Elternpflichten

Als ich Studentin war, war ich ein paar Male im Sommer zu Sommeruniveranstaltungen in Österreich. Ein Mal, an einem schönen Sommertag bin ich im Hallenbad belästigt worden. Zunächst verbal, später ist mir der übergriffige junge Mann bis in die Dusche gefolgt. Zum Glück war noch eine andere Frau in der dusche und hat gesagt, dass der Typ gehen soll. Ich selbst, eigentlich doch so wortgewaltig, bin verstummt und wollte nur so schnell wie möglich weg. Gesagt habe ich nichts. Schmutzig gefühlt habe ich mich aber sehr. Noch in der Umkleide bin ich dann wütend geworden und bin dann zum Bademeister, um mich zu beschweren. Aber außer zu sagen, dass ich belästigt wurde, habe ich nichts getan. Ich bin dann in die Unterkunft zurück gegangen und war sowohl wütend als auch beschämt. Das hatte ich nicht von mir erwartet, dass ich nicht klipp und klar stop sagen würde, dass ich nicht laut sprechen und auf mich aufmerksam machen würde. Ich war noch ein paar Tage sehr durcheinander. Und ich habe mir fest vorgenommen, dass das nicht wieder passiert, dass ich für mich eintreten würde, dass ich mir keinerlei Übergriffigkeit mehr gefallen lassen würde. In meiner praktischen Ausbildung nahm das Thema Umgang mit sexuellem Missbrauch eine große Rolle ein. Ich habe viel darüber gelernt und mich intensiv in dem Thema weitergebildet. Mittlerweile gehört das Thema zum festen Teil meiner Schulungsarbeit mit Ehrenamtlichen. Auch habe ich schon öfters mit Gruppen zu tun gehabt, die stark durch sexuelle Übergriffe irritiert wurden und bin daher wachsam, auch bei kleinsten Grenzüberschreitungen der Würde von Kindern und Jugendlichen. Selbst bei zweideutigen Witzen über das Aussehen anderer greife ich ein, werfe auch gern dann mein Stundenkonzept in der Schule über den Haufen. Eines ist klar: bei mir gibt es keinerlei Übergriffe. Wenn ich etwas mitbekomme, kläre ich das. Und zwar komplett. Ich habe keinerlei Scheu, die entsprechenden Vokabeln in den Mund zu nehmen oder mich zur Not unbeliebt zu machen.
Seit ich Mutter bin, hat dieser Vorsatz noch eine andere Dimension bekommen. Ich bin seit fünf Jahren nun verantwortlich für meine wachsende Kinderschar. Und meine Kinder sollen wissen, dass ihre Würde unantastbar ist. Jederzeit. Wenn Minilama nicht in Ruhe zur Toilette gehen kann in der Kita, suche ich umgehend das Gespräch. Sachlich natürlich. Aber ich warte nicht zu. Ich spreche an. Ich ermutige Minilama „nein“ zu sagen und auch noch mehr. Nein allein hilft ja nicht. Ich vermittele den Kindern, dass sie benennen, sollen was sie nicht wollen. Ich vermittele die korrekten Wörter, keine vermeintlich kindgerechten Umschreibungen.
Das Thema Grenzen ziehen beginnt aber nicht damit, dass Kinder bei Doktorspielen mitmachen oder nicht, die ihnen unangenehm sind. Das beginnt schon früher meiner Meinung nach. Meine Kinder entscheiden selbst, wem sie die Hand reichen, sie sitzen grundsätzlich mal nirgends auf dem Schoß und vor allem nicht, wenn sie es nicht recht wollen. Sie werden nicht von jedem gewickelt oder abgeputzt. Sie entscheiden. Ich erkläre ihnen, wann Nacktheit schön ist und wann sie nicht passt. Ich versuche, ein gesundes Schamgefühl zu vermitteln. Ich hoffe, ihr wisst was ich meine.
Aber auch ein Baby wie Babylama ist kein Freiwild und kein Wanderpokal. Das Baby ist nicht auf jedem Arm, das unterbinde ich kategorisch. Das Baby wird auch nicht von jedem gewickelt. Viele verstehen das intuitiv, andere nicht. Die Haushaltshilfe, die mir nach der Entbindung geholfen hat, hat beispielsweise gefragt, ob sie zuschauen darf, wie ich mit Stoff wickele. Dann erst kam sie dazu. Fand ich gut. Und da mir noch einiges anderes gefallen hat, ist sie nach der Verordnung auch dauerhaft bei uns geblieben als Minijobberin. Aber ich schweife ab.
Das Thema Nacktheit und Kinder wird unterschiedlich gesehen. Wir haben bekannte Familien, deren Kinder nackig im Garten spielen, andere lassen die Kinder im Freibad oder am Strand nackig laufen und machen Bilder davon. Die Familien, mit denen wir näher zu tun haben, teilen unsere Einschätzung, dass Nacktheit auch bei Babies und Kleinkindern einen sehr begrenzten Rahmen braucht. Wir machen z.B. absolut keine Nacktbilder unserer Kinder, auch wenn das ach so süß ist (Was ich nicht denke). Ich bin froh, dass von mir selbst keine solchen Bilder existieren – und ich bin in einer Zeit groß geworden, da wurden Bilder auf Papier entwickelt. Ich bin meiner Mutter echt dankbar, dass sie mich als ich noch kein natürliches Schamgefühl hatte, eben nicht nackig umherlaufen hat lassen. Wie gesagt, die Meinungen sind unterschiedlich, aber das ist meine. Da Nacktheit für mich als Erwachsene etwas Privates ist, ist es das auch für meine Kinder. Das ist der Hintergrund. Ich möchte es nicht und da ich meine Kinder respektiere, sind sie auch nicht öffentlich nackig. Das ist für mich logisch. Nur weil es Kinder sind, gilt für sie nichts anders als für mich. Kindliche Unschuld wächst sich ja auch aus und dann ist es den Kindern doch unangenehm, solche Bilder zu haben. Insofern auch hier: Elterliche Fürsorge, die sich aus meiner Sicht der Dinge begründet.

