„Magst du mithelfen?“ – Lamasus und die Herde auf einem Parkplatz auf dem Weg zur Kita

Wenn möglich gehe ich mit den Kindern zu Fuß. Weil wir in einem eher überschaubaren Ort leben, in dem alles wirklich gut fußläufig erreichbar ist. Läden, Ärzte, auch der Kindergarten, wenngleich man dafür in den Ortsteil gehen mzuss. Gut, die Bürgersteige im Ortskern könnten mancherorts etwas breiter sein, denn mit dem Kinderwagen fährt man gern zwischen Bürgerstzeig und Straße, mit schiefem Gefährt. Das Ganze ist entsprechend unbequemer je länger oder breiter der Wagen ist. Aber es gibt auch Ecken im Ort, wo man gut mit dem Kinderwagen fahrne kann. Dass wir im alten Ortskern und nicht im Neubaugebiet wohnen – dafür können die Städteplaner ja auch nichts.
ich bin schon immer gerne zu Fuß unterwegs gewesen. Seit wann das so ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich seit ich gehen kann oder so. Unterwegs sein, Weg unter die Füße nehmen macht mir Spaß. ich sehe was, kann stehen bleiben, atme frische Luft ein – der Sinn vom draußen sein hat sich mir schon immer erschlossen. Zu Schulzeiten bin ich gern draußen gewesen, was aber oft nicht so gut ging, weil wir in einem abgeschiedenen Ort gewohnt haben und so richtig raus in die Felder oder den Wald gehen einfach zu gefährlich war alleine. Das sah ich ein, weil in unserem Dörfchen in kurzer Zeit zwei  Menschen als  2 Sexualstraftäter verurteilt wurden. Als Studentin liebte ich es in der Stadt, in umbautem Gebiet unterwegs zu sein, sonntags Waldwege zu erkunden. Auch in der Ausbildung war ich mir meinen Walkingstöcken immer unterwegs, um den Kopf frei zu bekommen, neue Ideen für meine SchülerInnen und die Gruppen, die ich betreute zu entwickeln. Ähnlich wie das Schwimmen gehört diese ganz einfache Form des bewegens integral zu meinem Alltag dazu. Das Auto nutze ich eigentlich nur, um zur Arbeit zu kommen oder wenn wir als Familie einen Ausflug an etwaswiter entfernte Orte machen. An guten Tagen kommen ich locker auf 22.000 Schritte, wenn ich arbeitne muss immerhin auf 7000 bis 9000 Schritte.
Daher ist es undenkbar für mich etwas zu sagen wie „Minilama ist kein großer Läufer“ oder „Die Strecke packen die Kinder nicht.“ Wir sind eine Familie, die viel zu Fuß macht. Und da müssen die Kinder einfach mitziehen. Ich sage es mal so: Alphalama und ich haben vieles aufgegeben, was für früher in unserem Alltag normal und selbsttverständlich getan haben. Auch Dinge wie in Ruhe am Tisch eine Tasse Tee trinken oder in Ruhe alleine auf der Toilette zu sitzen, länger als 2 Minuten duschen, Pflegespülung auf die Haare zu verteilen, ein Buch im Wohnzimmer liegen zu lassen oder den Mülleimer in die Küche zu stellen (ich laufe für jeden Apfelkern ins Bad). Diese Dinge, die man sich als Eltern einfach abgewöhnt, wenn das Wohnzimmer mehr und mehr zum Kinderparadies wird. Spätestens eit Krabbeltunnel, Bällebad, Riesenduplokiste und Spielküche eingezogen sind, haben ich auch Alphalamas Adapter und Ladegeräteschublade ausgeräumt, die Baby 1 so gerne aufgemacht und ausgiebig angefasst hat. Ich kenne meine Kochrezepte jetzt auswendig, weil die Kochbücher auf dem Speicher stehen, ich habe die Glas-Topfdeckel auf dem Brotkasten liegen, komme nur hastig an die Gewürzschublade, wenn ich eilig das Tuch, dass die Laden verknotet hält löse (die normalen Schubladenschlössen knacken die Twins schon) und eilig herausfische, wa sich brauche. Meist gibts ungewürzt oder mit bisschen Salz.
Will heißen: Gepaart mit diesen krassen nächtlichen Wachphasen, die auch die Babylamas zunehmend entwickeln, ist unser Leben sehr stark verändert, haben wir kaum noch eigene Entfaltungsspielräume als Eltern. Ein Beispiel: Ich gehe vielleicht noch alle 2 Wochen schwimmen, dafür trune ich jetzt abendlich mit Heimvideo. Meine Fitnessgruppe vor Ort habe ich verlassen, weil es nicht mehr ging. Alphalama hat seit ewigen Zeiten kein Bier mehr gebraut.
