Leben wir eigentlich in einer Blase ?

Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe in einer Art Blase. Oder auf der Astralebene, in einem Eiswürfel (ich hoffe doch, einige können das Bild entschlüsseln…).
Bei uns im Ort gibt es so viel Einfamilienhäuser, so viele Familien, bei denen Geld keine Rolle spielt, auch zunehmend Familien, die sich für ein zweites Kind entscheiden (und dann selbstbewusst sagen „Wir haben zwei, das reicht uns.“ Ich konterte dann gern: „Wir haben drei und noch Platz im Herzen für drei mehr.“), Mamas, die ein bisschen zuhause bleiben, weil sie es ja können, Kinder in edlen Markenteilchen, Reisen in die Karibik und so weiter.
Manchmal wird es mir etwas zu luxuriös bei uns. Die Postkarte aus der Karibik am Kitaschrank zum Beispiel, der 4  Meter hohe Weihnachtsbaum und die darauf folgende Skiwoche außerhalb, der Fuhrpark, das neu Einkleiden extra für das Kitafoto, die teuren Hobbies – Reiten und Instrument sind keine Seltenheit. In meiner Kindheit völlig undenkbar.

Ja, denke ich, es ist eine Blase. Armut gibt es in Deutschland, aber eben bei uns nicht. Oder wir blenden sie sehr geschickt aus. Nur das Beste für die Kinder, nur das Beste ist gut genug. Und auch für mich als Mutter muss noch was übrig sein, reisen und was weiß ich soll auch noch stattfinden.
Ich selbst komme aus anderen Verhältnissen. Nicht prekär zum Glück, aber meine Mutter musste sehr aufs Geld achten, um unser Haus bezahlen zu können. Reisen weiter als Holland (und das auch sehr, sehr selten) waren mir unbekannt. Ferienfreizeiten machen wir dann später, auch nach Holland, allerdings.
Hobbies waren im Sportverein zu suchen und schon Judo oder Tennis waren eigentlich außerhalb dessen, was möglich war. Weil man dafür teures Zubehör brauchte. Musikalisch war ich auch unterwegs, aber erst auf dem Gymnasium und innerhalb einer VHS-Gruppe. Weihnachtsbäume kamen aus dem Garten, Kleidung kaufte ich mir seit ich einen Nebenjob hatte vom eigenen Geld, Bücher auch. Als die Oberstufe begann und die Rede auf die Kursfahrt Ende der 12 kam, begann meine Mutter monatlich etwas dafür zur Seite zu legen.
Meine Mutter musste arbeiten. Die war die Alleinverdienerin.  Wenn ich krank war, konnte sie nicht daheim bleiben. Meine Großeltern waren in der Nachbarschaft. Dort wartete ich dann bis meine Mutter von der Arbeit kam. Die Schulferien verliefen ähnlich. Weil ich abgelegen wohnte, gab es keine Freunde im Ort. Zu Freunden gebracht werden war eine schöne Ausnahme, es gab Phasen, in denen Kontakte intensiver waren (vor allem in der Grundschulzeit) und weniger intensiv gepflegt wurden (Kindergarten und Gymnasialzeit).
Das war jetzt nicht absolut wundervoll und perfekt. Aber es war wie es war.  Unter manchem habe ich gelitten, beispielsweise unter dem Spott anderer Kinder auf dem Gymnasium, weil ich in den Anfangsjahren nicht die richtigen Kleider anhatte – aber was ist schon die richtige Kleidung?
Ich kann aktuell in einer sehr komfortablen Lage mein Leben genießen: Ich besitze ein Haus, das groß genug für alle ist, kann es so renovieren, wie es meinen Ansprüchen entspricht, habe ein eigenes Auto, mit dem ich mit dorthin bewegen kann, wo es mir passt, habe drei Ganztagesplätze in einer Kita, die ich gut finde, kann einer Tätigkeit nachgehen, die ich schon ehrenamtlich spannend fand und erwirtschafte damit ein Auskommen, das mich unabhängig macht, das meine Familie ernähren kann. Ich kann es mir leisten, bewusst manche Dinge in Bioqualität und fair gehandelt  zu kaufen – ob es Nahrungsmittel sind oder Kleidung. Wir können in Urlaub fahren und die Kinder können Eltern-Kund-Turnen machen und regelmäßig ins Schwimmbad gehen. Auch die Musikschule ab 4,5 Jahren ist möglich.
Dennoch weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist und ich achte nach wie vor aufs Geld: Wenn möglich kaufe ich gebrauchte Dinge, Spielwaren, Kleidung und ggf. Schuhe  für uns alle 5, leihe Bücher aus der Bücherei aus oder kaufe gebraucht, kaufe reduzierte Lebensmittel (wie z.B. Brot), koche im Urlaub und im Alltag selbst anstelle essen zu gehen oder einen Snack unterwegs einzukaufen.
Und wenn ich wie neulich in der Kita mit zu viel Konsumfreude konfrontiert bin, mache ich auch den Mund auf. Als die Photographin kommen sollte, überlegten viele, wo sie Festkleidung für ihre Kinder herbekommen sollten. welcher Shop dafür wohl der geeignetste wäre. Andere schwiegen eher. Und ich machte deutlich: “ Ich gucke, was im Kleiderschrank der drei noch zu finden ist. Etwas neues extra für diesen Tag werde ich nicht kaufen.“ Irritierte und erlöste Blicke folgten. Manchmal muss man auch die Stimme erheben, für die, die keine haben. Auch in innerhalb der Blase.

