Asozial ist man nicht, asozial verhält man sich

Seit wir vier Kinder haben, denke ich wieder öfters darüber nach, wer eigentlich dazu gehört, wer am Rand der Gesellschaft steht und wie und durch wen das festgelegt wird.
Dieses „am Rand stehen“ ist etwas, das ich leider sehr gut kenne. Meine Eltern haben sich Anfang der 90er Jahre getrennt und wenn ich darüber spreche, was ich nur äußerst selten tue, füge ich stets hinzu, dass dies in meiner Heimat damals eine Zeit was, in der es noch unüblich, anstößig und assi war, sich zu trennen.
In meinem Umfeld waren alle Eltern noch zusammen, nur meine nicht. Und ich weiß nicht, wieso, aber diese Leerstelle „Vater“ war nie zu schließen. Auch wenn die anderen Väter absolut nichts taten, was direkten Einfluss auf ihre Söhne und Töchter hatte (außer Geld verdienen) war ein Leben mit Vater so viel normaler, so viel geordneter, so viel sicherer und so viel was weiß ich nicht alles
Ganz im Ernst: Ich bin irgendwie froh, dass es heute schon normaler ist, ohne Vater aufzuwachsen als vor 25 Jahren. Nicht weil das so klasse ist, sondern weil es im Gegenteil so schwierig ist, dass man die  mitleidigen und gleichzeitig herablassenden Reaktionen anderer nicht noch zusätzlich braucht.
Eine meiner Stärken, die es mir im Leben schwerer macht als nötig ist, dass ich ein feines Gespür für unterschwellige Stimmungen habe, von denen die meisten gar nichts mitbekommen. Ich habe eine so feine Nase für Atmosphärisches, dass ich es an manchen Orten kaum aushalten kann, an denen aber objektiv keinem ein Leid geschieht.
So erinnere ich mich noch deutlich an die echte Stimmung die herrschte, als eine Klassenkameradin mich vor anderen in Schutz nahm mit den Worten „da kann sie ja nichts für“ – weil ich mit unrasierten Beinen beim Schulsport unterwegs war und so gar nicht wusste, dass man sich seine Beine rasieren muss. Da war aber gar nichts Nettes dabei, im Gegenteil. Es war bodyshaming vom Allerfeinsten. Als sehr dunkler Typ habe ich mit Körperbehaarung zu kämpfen. Und habe dafür schon so gut wie jede Häme abbekommen, die man sich vorstellen kann.
Ich erinnere mich auch noch daran, wie ein Mitschülerin in der Oberstufe zu mir kam und sagte, dass sie das Abschlussballvideo nochmal angeschaut habe. Und dass ich auch drauf gewesen wäre. Mehr war nicht nötig. Es hat schallend geknallt in meinem Kopf so als hätte ich die Ohrfeige meines Lebens bekommen. Beim Abschlussball waren nämlich die Väter nötig für einen Vater-Tochter Tanz. Im Nachhinein haben die Mädchen oft gar nicht mit ihren Vätern getanzt (wie schon gesagt, außer Anwesenheit haben die meisten Väter meiner Jugend nichts gemacht), weil die eben nicht tanzen, so grundsätzlich nicht. Ich allerdings bin total ausgeflippt als es hieß, wir bräuchten den Vater für den Abend. Meine Mutter hat einen meiner Onkel gefragt, ob er mitkommt. Meine Tante kam dann auch mit. Egal. Im Endeffekt stand ich beim Eröffnungstanz mitten auf der Tanzfläche und wir waren eine ungerade Anzahl an Tanzschülern. Was mir bis zu diesem Moment nicht klar gewesen war. Scheinbar gibt es davon allerdings ein Video. Auf dem meine entgleisenden Gesichtszüge zu sehen sind, meine Überforderung, meine Scham. Und dann zwei Jahre danach war es wieder Thema. Nachmittags im Lateinunterricht.
Ich habe als Jugendliche nie etwas getan, was wirklich falsch war, definitiv nicht. Ich habe niemandem etwas Unrechtes oder Böses angetan.
Mein Fehler war, dass ich ehrgeizig war und alles tat, um eines Tages diesen Ort verlassen zu können. Dafür habe ich viel Leiden erleben und viel verbale Gewalt einstecken müssen, bin geschubst worden, bekam täglich morgens im Bus ein Beinchen gestellt (bin auch öfters mal voll drüber gefallen), wurde für jede mittelmäßige Note mit Häme und Genugtuung überschüttet und im Sportunterricht, dem einzigen Fach, in dem ich schlechter als Note 2 war systematisch runtergemacht, sodass ich am Wochenanfang schon Angst vor den Sportstunden hatte. Wichtig oder wertvoll war ich für keinen. ich hatte natürlich auch Freunde, aber für die war ich eine unter vielen oder auch die, die im Fach xy weiterhalf.
