„Das ist nicht gut“ -Lamasus auf dem Heimweg

Gestern war ich mit dem Kinderwagen unterwegs. Auf dem Rückweg, 800 m von zu Hause entfernt begann Babylama zu weinen. Ich legte den Turbo ein, um rasch nach Hause zu kommen, und dort genauer nachzuforschen. Eine Frau verlässt ihr Haus und sieht abschätzig zu mir herüber. Sie murmelt etwas vor sich hin, schüttelt den Kopf, murmelt lauter. Ich frage nach, was los ist. Sie antwortet, dass es nicht gut sei, dass das Baby weint und erklärt mir auf Nachfrage, das Baby habe Hunger und brauche Essen. Die Erklärung, das ich nach Hause unterwegs sei, um falls das der Fall wäre, Essen zu geben, lässt sie nicht gelten. Das Schreien sei nicht gut, ein Schnuller sei nötig.  Mit diesen Worten biegt sie in die örtliche Förderschule ein.
Ich gehe nach Hause, verschämt das Baby auf dem Arm und breche zuhause in Tränen aus.
Die Belehrung der Unbekannten gibt mir den Rest, da es mir ohnehin sehr schlecht geht und ich mir selbst darüber im Klaren bin, dass Babyschreien nicht sein soll. Wir hatten am vorhergehenden Tag Kindtaufe im Haus. 16 Personen im Haus, ab 12.30 Uhr Essen, Kaffee, Kuchen, Abendbrot. Seit Freitagabend war die Patin des Babys zu Besuch, da sie von weiter her kommt. Wir hatten sie nach dem Kitagang und einem Fütter- und Wickelumweg nach Hause eben zum Zug gebracht. Ihr geht es aktuell nicht sehr gut, die Abende waren daher neben Haushalt und Taufvorbereitung von Gesprächen darüber bestimmt gewesen. Meine ohnehin für mein Bedürfnis zu geringe Schlafenszeit wurde noch geringer, auch die Schlafqualität hat weiter abgenommen. Das Vorbereiten, Putzen, Abstauben, Geschirr umhertragen usw. plus der Großeinkauf am Vortag, haben mich sehr geschlaucht. Parallel dazu Alltag und Haushalt, Wäsche, Bügeln… Meine Nerven sind sehr dünn. Minilama hat sich am Tauftag innerhalb von 10 Minuten gleich zwei Mal verletzt, einmal ist es sogar mit dem Kopf gegen den Heizkörper gefallen. Zum Glück bleib nur der Schreck. Die ersten Gäste kamen als ich Zwilling  gerade komplett entkleidet hatte, um Anzug/ Festkleid anzuziehen. Nudeln wurden parallel zum Sektempfang gekocht, ich bin sehr nervös geworden. In solchen Situationen tun meine Hände nicht, was sie sollen, ich schlage Butter statt Sahne (bei der Hochzeit vor einigen Jahren. Dabei war dann zu allem Überfluss auch so ein Triggermoment), ich werfe Kuchenstücke um (immer), ich lasse was überkochen oder anbrennen. Und die Menschen, die neben mir stehen, wissen im Nachhinein immer, immer viel besser, wie man das machen sollte. Ein Grund, warum ich so allgemein nicht gut drauf war, was, weil mich ein unerwartetes Ereignis so unvorbereitet getroffen hat, dass ich maximal davon getriggert wurde – und wieder mal zum 10 jährigen Mädchen  wurde – im Erwachsenenkörper mit der Verantwortung für eine Familie natürlich. Es ist mir nur mit maximaler Anstrengung gelungen, den Festtag einigermaßen gut über die Bühne zu bringen. Als die Zwillinge dann fast die Taufkerzen auf das Bodentuch geworfen hätten und wie die Irren mit dem Schellen schellen wollten, kam es mir so vor als wäre ich völlig kraftlos. Als wir Bilder machten und es nur noch war wie im schlechten Film (mit motzigem Minilama, das wütend auf den Stufen vor uns sitzt und  das Akku der neuen Kamera meiner Schwiegermama leer war und wir Handyfoto machten – während meine Mama Teile der Taufgesellschaft wieder in die Kirchen hinein bat und der Opa versucht beide Zwillinge auf dem Arm zu balancieren, weil die nur, nur nur, mit Gong und Schelle spielen wollen. Zur Not würden sie aber auch das Taufbecken leer trinken), lächelte ich nur grenzdebil. Vor der Tür dann noch ein weiteres Erlebnis, das gut mit meiner aktuellen Stimmung passte und ich war völlig daneben. Dann gab es Kuchen. Ich habe an dem Tag so gut wie nichts gegessen, kaum getrunken. Mein Kreislauf spielte total verrückt und die Hitze tat ihr Übriges.
Am Montag transportierte ich zusätzlich zu den Kindern noch 50 Süßigkeitenbeutelchen und drei Gurken in die Kita. Der Kinderzucker ist eine Tauftradition hier und Obst oder Gemüse  muss jeden Montag sein, Da ich Unterstützung von der Patin hatte, gingen beide Zwillinge zu Fuß und die Süßigkeiten liegen im Kinderwagen neben dem Baby. Die Kinder waren wegen der neuen Situation aufgekratzt und gefährlich unterwegs. Einer lief schon aus der Tür während wir noch was anderes machten – ich hatte aus Nachlässigkeit nach dem Fahrrad holen für Minilama nicht abgeschlossen. Schon an der Schule, knapp 500 Meter vom Haus entfernt, konnte ich nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, weil ich einfach völlig überfordert mit den wie Hunde spielenden Kindern war. In der Kita brauchte ich knapp 25 Minuten bis alle entkleidet, gecremt, gewickelt und verabschiedet waren und die Tütchen in die Gruppen drapiert waren. Minilama hatte sich unterdessen im Gebüsch versteckt und musste gesucht werden, weil ich mich richtig  verabschieden wollte. Auch hier verlor ich fast die Fassung. Fast den ganzen Hin- und Rückweg trug ich Babylama auf dem Arm, weil es laut schrie. Zuhause trank es dann ein Fläschchen und bekam eine frische Windel, ich setzte einen eine Maschine Wäsche an und trug die erste ins Erdgeschoss, brauche den Mülheimer hinters Haus und noch solche Dinge mehr
Wir gingen zum Bahnhof und die Patentante verabschiedete sich. Zeit seit dem großen Fläschchen 45 Minuten. Auf dem Rückweg vom Bahnhof sackte mir der Kreislauf völlig weg. Ich sah Doppelbilder und weiße Strukturen. Ich hatte mir was zu trinken mitgenommen, auch weil ich wieder Blasenentzündungsymptomatiken hatte. Das kommt bei mir vom Beckenschiefstand, verursacht aber starke Schmerzen. Und dieses Mal könnte es ja echt eine organische Sache sein, denke ich mir jedes Mal. Ist aber auch ein Stressding und tritt entsprechend  dann auf, wenn ich mich nur schlecht selbst regulieren kann.  Mein Kopf drehte sich, auch weil es gegen 10 Uhr war und ich nichts gegessen hatte. Und gestern ja auch nicht genug. Alles eher ungut und sollte nicht passieren.
Knapp 800 Meter von zuhause, um den Kreis nun zu schließen, beginnt das Baby abermals zu weinen. Und ja: Ich bin maximal gestört davon. Ich bin nicht (mehr) in der Lage, mich liebevoll zuzuwenden und das Baby auf dem Arm nach Hause zu tragen und das Kinderwagen in der anderen Hand zu schieben. Meine Regel daher: Das Baby wird jetzt nicht angefasst, ich bin zu aufgewühlt. ich kann es nicht beruhigen, das kenne ich schon und wenn ich es jetzt nehme, werde ich nur noch nervöser. Und das mit nur einer Hand und strampelndem schweren Baby ist mir zu heiß. Ich mag nicht, dass das Baby weint, das betone ich. Ich bin keine emotionslose Asi-Mutter, der das Kind egal ist. (Falls es so etwas überhaupt gibt) Im Gegenteil. Natürlich nervt das Weinen mich und macht mich auch aggressiv, aber noch mehr tut mir das Weinen leid. Und weil es mir gerade nicht gut geht, absolut nicht, macht das Weinen noch mehr mit mir: Es zeigt mir deutlich an, was ich für eine schlechte Mutter bin, wie minderwertig und schlecht ich bin. Dass ich falsche Prioritäten habe. Lieber ein Fest ausrichte als ganz fürs Baby da zu sein. Und auch dabei habe ich einen Fauxpas gemacht, weil ich nicht die Paten der Großen eingeladen habe. 14 Personen sind das mit Familien. (Dann wären wir bei 30 gewesen.) Das gehört sich normal so, aber ich konnte es nicht. Es war mir zu viel, ich konnte es nicht und habe daher die Reißleine gezogen und ich befürchte, dass ich einige davon damit verprellt habe. Ich hätte doch wenigstens zur Taufe selbst und zum Kuchen später laden können, denke ich ständig. Das wäre doch sicher gegangen. Ich überlege, wann wir ein reines Patenfest machen könnten und wie das aussehen sollte. So super teuer kann es aber nicht werden, da wir den Keller aufwändig sanieren müssen und ich durchs Elterngeld massive Einbußen habe, was mich derzeit immer wieder mal beschäftigt.
Gedanklich dreht sich alles und ich versuche, wirklich mit letzter Kraft, das Kind aus der unguten Lage, dass es draußen ist und weinen muss, weil es hier nicht über eine längere Zeit liebevoll gekuschelt werden kann, zu befreien. Meine Kinder lassen sich nicht durch 5 Minuten kuscheln und dann wieder in den Wagen legen beruhigen. Die werden richtig wütend, wenn man sie dann wieder ablegt und man ist wieder am Anfang angekommen, nur dass man total entkräftet vom Tragen ist und das Kind noch wilder weint. Insofern entschiede ich so kompetent es mir in dem Moment möglich ist, wie ich vorgehe. Ich gehe wirklich schnell, um heim zu kommen.
Dann wie schon berichtet, verärgert mein Verhalten eine Fremde. Sie wirft mir mehrere Dinge vor:

