Dankbar

Manchmal vergisst man im Alltag ja das Wesentliche. Einfach weil es viel von allem zu tun ist. Aber vor ein paar Tagen war wieder einer dieser aufrüttelnden Momente, die mir noch einmal aufs Neue kla gemacht haben, wie dankbar ich eigentlich sein muss für all das Glück, das mir unverdient in den Schoß gefallen in.
Schon als ich mit meinen Zwillingen schwanger war, las ich von einer anderen Mutter, die in der 23. SSW eines ihrer Drillinge verlor und knapp 2 Wochen später die anderen beiden zur Welt brachte. Absolute Minibabies, die dann außerhalb des Bauchs zu stattlichen kleinen Kerlen herangewachsen waren. Deren ET war ungefähr da, wo unserer war. Geboren sind die Kinder aber Monate früher. Ich habe in der letzten Schwangerschaft wegen Zervixverkürzung und vorzeitiger Wehen ab 31+5 sieben Wochen gelegen und trotz starker Schmerzen und großer Angst um meine Kinder dann eine letztlich komplikationslose Schwangerschaft und eine Geburt zum errechneten Termin erleben dürfen. Meine Zwillinge sind weder Frühchen noch sind sie in irgendeiner Weise im Nachteil dadurch, dass sie sich den Bauch ihrer Mama teilen mussten. Von der Größe, Gewicht und geistigem Entwicklungsstand sind sie mindestens auf dem Stand gleichaltriger Kinder. Und dazu haben sie dann noch den Vorteil, dass sie zu Zweit sind, immer jemanden haben, der alles mit ihnen teilt, der zur Not andere Kinder in die Schranken weist/ beißt, haben immer jemanden zum Reden, wenn Schlafenszeit ist und jemanden zum Schmusen, wenn man sich einsam fühlt. Ich habe es ja schon öfters geschrieben: Die beiden sind oft grob zueinander, aber mindestens genauso oft auf ganz unscheinbare Art innig und liebevoll verbunden, dass man sich fast wie ein Eindringling vorkommt, wenn man diese Verbundenheit erspähen kann. Wenn einer dem anderen seinen Schnuller gibt, um ihn zu trösten zum Beispiel oder den anderen in den Arm nimmt, bin ich fast zu gerührt, um überhaupt noch was zu sagen oder zu tun. Da schleiche ich auf Zehenspitzen weg.

Letzte Woche als ich abends surfte, kam ich zum Kanal einer schwangeren mono-di Zwillingsmama. Ich las ein wenig und schaute ein bisschen bis ich an den Punkt kam, an dem sie einen ihrer Zwillingsjungen in der 24 SSW wegen FFTS verlor. Zwillingswagen aber schon gekauft und auch sonst komplett ausgestattet und total froh, dass sie bald Zwillinge hat. Ich war wie vom Donner gerührt. Und wütend auf die Ärzte und überhaupt. Obwohl ich ja im Grunde nichts weiß. Nur, dass die arme Mama etwas so Schreckliches erleben muss, das ich es keinem Menschen wünsche.

