Drei Jahre Zwillingsmama – Teil 3

Zusammenleben

Ich habe den Eindruck, dass ich ganz viel Negatives geschrieben habe, und das finde ich so schlimm. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, als seien Zwillinge eine Last, etwas, über das man traurig sein muss, ein Los. Ich versuche in meinen Berichten über unser Leben immer wieder den Fokus auf das Schöne, auf das Geschenk zu legen, das Kinder im Allgemeinen und Zwillinge im Besonderen sind. Ich schreibe immer wieder, dass wir uns Zwillinge gewünscht haben, das wir sehr glücklich mit ihnen sind, uns an ihnen freuen. Dass wir sie nie hergeben würden. Das stimmt auch alles. Ich fühle mich um nichts betrogen (wie eine Bekannte von mir), dadurch, dass ich zwei auf einmal bekommen habe, ich fühle mich beschenkt. Wirklich und wahrhaftig. Und ich würde wenn ich so in der Öffentlichkeit auf meine Kinder angesprochen werde, niemals ein schlechtes Wort über sie verlieren. Nein, es ist mir nicht zu viel, nein, man wächst an seinen Aufgaben, nein, es ist keine Last, nein, es ist nicht nur viel Arbeit, nein, wir haben uns gefreut als wir es erfahren haben, ja, das vierte Kind wollten wir, wir haben es uns von herzen gewünscht – und was ich sonst noch so alles gesagt habe auf irre Anfragen oder sonstige Kommentare.
Aber: ich bin natürlich nicht 24/7 die Supermutter, die man manchmal (selten) beim Domptieren ihrer Kinderschar an der Kasse, auf dem Spielplatz oder unterwegs sehen kann, die mit ihren Kindern im Schwimmbad ist und die ihren Kindern eine gute und umfassende Förderung in Vereinen zukommen lässt. Ich bleibe oft hinter meinem Idealbild von mir zurück.
Ein paar „äußere“ Sachen gibt es hier immer, ob Großfamilie, Zwillingseltern, schwangere Mama oder was auch immer: frisches selbst gemachtes Essen beispielsweise. Und eine mehr oder weniger saubere, aber immer aufgeräumte Wohnung, saubere und passende Kleider und Schuhe, ein frisch gemachtes Bett. Ein eigenes Zimmer als Rückzugsort, auch für die Zwillinge. Es mangelt nicht an schönen Büchern, um der Phantasie Flügel zu geben, nicht an ausgewählten Bastelmaterialien, zum kreativ werden. Jedes Kind hat ein Rad (welches zu ihm passt) und einen Helm und hat Gelegenheit, sich damit auszuprobieren. Wir unternehmen viel als Familie, am Wochenende mit dem Papa, unter der Woche, in jeder freien Minute. Wir machen was zusammen. Nichts Großes, nichts, was viel Geld kostet. Wir sind die meiste Zeit an der frischen Luft, gehen jede Woche mindestens ein Mal zum Schwimmen. Die Kinder sind in Vereinen aktiv, in die Gemeinschaft vor Ort eingebunden, ihrem Alter entsprechend. Gerade bei den Zwillingen sind wir aktuell dabei, der eigenen Persönlichkeit Raum zu geben, daher auch die getrennten Gruppen, das eigene Zimmer. Wichtiger noch: Ich bin immer für die Kinder da, ansprechbar, sie teilen meinen Alltag.
aber ich bin auch nur ein Mensch und nach 5 Jahren da-sein habe ich nicht jeden Tag aufs Neue Lust, auf  Trotzanfälle mit Niederwerfen auf der Straße, Geschwisterrivalitäten, aufs Springen auf der Couch aufs Springen im Bett mit den Schuhen, aufs Schlagen von festen Sachen gegen die Fensterscheibe, aufs Abwischen von Sonnenmilch an der Haustür, aufs Schubsen, aufs Weglaufen, auf die Diskussion, wer mehr Tee (oder was auch immer) bekommen hat und wem noch was zusteht, welches Glas das richtige für wen ist, oder was nun wieder „bäh“ und daher ungenießbar ist (aktuell Margarine) auf dem Kampf darum, ein Kind wickeln zu dürfen, das „gar nichts“ in die Windel gemacht hat und das schon zum 4 Mal an diesem Nachmittag, keine Lust darauf, wieder zu diskutieren, warum nicht mit einem Stock in der Hand gelaufen werden soll, warum keine Blumen aus fremden Vorgärten gepflückt werden, warum keine fremden Hunde geschlagen werden sollen, warum morgens um 6.45 nicht an fremden Häusern geklingelt wird, oder die Zwillinge davon zu überzeugen, bitte an meiner Hand zu gehen und nicht auf die Straße zu laufen. Das ist alles mein täglich Brot. Die Kinder testen mit Wucht ihre Grenzen aus, sie wollen nicht auf gute Worte hören, sie lernen nicht wirklich aus Schmerzen oder schlechten Erfahrungen, sie lassen sich auch von angsterfüllten Schreien quer über die Straße kaum beeindrucken. Sie schaffen es immer wieder, dass ich mich in Grund und Boden schäme, das ich zetere und schimpfe und mich aufführe wie eine Vielgebärende aus dem Unterschichtfernsehen. Die Zwillinge habe ich am wenigsten gut im Griff, auch jeden