Alltagsästhetik: Seelenstreichler in schweren Zeiten

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.
Ich bin noch im Wochenbett. Bald ist die OP drei Wochen her. So schlecht wie aktuell ging es mir noch nie im Leben. Ich hatte auch noch nie eine OP und war immer auf den Beinen. Ich bewege mich gerne und viel und auch, wenn ich krank bin, bin ich eigentlich immer ein bisschen an der frischen Luft unterwegs gewesen.
Diese ungeplante BauchOP ist natürlich was ganz anderes als das bisher Dagewesene. Ich liege viel, habe Schmerzen, bin dünnhäutig und mir fehlt es so sehr, draußen zu sein. Ich bin außer maximal 10 Minuten am Tag durchgehend im Haus, durchgehend in einem Raum. Krank und schwach zu sein zu einer Zeit, wo die Familie einen besonders braucht, wo alle Hände nötig wären, wo Normalität so wichtig wäre, empfinde ich als sehr belastend. Ich fange jetzt gar nicht davon an, wie es ist, eine so große Narbe zu haben, die oberhalb des Schnitts auch noch geschwollen ist, sodass mir da vielleicht eine nette Fettschürze bleibt und das bei 55 Kilo bei 1,78 m. Wobei die 55 Kilo auch eher eine nette Anekdote sind, da ich noch immer bei 60 Kilo stehe und noch weniger zu essen, einfach nicht drin ist.
Auch sage ich nicht viel darüber, dass ich auch gern eine Hausgeburtsmama wäre, die das Kind schnell und verletzungsfrei gebiert und gleich erfolgreich anlegt. Und tags drauf einen netten Familienspaziergang machen kann. Oder über die Mamas, die wegen BEL heiße Tränen weinen und wo dann im Krankenhaus beim US alles ok ist und das Kind sich gedreht hat – von denen ich auch keine bin.
Bei mir nichts dergleichen. Immer starke Blutungen oder Verletzungen oder dieses Mal eben der unvermeidbare medizinisch notwendige KS. Nichts von leicht gebären, nichts von intuitivem Stillen. Anstatt dessen sekundärer Milcheinschuss ohne Milch und mehrmals Abstilltabletten und wochenlag literweise Salbeitee trinken.
Dann auch noch das ans Haus gefesselt sein, kein Auto fahren können, außer einer geliehenen lila Jazzpants keine Hose haben für 2 Wochen, eine Haushaltshilfe von der Kasse haben, was natürlich schön ist, aber man hat auch immer wen im Haus, was anstrengend ist, ständig um Hilfe bitten müssen, um die Kinder aus der Kita zu holen, Minilama 3 Tage krank mit Fieber, davon zwei zuhause, und das mit Säugling und Influenzafall in der Kita, anstelle am Familientisch auf der Couch sitzen müssen, weil die abholende Hilfe mit den Kindern am Tisch isst und wie selbstverständlich meinen Sitzplatz einnimmt. Andere haben ihre Hände in meiner Unterwäsche, in meinen Slipeinlagen, in meinem Wochenbettmüll, benutzen mein Handtuch, tragen meine Schuhe, müssen rasch was ins Bad bringen, wo ich aber grade auf Toilette bin. So viele kleine und größere Grenzüberschreitungen. Nach meinem Befinden wird nicht gefragt, aber mitgeteilt, dass mein Auto sich bei Schnee schlecht fährt oder dass die Zwillinge sich nicht benehmen können. Und aktuell gefühlt kein Ende in Sicht. Nächste Woche machen die Großen bei einem Lauf mit, ist ein Kleiderbasar – ich gehe aktuell nicht davon aus, dass ich dabei sein kann, obwohl alles im Ort ist. Andere sind auch nach dem KS deutlich aktiver, mir kommt es vor, dass nur ich so ausgebremst bin.
Ich tue mir leid, ich bin wütend, ich schäme mich wegen der Niederlage Kaiserschnitt. Immer wieder mal. Und ich will endlich meine Ruhe als Kernfamilie, will nicht eine öffentliche Familie sein, mit Hebammenbesuch abends nach 19.00 Uhr und aufgewühlten Kindern, die wie verlorene Seelen umhertoben. Ich weiß nicht, wie chronisch kranke Menschen das aushalten. Vielleicht sind die geduldiger, sicher haben sie empathischere Hilfen, ich hoffe es zumindest.
Und doch immer wieder Lichtblicke. Noch im Krankenhaus: Die Ärztin, die die Narbe genäht hat, kommt an einem Tag zur Visite und ist sichtlich begeistert von der Narbe (die bei BEL übrigens größer ist als bei Wunschkaiserschnitten) und bezeichnet die Narbe enthusiastisch als „gut gelungenes Artwork.“ So muss man es sehen und einfach höhere Slips und Bikinihosen kaufen gehen und sich im Schwimmbad einfach etwas rascher ins Handtuch wickeln. Wird schon. Ich merke es jeden Tag mehr, wie ich über die Narbe hinwegsehen kann, wie ich sie regelrecht vergesse. Damit habe ich nicht gerechnet. Sie ist aber auch wirklich schön für eine Narbe und schön tief gesetzt.

