Großfamilie – ein paar Gedanken

Seit knapp 2 Monaten sind wir offiziell eine Großfamilie und zählen zu den knapp 2 Prozent Familien mit mehr als drei Kindern in Deutschland.
Ich finde es immer noch gewöhnungsbedürftig, zu sagen, dass ich vier Kinder habe. Die Antwort „drei“ hat sich schon richtig gesetzt gehabt.
Die Umstellung finde ich nicht so krass, wie man es sich vielleicht denken würde, wenn man ein Kind (also kein Kind) hat. Auch ist dieser Sprung vom zweiten zum dritten Kind bei uns ja nicht vorhanden gewesen. Wir waren 28 Monate lang überforderte Einkindeltern und waren dann direkt kinderreich. Da blieb keine Zeit mehr, sich seine eigene Überforderung klar zu machen oder herumzujammern. Mit Zwillingen erwartet irgendwie (fast) jeder, dass man total fertig, überfordert und am Ende ist. Und da ich nicht gern das tue, was von mir erwartet wird, war dem auch nicht so. Abgesehen davon bin ich glaube ich so der Typ Zwillingsmama – ich mache es mir nicht gerne einfach, das ist nicht so mein Stil. Wir haben uns direkt maximal auf die Rabauken gefreut und von Anfang an akzeptiert, dass es jetzt zwei auf einmal sind. Ich bereue nicht, dass das Zwillingsmamasein mir manches unmöglich gemacht hat und fühle mich auch nicht um irgendwas betrogen, wie eine Bekannte von mir mal sagte. Die Zwillinge sind zum Glück reif geboren und hatten gesundheitlich bisher eine weitgehend beschwerdefreie Kindheit. Das macht sicher auch einen Unterschied und erspart viel Leid und seelischen Stress. Hier ist zum Glück nur der alltägliche Wahnsinn mit den auf Radau gebürsteten 2,5 jährigen Zwillingen zu bewältigen. Die keine Angst kennen, überall rauf klettern, überall runter springen, die Beißen und Hauen als Kommunikationsform nutzen, für die ein „nein“ großen Aufforderungscharakter hat und die immer Stärke und Trost aus der Nähe des anderen ziehen können. Eben noch mit Steinen nach dem anderen geworfen und nun sitzen beide einträchtig Händchen haltend im Buggy. Und auch hier gilt wieder einmal: Mama wächst an ihren Aufgaben. Ich versuche mir anzugewöhnen nur noch bei Gefahr laut zu werden und ansonsten „laufen“ zu lassen. In die Pfütze springt Zwilling 1 so und so, ob mit meiner akustischen Untermalung oder ohne. Gummistiefel gibt es hier aber keine. Insofern muss das Kind dann die Konsequenzen tragen (oder die Ersatzschuhe, die ich extra aus diesem Grund angeschafft habe).
Mit der Entscheidung für ein weiteres Kind haben wir noch einmal „ja“ gesagt zu den ganzen Unsicherheiten und Gefahren einer Schwangerschaft, begeben uns in ein erhöhtes Armutsrisiko (es steigt signifikant ab dem vierten Kind, da die Ausgleichszahlungen ab jetzt nicht mehr die Kosten und die Verdienstausfälle kompensieren können. Viele bekannte Eltern können uns nicht verstehen, sind absolut fertig mit dem Kinderkriegen und überhaupt. Finden das Baby süß, keine Frage, aber wollen keines mehr selbst haben. Manche würden wohl noch eines nehmen, aber bekommen wollen sie keines mehr. Ging mir im Grunde ja ähnlich, aber ich habe mich durchgebissen. Und eine Erinnerung an die ganze Sache gleich mit bekommen.
Babyerfahren sind wir mittlerweile und haben auch schon vor Jahren auf eigene Bedürfnisse komplett verzichtet. Daher ist die Umstellung nur minimal, der Schock, den man beim ersten Kind erlebt, ist völlig ausgeblieben.
