Drei Jahre Zwillingsmama – Teil 2

Das erste Jahr

Ich weiß vieles nicht mehr so richtig, muss ich zugeben. Manche Leuchtturmmomente sind mir sehr präsent, aber vieles dazwischen, der Alltag, ist zu einer kleinen Zeitspanne zusammengeschmolzen. Ich war 14 Monate mit den Zwillingen vollzeit und überwiegend alleine zuhause.  Meine Mutter kam ein Mal in der Woche, anfangs öfter, damit alles rundlief, später, damit ich die Rückbildungsgymnastik mitmachen konnte und dann, um mir zu ermöglichen, dass ich mit Minilama zum Schwimmkurs gehen konnte. Auch als ich wieder auf der Arbeit einstieg, blieb es bei unserem festen Termin. Nach der Entbindung kam eine Haushaltshilfe von der Krankenkasse zum Putzen und Waschen. Da brachte ich Minilama schon wieder zu Fuß in die Kita und holte es ab. Da begann zwei Wochen nach der Entbindung, denn da ging das neue Kitajahr los und ich musste das Kind ins Nachbardorf bringen.
Kurz hatte ich Unterstützung durch Wellcome, aber die kam weder zur rechten Zeit noch auf die Weise, wie es mir geholfen hätte. Wenn ich daran denke werde ich noch immer wütend (und vieles andere, das jetzt zu weit führen würde.
Ich war (mit Ausnahme der beiden Tage, an denen ich diese schlimmen Nachwehen hatte, wo ich vor Schmerzen halb wahnsinnig war und daher die Kinder ganz an Alphalama abgeben musste) von Anfang an sehr glücklich mit den Kindern. Es spielte sich rasch ein Babyalltag ein, den wir zunehmend unseren Bedürfnissen anpassten. So kauften wir rasch mehr Stoffwindeln, richteten im Erdgeschoss eine zweite Wickelecke ein, deckten uns auf dem ersten Kleiderbasar im Herbst richtig üppig mit Babysachen ein (Die Babylamas haben ein anderes Geschlecht als Minilama, außerdem sind sie in einer anderen Jahreszeit geboren – ich konnte so gut wie nichts mehr verwenden). Ich sprach mich in der örtlichen Drogerie mit den Kassiererinnen ab, die mir erlaubten sechs anstelle der üblichen drei Packungen Milchpulver zu kaufen, denn meine Babies tranken richtig gut.
Raus gingen wir nur morgens und nachmittags, um Minilama in die Kita zu bringen oder abzuholen. Dann kaufte ich auch ein. Mit dem großen Wagen war das einfach, da der Korb riesig war und auch schwer, da der Wagen richtig breit und wuchtig war (war, weil er vor Kurzem zu einem süßen Pärchen weitergezogen ist, das damit bei der Oma umhergefahren wird. Es war schwer ihn herzugeben, für uns alle). Ich konnte nicht in allen Läden damit an die Kasse fahren, arrangierte mich dann zügig und machte das Beste draus. Als die Zwillinge noch nicht sitzen konnten und ich nur den großen Kinderwagen nutzen konnte, war vieles nicht möglich. Bestimmte Läden wegen der Kassenbreite oder weil sie Stufen hatten am Eingang. Das habe ich damals hingenommen, heute wird mir immer wieder bewusst, was für eine Einschränkung das doch war. Durch die erneute Babyzeit mit Babylama kommen viele Erinnerungen wieder hoch. Die Babylamas lagen beispielsweise immer auf dem Boden (auf Isodecken und Matten natürlich) und ich setzte mich dazu. Ich hob sie so wenig wie mögliuch, denn das war richtig kräftezehrend. Das morgendliche Fertigmachen zum Kitagang war ein regelrechter Gewaltakt. Auch, weil es in dem Jahr früh kalt wurde, weil der Winter hart war und man lange Zeit mit dem Einpacken der Kinder verbrachte. Und geweint hat immer einer, meistens zwei. Minilama hat in der Zeit besonders nach der Kita fast den ganzen Weg nach dem Papa geweint, lautstark und dabei die Babies meist geweckt. Ich war nervlich angespannt von der Geräuschkulisse. ich erinnere mich noch sehr gut dran, dass wir öfters aus der Kita direkt zum Kinderarzt gegangen sind, weil Minilama irgendwas geplagt hat, Bauchweh meistens. Und ich nur weil wir die zwillinge haben nicht aus Bequemlichkeit auf eine Abklärung verzichten wollte. Einmal bin ich in der Kita losgesprintet mit Wagen und Trittbrett, weil es zeitlich eng wurde für den Arztbesuch und der Rucksack von Minilama fiel aus dem Wagen und ich mit dem Wagen drüber. Die Löcher vom Schleifen und Drüberfahren habe ich nie geflickt.