Als meine Brust endlich wieder auf das übliche AA zurückgeschrumpft war und die höllischen Druckschmerzen nachgelassen haben und ich wieder den SportBH abnehmen kann, sagt die Hebamme überzeugt: „Das ist eine wirklich schöne Brust.“ Stimmt. Gut, dass wieder alles normal ist.

Die Haushaltshilfe kommt am ersten Arbeitstag von Alphalama mit ihrer Chefin zum Kennenlernbesuch und um letzte Absprachen zu treffen. Die Sachbearbeiterin guckt sich um und sagt „Das ist aber ein gut geführter Haushalt.“ Auch das stimmt, wenngleich meine hausfraulichen Fähigkeiten aktuell wieder übel in Frage gestellt werden. Das sollte mir egaler sein als es ist. Alphalama und ich sind Teil der 1,6 % der Eltern, die beide Vollzeit arbeiten gehen. Und da gibt es keine „Hausfrau“.

Die Zwillinge haben es aktuell schwer. Mitten in der Trotzphase bräuchten sie stabile Bezugspersonen, klare Regeln, eine wirkliche Klarheit. Das geht im Moment nicht so, wie ich mir das wünschen würde, die Kinder drehen ziemlich auf und sind schwer zu bändigen. Ich habe auch den Eindruck, dass andere nicht so gut auf die Kinder eingehen können mit ihren Bedürfnissen, wie wir als Eltern es können. Gestern gab es ein feines Abendbrot mit Obst und Gemüse aus der Biokiste und Miniwürstchen. Die Aufteilung lief nicht so ideal und es gab ein wenig Wallung und Gemecker. Da steht Zwilling 1 auf (trotz Gemecker) und geht zu seinem Geschwister und gibt ein Stück Würstchen ab. Ganz selbstverständlich. Da wusste ich: Die Kinder kommen weiter, sie schaffen es, auch wenn sie aktuell nicht die Art von Zuwendung bekommen, die sie eigentlich verdienen und brauchen würden.

2 Gedanken zu “Alltagsästhetik: Seelenstreichler in schweren Zeiten

  1. Das hört sich wirklich mega anstrengend an. Körperlich und seelisch. Du bist scheints sehr diszipliniert, was dich selbst und auch euren Alltag angeht-größten Respekt. Ich hadere auch oft mit mir und all den Dingen die ich nicht zu meiner Zufriedenheit schaffe – merke aber dass ich besser liebevoller mit mir umgehen sollte. Aber das ist oft so viel leichter gesagt als umgesetzt. Durchhalten -und euch allen wünsche ich nur das Beste. Liebe Grüße,Elisabeth

  2. Mir kommen fast die Tränen, wenn ich Deinen Beitrag lese und da insbesondere Deine Gedanken zum Kaiserschnitt.
    Ich möchte Dir auf den Weg geben, dass es ganz normal ist, wenn es Dir jetzt nicht gut geht. Auch mein erster Kaiserschnitt hat mir gesundheitlich ziemlich aus der Bahn geworfen und es hat alleine 4 Wochen gedauert, bis ich den ersten Schritt vor die Tür gesetzt habe. Auch diese Zeit geht vorbei und die Versöhnung mit dem Kaiserschnitt wird irgendwann kommen. Auch wird Deine Narbe sicher noch gut und unauffällig verheilen. Es braucht einfach seine Zeit. Mach Dir keine Sorgen wegen Deiner Figur. Du scheinst ja sonst sehr fit und bewegungsfreudig sein und wieso solltest Du nicht wieder Deine Wunschfigur zurückbekommen?
    Es wird schon alles werden, diese Zeit geht vorbei, irgendwann kommt der Alltagswahnsinn wieder, die fremde Haushaltshilfe wird nicht mehr benötigt und ihr wachst Tag für Tag als Familie in neuer Konstellation zusammen. Und auch, wenn es für Eure Großen im Moment nicht die einfachste Situation ist, sie haben wirklich ein großes Glück, dass sie in so einer Vierer-Geschwisterbande aufwachsen können.
    Alles Gute für Dich und Deine Familie,
    Lisa

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