Manche Dinge lasse ich mir aber nicht nehmen – auch wenn Unbeteiligte dann immer so tun als würde ich meinen Kinder was antun, weil sie gehen müssen oder mit zum Einkaufen kommen müssen. Irgendwo ist einfach Schluss mit der Selbstaufgabe, da bin ich rigoros. Und dazu gehören sich selbst an- und ausziehen, selbst Zähne vorputzen, am Tisch sitzen, wenn es was zu essen gibt, beim Händewaschen nicht unnötig Wasser laufen lassen und Antwort geben, wenn man gerufen wird. ich betone: Guten Tag und danke sagen, irgendwelche Onkel mit Handschlag grüßen, die Portion  aufessen und vieles andere ist mir völlig schnurz. Ich will nur nicht, dass zuhause dauernd dieser extreme Stresslevel herrscht, dass ständig wer erneut Durst hat, obwohl man noch nicht mal alle drei einmal durch hatte (und ich elbst noch nichts gehabt habe), dass man 10 Minuten braucht bis man aus dem Haus kommt, weil einer keinen Bock hat, Schuhe anzuziehen oder dass ständig Essen auf dem Boden herumkugelt, dass Wasser verschwendet wird (da bin ich eine wirklich militante Umweltschützerin und ich wünsche mir, dass meine Kinder Respekt vor den Ressourcen entwickeln. In der Kita wird das leider eher weniger vermittelt.) oder dass dauernd gebissen wird (die neueste Phase der Babylamas). Das alles ist extrem stressig, bringt Unruhe in den Alltag, macht einfachste Dinge zur Mammutaufgabe. Dann fehlen für schöne Sachen, die Freude machen und die Familie zusammenschweißen,  den Kräfte. Und so reduziert auf die Lebenserhaltung will ich einfach nicht leben. Ich will natürlich auch keinen Langstreckenflug mit allen dreien machen oder bis nachts in einem Restaurant sitzen, aber so ein bisschen Normalität wäre schon klasse.
Vor Kurzem hatte ich wieder eines dieser Erlebnisse, wo ich hinterher gar nicht richtig weiß, was da vorgefallen ist.
Wenn ich Bürotage habe, versuche ich so früh wie möglich im Büro zu sein, sodass ich dann regelmäßig aufs Auto ausweiche. die 20 Minuten Fußrückweg möchte ich dann nicht investieren. Ich habe aber auch schon abends das Auto an der Kita stehen lassen, damit die Kinder gelüftet werden und ich später keine Zeit verliere. Wie es eben geht.
An dem konkreten Morgen stand mein Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz. Ich war ordnungsgemäß in die Lücke hineingefahren, allerdings war die komplette rechte Seite des Autos dadurch nicht begehbar, weil direkt daran ein Bordstein angrenzte. Unmöglich, die Zwillinge so in ihre Sitze zu bringen. Ich musste also den Buggy nebst Anhängen (Rucksäcke, Tagesproviant, Regensachen, denn es nieselte, Stoffwindeln, Minilamas Roller, Helm, Sicherheitsweste…) alleine stehen lassen, um das Auto etwas zurückzufahren. Zuerst verfrachtete ich Minilama ins Auto, da es leider nicht auf die Bitte, irgendwo stehen zu bleiben hört. Dann parkte ich den Buggy so, dass ich ihn nicht touchieren könnte, stellte den Warnblinker meines Wagens und das Rundumlicht an Minilamas Roller, der auf dem Buggy lag, an. Es war halbdunkel und der Berufsverkehr auf dem Parkplatz hatte begonnen und es passte mir gar nicht, die Kinder dort unbeaufsichtigt stehen lassen zu müssen.
Ich parkte also die paar Meter um, setzte er st einen Zwilling ins Auto, legte dann die ganzen Sachen vom Buggy auf den freien hinteren Sitz, setzte dann den anderen Zwilling in den Sitz, klappte den Wagen ein, legte ihn in den Kofferraum, packte noch etwas um, da der Rücksitz zu voll war, legte das Regencover etwas zusammen usw. Es gab einiges zu tun, das Auto ist klein, der Platz war begrenzt, viel Zeugs musste bewegt werden, außerdem ist gerade der Buggy nicht so federleicht, wie die Werbung es einem weiß machen will; es nieselte ja auch noch. Die Kinder waren sehr ruhig, da kann ich mich wirklich nicht beschweren. Und während ich so hantierte und tatsächlich ans Schwitzen kam, blickte ich mich immer wieder mal um, um zu sehen, ob mein doof geparktes Auto und mein Hintern, der ja noch weiter in die Fahrbahn hineinragte, irgendjemandem den Weg versperrte. Zum Glück nicht. Aber eine Jugendliche und ihre Mutter hatten offensichtlich ihr Morgenunterhaltungsprogramm gefunden. Die Jugendliche starrte ohne Witz mit offenem Mund auf die Szene, die ich dort abgab. Und als Jugendarbeiterin konnte ich den Mund nicht halten: „Magst du mithelfen?“ fragte ich. Ich wäre wirklich froh drum gewesen, wenn mir jemand den Buggy angefasst hätte oder auch schon vorher dazu gekommen wäre, um ein bisschen beim Rauswinken zu helfen. Leider bekam ich keine Hilfe. Ich wurde nur angestarrt. So angestarrt zu werden macht mich immer wütend und hilflos. Hingucken, klar. Sieht ja interessant aus diese kleine Großfamilie.
Hilfe anbieten? Unbedingt! Mache ich selbst auch jederzeit. (Ich habe mal mit drei Kindern im Schlepptau den entlaufenen Hund einer E-Rollstuhlfahrerin wieder eingefangen, geht alles, wenn man will)
Andere anglotzen wie ein Zootier, weil sie anders aussehen oder was anderes machen wie andere? Gehört sich einfach nicht. Punkt.

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