Ich habe funktioniert, zumindest tagsüber. Die Zwillinge schliefen als Babies zum Glück besser als Minilama, Alphalama und ich hatten je ein Baby im Wechsel am Bett zum Füttern und Wickeln. Ich war aber oft wie erschlagen und Alphalama musste meine Schicht übernehmen und dann noch 1 Stunde pro Strecke Autofahren.
Die Zwillinge waren meistens daheim mit mir. Ich habe sie immer zur gleichen Zeit gefüttert und gewickelt. Damals war es einfach so, aber heute wird mir klar, was das für ein Kraftakt war. Ich bin heute oft so froh, dass ich jetzt mit dem Baby lachen und scherzen kann, mich zu ihm legen kann, es auf dem Arm in den Schlaf wiegen kann.
Ich war oft innerlich zerrissen zwischen beispielsweise der intensiven Mama-Baby-Zeit auf dem Wickeltisch mit Bürsten und Bauchküssen und juchzendem Babychen einerseits und dem anderen Baby, das im doofsten Fall zeitgleich weinend im Nachbarzimmer auf dem Boden lag. Ich fand meinen Weg, da zu sein, Liebe zu geben, beiden zu zeigen, das sie das größte Geschenk für mich sind. Aber ich war wohl auch ziemlich unter Strom, wenn ich mir das aus heutiger Sicht ansehe.
Die Zwillingslamas waren sehr liebe Babies, sehr dankbar, sehr ausgeglichen (mit den üblichen Ausnahmen. Ich war mehr als ein Mal mit Musik auf den Ohren mit dem Kinderwagen draußen, weil es nicht anders ging) und machten es mir leicht, sie zu lieben und ihnen nur das Beste zu geben. Anders als ich es bei Minilama in Erinnerung habe, haben sie auch viel und oft die Nähe zu mir gesucht, viel geschmust. Das fand ich wundervoll (und finde es nach wie vor wundervoll, denn auch als fast Dreijährige sind die Zwillinge noch immer gern bei Mama auch dem Schoß, wollen geknuddelt und gewuddelt werden – Minilama mittlerweile zum Glück auch).
Ich weiß noch, das ich zwei bis drei Mal am Tag Fläschchen spülen und vaporisieren musste, dass meine Mama als erstes, wenn sie zu mir kam, Wasser im Kessel gekocht hat, damit wir genug abgekochtes 40 Grad warmes Wasser für die Fläschchen hatten. Ich weiß auch, dass die Haushaltshilfe von der Krankenkasse geschockt über die (Windel)Wäscheberge war, die bei uns anfielen. Und ich weiß, wie einschneidend der Beikoststart war. Wie fertig ich bei Minilama nach dem Breigeben war, weiß ich noch lebhaft. Wie viel Arbeit es war die Küche, das Kind, den Sitz, das Geschirr, mich selbst zu reinigen. Wie viel Wäsche das produzierte, mit den ganzen abdeckenden Handtüchern. Und dass ich bei den Zwillingen schon nach einer Mahlzeit am Ende war mit der Kraft. Und dann ja noch nichts abschließend geschafft hatte, weil das zweite Kind auch gefüttert werden musste. (Ich habe nacheinander gefüttert, auch weil ich keine zwei Wiegen hatte und die Kinder noch nicht sitzen konnten und ich für jedes Kind 100 Prozent da sein wollte, zumindest am Anfang, beim Übergang zur festen Nahrung). Alphalama lag um die Zeit herum in der Klinik mit einer Superinfektion, wir hatten den ersten (von mehreren) größeren Schaden an den Küchenrohren mit Kanalauto und bildgebendem Verfahren, mit Schnee im Frühling, mit Autofahren ins Krankenhaus, mit meiner Mama, die daheim alles liegen lässt und einige Tage bei uns übernachtet. Die Babyschalen waren daher im Auto und ich brauchte sie eigentlich im Haus zum Füttern. Daher