  • Ich kümmere mich nicht gut genug ums Kind – sonst würde es nicht weinen.
  • Ich weiß nicht, was das Kind braucht – sonst würde es nicht mehr weinen.
  • Ich bin derart unwissend und kenne mein Kind nicht, dass ich Hilfe von außen brauche – das Kind hat nämlich Hunger, eindeutig.
  • Ich gehe falsch mit dem Kind um-  es ist schlecht, dass das Kind weint und ich tue nichts, damit sich das ändert. (Was ja leider auch in großen Teilen stimmt, da ich ja wirklich zu sehr mit mir beschäftigt bin, um mich dem Kind gut zuzuwenden. Und da es mir schlecht geht, steige ich zumindest emotional auf die Kritik zu 100 % ein und denke gar nicht drüber nach, wie unpassend das grade ist)
  • Ich brauche daher Anleitung von außen – ich soll das Kind jetzt füttern. Aber – und das zeigt doch wie dämlich und böse ich bin: ich mache es einfach nicht.
  • Und da wird es persönlich: Entweder bin ich zu unorganisiert und zu nachlässig, dass ich nichts fürs Kind dabei habe oder, was eher deutlich wird: ich bin nicht in der Lage, das Kind jetzt und hier zu nähren. Da es der Frau egal war, dass ich nichts dabei hatte und deshalb nach Hause wollte (nicht vergessen: das Kind hatte keinen Hunger – auch 2 Stunden später hat es noch nicht wieder getrunken und es regt mich auf, dass viele Unbeteiligte  immer meinen, dass Kinder immer und ausschließlich Hunger haben, wenn sie schreien), ging ich davon aus, dass sie wollte, dass ich hier und jetzt meinen Hängebusen entrolle und das Kind so wie es im Wagen liegt, stille. Sie scheint, ihrer Körperspannung nach zu urteilen, mehr als bereit zu sein, das hier und jetzt zu übernehmen. Und das hat mich mehr als verletzt. Denn: Ich kann es leider nicht. Ich bin dazu nicht in der Lage. Was das angeht (und wie man ja sieht in vielen, vielen anderen Bereichen auch), bin ich eine absolute Versagerin. Ich bringe es nicht. Normalerweise kann ich mein Versagen und was das mit mir (noch immer) macht, gut verstecken. Aber wie gesagt, nicht die Erwachsene war unterwegs, sondern ich fühlte mich ohnehin gerade sehr, sehr klein. Und dann on top noch der dezente Hinweis darauf, dass ich doch nicht mal das Selbstverständlichste kann.
  •  Und am Ende, so als Raustreter: Ich bin absolut beschränkt und inkompetent: Wenn ich schon das Einfachste nicht hinbekomme, sollte ich doch wenigstens einen Schnuller dabei haben. Wenn das Kind weint, muss es einen Schnuller haben. Und noch nicht mal das kriege ich hin. Ich habe diese Frau sehr verärgert. Und jetzt muss sie in die Förderschule nach einem ihrer drei Kinder sehen. Sie hat nämlich Ahnung.

Das war dann doch zu viel für mich.