Meine Mutter hat ihr Bestes getan, um mir beizustehen, aber auch ihre Grenze gemerkt. Denn bei den Lehrern war im Grunde das zentrale Thema das Fehlen des Vaters. Daraus erklärte sich mein Ehrgeiz und meine fehlende soziale Einbindung. (Heute würde ich das victim blaming nennen und wenn ich es mitbekäme an einer Schule, an der ich unterwegs bin, den Aufstand des Jahrhunderts machen. Mein Beruf ermöglicht mir auch genau das zu tun.)
Irgendwann war es einfach zuende. Und zwischendrin habe ich Strategien entwickelt damit umzugehen. Habe im Turnunterricht die Leistung verweigert. Und so die gleiche Note bekommen, wie wenn ich mich vor der gesamten Klasse blamiert hätte. Habe mir meine Nische gesucht, immer mehr Kontakt zu mir selbst bekommen. Meine Defizite nicht benannt, das viele Gute wichtiger genommen und lange Turnhosen und lange Oberteile angezogen. Vom Nachhilfe- und Zeitungsgeld Markenkleidung gekauft und Schulmaterial. Und bin einen Tag nach dem Abi ins Ausland gegangen und nicht wieder wirklich nach Hause zurückgekehrt.
Was ist geblieben? Das Wissen, wie es ist, im Grunde nicht dazu zugehören. Die Angst, immer nur geduldet, nur toleriert zu sein. Die Sorge, dass andere mich erneut so offen ablehnen, wie früher ohne dass ich eine Chance habe, dass es besser wird.
Wer legt fest, wer draußen ist? In meiner Jugend war draußen, wer anders war. So einfach war das.
Im Studium kam ich dann an einen Ort, wo alle ein bisschen so waren wie ich. Und scheiße war das geil. Ich war tatsächlich die Vorsitzende in unserem AStA. Ich, die keine 30 Stimmen bei der Wahl zum Mittelstufensprecher bekommen hatte. (die sechs Jahrgangsstufen mit vier Klassen à 30 Leute umfasst) Die Unsicherheit kommt allerdings immer wieder. Wenn ich meine Blase verlasse. Muss manchmal auch sein, durch die Kinder vor allem. Und da gibt es so fiese Mamabullies. Irre. Welche, die mich nicht grüßen, wenn ich grüße. In einem vollen Raum natürlich. Damit es auffällt und zurückknallt wie eine Ohrfeige. Welche, die nur meine Kinder ansprechen, aber mich nicht.
Alphalama fürchtet meine Elternzeiten. Ich kann es auch verstehen. Ohne den Rückhalt, den ich durch meine dienstlichen und frei gewählten Kontakte habe, bin ich in diesen Zeiten total verwundbar. Dann bin ich für die Kinder in freien Gruppen unterwegs. Da bin ich wieder dieses arme Kind, das nur Breitseite bekommt und keine Anerkennung erfährt. Fühle ich mich oft so dermaßen am Rand. Nicht immer natürlich. Das wäre ja irgendwie krankhaft. Aber ich erlebe immer wieder Situationen, in denen Menschen komisch auf mich reagieren. Eine Mutter war immer irre arrogant zu mir beispielsweise. Bis sich in einem von mir angezettelten Gespräch beim Kinderturnen der Grund herausstellte: Diese Mutter ist unzufrieden mit ihrem Körper nach drei Kindern und konnte nicht aufhören darüber zu schwärmen, wie toll meiner sich wieder rückgebildet hat. Meine Mama hat es schon früher immer gesagt“ die sind dir alle neidisch“. Und da scheint was dran zu sein. Scheinbar finden viele mich so toll, dass sie mich dafür mit Ausgrenzung strafen. Perfide? Schon und doof, dass ich mich so triggern lasse.