Das Thema ist aber ein heißes, wie ich vor einiger Zeit wieder feststellen musste. Auf einem Fest bittet Alphalama den Hobbyfotographen, beim Wickeln keine Bilder von Babylama zu machen. Der Hobbyfotograph reagiert verständnislos und betont, dass Kinder doch am schönsten seien, wenn sie nackt sind. Alphalama wiederholt die Bitte. Zuhause bei der Durchsicht der Bilder, die Minilama wiederum gemacht hat, fällt auf, dass der Hobbyfotograph sich eventuel nicht an die Bitte gehalten hat. Minilama hat ein Bild gemacht, auf dem dem Hobbyfotograph zu sehen ist, wie er hinter Alphalama steht, der sich übers Baby beugt. Alphalama und ich haben direkt eine dicke Wut im Bauch und ich habe direkt wieder Kontakt zu den Gefühlen des Übergriffs im Schwimmbad, von dem ich eingangs geschrieben habe. Da ich wenn es um die Kinder geht, jede Angst und Unsicherheit wegdrücke, schreibe ich tags drauf eine Mail an den Gastgeber mit der Bitte, die Fotos vorm Rundschicken durchzusehen, um ein eventuelles Bild vom nackigen Baby vorab zu löschen, da wir den Eindruck haben, der Fotograph habe sich über unsere Bitte hinweggesetzt. Im Anhang das Foto von Minilama.
Was dann folgt, ist klassisches victim blaming und die Unterstellung, ich habe dem Hobbyfotographen sexuell übergriffige Hintergedanken unterstellt als er das Foto gemacht hat.
Nun ja, die Heftigkeit der Reaktion irritiert mich, ich habe scheinbar ein Thema angesprochen, das „man“ nicht anspricht. Gut also, dass ich es getan habe.
Aber ich bleibe dabei: Auch wenn jemand sich (noch) nicht selbst äußern kann, ist diese Person nicht rechtlos. Dann versuche ich als Elter das beste für dieses Kind zu erreichen. Und das ist doch sicherlich der Versuch zu vermeiden, dass Nacktbilder vom Kind existieren. Die ich ja, aus meiner eigenen Haltung hergeleitet, nicht will. Und man kann ja noch eins drauf legen. Das wären ja keine Fotos, die wie früher in Mamis Fotoablum im Nachtschrank lagern und bei der Hochzeit auf der Leinwand erscheinen, sondern die sind digital und im Grunde überall zugänglich und in mir unbekannten Händen (was alle sind außer meinen eigenen). Das Internet vergisst nicht. Daher gibt es von ihnen weder Bilder noch Namen, ja noch nicht mal das Geschlecht im Internet. Was das angeht, bin ich eine Helikoptermom, von mir aus. Aber meine Kinder sollen wissen und erleben, dass ich sie jederzeit vor Übergriffen schütze und dass es mir dabei auch herzlich egal ist, was andere über mich denken. Damit kann ich leben und auch damit, dass diese Bitte dann deutlich gemacht hat, was mein Gegenüber wirklich von mir hält (Nämlich nicht so viel). Scheinbar triggert das Thema Nacktheit im Kopf des Menschen alle möglichen Gedanken und führt auch dazu, dem Bittenden bzw. dem, der sich positioniert  gegenüber die Höflichkeit vergessen zu lassen.
Alles passiert und gerade deswegen klopfe ich mir so fest auf die Schulter wie schon lange nicht mehr.
Macht den Mund auf, wenn ihr was nicht wollt. Seid nicht stumm.

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