 

 

Geburtsbericht – sekundärer Kaiserschnitt nach Blasensprung bei BEL wegen Gefahr eines Handvorfalls – sehr gut begleitet

Babylama ist etwas über eine Woche alt und wir sind schon ein paar Tage daheim. Ich lese gern andere Geburtsberichte und fand auch das Schreiben der Berichte meiner drei anderen Kinder sehr heilsam (klick, klick). Und dieses Mal gibt es auch wieder was zu erzählen. Jede Geburt ist anders. Klingt so abgedroschen, habe ich auch erst etwas belächelt, aber wer meine Erfahrungen durchliest, wird den Satz bestätigt sehen.
Unser Babylama lag seit Dezember in Beckenendlage (BEL). Je öfter das Kind so lag, desto mehr sprach der Frauenarzt davon, dass eine persistierende BEL vorliegt und dass ich die indische Brücke machen sollte, moxen und mit einem Glöckchen den rechten Weg zeigen. Ich habe das alles auch brav gemacht, war beim Moxen und der Akupunktur und auch einige Male zur Absprache im Geburtskrankenhaus meines Vertrauens. Ich konnte mich nicht damit abfinden, dass ein primärer Kaiserschnitt gemacht werden sollte. Und je öfter ich mit Ärzten und Hebammen sprach, desto deutlicher wurde, dass ich das auch nicht musste. Das Baby erfüllte die Voraussetzung einer vollständigen BEL und ich als Mehrfachgebärende bin durchaus in der Lage ein Kind auch mit dem Po als erstes zu entbinden. Der Oberarzt machte mir, ähnlich wie vor 2,5 Jahren bei den Zwillingen, Mut, auch einer eher unüblichen Geburtslage mit Mut zu begegnen. Und er versicherte mir, dass er und sein Team die Sache gut im Blick halten würden. Vor 2 Wochen, in der 36 SSW vereinbarten wir daher einen weiteren Termin in der 38. SSW, um gemeinsam eine Einleitung zu planen und einen spontanen Geburtsversuch. Ich habe mich wochenlang mit der Geburt aus BEL beschäftigt und immer mehr das Selbstbewusstsein bekommen, dass ich das schaffen kann, will und auch werde. Wenn von Seiten des Babies alles ok ist. Eine Gefahr für den kleinen Wurm wollte ich nicht riskieren, nur damit ich vor mir und anderen sagen kann, dass ich eine spontane Geburt hatte. Auch wenn ich das natürlich sehr gerne wollte. Nach der ganzen Arbeit, die Minilama und die Zwillingslamas geleistet hatten, war ich im Grunde von nichts anderem als einer spontanen Geburt ausgegangen und die Klinik hatte sich schon um Blutkonserven für mich bemüht, für den Fall, dass nach der Geburt der Plazenta wieder eine atone Nachblutung und ein Zervixriss auf mich zukämen. Der Eisenwert war wirklich top und dem Versuch stand nichts im Wege.
Ich habe mich in dieser Schwangerschaft auch erstmals ernsthaft mit dem Thema Kaiserschnitt auseinandergesetzt und auch bei der Anästhesieaufklärung zum ersten Mal richtig zugehört und Fragen gestellt.
Bei 36+5 war beim Frauenarzt alles völlig unauffällig, keine Wehen, dem Kind ging es gut. So starteten wir in die närrische Woche, die besonders Minilama total klasse findet. Ich hatte Unterstützung durch meine Mutter (beim Kinderkarneval) und Alphalama (die kompletten Fastnachtstage). Der Bauch war immer schön weich, ich habe mich viel hingelegt und hatte zum ersten Mal seit Wochen keine Angst davor, dass es jeden Moment losgehen könnte. Die Tasche stand gepackt an der Tür, der Kindersitz stand ebenfalls bereit. Ich ging davon aus, an Aschermittwoch mit meiner Mutter zusammen erneut in die Klinik zu fahren und für 38+0, also den darauf folgenden Montag, einen Termin zur Einleitung zu bekommen. Entsprechend habe ich mich auch mehr bewegt als die Wochen zuvor. Anders als bei meinen anderen Schwangerschaften war in der 37. SSW der Muttermund noch komplett verschlossen und auch keine Wehen zu sehen. Ich hoffte, dass die Bewegung ein bisschen Action bringen würde und ich vielleicht schon mit einigen Zentimetern geleisteter Arbeit im Krankenhaus ankommen könnte. Am Rosenmontag machten wir mit den Kindern einen kleinen Spaziergang durch den Schnee und genossen den örtlichen Umzug. Nach einiger Zeit hatte ich kalte Füße und ging heim, um mich auf der Couch auszuruhen. Der Abend verlief total harmonisch, wir aßen zufrieden zusammen Abendbrot und die Kinder gingen fröhlich schlafen. Alphalama und ich verbrachten den Abend gemütlich auf der Couch und ich begann mit dem Film Kammerflimmern. Der gefällt mir richtig gut und ich sah 35 Minuten bis ich wegnickte. Als wir gegen 10 Uhr ins Bett umziehen wollten, spürte ich einen verdächtigen Schwall in der Unterhose. Es war aber nicht viel und ich versuchte mich zu beruhigen. Was mir allerdings gar nicht gelang und so stand ich mit Schüttelfrost im Wohnzimmer herum. Da aber nichts nachlief und auch kein Blut zu sehen war, entschied ich mich für Fehlalarm und legte mich schlafen. Das klingt jetzt natürlich einfacher und cooler als es war. Als gegen 1 Uhr das jüngere Zwillingslama nach uns rief, entschied ich mich für einen Gang auf die Toilette, um nachzusehen, was denn nun ist. Das Ergebnis war diesmal eindeutig. Die Vorlage war völlig durchnässt und ich rief nach Alphalama. Dieses Mal bekam er eine leichte Panik, ich war zum Glück gefasst. Wir vereinbarten, uns im Wohnzimmer zu treffen. Ich griff meine Kleidung, legte mich im Wohnzimmer auf die Couch und rief im Kreißsaal an. Da wir dort schon bekannt sind und auch schon mehrmals in dieser Schwangerschaft vor Ort gewesen waren, war das Gespräch sehr schnell auf der Ebene „ach ja, Frau x, alles klar. Blasensprung. Dann kommen Sie bitte direkt und liegend, das ist mir bei der BEL lieber.“ Ich zog unterdessen liegend meine Sachen an und rief den Krankenwagen. Doof war, dass Rosenmontag Nacht war, sagte auch die Frau an der Leitstelle. Der örtliche RTW war aktuell im Einsatz, es würde etwas dauern. Ich versicherte, dass das OK sei, da nicht groß Fruchtwasser nachgelaufen war, da es klar war und kein Blut dabei war. Alphalama rief seine Eltern an und klingelte sie aus dem Bett. Sie machten sich umgehend auf den Weg, um Alphalama daheim abzulösen, damit er dann nachkommen konnte. Die Kinder kriegten von der Wallung zum Glück gar nichts mit. Kaum 5 Minuten nach dem Anruf beim Notruf klingelte es unten. Ich ging zügig die Treppen runter, zog sitzend im Eiltempo Schuhe und Mantel an und bat darum, dass meine Kliniktasche mit eingeladen wird. Die Sanitäter waren zuvor zu einem Notfall gerufen worden, der dann doch keinen Transport in die Klinik nötig machte und da die Rosenmontagsfeierlichkeiten in unserer Straße stattfinden (ein Hoch auf dieses zentral gelegene Haus), waren sie danach in 20 Sekunden bei uns gewesen. Witzig fand ich den Sani, der fragte: „Sind Sie sicher, dass es ein Blasensprung ist?“ Nun ja, sicher ist man ohne Teststreifen nie… Mir wurde etwas warm, denn ich bekam Angst, dass ich den Einsatz bezahlen müsste, wenn es ein Fehlalarm wäre.