In meinem Büro hängt ein Spruch (und das, obwohl ich eine sehr nüchterne Person bin und dekomäßig sehr sparsam). Der heißt: „Twins. Two little blessings sent from above. Twice the smiles, twice the love“
Das sehe ich mir immer beim Telefonieren oder Nachdenken an. Und das „mother of twins Prayer“ hängt auch da. Das lese ich auch mehrmals täglich und muss oft schmunzeln über die Wallung, die bei uns herrscht.
Oft denke ich, die Wellen schlagen über mir zusammen. Weil zwei so viel mehr Unsinn machen als nur eins. Weil es auch oft so gefährlich ist, was die Kinder aushecken. Weil es oft so dicht ist hier, dass man kaum die 3 Minuten zum Zähneputzen hat und auf dem Klo schon richtig gestresst ist, weil man Angst hat, jetzt klettert wieder einer das Regal hoch oder schnappt sich wie auch immer was Gefährliches oder fällt mit dem Hinterkopf gegen die Fensterbank oder oder oder. Weil so ein übles Chaos herrscht und vier kleine Hände Schränke und Regale so dermaßen fix leeren, dass es mir die Tränen in die Augen treibt, weil sie meine Zahnbürste klauen und ankauen, weil sie ihr Spielzeug demolieren, weil sie Minilama büschelweise Haare ausreißen, sich bis aufs Blut beißen und im vollen Windelmülleimer herumspielen. Weil sie Licht an-Licht aus spielen bis das Kabel verschmort oder am Klodeckel herumspielen bis er lose ist und auch noch das Rohr tropft. Weil sie nicht an der Hand gehen wollen und auch nicht im Buggy sitzen bleiben. Weil sie Reißverschlüsse auch wieder aufkriegen und dann auf einmal Jacke, Mütze, Tuch und Schuhe wieder ausgezogen haben und man eben nicht jetzt raus gehen kann, sondern wieder von vorne anfangen muss und noch eine volle Windel zusätzlich wechseln muss.
Und dann will ich oft nur noch weinen, weil alles so viel ist und weil ich mich alleine fühle und so kraftlos bin. Zwei Hände und dieses ganze Chaos. Besonders jetzt, wo die Küchen abgebaut sind und wir keine Garderobe mehr haben, sondern nur noch Unordnung und Herumliegendes ist oft die grenze dessen erreicht, von dem ich meine aushalten zu können.
Und das liegt nicht an meiner Schwäche oder daran, dass ich überfordert bin. Das liegt daran, dass es eben zwei Kinder sind. Und dass sie gleich alt sind. Und dass sie schlau und findig sind und klug und überaus interessiert an ihrer Welt. Da lasse ich mir auch von überengagierten Einlingsmamas keinen Knopf an die Backe nähen.
Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass Zwillinge zu haben definitiv nicht was für alle Frauen ist. Viele sagen das ja auch deutlich. Dass sie keine zwei auf einmal wollen, dass sie regelrecht froh waren als beim kommenden Ultraschall nur noch ein Kind da war. Oder dass sie sich betrogen fühlen um die vielen Sachen, die man mit einem Einling tun kann, aber eben nicht mit zwei im gleichen Alter. Oder dass ihnen Schwangere leid tun, die auch Zwillinge kriegen. Dass es ihnen zu teuer wäre und dass sie beim Hausbau so nicht geplant haben. Hier gibt es sehr viele Mehrlinge, ich kenne wirklich viele Familien mit Zwillingen und alles das habe ich schon im direkten Gespräch gehört.
Ich bewerte das gar nicht. Gefühle kann man nicht beurteilen.
Aber für meinen Teil weiß ich eins: Seit dem Tag, den dem ich die zwei bubbernden Herzchen auf dem Ultraschall gesehen habe, ist für mich ein Lebenstraum wahr geworden. Ich kann mir kaum was Schöneres vorstellen, als diese Kinder beim Großwerden zu beobachten und zu begleiten. Minilama, meinem ersten und damit mir am innigsten verbundenen Kind, hätte nichts Besseres widerfahren können als diese Geschwister zu bekommen (und umgekehrt). Diese beiden Süßen-Verrückten haben uns wirklich noch gefehlt zum Glücklichsein.
Und ich erlebe es an mir an jedem Tag aufs Neue: Man wächst an seinen Aufgaben. Dieses Bewusstsein ist in mir seit ich weiß, dass wir Zwillinge erwarten. Ich habe keine Sekunde gezweifelt, dass ich das hinbekomme und dass ich es gut hinbekomme – und das obwohl ich so oft stark an mir zweifele und hart mit mir ins Gericht gehe. Was das angeht, bin ich mindestens  genauso überzeugt von mir wie ich es damals war als ich mich für meine Ausbildung beworben habe.
Auch wenn ich mir wünsche, besser, schneller zu lernen, klüger mit den Umständen umgehen zu können, rationaler auf Widerstände zu reagieren, irgendwie näher an der Person zu sein, die ich mir als erwachsenes Ich  vorgestellt habe, bin ich schon so unglaublich weit gekommen in meiner Erziehungsbegleitung.
Ja, ich bin sehr oft stolz auf mich, wie ich mit meinen Kindern umgehe, was ich ihnen ermögliche, welche Entwicklungschancen ich ihnen biete und das alles trotz der Tatsache, dass es drei Kinder unter fünf Jahren sind, dass ich vollzeit arbeite und auch wieder schwanger bin und dass das Haus nicht die ideale Komfortzone bietet. Meine Kinder sind so selbstständig und autonom, so wendig und lebensklug, kennen ihre Bedürfnisse so genau und kommen in ihrem Alltag weitgehend ohne meine direkte Übermamaeinmischung weiter, dass ich oft staunend daneben stehe, wie klasse sie doch sind. Ich bin dankbar  für dieses Geschenk und wachse täglich ein Stückchen mit ihnen. Was Besseres hätte mir nie im Leben passieren können.

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