Sonntagskleidung oder „Mit den Schuhen darfst du nicht in den Sandkasten“

Es gibt Sätze, die ich immer wieder so vor mir her trage, um eine etwas außer Kontrolle geratene Situation überspitzt einzufangen. Und dazu gehört auch das erstaunt ausgerufene „Gib doch auf deine Kleidung acht, Kind.“ (bisher) noch habe ich ihn noch nie ernsthaft aus dem Mund eines Elternteils gehört, aber es gibt für alles ein erstes Mal, klar. Üblicher ist in meinem Umfeld etwas in Richtung „wir haben ja eine Waschmaschine“ – und das wars dann. Aber es gibt doch mehr Familien als von mir gedacht, die Sonntagskleidung haben. Nicht, dass ich keine ordentlichen Sachen hätte. Im Gegenteil: ich habe ausgesuchte Sonntagskleidung, mit der ich jeden offiziellen Anlass souverän bestreiten kann. Ich habe auch Berufskleidung, in der ich meinen beruflichen Alltag gestalte. Und eben auch Kleidung für zuhause. Keine Jogginghosen, sondern Kleidung, die schon älter und teils etwas kaputt ist, mit der ich gut mit den Kindern unterwegs sein kann ohne mich ärgern zu müssen, wenn Schmutz oder Essen sie treffen. Ich bin da auch streng und wechsele zuhause als erstes die Kleidung, bevor es ans Kochen oder Aufräumen geht. Damit die gute Kleidung lange für ihren eigentlichen Zweck einsetzbar ist. Bin ich jedoch sonntags privat unterwegs, trage ich Alltagskleidung. Bin ich montags abends dienstlich unterwegs, die schöne Kleidung. Ich besitze also etwas wie Sonntagskleidung, allerdings ist dieses Konzept vom Wochentag und dem Anlass, zu dem ich unterwegs bin, losgelöst.
Die Kinder besitzen keine Sonntagskleidung. Es gibt zwar unterschiede in den Kleidern, die sie haben – so in Richtung: „war schon mal völlig zugeschlammt und kann daher wieder in den Schlamm“ und „ist eher neu und außerdem hell, sollte daher bei einem Waldbesuch nicht getragen werden“. Da plane ich ein bisschen vor.
Aber meine Kinder haben weder Taftkleider noch Stoffhemden oder Chinos, Spitzenstrumpfhosen, Ballerinas oder sonstige chicen Dinge. Das haben sie einfach nicht. Auch wenn wir zu einer Hochzeit gehen würden, würde ich die drei nicht so verkleiden. Weil sie so nicht sind. Sie wollen spielen und sich bewegen und an Hemden bleibt man gern hängen und in Kleidchen kann man sich nicht gut bewegen.
Sauber sind die drei natürlich – morgens nach dem Anziehen. Abends dann nicht mehr. Dann kommt das Dreckige in die Waschmaschine, Normalwäsche 40 oder 60 Grad. Wenn der Fleck nicht direkt raus geht, dann nächstes Mal eben. Oder gar nicht, auch egal. Die Kinder haben nur Sachen, die ich nützlich finde. Wie wasserfeste Sommersandalen oder Hosen, die übers Knie gehen oder negativ formuliert, Dinge ohne Gürtel, Anhänger, Ketten oder sonstige Bänder. Am Wochenende ziehen sie auch gern Sachen an, die bald in die Waschmaschine müssen, besonders, wenn ich einen Gang auf den Spielplatz plane.
Nicht falsch verstehen: So niedliche Prinzessinnen und kecke Lausbuben in süßen Sachen finde ich auch ganz toll. Aber ich erinnere mich wie doof ich es fand als Blumenmädchen auf der Hochzeit meiner Tante unterwegs zu sein und nicht die Füße im Brunnen kühlen zu können oder mitten im Sandloch zu buddeln.
Meine Kinder dürfen sich also dreckig machen. Allerdings nicht nur um des Dreckigmachens willen. Streng bin ich ja auch. Aber wenn im Eifer des Gefechts was schmutzig wird, ist das egal. Die meisten Sachen, die wir haben sind ohnehin gebraucht oder werden angezogen auch wenn ein Fleck dran sein sollte.
Sonntags waren wir auf dem Spielplatz unterwegs und die Kinder hatten Spaß. Ich habe die riesige Tüte mit dem Sandspielzeug ausgegossen und die Kinder wühlen sich durch den Sand, spielten Ball, bliesen Seifenblasen, fuhren Karussel, kletterten und rutschten.
Eine andere Familie kam auch auf den Spielplatz. Alle Frauen waren in Sonntagskleidung, Mama, Tochter, Oma – die Männer, Opa, Sohn, Papa, waren leger mit Basecap und Hoody bekleidet. Die Sonntagskleidung aber war vom Feinsten. Rückenfreies Seidentop und Blazer bei den Erwachsenen, weiße Stoffhose, edle Pumps. Die Tochter im Taftkleid, Spitzenstrumpfhose und Sandalen. Das arme Mädchen, überwältigt vom enormen Spielangebot, das ich für die drei Lamas ins Sandloch gekippt hatte, wollte mitmachen. Meine Kleinen fanden das auch super gut und boten schon Spielzeug und ein Bauprojekt an. Aber das ging nicht; der Satz fiel: „Mit den Schuhen darfst du nicht in den Sandkasten.“ Rutschen wollte es aber nicht so richtig, auch nicht als die Oma dezent darauf hinwies, das andere Kinder (wie die Kamikaze-Zwillinge, die ich dabei habe, und die nicht mal abbremsen, wenn sie auf eine Rutsche loslaufen – auch nicht so vorbildhaft) das doch schon könnten und dass man nicht mehr hinten runter darf, wenn man schon auf dem Klettergerüst ist. Warum eigentlich?
Schaukeln wollte es auch nicht mehr nachdem die Oma hingewiesen hatte, dass Minilama das doch schon super ohne Hilfe kann (schon – ein Euphemismus. Das Kind kann es schon seit mehreren Jahren, aber es will normalerweise lautstark nicht, wenn die Eltern dabei sind).  Und wippen, nun ja, das ging dann. Aber dann mussten sie auch schon wieder weiter.
Ich musste erstmal durchatmen. So viel Herumgezerre am Kind, das macht mich immer ganz wirr im Kopf.

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