Working Mom: mal wieder ein genauerer Blick

Ich bin eine berufstätige Mutter. Und meine Kinder, 4, 2 und 2 werden in einer Kindertageseinrichtung betreut seit sie 12 bzw. 14 Monate alt sind. Ich habe nach beiden Geburten 12 Monate Elternzeit genommen, Alphalama ein Mal 6 vollzeit und ein Mal 12 Monate teilzeit. Seit 15 Monaten arbeite ich wieder vollzeit. Bis Oktober hatte ich täglich 70 km zum Büro zurückzulegen, war im Schnitt 90 Minuten auf der Straße um zum Büro zu kommen, entsprechend länger, wenn ich Außentermine hatte. Meine Arbeit, für die ich 5 Jahre studiert und danach noch mutig 31 Monate eine Fachausbildung auf mich genommen habe, bietet viele Vorteile. Eigenverantwortliches Arbeiten beispielsweise, viele planerische Freiheiten, keine Kernzeiten. Aber ich habe auch eine 6 Tage Woche und viel mit Menschen und dadurch  mit hohem Organisationsaufwand zu tun. In meiner bisherigen Tätigkeit war ich im Bereich Jugend und Schule unterwegs und hatte damit die besondere Herausforderung morgens in den Schulen präsent zu sein und abends freie Jugendarbeit zu machen. Schon als kinderlose Frau fand ich die langen Tage mit dem Loch in der Mitte anstrengend. Durch die nicht ideale Lage meines Wohnturms, gemessen an der Stelle war alles mit viel Planerei verbunden, was mal besser und mal schlechter gelang.
Meine Arbeit ist eine meiner Passionen. Ich brenne für die Sache, liebe das Organisieren und das Finden neuer Wege, habe gern mit Menschen und deren Lebensgeschichten zu tun. Seit ich Mutter bin, ist auch mein Arbeiten viel besser, viel authentischer, viel geschmeidiger geworden. Wo ich früher sehr Akademikerin war, bin ich heute Mensch unter Menschen und kann mein fachliches Repertoire ohne große Anstrengung abrufen. Berufserfahrung ist so was Tolles und Lebenserfahrung sowieso.
Arbeiten ist natürlich nicht nur Spaß und so ungefähr einmal im Monat ärgere ich mich über Umstände, Ideen, Personen oder das System. Ich finde es noch im Rahmen und bin eine sehr zufriedene Arbeitnehmerin. Ich gehe gerne und habe Freude an meinem Tun.
Solange Alphalama tageweise zuhause war ging das mit der weiten Fahrt und den Kitazeiten meist ganz gut hin. An Tagen mit ausladenderen Arbeitszeiten könnte Alphalama den Hol- und Bringdienst übernehmen und ich mich auf die Arbeit konzentrieren. Einige Monate lang habe ich erfolgreich ignoriert, dass sich das ja wieder ändern würde und meine Taktik, an Alphalamas Zuhausetagen 12 Stunden zu arbeiten, um dann an den anderen Tagen die Kinder zu Fuß zu bringen und spätestens um 15.30 Uhr abzuholen ging super auf.
Seit Oktober ist das ja nun anders und ich habe immer wieder überlegt, ob und wie viel ich reduzieren soll. Alphalamas Firma bietet leider keine Teilzeitbeschäftigung an. Meinen Überlegungen kamen zwei Dinge quer: die interne Bewerbung zu einer Dienststelle im Heimatort und das große Geschenk, dass wir noch einmal Eltern werden dürfen.
Aus Überlegungen, die Höhe meines Elterngeldes betreffend, habe ich mich dagegen entschieden, meinen Stundenumfang zu reduzieren und auch da ich mich für die neue Stelle in Vollzeit beworben habe, machte ein Reduzieren eher schwierig. Als ich unerwartet und sehr knapp die Zusage für die neue Stelle erhielt, war ich schon längst schwanger und wechselte zusammen mit Alphalamas Wiedereintritt zur Vollzeitstelle meine Stelle. Ich muss nun nur noch über die Straße gehen, um ins Büro zu kommen. Ich kann zwischendurch nach Hause gehen für die Waschmaschine, für einen Snack oder, um Handwerker einzulassen.
Die Kinder werden nun immer zu Fuß geholt und gebracht und auch Minilamas neustes Hobby, die Musikschule, bringt mich nicht in größere Probleme.
Ein Stellenwechsel, wenn man schwanger ist, ist natürlich nicht ideal. Aber da ich nur die Dienststelle gewechselt habe, ist es  weniger „unfair“ (oder wie man das nennen soll) wie ein kompletter Neueinstieg in einer neuen Firma. Das Ganze habe ich mir mal wieder nicht leicht gemacht und lange überlegt, ob ich meine Stelle überhaupt antreten soll. Aber da ich mich überwiegend aus familiären Gründen auf die neue Stelle beworben habe, machte es auch nur Sinn, die Stelle anzutreten.  Wenn auch nur für eine überschaubare Zeitspanne. Weil dann kann ich hier wieder einsteigen. Mit vier Kindern kann ich nicht mehr eine so weite Strecke fahren wie in denn letzten vier Jahren- bei derart flexiblen (vor allem nach hinten flexiblen) Arbeitszeiten, das ist mir klar.
Zum Glück haben die meisten Kollegen und vor allem der Chef top reagiert. Der eine Ausreißer, der mein spätes Ansagen unkollegial fand/findet ist mittlerweile einigermaßen verdaut. Aber wer so viele Kinder will, braucht ein dickes Fell, glaube ich. Ich bin nach wie vor zurückhaltend mit der Botschaft, ich habe Angst vor Kommentaren wie „asozial“ oder „sonst keine Hobbies“ oder wie auch schon hier im Blog „jetzt schon überfordert und dann noch eins mehr“. Gebe ich ehrlich zu. Ich stehe zu meinen Entscheidungen, ich möchte noch ein Kind und finde große Familien toll. Aber ich bin auch eine sehr sensible Person (schwanger noch umso mehr) und mag es gar nicht, wenn Leute mich ablehnen und ich mich schlecht fühlen muss. Das mit dem Schlechtfühlen wegen allem und jedem kann ich auch gut ohne äußere Einflüsse. Scheint ein Mamaproblem zu sein. Richtig macht man es ja nie.
Meine neue Arbeit ist erwartungsgemäß schön. Schon am ersten Tag dachte ich, dass die Entscheidung die richtige war. Denke ich noch immer. Auch wenn jetzt Umstrukturierungen anstehen, die im schlimmsten Fall eine Wiederherstellung weiter Fahrstrecken bedeuten, allerdings für 2020. Eine Kollegin sagte dazu treffend „geschmeidig bleiben“. Wohl wahr.
Aber auch ohne Fahrzeiten sind die 39 Stunden schon eine Nummer für sich. Ich sitze mehr als vorher abends und am Wochenende am Schreibtisch. Ich bin mal gespannt, was ich mache, wenn die nächste Elternzeit vorbei ist. Ich weiß es nicht. Mal sehen.

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