für sich gesehen. Sie sind schnell, unberechenbar, kennen kaum Angst (mit individuellen Abstufungen), sie machen kaputt, sie bringen sich in Gefahr. Wir sind immer hörbar, immer sichtbar. Keine Erledigung kann erfolgen ohne dass gesprochen, ermahnt, dass begrenzt, dass geschimpft wird. Ich rede ständig, ich ermahne ständig, ich muss immer konsequent sein, sonst ist die Regel auf ewig hinfällig, muss immer wachsam und präsent sein. Kein Gespräch am Rande kann ich führen (der Kinderwagen wird auf der Suche nach einem süßen Tütchen komplett ausgeräumt, die Brotdosen auf dem Boden verteilt, Bilder und Kunstwerke vom Tag flattern im Wind),  keine noch so kleine Unachtsamkeit ohne dass ich es bitter bereue. Lasse ich vorm Abholen das Telefon auf dem Tisch liegen, wird es zerlegt bis dass ich von unten im Wohnzimmer ankomme, vergesse ich den Laptop auf dem Tisch, wird drauf rumgepatscht, lasse ich die Kinder zu lange alleine, steht das Bad unter Wasser und die volle Klopapierrolle liegt im Klo (Rucksäcke  runter holen gehen, um die Brotdosen zu tauschen) oder der Inhalt der Windel ist im Bad verteilt (Baby wickeln und Hände waschen). Sind wir bei anderen zu Besuch oder beim Arzt, wird erstmal das Inventar aus Schränken, Laden und Regalen ausgeräumt, nach wie vor.
Ich bin ständig maximal präsent – und wenn ich es nicht bin, habe ich hinterher viel zu tun. Sind die Zwillinge am Wochenende übermütig und will gestimmt, ist der Tag gelaufen. Dann reagieren wir Eltern fast nur noch, entscheiden wir uns dann für eine Ortswechsel, brauchen wir fast 40 Minuten, um das Haus zu verlassen, sind heiser hinterher und die Türen sind voller Sonnenmilch (und wenn mir noch einer kommt mit „Garten“  dann flippe ich aus. In der letzten Zeit bekomme ich diesen Rat inflationär oft. Dass wir ja einen Garten bräuchten für die Kinder. Dass man sie dann nur raus lassen bräuchte, dass sie dann lieb spielen würden. Garten, Garten, Garten. Es nervt mich. Nicht nur, dass ich diese These insbesondere in Bezug auf unsere Kinder nur bedingt für wahr halte und wir keine Zeit (Alphalama) und Lust (Lamasus)  haben, neben Vollzeitberufstätigkeit und Großfamilie sowie dem Wunsch nach regelmäßigen Familienausflügen (und eben nicht de aus der Kindheit bekannten „wir müssen noch putzen, kehren, den rasen mähen und was weiß ich nicht noch was“ als Ausrede für echte quality time und gemeinsame Erfahrungen) auch noch einen Garten angemessen zu pflegen, haben wir auch einfach keinen. Das ist Fakt. Wir haben keinen und das ist jetzt so. Die Gründe dafür sind gute. Natürlich wäre das sicher schön, einen Garten zu haben. Würde ich das auch noch hinkriegen mit einem Rasen und Pflanzen, die ich gießen muss. Wäre es klasse gewesen, wenn ein bisschen Garten am Haus wäre. Ist aber nicht so. Andere Leute haben noch nicht mal genug Zimmer für alle Familienmitglieder, Stichwort Wohnungsnot in Deutschland. Das Leben ist nun mal nicht so wie wir es uns gern malen würden.) Mit unseren Zwillingen hat man so gut wie keine Ruhe, keine Zeit für sich, besonders natürlich, wenn sie ausgeschlafen nach Hause kommen und bis 10 Uhr ständig ins Wohnzimmer gelaufen kommen – trotz liebevoller Einschlafbegleitung bis um 8 Uhr und echten Anzeichen für Schlaf.
Ich bin sicher durch die Zwillinge mehr gefordert als andere Eltern, die ein Kind in dem Alter haben. Die Kinder sind jedes für sich schon fordernd.
Minilama hat einen Rabaukenkumpel, der überall als echter Wildfang bekannt ist. (hier immer gern gesehen übrigens) Und was denkt der über die Zwillingslamas, wenn sie alle zusammen auf der Hüpfburg sind? „Die sind mir zu wild“. Sagt alles oder?
Jeden Tag aufs Neue der Versuch, zu verstehen, zu begleiten, Gefahren zu verhüten, eine gute Kindheit zu ermöglichen, das zu bieten, was Kinder meiner Meinung nach selbstverständlich  zusteht. Heute gelingt das gut, morgen weniger gut. Wenn ich nicht mehr kann, denke ich immer wieder an dieses Gebet, das auch in meinem Büro hängt:

There’s two to wash,
There’s two to dry;
There’s two who argue,
There’s two who cry.
One’s in the mud,
Having a ball;
The other holds a crayon…
Another marked wall.
Some days seem endless,
My patience grows thin.
Why did God choose me
To be a mother of twins?
The answer comes clear-
At the end of the day,
As I tuck them in bed
And to myself I say…
There’s two to kiss,
There’s two to hug;
And best of all,
Thank You, God, for two to love.

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