2 Gedanken zu “Leben wir eigentlich in einer Blase ?

  1. Da fällt mir auch einiges davon auf in unserer Umgebung. Ich bin in sehr einfachen Verhältnissen gross geworden, hab mir bis zu ihrem Auszug ein kleines Zimmer mit meiner Schwester geteilt und war es gewohnt, dass gewisse Dinge finanziell nicht möglich waren. Das war manchmal schwer, aber im Nachhinein wahrscheinlich eher ein Segen.
    Heute leben wir von zwei Teilzeitpensen in einem günstig gemieteten Reihenhaus. Ich finde, wir haben alles, was wir brauchen, allerdings wird beim Thema „grössere Anschaffungen“ (damit meine ich Möbel, kein Auto!) oder Urlaub (Deutschland, nicht Karibik) deutlich, dass wir eben auch bescheidene Mittel haben. Dennoch empfinde ich es auch als Luxus, dass wir eben beide Teilzeit arbeiten, um unsere Kinder gemeinsam zu betreuen. Dies sogar mit erfüllenden Tätigkeiten. Das ist ein Geschenk!

    Richtig schlucken muss ich dann, wenn mir auf dem Spielplatz eine Mama, fast schon verlegen, erzählt, sie würden ja ein Haus bauen und können daher im Winter jetzt „NUR“ (ja, sie sagte NUR) nach Dubai in den Urlaub fliegen. Das war ihr ganz schön unangenehm. Man stelle sich vor – NUR Dubai?

    Mein Mann rät mir, dann immer kurz unsere finanzielle Situation offen zu legen (wir schrammen am Existenzminimum), was ich allerdings selten mache. Wenn, dann reagieren die Menschen etwas beschämt, was ja auch nicht Sinn und Zweck davon ist. Es ist einfach manchmal irritierend, wie viel sich Menschen leisten können und sich dabei sogar oft noch so vorkommen, als hätten sie finanzielle Engpässe, weil es „nur“ nach Dubai reicht….

    Für das Foto im Kindergarten, was es bei uns letzte Woche gab, hielt ich dem Kind zwei Shirts zur Auswahl hin, mein Kriterium war: Sauber und gekämmt. Am Ende war das Kind einfach sauber angezogen :-) Das reicht doch!

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