Ich wurde binnen 10 Minuten in mein Wunschkrankenhaus gebracht. Ich war zum Glück so bei mir, dass ich einigermaßen verständlich erklären konnte, dass nicht das nächst gelegene Klinikum (wo Minilama auf die Weg geprügelt wurde) auf mich wartet, sondern das Perinatalzentrum Level 1, 5 Kilometer weiter stadteinwärts und dass das bei mir wegen der Vorbefunde x und y auch nötig sei (und natürlich meiner psychischen Konstitution deutlich einträglicher, was ich aber verschwieg). Ich wurde dann liegend in den Kreißsaal gebracht, auch weil es praktischer war als mich nochmal loszuschnallen und witzigerweise dort direkt von meiner Nachsorgehebamme begrüßt. Ein schöner Zufall. Sie regelte alles mit den Sanis und ihre Kollegin machte den Test (es war Fruchtwasser, ich war erleichtert, dass ich keine 800 Euro zahlen musste und beunruhigt, weil ich bei Minilama den Blasensprung sehr unangenehm und auch richtig eklig fand. Mit Ekelgefühlen gebiert sich nur leider schlecht.) und legte mich ans CTG. Bei der Untersuchung meinte sie, ein kleines Teil (Hand oder Fuß) zu spüren, war sich aber nicht sicher. Ich machte mir keine weiteren Gedanken darüber, zumal bei der letzten Untersuchung die BEL vollständig und die Beine oben waren (An die Hand habe ich wirklich nicht gedacht). Ansonsten fand sie den Befund noch sehr unreif. Keine Wehen auf dem CTG, der innere Muttermund war ein kleines bisschen offen, mehr nicht. Gleiches Bild wie beim Frauenarzt wenige Tage zuvor. Ich bekam ein bisschen Angst, dass die Geburt dadurch ziemlich lange dauern würde. Man sagt ja 1 Stunde – 1 Zentimeter. Und ich war ja schon 3 Stunden mit dem Blasensprung unterwegs (sei 22 Uhr). Die Hebamme erläuterte mir das Vorgehen beim Blasensprung. Also, dass regelmäßig Blut entnommen würde, um zu sehen, dass sich keine Infektion ausbreitet und dass ich um 10 Uhr morgens dann eine Antibiose bekommen würde. Und auch, dass manche Frauen wochenlang mit einem Blasenriß im Krankenhaus sind. Ich war also wirklich beruhigt. Nach der Panikattacke um 22 Uhr hatte ich wieder zu einer gewissen Ruhe gefunden. Das fand ich auch wichtig und arbeitete ständig an mir – für die Geburt wollte ich ja meine Kräfte aufsparen und nicht fürs Ausrasten über „ungelegte Eier“. Der Kreißsaal war leer, ich fand die Atmosphäre wie immer angenehm und telefonierte kurz mit meiner Mutter. Alphalama hielt mich auf dem Laufenden, was die Entwicklungen daheim anging. Ich döste ein bisschen am CTG. Keine Wehen, aktives zufriedenes Baby.
Die Gynäkologin untersuchte mich danach wirklich aufmerksam per Ultraschall und bestätigte, dass die Füße oben seien, die Versorgung beim Baby gut und dass alles gut aussehe. Sie erlaubte mir, mich zu bewegen wie ich will und versicherte mir, dass auch, wenn die Geburt nun sehr schnell anstehen würde, Ärzte im Haus seien, die eine Geburt aus BEL begleiten. Das war auch eine Frage gewesen vorher: Wenn ich ungeplant vorbeikomme, so der Oberarzt, kann es sein, dass der verantwortliche Arzt diese Geburt nicht riskieren will. Aber es war alles gut. Nach dem Setzen der Braunüle und der Blutentnahme war Alphalama schon angekommen und wir gingen aufs Zimmer. Die Hebamme empfahl das Ausruhen, was ich auch sinnvoll fand. Es gab kein Einzelzimmer, ich kam in ein Doppelzimmer. Das war im Nachhinein aber richtig gut und ich bin froh darum. Ich hatte am Ende noch 1,5 Tage alleine in dem Zimmer und außerdem war die Bettnachbarin sehr nett und hatte freundlichen Besuch. Sonst hätte ich mich dieses Mal vielleicht alleine gefühlt im Zimmer. Und dass ich nicht den Einzelzimmerzuschlag zahlen muss, freut mich aktuell natürlich auch sehr. Das Geld kann ich nun sparen.
Nach dem Frühstück sollten wir wieder in den Kreißsaal kommen. Ich war nervös und wollte eigentlich gar nichts essen, sondern nur runter. Das wunderte mich schon, denn bei Minilama bestand ich vehement auf mein Frühstück – und ich hatte auf dem Zimmer ganz starke Eröffnungswehen. Dieses Mal war da mit viel guten Willen immer wieder mal ein leichtes Ziehen. Ich stellte mich also auf einen langen Tag ein. Minilamas Blase war um 0:00 geplatzt und es war um 10:10 geboren (wobei das auch hätte schneller gehen sollen und können) – diese Geschwindigkeit schminkte ich mir schon mal ab. Und der Stress wegen des Blasensprungs war schon deutlich in meinem Nacken. Ich hatte Angst vor einer Infektion. Und außerdem war der Blutdruck 130: 91 und ich machte mir Sorgen wegen einer Gestose. Die Zeit vor dem Gang in den Kreißsaal war definitiv von Angst und leichter Panik geprägt. Unten im Kreißsaal waren sie verwundert, dass ich schon so früh da war. Ich hatte ein ungutes Gefühl und wollte dort unter Aufsicht sein, das sagte ich der Hebamme auch ganz deutlich.
Ich kam ans CTG, das wieder unauffällig und wehenlos war. Ich wurde etwas angespannt, langer Tag und so. Dann untersuchte die Hebamme und wurde ruhig. Sie meinte, die Hand getastet zu haben. Der motivierte Oberarzt, der mit der Untersuchung rausfinden wollte, ob Gel, Tropf oder Tabletten zur Einleitung besser geeignet wären, spürte ebenfalls deutlich die Hand. Sie lag unter / vor dem Po des Winzlings. Er war sichtlich enttäuscht, ich glaube, er wollte den Assistenzärzten (die auch später im OP und so um die Geburt herum reichlich anwesend waren) gern eine Geburt aus BEL zeigen und aus erster Hand vermitteln, wie das für die Geburtshelfer abläuft. Das hat er auch später als er auf Station kam, um zu schauen, wie es mir geht, noch mal gesagt. „Endlich mal jemand, die sich traut, aus BEL zu entbinden und dann sowas.“
Er zeigte mir dennoch noch zwei Optionen auf. Ich könnte probieren, wie sich alles unter Wehen entwickelt, vielleicht könnte man die Hand dann zurückschieben oder wir könnten direkt einen sekundären Kaiserschnitt ansetzen. Ich hatte also eine Wahl, das finde ich nach wie vor total gut. Die Entscheidung stand aber schon vorher fest: Kein Risiko fürs Kind. Ich wollte unter keinen Umständen eine Plexusparese riskieren und auch nicht Gefahr laufen, dass das Kind stecken blieb und dass ich schwere Geburtsverletzungen davontrage. Bei BEL ist wohl ein Dammschnitt häufiger nötig, den der Oberarzt „Entlastungsschnitt“ nannte. Und ja, ich gebe zu, dass ich vor Dammverletzungen eine extreme Angst habe, gerade, weil ich weiß, wie die eigentlich kleinere Verletzungen bei Minilama mich körperlich und psychisch belastet haben und dazu geführt haben (unter anderen), dass ich mit dem Baby nur sehr wenig Kontakt hatte, was ich aus heutiger Sicht extrem bedauere.
