meiner sich wieder rückgebildet hat. Meine Mama hat es schon früher immer gesagt“ die sind dir alle neidisch“. Und da scheint was dran zu sein. Scheinbar finden viele mich so toll, dass sie mich dafür mit Ausgrenzung strafen. Perfide? Schon und doof, dass ich mich so triggern lasse.
Als letztens diese eine Mutter mir deutlich machte, dass sie so froh ist, dass ihre Kinder schon so groß sind (will heißen, dass sie keinen Säugling mehr hat nach ihren beiden, die ziemlich genauso alt sind wie Minilama und die Zwillinge) habe ich mir schon so meine Gedanken gemacht, was sie mir sagen will. Als sie wieder anfing, nur Minilama zu grüßen dachte ich erneut nach. Als sie  total ruppig ihre Tochter vom Umgang mit den Zwillingen abgehalten hat, (was auch Alphalama aufgefallen ist und damit objektiv feststellbares Verhalten ist), war es mir dann klarer: Den Umgang mit meinen Zwillingen findet sie für ihre Tochter nicht gut. Die Kinder wiederum mögen sich auf irre niedliche weise Minilama hingegen will sie ihrer anderen Tochter total anpreisen, da sie glaubt, dass Minilama ihr nutzen könnte. Minilama findet das Mädchen allerdings maximal uninteressant, nimmt es nicht einmal wahr. Minilama wird der Tochter explizit als Verhaltensvorbild gezeigt. Mit mir will die Mutter nichts zu tun haben. Zu mir steht sie aus einer Mischung aus Figurneid (kam mal in einem Seitengespräch) und dem guten Wissen, dass ich total assi bin und sie mir damit überlegen ist. Ich habe ja schließlich vier Kinder. Und kinderreiche sind doch assi, oder? Diese Frage ist durchaus ein Thema. Vor allem, weil hier manchmal hoch her geht und ich hart durchgreifen muss, verbal. Und da ich viele Niveaus beherrsche kann ich auch „dai mam“mäßig nach den Kindern brüllen, wenn ich um ihr Leben fürchte. Und das ist ja nicht nur asi, sondern auch ein Zeichen für Überforderung – das schlimmste, was einer Mutter widerfahren kann. Überforderung heißt: als Mutter versagt zu haben.
Ganz ehrlich denke ich manchmal auch so in Schubladen. Und ich schäme mich dafür, wenn ich mich dabei ertappe. Und zwar so richtig und immer heftiger, je mehr ich mich mit dem Thema Vorurteile beschäftige. Die Schubladen sind nämlich großer Mist. Wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht zu sorgen. Das victim blaming folgt unmittelbar auf die schlechte Lebenssituation.
Asozial ist man nicht. So als Ist- Beschreibung und per se. Man findet sich manchmal in Lagen wieder, die nicht ideal sind: arbeitslos, obdachlos, arm, krank, alleine. Und dafür wird man in unserer Gesellschaft dann noch an den Rand gestellt und ausgegrenzt. So als wäre man dafür selbst verantwortlich, was geschehen ist und als ob das nun für immer so wäre. Am Rand steht man schnell und bleibt dort für lange Zeit. Und muss sich irre anstrengen, um wieder rein zu kommen. Ich habe Jahre und knapp 100 Kilometer Entfernung gebraucht.
Aber asozial bezeichnet keinen Zustand, sondern ein Verhaltensmuster. Und das, so  muss ich leider sagen, haben vermeintlich gesellschaftlich Etablierte ganz schön oft in ihrem Repertoire.  Es ist asozial Müll aus dem Auto zu werfen, in der Nähe von Kindern zu rauchen, das Kindergeld zu versaufen, zu verzocken oder zu verqualmen oder aus Faulheit keiner Arbeit nachgehen zu wollen. Es ist asozial, nicht nach den eigenen Möglichkeiten, der Allgemeinheit etwas vom Guten, das man erhält, zurückzugeben. So weit so gut. Seine Kinder vor anderen verbal bloß zu stellen, ist aber auch asoziales Verhalten. Genauso asozial wie sich etwas zu erschleichen, das einem nicht zusteht. Es ist auch ein zutiefst asoziales Handeln andere bewusst klein zu machen, zum Beispiel durch das obszöne Zurschaustellen der eigenen Wohlstandes, durch das Herabwürdigen der individuellen (vielleicht im Vergleich mit anderen geringeren) Leistungen einer Person oder das Fixieren des Anderen auf einen Lebensbereich, der nicht der Norm entspricht.
Um in der Lage zu sein, andere überlegt verurteilen zu können, muss man durchaus mehrmals hinschauen. Die Gleichung kinderreich= asozial, arbeitslos= asozial oder geschieden= asozial und laut=überfordert (oder was man auch sonst immer im Kopf hat) geht nicht immer auf. Je besser man hinschaut, desto seltener wird man anderen dieses Attribut zusprechen dürfen und sich im Gegenzug selbst häufiger schämen müssen, weil man so unreflektiert das Leben anderer bewertet hat. Wenn man tiefer blickt,  kann man nur noch sehr sehr wenig verurteilen.