Was ist anders als Großfamilie? Zwilling 2 schläft nach wie vor saumäßig schlecht, weint, wandert nachts umher, döst ein bisschen bei uns, döst ein bisschen mit Mama bei sich im Bett. Das ist gleich geblieben. Das Baby ist nachts auch wach und trinkt, meckert, schläft dann wieder. Die Schlafprobleme fangen hier später an, so mit dem ersten Zähnchen.
Das Auto musste gewechselt werden. Und nach wie vor mag ich es ungern nutzen, weil es so unpraktisch ist, alle Kinder rein zu schnallen. Gerade für kurze Wege. Das Prozedere fand ich schon mit Minilama nervig und bin daher immer zu Fuß unterwegs gewesen. Mit den Zwillingslamas wars unpraktisch, weil ich nicht beide zusammen tragen konnte, wenn ich dann angekommen war. Und jetzt würde es schon gehen, geht auch bei Regen, mit dem Tragetuch, ist aber umständlich und man braucht immer noch was, wo man das Baby drauflegen kann, wenn man sich um die Zwillingslamas kümmert. So einfach auf den Kitaboden legen finde ich dann doch zu nachlässig. Und die Kinder mal machen lassen mit Baby auf dem Arm, ein romantisches Stilleben mit Säugling – das ist ein schlechter Witz. Hier müssen noch die Kinder davon überzeugt werden, mit heim zu kommen und wehren sich aktiv gegen das Anziehen, laufen weg, matschen mit Wasser, spielen noch rasch etwas, ziehen sich Angezogenes wieder aus usw. Ein Schauspiel für Alt und Jung. Ich schnalle mir dann immer das Baby auf den Bauch und die Softtragetasche vom Kinderwagen auf den Rücken.
Am besten geht es nach wie vor zu Fuß. Die Zwillinge müssen jetzt das Gehen lernen. Die Kondition ist kein Problem, aber das Hören, wenn Gefahr droht, ist ausbaufähig. Und auch das Nichtanfassen von allem, was da so rumliegt, ob Wurm, Kippe, Schnecke, Müll, Kot oder Erbrochenes. Und das nicht Klingeln bei allen Nachbarn, das Nichtklettern auf jede Mauer. Das Nichtwerfen von Steinen aus Vorgärten. Ich bin aber der Meinung, dass ihnen dieser Lernprozess zugemutet werden kann, dass fast dreijährige Kinder mit gesunden Beinen nicht dauerhaft gefahren werden brauchen. Und so braust morgens um 7 Minilama mit dem Roller oder Rad voran und läuft ein Zwilling hinterher während ich den anderen Zwilling und Babylama mit Zwillingswagen schiebe. Und wenn eine gefährliche Ecke kommt, muss der entsprechende Zwilling dann aufs Buggyboard. Ja, bei uns ist das Laufendürfen die Belohnung und das Board oder der Wagen kommt als Bestrafung rüber. Und mittags das Ganze umgekehrt. Es ist ein hartes Stück Arbeit, aber es wird sich auszahlen, da bin ich sicher. Ich sehe es ja bei Minilama. Wie viele Kinder in seinem Alter nur mit Auto oder Buggy bewegt werden und keine Strecke zu Fuß bewältigen können. Auf Dauer keine gute Lösung für mich. Die Antworten sind immer die gleichen „ja, das sind Zwillinge“ und „nein, es ist nicht so viel Arbeit wie ihr schockiertes Gesicht ausdrückt“ und oft auch „Ich habe noch Zwillinge, daher der große Kinderwagen. Ja, die sind grade im Kindergarten. Nein, das ist doch nicht schlimm, ich finde es schön, mit den Kindern. Das Baby ist total gut aufgenommen im Kreis der drei Geschwister. Drei, ja. Minilama fährt übrigens mit dem Roller, der ist in der Kita stehen geblieben. Ja, es sind vier insgesamt. Sieht man mir nicht an, ich weiß. (was das auch immer heißen mag, da ist viel Spielraum möglich) Diese ganzen Kinder, find ich super, es ist ein großer Segen.“

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