Ich entschied mich also vermeintlich tapfer für die sichere Variante und bekam nochmals eine genauere Aufklärung. Unterdessen rief Alphalama meine Mama an, damit sie sich umgehend auf den Weg macht. Das war vorher abgesprochen. Bei einer OP wollte ich, dass sie in den Stunden danach nach mir sieht, nach den Infusionen schaut, Schwestern ruft, mir Feedback darüber gibt, ob alles OK ist usw. Der Termin wurde ständig verschoben. Innerhalb von 5 Minuten wurde aus „früher Nachmittag“ dann „um die Mittagsstunde“ und „jetzt“. Ich fand das super, denn ich wollte keinen Leerlauf mehr haben. Die Ärzte wollten keine Infektion riskieren und meine arme Mama kam daheim bei einer Anfahrt von knapp 1 Stunde (und noch Berufsverkehr) und der Tatsache, dass sie noch gar nicht auf die Reise gerichtet war, sondern vielmehr unterwegs zur Arbeit, etwas ins Schleudern. Es war aber alles kein Problem, da sie im Endeffekt 5 Minuten vor mir im Kreißsaal ankam und so gar keine Wartezeit hatte und alles perfekt gepasst hatte.
Die OP Vorbereitung war sehr wertschätzend, die Hebamme aus dem Kreißsaal erklärte mir alles in Ruhe, die Narkoseärztin war sehr zugewandt und machte sich sichtlich Mühe, eine gute Einstichstelle trotz meiner Skoliose zu finden, auch die Ärztinnen waren nett und taten alles, um mich zu beruhigen und mir das Gefühl zu geben, dass alles völlig normal läuft und gut werden wird. Ich ließ mich ganz bewusst darauf ein, entspannte mich so gut es ging, atmete in den Bauch, um den Kreislauf nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Alles in allem wirklich kein Grund für ein negatives Zurückdenken an die Situation.
Die Narkose war nicht angenehm, aber auch nicht unaushaltbar schmerzhaft und wirkte rasend schnell. Der Po war nahezu sofort eingeschlafen und die Füße kribbelten auch rasch. Dann ging es auch Schlag auf Schlag. Ich fragte nach Alphalama, der just in den Moment auch schon erschien, der Sichtschutz stand, ich wurde einjodiert, der Oberarzt kam, Daten wurden abgeglichen usw. Dann vergingen keine 3 Minuten und Babylama schrie kräftig. Sofort wurde im Wundbereich abgesaugt und das gurgelnde Geräusch machte mir Angst. Als das Baby gesund auf der Welt war, bekam ich mehr oder weniger umgehend große Angst um mich. Das kenne ich auch von den anderen Geburten. So abwegig ist es auch nicht, so zu fühlen, denn bisher habe ich immer stark geblutet. Auch beim Kaiserschnitt hat es mehr geblutet als üblicherweise, sagte der Oberarzt später. Dadurch, dass mein Kopf etwas weiter unten lag als der Rest, wurde es mir kreislaufmäßig schlecht. Ich sprach das sofort an und die Narkoseärztin reichte mir eine Sauerstoffmaske , die sie schon vorsorglich ausgepackt hatte. Die Sättigung stieg direkt an, die Ärztin erklärte mir ganz detailliert, wie sich die Werte entwickelten bzw., dass alles super aussehe und fragte auch nach, ob ich wieder gerader liegen dürfte. Währenddessen konnte ich das Baby die ganze Zeit angucken, denn die Hebamme zeigte es mir erst kurz, ging dann zu den Kinderärzten für die U1, die unauffällig war, wischte Babylama etwas sauber und blieb dann bis fast zum Ende des Nähens mit dem Kleinen an meinem Kopfende. Ich bestaunte das Kind und versuchte, mich zu beruhigen bzw. abzulenken von der OP Situation. Ich finde, es gelang mir auch ganz gut, denn ich hatte danach keine Absacker mehr. Kurz bevor die Narbe fertig vernäht war, verabschiedeten Alphalama, die Hebamme und Babylama sich und gingen zum Kreißsaal. Das war für mich völlig in Ordnung, ich denke auch, weil ich mir das vorher immer wieder klar gemacht habe, dass Babies nicht im Aufwachraum sein können, und ich wurde in den Aufwachraum gebracht. Sofort nach der OP hatte ich extreme Druckschmerzen im Bauchbereich, an Narbe und Rippen (kein Wunder, denn Babylama musste per Kristellergriff beim Runterrutschen unterstützt werden, was mir eine sehr schmerzhafte Rippenprellung einbrachte und ließ sich allgemein auch eher schlecht entwickeln aus dem Bauch). Noch im OP meinte der Oberarzt zu mir, dass der Versuch einer natürlichen Geburt eher unschön geendet wäre. Da ich über Schmerzen klagte, bekam ich im Aufwachraum (oder vielleicht schon in der OP Schleuse) noch einige zusätzliche Infusionen, die auch rasch wirkten. Ich erhaschte einen Blick auf meine Beine als sie umgelagert wurden und fand es total absurd, zu sehen, wie jemand sie zum Umlagern bewegt und dabei gleichzeitig absolut nichts davon zu spüren. Ich fand, sie sahen auch irgendwie gelblich und gar nicht rosig aus. Ich wurde mit einem warmen Handtuch zugedeckt, dann kam die Klinikdecke. Es war richtig angenehm. Die Pfleger schauten gut nach mir, unterhielten sich ein bisschen mit mir und prüften regelmäßig, wie weit die Narkose absank. Ich ruhte mich ganz bewusst aus und nahm mir auch innerlich die Zeit, die der Körper brauchte. Ich weiß, dass viele Mütter regelrecht drängeln, weil sie zum Baby wollen, aber ich hatte mir vorgenommen, einen Schritt nach dem anderen zu tun, damit ich nicht hinterher wieder einen zurück tun muss. Ich versuchte immer wieder, die Füße zu bewegen, es ging aber nicht, es dauerte bis fast 17 Uhr bis ich die Knöchel nach außen und innen drehen konnte.
Nach knapp einer Stunde waren die ersten Schmerzmittel durchgelaufen und durch neue ersetzt, ich war bis unter den Bauchnabel wieder unbetäubt und wurde abgeholt. Im Kreißsaal warteten schon Alphalama, Babylama und meine Mutter auf mich. Ich bekam das Kleine direkt und verbrachte noch eine längere Zeit im Kreißsaal bevor es dann ins Zimmer ging. Die Beine spürte ich gegen abend wieder, der Katheter wurde dann gezogen und ich konnte zum ersten Mal aufstehen und zur Toilette gehen. Ich hatte natürlich Schmerzen, war aber kreislaufmäßig stabil und konnte ohne weitere Hilfe meine Blase entleeren. Babylama blieb die ganze Zeit, die ich in der Klinik war, bei mir im Zimmer, die Schwestern kamen und brachten mir das Fläschchen. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, aber ich glaube, dass ich in der ersten Nacht nicht selbst gewickelt habe. Alphalama machte das abends kurz vorm Heimfahren und morgens dann nach dem Ankommen. Die übrigen drei kleinen Lamas waren an Veilchendienstag bei den Großeltern (da die Kita, wie immer, wenn wir wirklich mal Bedarf haben, geschlossen war) und wurden an Aschermittwoch direkt in die Kita gebracht. Abends holte Alphalama sie dann dort ab und brachte sie – wenn ich nicht die Tage absolut durcheinanderwerfe – mittwochs abends auch kurz mit in die Klinik, um das neue Geschwisterchen zu bestaunen. Ein liebevolles, wenn auch etwas wildes erstes Begegnen.
Das ist mein Geburtsbericht. Ich blieb auf eigenen Wunsch sechs Tage in der Klinik, eine sehr gute, kluge und weise Entscheidung, zumal am Abend vor der Entlassung wieder ein sekundärer Milcheinschuss (oder besser gesagt eben kein Milcheinschuss, sondern nur eine extreme Schwellung) auf mich wartete und ich auf diese Weise umgehend Hilfe hatte. Ja, Mehrgebärende genießen den Klinikaufenthalt und das Betüttelt werden wirklich in vollen Zügen, das merke ich mit jeder Geburt ein bisschen mehr.
Zum Wochenbett schreibe ich vielleicht die Tage noch was.

