Von Lausbuben und Wildfängen *

Minilama ist ein eher ruhiges Kind. Es malt und bastelt gern, mag Puzzles für große Kinder (im Moment 100 Teile ohne Hilfe), liest sehr gern und liebt Lego. Sein perfekter Tag ist eine Mischung aus all diesen Dingen und eine große Runde auf dem Roller durchs Dorf mit einem längeren Zwischenstopp auf dem Spielplatz.
Wenn wir irgendwo zu Besuch sind, checkt das Kind zuerst die Bücherbestände und guckt sich in Ruhe an, was es dort gibt. Und wenn dabei eine wilde Meute um es herumtobt und Nexo Knights spielt, interessiert das erstmal weniger. Minilama ist auch zurückhaltend in der Öffentlichkeit und guckt sich über den Buchrand versteht sich, alles in Ruhe an bevor es seine Wünsche formuliert. Dann kommt auch gern ein Satz wie „Hast du ein Eis?“ oder „Ich mag mehr Gummibärchen!“ gerichtet an die Mütter der Freunde. Der Erfolg gibt dme Kind recht.
Minilama, das fast vier Jahre alt ist, bleibt immer öfter für eine Stunde alleine bei Freunden und bekommt großes Lob von den anderen Eltern – darf also gern wiederkommen und ohne Mama zu Besuch bleiben. Diese Anerkennung als großes Kind genießt es sehr. Ohnehin weiß Minilama sehr genau, welches Register es wo ziehen kann, weiß, wo Zurückhaltung angebracht ist und wo eher die forsche Gangart nötig ist. Das ist keine Errungenschaft des Alters, sondern etwas, das Minilama schon als Krippenkind sehr zielsicher einsetzen konnte.
In dieser Hinsicht bin ich also sehr verwöhnt, das sehe ich immer wieder.
Die Zwillinge sind da etwas anders. Natürlich sind sie aufgrund ihres Alters etwas weniger selbstreguliert als Minilama, aber auch ein altersgenauer Vergleich offenbart deutliche Unterschiede zwischen den dreien. Die Zwillinge sind motorisch extrem ambitioniert. Sie klettern auf alles drauf,  hantieren schokierend erfolgsversprechend an hoch gestellten Türklinken herum, öffnen und schließen Schrankschlösser in der Küche, schalten den Herd ein, schieben Stühle durch den Raum, um an höher liegende Dinge zu kommen. Mehr als einmal ist mir fast das Herz stehen geblieben. Neulich erst als Zwilling 2 den Herd in der Einliegerwohnung angemacht hatte und ich es nicht bemerkt hatte, weil ich Zwilling 1 die Schuhe anzog. Minilama hatte es zum Glück gesehen. Abends nahm ich die Sicherung für diesen wenig genutzten Herd raus.