Als letztens diese eine Mutter mir deutlich machte, dass sie so froh ist, dass ihre Kinder schon so groß sind (will heißen, dass sie keinen Säugling mehr hat nach ihren beiden, die ziemlich genauso alt sind wie Minilama und die Zwillinge) habe ich mir schon so meine Gedanken gemacht, was sie mir sagen will. Als sie wieder anfing, nur Minilama zu grüßen dachte ich erneut nach. Als sie  total ruppig ihre Tochter vom Umgang mit den Zwillingen abgehalten hat, (was auch Alphalama aufgefallen ist und damit objektiv feststellbares Verhalten ist), war es mir dann klarer: Den Umgang mit meinen Zwillingen findet sie für ihre Tochter nicht gut. Die Kinder wiederum mögen sich auf irre niedliche weise Minilama hingegen will sie ihrer anderen Tochter total anpreisen, da sie glaubt, dass Minilama ihr nutzen könnte. Minilama findet das Mädchen allerdings maximal uninteressant, nimmt es nicht einmal wahr. Minilama wird der Tochter explizit als Verhaltensvorbild gezeigt. Mit mir will die Mutter nichts zu tun haben. Zu mir steht sie aus einer Mischung aus Figurneid (kam mal in einem Seitengespräch) und dem guten Wissen, dass ich total assi bin und sie mir damit überlegen ist. Ich habe ja schließlich vier Kinder. Und kinderreiche sind doch assi, oder? Diese Frage ist durchaus ein Thema. Vor allem, weil hier manchmal hoch her geht und ich hart durchgreifen muss, verbal. Und da ich viele Niveaus beherrsche kann ich auch „dai mam“mäßig nach den Kindern brüllen, wenn ich um ihr Leben fürchte. Und das ist ja nicht nur asi, sondern auch ein Zeichen für Überforderung – das schlimmste, was einer Mutter widerfahren kann. Überforderung heißt: als Mutter versagt zu haben.
Ganz ehrlich denke ich manchmal auch so in Schubladen. Und ich schäme mich dafür, wenn ich mich dabei ertappe. Und zwar so richtig und immer heftiger, je mehr ich mich mit dem Thema Vorurteile beschäftige. Die Schubladen sind nämlich großer Mist. Wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht zu sorgen. Das victim blaming folgt unmittelbar auf die schlechte Lebenssituation.
Asozial ist man nicht. So als Ist- Beschreibung und per se. Man findet sich manchmal in Lagen wieder, die nicht ideal sind: arbeitslos, obdachlos, arm, krank, alleine. Und dafür wird man in unserer Gesellschaft dann noch an den Rand gestellt und ausgegrenzt. So als wäre man dafür selbst verantwortlich, was geschehen ist und als ob das nun für immer so wäre. Am Rand steht man schnell und bleibt dort für lange Zeit. Und muss sich irre anstrengen, um wieder rein zu kommen. Ich habe Jahre und knapp 100 Kilometer Entfernung gebraucht.
Aber asozial bezeichnet keinen Zustand, sondern ein Verhaltensmuster. Und das, so  muss ich leider sagen, haben vermeintlich gesellschaftlich Etablierte ganz schön oft in ihrem Repertoire.  Es ist asozial Müll aus dem Auto zu werfen, in der Nähe von Kindern zu rauchen, das Kindergeld zu versaufen, zu verzocken oder zu verqualmen oder aus Faulheit keiner Arbeit nachgehen zu wollen. Es ist asozial, nicht nach den eigenen Möglichkeiten, der Allgemeinheit etwas vom Guten, das man erhält, zurückzugeben. So weit so gut. Seine Kinder vor anderen verbal bloß zu stellen, ist aber auch asoziales Verhalten. Genauso asozial wie sich etwas zu erschleichen, das einem nicht zusteht. Es ist auch ein zutiefst asoziales Handeln andere bewusst klein zu machen, zum Beispiel durch das obszöne Zurschaustellen der eigenen Wohlstandes, durch das Herabwürdigen der individuellen (vielleicht im Vergleich mit anderen geringeren) Leistungen einer Person oder das Fixieren des Anderen auf einen Lebensbereich, der nicht der Norm entspricht.
Um in der Lage zu sein, andere überlegt verurteilen zu können, muss man durchaus mehrmals hinschauen. Die Gleichung kinderreich= asozial, arbeitslos= asozial oder geschieden= asozial und laut=überfordert (oder was man auch sonst immer im Kopf hat) geht nicht immer auf. Je besser man hinschaut, desto seltener wird man anderen dieses Attribut zusprechen dürfen und sich im Gegenzug selbst häufiger schämen müssen, weil man so unreflektiert das Leben anderer bewertet hat. Wenn man tiefer blickt,  kann man nur noch sehr sehr wenig verurteilen.

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