Babylamahöhle bei 37+5 2 Stunden vor der Geburt, maximale Ausdehnung. Ausgangsgewicht plus 12 Kilo (witzigerweise wie auch bei den anderen beiden Schwangerschaften)
Babylama daheim, 9 Tage nach der Geburt
Babylamahöhle 9 Tage nach der Entbindung, Ausgangsgewicht plus 5 Kilo, Tendenz fallend

Alltagsästhetik: Feine Backwaren

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

 

Das Auge isst mit, nicht wahr? Die Kinder waren außer sich und lecker waren die beiden auch noch.

Übungsphase

Aktuell übe ich mit den Zwillingen, wie man „selba“ im Dorf unterwegs sein kann. Die Kleinen sind in dieser „selba“ Phase und knatschen ordentlich los, wenn man vor lauter Geräuschkulisse und Seitengespräch überhört, dass das magische Wort gefallen ist. Ich liebe diese Autonomiephase sehr, denn unterstütze es, dass die Kinder so viel sie selbst können, auch selbst machen. Ich empfinde es als riesige Erleichterung, Kinder zu haben, die sich selbst die Jacke anziehen und ausziehe, die Loop und Mütze anziehen und die Interesse am Schuhe an- und ausziehen haben. Ich muss dazu sagen, dass meine Kinder dabei auch gleichermaßen ambitioniert wie begabt sind und mit minimalen Handgriffen der Unterstützung richtig gute Ergebnisse erzielen. Es macht auch Spaß, sie selbst machen zu lassen und ja, man spart richtig Zeit dabei, wenn das ständige Hinterherrennen und dompteurhafte Bändigen eines motzigen Kindes beim Ankleiden entfällt. Außerdem ziehen die beiden sich dann auch nicht mehr alles aus, was man ihnen zuvor angezogen hat.