Ständig machen wir das Haus noch sicherer. Und ständig sind die Kleinen uns einen Schritt voraus. Neue Verschlüssen für die Backofentür oder der Spülmaschine sind nur eine neue herausforderung. Schnell haben sie das Prinzip heraus und spielen fröhlich damit.
Oft ist das wirklich niedlich, dieses Entdecken, aber auch gefährlich und manchmal nervt es einfach nur. Wenn sie Surfen mit der Backblechschublade spielen und diese überlastet total knackt und ich die Kinder schon auf dem Hinterkopf liegen sehe. Auch das Spiel mit den Topfdeckeln nervt mich eher bzw. erfüllt mich mit Sorge, dass gleich Scherben auf den Fliesen sind  als dass ich die Musikalität der Kinder dabei bewundern kann.
Es ist nicht nur, dass es eben zwei sind und zwei einfach mehr sind als eins. Es ist auch, dass die beiden jedes für sich einfach sehr agil sind, viel klettern, viel erkunden. Die Spielzeugkisten werden ausgekippt und umgedreht, um drauf zu stiegen und von da aus auf die Armlehne der Couch zu kommen oder auf das Sideboard oder das Fensterbrett. Auch die Erzieherinnen sagen, dass es bei ihnen in der Einrichtung einzelne Ecken gibt, auf die bisher noch kein Kind geklettert ist. Meine beiden sind dort allerdings schon öfters johlend gesichtet worden. Und haben damit die Erzieherinnen erschreckt, die maximal 10 Sekunden woanders hin gesehen haben.
Und sie beißen auch gern mal, einander und andere. Ich denke, dass ist vor allem ein Versuch, sich andere vom Leib zu halten. Von wegen „ach wie süß“ – das mögen die kleinen Lamas nicht so gern. Zwilling 1 ist auch zudem etwas fehlgeprägt und spuckt ganz gern. Zwilling 2 schubst dafür umso lieber und haut, wenn ihm was nicht passt. Dann wird auch laut „nein“ gebrüllt.
Es wird deutlich körperlicher als wir es von Minilama her kennen. Bücher sind schon interessant, aber eher marginal. Zum Entspannen zwischen zwei Aktionen daheim blättern sie gern auf den Schoß gekuschelt im Lieblingsbuch. Da gibt es klare Präferenzen. So zwischen Sofaerklimmen und Puzzleteilweitwurf (und die zwei werfen erstaunlich weit und genau). Die Erziehrein meinte auf meine Frage, wann die beiden sich denn mal regenerieren, wann sei zur Ruhe kommen: „Wenn sie schlafen, mittags.“ Damit ist alles gesagt.
Die beiden trauen sich bewegungsmäßig schon jetzt mehr zu als Minilama. Balancieren, irgendwo runterspringen – das machen die beiden teils sicherer als Minilama. Man kann es kaum glauben, aber trotz 28 Monaten Altersunterschied balancieren die Kleinen tatsächlich sicherer und springen angstfreier, drücken weniger fest meine Hände zusammen. Die beiden werden ausflippen, wenn sie im Sommer ins Kindeturnen dürfen, das steht schon fest.
Ich lerne neuen Dimension vom Elternsein kennen, muss mich bremsen nicht immer gleich „nein“ zu rufen, wenn etwas Waghalsiges ansteht, sondern das Ausprobieren zulassen. Muss erst noch selbst herausfinden, wo ich die Grenzen ziehe. Was ist noch ok? Was schon zu gefährlich? Sind die beiden jetzt zu müde dafür? Oder packen sie das noch? Was ist absolut tabu? (Lichterdisco mit dem Lichtschalter z.B.- da wird sofort der Treppenstuhl in den Flut gestellt)
Und staunen, wie sehr diese kleinen Menschen über sich hinaus wachsen: Noch keine 20 Monate alt ist Zwilling 1 und kommt komplett ohne Hilfe die Metallleiter zum Klettergerüst hoch. Auch die etwas höhere erste Stufe macht keine Probleme mehr. Die Wackelbrücke da schon eher. Wenn es ans Rutschen geht ist das vergessen. Mit dem Gesicht voran geht hinab in den Sand. Zwilling 2 hingegen braucht noch Hilfe bei der Leiter, muss merken, dass da eine Hand hilft, rennt dann lachend über die wackelnde Brücke und setzt sich gemäßigt mit den Füßen zuerst auf die Rutsche. Wenn man dann sagt „komm“, geht’s ab. Da lachen die beiden fröhlich auf – ich hab manchmal noch ein bisschen Herzflattern von der Kletteraktion auf meiner Kopfhöhe vorher.

 

* Ich vermeide es ja bewusst, anzugeben, welches Geschlecht die kleinen Lamas haben. Weil es keinen Unterschied macht – weder für meine Erziehung noch für meinen Blick auf die Kinder. Sie werden alle soweit wie es möglich ist, gleich erzogen, kommen mit Literatur, mit der Natur, mit wissenschaftlichen Beobachtungen und allem, worüber man sich den Kopf zerbrechen kann, in Kontakt. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. Ich bin selbst gebanntes Kind, hatte nur doofen Mädchenkram, aber nie Konstruktionssachen, so gut wie kein Lego, nichts zum Experimentieren. Das hätte ich als Kind aus heutiger Sicht aber unheimlich gern kennengelernt. Daher haben alle meine Kinder die Chance eine wahrscheinlich eher jungenhafte Erziehung zu genießen, bei der es um Bewegung und Erkunden und Begreifen der Welt geht.

Schreibe einen Kommentar