beschafften wir obwohl ich nichts davon halte, rasch eine Wippe zum Füttern – das war eine irre Zeit. Auch die Mengen, die ich einkaufte (4 Kilo Möhren, 2 Kilo Kartoffeln, 1,5 Kilo Fleisch, 1 Kilo Äpfel), um für 10 Tage den Mittagsbrei vorzukochen, haltbar einzukochen, sind unglaublich gewesen. Ich denke manchmal dran, wenn ich über den Breibeginn beim Baby nachsinne, den ich bald nicht mehr hinauszögern kann. Ich brauchte von allem viel und das schnell, weil die Kinder je älter sie wurden, weniger schliefen. Ich fing damals auch mit Sport daheim an, mit Videos. Abends alleine raus ging nicht mehr, in der Schwangerschaft war das rausgehen ja auch immer mehr zurückgegangen.
Die Zwillinge zum Kinderarzt zu bringen war ein echter Gewaltakt – und ist es noch heute, aber anders. Heute muss ich die Kinder nicht mehr hochtragen in den 1. Stock. Aber ich muss heute mehr als nur gucken, dass keiner sich von der Liege kugelt. PC, Otoskop, Reflexhämmerchen, Mülleimer, Papierspender, medizinisches Zubehör aller Art – nichts ist vor den Zwillingen sicher. Wenn man beide dabei hat, ist es einfach nur grässlich und auch beschämend, sage ich ganz ehrlich. Ich versuche daher die Konstellation zu vermeiden, wenn möglich ein Kind früher aus der Kita zu holen (oder später zu bringen) oder einen Termin zu machen, wenn meine Mama da ist. Akute Fälle gibt es natürlich oft genug und da stehe ich dann mit der Vollbesetzung (Mama, vier Kinder, das älteste 5 Jahre alt und nimmt gerne vieles in den Mund) in der Sauna-Praxis und schwitze vor Hitze und Anspannung. Jeden Tag, wo das mir erspart bleibt, bin ich abends von Herzen dankbar. Als die Zwillinge noch kleiner waren habe ich nach der Behandlung immer auf dem Weg raus gerufen „ich rufe gleich nochmal an wegen Folgetermin.“ Anders ging es für mich nicht.

Die Krippenzeit

Die Zwillinge gingen mit 14 Monaten in die Krippe. Es ist die gleiche Kita, die Minilama auch besucht, allerdings eine extra Krippengruppe für Kinder von 10 Monaten bis 3 Jahren. Die fehlende Altersdurchmischung und die Tatsache, dass diese Gruppe in vielen Dingen unabhängig von der restlichen Kita agiert, hat mir von Anfang an nicht richtig gefallen. Jetzt wo die Kinder drei Jahre alt werden und in ihre neuen Gruppen umgewöhnt sind  kann ich sagen, dass mein Bauchgefühl richtig war. Ich ärgere mich, dass ich damals nichts dagegen unternommen habe, dass die Kinder dorthin kamen. ich war so froh, dass wir überhaupt einen Platz hatten (wenn auch 2 Monate später als wir eigentlich gebraucht hätten)  meine schwache Ausrede – und ich hatte von einer anderen Mutter mitbekommen, dass sie nicht wollte, dass ihr zweites Kind in die Krippe geht, sondern auf eine der Gruppen im Nebengebäude der Kita bestanden hatte (wo Minilama und ihre große Tochter auch waren) – und eben auch gehört, was das für einen Unmut unter den Erzieherinnen gebracht hatte (die Krippenerzieherinnen waren verärgert), dass ich nicht genau das gleiche unternahm. Dort hätten die Zwillinge in zwei benachbarten Gruppen sein können, wenn meine Idealvorstellung umgesetzt worden wäre mit Kindern bis 4,5 Jahre. Ich habe es nicht gemacht, war nicht stark genug in dem Moment. Und ich bereue es, denn ich habe den Kindern damit keinen Gefallen getan.