Ich bin also voll dafür und finde es auch toll, dass man zunehmend mit ihnen reden kann. Wenn beide Eltern da sind, lassen wir ihnen oft die Wahl, wer die Windel wechseln soll oder wer die Zähnen nachputzt. Ja, sie putzen sich tatsächlich auch schon die Zähne selbst. Also spielen im Mund herum mit der Bürste. Aber sie lassen uns hinterher auch „nachputzen“, also sauber putzen ohne groß zu brüllen und spülen auch schön mit Wasser aus (ohne alles leer zu trinken). Wenn nur ein Elter da ist, ist wenn  Minilama Lust dazu hat, auch Minilamas Hilfe eine Auswahlmöglichkeit. Wir haben einen guten Zeitpuffer morgens und auch abends eingebaut, dann klappt dieses Vorgehen auch richtig gut. Und wir sind total konsequent, wenn Unsinn gemacht wird. Wer wegläuft und Unfug macht (in der Chaos-Einliegerwohnung aktuell ja auch gefährlich, weil vieles auf den umgekehrten Stühlen herumliegt. Wir arbeiten aber stetig dran.), wird in den Buggy gesetzt (also in den Buggy, den ich extra dafür gekauft habe. Das ist ein absolutes Billigding, nicht so recht straßentauglich, aber die Kinder kriegen den Verschluss am Sitz nicht auf, und zwar alle 3. Ein derart tolles Billigding gibt es echt selten.) und muss warten. In der Kita haben sie dafür Stühle und wohl etwas mehr Autorität, denn da stehen die Minis nicht mehr auf, wenn sie einmal drinnen sitzen. Mit uns wollen sie gern zanken und das geht leider nicht, wenn Gefahr im Verzug ist und/oder die Mama merkt, dass ihr gerade alles zu viel wir und sie geneigt ist, loszumeckern. Das soll ja nicht die letzten Momente vorm Kitatag bestimmen und daher helfen wir uns aktuell zur Not so aus. Parallel dazu äußern die beiden schon seit dem Sommer immer wieder den Wunsch, nicht im Buggy zu fahren, sondern selbst zu laufen. Auch hier rennen die Kinder offene Türen ein. ich merke, dass das Doppelbuggyschieben mich echt anstrengt, mit Baby. Außerdem sind unsere Kinder ja sehr  groß und entsprechend schwer. 14 Kilo wird jeder Zwilling sicher haben. Und obwohl wir einen guten Buggy haben und den auch neu gekauft haben. muss ich sagen: Das Ding ist echt am Ende. Ich würde das Modell trotzdem immer empfehlen, aber man muss einfach sehen, das wir im Schnitt 7 Kilometer am Tag mit dem Buggy fahren und das seit die Kinder 9 Monate alt sind (also seit sie sicher sitzen können), weil der Kinderwagen, den wir gebraucht vorher hatten, ein echtes Monster war und ich so froh war als ich das leichtere Modell nehmen konnte. Wir kaufen damit auch ein, also hängen kiloweise Einkäufe noch zusätzlich dran, Windeln und sonstiger Kitakram sowie Sportbeutel sowieso. Einige Male  war auch das Buggyboard mal angebracht und wenn es eng wird, mache ich auch die Hundeleine vom liebsten Leihhund am Griff fest. Der Buggy leistet Schwerstarbeit und auch die viel zu engen Straßen im Dorf belasten ihn zusätzlich. Wie heißen: Bekämen wir nochmal Zwillinge, wäre ein Neukauf über Kurz oder Lang angeraten. Das wir aber einen Einling erwarten, war ohnehin ein Anderskauf nötig, denn ihr könnt euch denken, wie Minilamas Kinderwagen ausgesehen hat als wir mit dem fertig waren. Da war ein Laufpensum noch höher, da das Kind nur im Wagen gut schlief und ich den Wagen nicht  in die Wohnung kriegen konnte. Den Wagen haben wir für 50 Euro als Zweitwagen verkauft und jetzt endlich mal was Solides angeschafft. Auch wieder gebraucht und auch wieder unter der Maßgabe weniger als 200 Euro. Mehr gebe ich nicht aus, bringt ja nichts. Ich bin mal gespannt, ob dieses Markenprodukt überzeugt. Einzelbuggies haben wir ja auch 2 Stück. Das Billigding und Minilamas Zweitwagen. Der erste Einzelbuggy verlor eines Tages nach zahllosen Kilometern ein Rad. Da haben wir umgehend einen Ersatzwagen gekauft, damals noch unter der Hinsicht, dass ein krankes Minilama oft so schwach war, das es dann gar nicht laufen konnte. Und zur Apotheke oder Kinderarzt oder einfach zum Lufttanken wollte ich unbedingt was Wendiges haben. Hat sich auch für einen kranken Zwilling schon bewährt und ich nutze den Wagen, der immer im Auto herumliegt aktuell gern zum Transport meines Einkaufs vom Parkplatz nach Hause (wir können ja schlecht am Haus halten und da wir eine Bank gegenüber haben, tun das Wildfremde gern und wir Anwohner haben dann das Nachsehen und müssen manchmal sogar warten und „bitte“ sagen, damit wir mit dem Kinderwagen ins Haus können/dürfen.) Am Anfang hatte ich immer den Doppelbuggy im Auto und habe die Kinder so in die Kita gebracht, wenn wir nicht ohnehin zu Fuß unterwegs waren. Bei Regen und Sturm habe ich erstmal den schweren Buggy aus dem Kofferraum geholt, aufgestellt und die Kinder reingehoben. Da war ich und auch der Buggy oft schon durchnässt bevor es richtig losging. Die Taschen konnten dann auch gut dran. Mit der Zeit habe ich mich – auch schwangerschaftsbedingt – dazu entschieden, es mit dem deutlich leichtern Einzelbuggy zu probieren. Der liegt im Auto, i ich fragt ab, wer heute will, dort rein, der andere läuft entweder an der Hand (ging oft super schlecht, auch weil der Wagen mit einer Hand so schlecht zu lenken war und ich keine Zeit hatte, Räder festzustellen) oder einer stieg hinten in den Korb (ist nicht erlaubt, da das Kind zu schwer ist, weiß ich, habe ich aber trotzdem gemacht und für die 100 Meter zur Kita ging es gut, da die Kinder so klug sind, sich aufs Metall unter dem Korb zu stellen.) Mittlerweile gehen wir eigentlich nur noch ohne den Buggy in die Kita, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind. Jedes Kind bekommt seinen Rucksack auf den Rücken, ich schnappe mir rechts und links einen Zwerg und wir überqueren die Straße. Die Kinder sind erstaunlich fit darin und laufen auch kaum noch weg. Hier sehe ich eine große Weiterentwicklung bei den Kleinen. Minilama kann das alles ja schon länger, Minilama fährt ja auch mit dem Rad oder Roller in die Kita ohne dass ich eine einzige Verkehrsinfo mehr geben muss. Wenn wir nur einen Einling als zweites Kind hätten, wäre ich sicher auch schon deutlich weiter. Aber auch die Herausforderung mit zwei Wuseln umzugehen während mehrere Baustellen vor, an und neben der Kita sind und ein echtes Verkehrschaos in der sonst ruhigen Nebenstraße herrscht, nehme ich an und spüre, wie ich täglich besser damit umgehen kann. Das ist ja im Grunde das Wesentliche: Die Kinder haben keine Probleme mit Situationen. Sie wollen die Welt entdecken. Das Problem sind die Eltern, die überfordert sind und selbst nicht wissen, was zu tun ist. Zumindest ist das bei uns so. Sobald ich akzeptiere, wie es ist und mir wirklich Gedanken mache, was die Kinder brauchen, was ihre Bedürfnisse sind und mich komplett darauf einstelle, wird es einfacher. Parallel dazu weiß ich und wissen die Kinder jederzeit, was geschieht, wenn sie die Grenzen übertreten. Denn da kann ich mit 3 Kindern und im Schwangeren Zustand keine Kompromisse machen. Wenn es gefährlich wird, müssen alle drei sofort auf mich hören, auch wenn ich nicht gleich eingreifen kann. Wer warum auch immer dazu gerade nicht in der Lage ist, verliert sein Laufprivileg.