Sprachlich und kognitiv und was die Sauberkeitserziehung angeht hinken die Zwillinge, die sicher vom Vermögen her nicht weniger gut ausgerüstet sind als Minilama, dem großen Geschwister mit drei Jahren mindestens ein halbes Jahr hinter. Das gilt übrigens für alle Krippenkinder aus dieser Gruppe. Da kann keiner ordentlich sprechen und sauber sind sie mit extremen Ausnahmen auch alle nicht. Und  – ich muss mich nicht als bildungsaffin outen, mein Wunsch nach guter Förderung kam ja an dieser Stelle schon öfter mal zur Sprache – das ärgert mich sehr. Ich hoffe, die Kinder können das aufholen können in den neuen Gruppen. (Das Baby ist wieder im Nebengebäude – die Kita hat selbst wahrgenommen,. dass ich mit der Arbeit zufriedener war und mir direkt diese Option „angeboten“. Ich habe in der Kitazeit der Zwillinge bisher viele aussichtlose Kämpfe gehabt. Kleinere wie die Bitte, das die Kinder nicht aus Plastikbechern trinken oder von Plastiktellern  essen sollen, größere wie die Stoffwindelfrage, grenüberschreitende wie die, dass ich (und auch der Kinderarzt und der Zahnarzt) nicht will, dass sie noch den Schnuller bekommen – was sie in der Kita aber nach wie vor tun, aus Bequemlichkeit, sage ich mal ganz hart (da wir schon seit fast einem Jahr zuhause davon weg sind) und die Familie an die Belastbarkeitsgrenze und darüber hinaus bringende wie wie nach dem Mittagsschlaf, den die Kinder daheim schon seit Monaten nicht mehr brauchen und in der Kita aber bis kurz vor 16 Uhr ausleben dürfen („Krippenkinder brauchen den Mittagsschlaf“ – wobei sie jetzt mit drei Jahren ja keine mehr sind und sehr wahrscheinlich ihren Ganztagesplatz nach den Ferien verlieren und ich sie um halb 12  – wie auch immer – holen muss, da ich ja in der Elternzeit und somit zuhause bin)- mit verheerenden Folgen für die Abendroutine und eine Regenerationszeit für uns Eltern).
Diese Zeit war nicht nur teuer (knapp 900 Euro im Monat bis zum 2. Geburtstag), sondern auch extrem nervig und ich war mehr als einmal kurz davor, meine gute Kinderstube zu vergessen und den Damen (besonders einer eigentlich) ordentlich meine Meinung über ihre Arbeitseinstellung zu sagen. Aus Rücksicht auf meine Kinder, die das Fehlverhalten ihrer Eltern  ja bekanntlich ausbaden müssen, habe ich den Mund gehalten. Als auch der Kinderarzt beim letzten Besuch erstaunt über Schnuller und langen Schlaf war und meinte, die Kita müsse aber schon mit uns Eltern kooperieren, wurde ich nochmal erneut wütend. Es ist zwar geschafft, die Kinder sind jetzt da raus, aber fertig bin ich damit nicht. Am Schlimmsten finde ich, dass das einzige, was ich mir von den Erzieherinnen wirklich und schriftlich gewünscht hatte, nicht drin war: Ich wollte, dass meine Zwillinge jeder für sich als Individuum wahrgenommen wird. Statt dessen Verwechslung bis zum letzten Tag. Es ist nicht möglich für jedes Kind 3 Eigenschaften zu nennen, die Portfolios ist teils mit den falschen Bildern bestückt. Mein Wunsch nach zwei getrennten Abschiedsfesten und getrennten Abschlussgesprächen für die beiden Kinder wurde gar nicht begriffen, aber wenigstens hingenommen.

 

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