Dieser Lernprozess läuft ungefähr seit Sommer, seit die Zwillinge zwei Jahre alt sind. Verstärkt ist meine Ambition, die Kinder hier vorrangig zu fördern dadurch, dass wir bald ein weiteres Familienmitglied haben, das definitiv im Einzelwagen gefahren werden wird und es auf dem Buggyboard maximal Platz für ein weiteres Kind gibt. Wenn möglich aber zumindest streckenweise für gar keines, denn der Weg zur Kita hat einige fiese Steigungen und meinem Beckenboden zuliebe wäre ich gern in der Lage, die Laufskills der Zwillinge genau dann abzufragen, wenn es Bergauf oder steiler begab geht. Zwilling 1 hat mehr Lust am Laufen und kann sich selbst aus dem Buggy lösen. Dieses Kind läuft also tendenziell öfters und ist deutlich weiter in der Verkehrssicherheit als Zwilling 2. Am Anfang haben beide alles angefasst, jede Hauswand befingert, jede Treppe in fremden Hauseingängen erklommen, jede erreichbare Klingel gedrückt jede erreichbare Hecke abgerupft, jeden Stock aufgelesen, auf alles damit geklopft, jeden Stein aufgesammelt, sind überall drauf geklettert. Das habe ich vielleicht 300 Meter ausgehalten bevor ich ein völliges nervliches Wrack war. Denn parallel dazu ist ja noch Verkehr auf der sehr engen Straßen und das nicht zu knapp un dich stelle mir andauernd die Frage, wie weit ich das Tun der Kinder laufen lassen kann ohne dass ihr Verhalten sozial unkonform wird. Unsere Kinderärztin hat uns mal so gesehen als sie mit dem Rad unterwegs war. Wir haben beim  nächsten Arztbesucht auch darüber gesprochen. Sie hat es von sich aus angesprochen, fand ich super. Sie hat mich bestärkt und in manchem auch entlastet, das fand ich sogar noch besser. Wenn man ständig die hysterische Irre  gibt, zumindest den Eindruck hat, dass man dauernd nur lautstark herummeckert und durch die Gegend blökt, tut es total gut, wenn man auch Bestärkung erfährt. (Letztens nannte mich eine andere Mutter sogar „gelassen“ angesichts all dessen, was um mich herum so los ist. Toll, aber leider unwahr.)

Diese Phase haben die Kinder (weitgehend) hinter sich gelassen und heben nur noch Kaugummis und Kippen auf, klettern an einigen erlaubten Stellen und springen nach wie vor mit Anlauf in jede Pfütze. Es bleibt also noch was zu tun.
Streckenmäßig sind beide top fit. Die 1,7 Kilometer sind konditionell kein Problem. Sie laufen die meiste Zeit, gehen ist nur zum kurzen Ausruhen vorm erneuten Laufen. Zwilling 1 geht deutlich besser am rechten Rand des Gehweges, Zwilling 2 kaspert für meine Begriffe allgemein noch zu viel, spielt Fangen, rennt zu nah  an die Straßenkante heran. Da fehlt es nicht nur an Übung, sondern auch an grundlegender Einsicht oder von mir aus auch an Gehorsam. Zwilling 2 geht daher nach wie vor meist nur den kürzeren Weg, kommt spätestens am Brunnen immer in den Buggy, weil er es irgendwie übertrieben hat, z.B. im trockenen Brunnen herumgematscht hat und Jacke, Hand und Gesicht völlig schwarz verdreckt sind – gern während ich Zwilling 1 die Windel wechsele, weil es einfach nötig ist grade.

Wir haben für alle Familienmitglieder gute Warnwesten angeschafft, damit wir auch im Halbdunkel gut gesehen werden und ich lasse die Zwillinge aktuell ungefähr auf halber Strecke aus dem Buggy raus, da ist ein relativ breiter Gehweg und die Kinder können den Rest des Wegs (bzw.-. eben bis zum Brunnen) schön bergab laufen. Zwilling 1 schafft regalmäßig die gesamte Reststrecke ohne mütterliches Meckern, muss nur am Weihnachtsbaum vom Schlagen gegen die Deko abgehalten werden und ist dann mit einer Klettermauer ablenkbar für weitere Schritte. Zwilling 2 braucht noch etwas mehr Beobachtung. Aber ich sehe gute Fortschritte und denke, die Kinder sind auf einem sehr guten Weg.

Heute war ein besonderer Morgen. An einer breiteren Straße hing Zwilling 1 schwer an meinem Buggy, Zwilling 2 lief vor und ich schaute mehr auf ihn als auf das Kind, das sicher und nah bei mir war. Plötzlich mitten auf der Straße Geruckel und Gebrüll von Zwilling 1. Da ich ungern mitten auf einer Straße stehenbleibe, sind wir erstmal an die Bushaltestelle gegangen, an die natürlich just in dem Moment ein Gelenkbus anfuhr. Und wie sich das gehört, mit ordentlich Geschwindigkeit und Kanten schneiden. Als ich die Kinder aus der Gefahrenzone bewegt hatte, wurde mir klar, dass Zwilling 1 seinen Schuh verloren hatte, mitten auf der Straße. Und ein Auto kam auf dieser Straße gefahren. Minilama befürchtete schon, dass es über den Schuh fährt. Ist zum Glück nicht passiert. Nass war die Strumpfhose natürlich trotzdem.
Später warf Zwilling 2 ein weihnachtliches Wichtelmännchen im Eingangsbereich der Kita vom Sockel, dessen Beinchen dann auf dem Boden zersprangen. Meine Bitte, das Männchen nicht anzurühren, hatte das Kind überhört. (Ich habe das natürlich in der Kita direkt gestanden, ist ja klar und drum gebeten, ein bisschen genauer die Handlungen dieses kleinen Wildlings zu beobachten. Dabei erfuhr ich noch die eine oder andere nette Überraschung in Bezug auf das, was meine Kinder gerade witzig finden.)
Zwilling 1 bekam dann noch eine frische Strumpfhose und Hose, Zwilling 2, wo ich doch schon dabei war, eine frische Windel (ich wollte nicht, dass er noch ewig drin rumsitzen muss, bis die Erzieherinnen ihre Wickelroutine gegen 8.30 Uhr beginnen) und beiden wurden noch sehr ausgiebig die Händchen gewaschen, die vom Fallen und Stolpern ganz dreckig waren. Am Waschbecken trafen wir dann noch eine andere Mama, die ihrem Kind beim Saubermachen half. Der Kleine war auf dem Weg vom Auto in die Kita in den Matsch gefallen…

Alltagsästhetik: Wilde Hühner

 

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

Nach langer Zeit wieder ein kleiner Kreativitätsanfall bei den fünf kleinen Lamas. Ein wenig eskaliert, aber sehr schön.
Auch Minilama konnte handfest mithelfen. Eine tolle Anleitung diese 3D Hühnchen.