Leben wir eigentlich in einer Blase ?

Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe in einer Art Blase. Oder auf der Astralebene, in einem Eiswürfel (ich hoffe doch, einige können das Bild entschlüsseln…).
Bei uns im Ort gibt es so viel Einfamilienhäuser, so viele Familien, bei denen Geld keine Rolle spielt, auch zunehmend Familien, die sich für ein zweites Kind entscheiden (und dann selbstbewusst sagen „Wir haben zwei, das reicht uns.“ Ich konterte dann gern: „Wir haben drei und noch Platz im Herzen für drei mehr.“), Mamas, die ein bisschen zuhause bleiben, weil sie es ja können, Kinder in edlen Markenteilchen, Reisen in die Karibik und so weiter.
Manchmal wird es mir etwas zu luxuriös bei uns. Die Postkarte aus der Karibik am Kitaschrank zum Beispiel, der 4  Meter hohe Weihnachtsbaum und die darauf folgende Skiwoche außerhalb, der Fuhrpark, das neu Einkleiden extra für das Kitafoto, die teuren Hobbies – Reiten und Instrument sind keine Seltenheit. In meiner Kindheit völlig undenkbar.

Ja, denke ich, es ist eine Blase. Armut gibt es in Deutschland, aber eben bei uns nicht. Oder wir blenden sie sehr geschickt aus. Nur das Beste für die Kinder, nur das Beste ist gut genug. Und auch für mich als Mutter muss noch was übrig sein, reisen und was weiß ich soll auch noch stattfinden.
Ich selbst komme aus anderen Verhältnissen. Nicht prekär zum Glück, aber meine Mutter musste sehr aufs Geld achten, um unser Haus bezahlen zu können. Reisen weiter als Holland (und das auch sehr, sehr selten) waren mir unbekannt. Ferienfreizeiten machen wir dann später, auch nach Holland, allerdings.
Hobbies waren im Sportverein zu suchen und schon Judo oder Tennis waren eigentlich außerhalb dessen, was möglich war. Weil man dafür teures Zubehör brauchte. Musikalisch war ich auch unterwegs, aber erst auf dem Gymnasium und innerhalb einer VHS-Gruppe. Weihnachtsbäume kamen aus dem Garten, Kleidung kaufte ich mir seit ich einen Nebenjob hatte vom eigenen Geld, Bücher auch. Als die Oberstufe begann und die Rede auf die Kursfahrt Ende der 12 kam, begann meine Mutter monatlich etwas dafür zur Seite zu legen.
Meine Mutter musste arbeiten. Die war die Alleinverdienerin.  Wenn ich krank war, konnte sie nicht daheim bleiben. Meine Großeltern waren in der Nachbarschaft. Dort wartete ich dann bis meine Mutter von der Arbeit kam. Die Schulferien verliefen ähnlich. Weil ich abgelegen wohnte, gab es keine Freunde im Ort. Zu Freunden gebracht werden war eine schöne Ausnahme, es gab Phasen, in denen Kontakte intensiver waren (vor allem in der Grundschulzeit) und weniger intensiv gepflegt wurden (Kindergarten und Gymnasialzeit).
Das war jetzt nicht absolut wundervoll und perfekt. Aber es war wie es war.  Unter manchem habe ich gelitten, beispielsweise unter dem Spott anderer Kinder auf dem Gymnasium, weil ich in den Anfangsjahren nicht die richtigen Kleider anhatte – aber was ist schon die richtige Kleidung?
Ich kann aktuell in einer sehr komfortablen Lage mein Leben genießen: Ich besitze ein Haus, das groß genug für alle ist, kann es so renovieren, wie es meinen Ansprüchen entspricht, habe ein eigenes Auto, mit dem ich mit dorthin bewegen kann, wo es mir passt, habe drei Ganztagesplätze in einer Kita, die ich gut finde, kann einer Tätigkeit nachgehen, die ich schon ehrenamtlich spannend fand und erwirtschafte damit ein Auskommen, das mich unabhängig macht, das meine Familie ernähren kann. Ich kann es mir leisten, bewusst manche Dinge in Bioqualität und fair gehandelt  zu kaufen – ob es Nahrungsmittel sind oder Kleidung. Wir können in Urlaub fahren und die Kinder können Eltern-Kund-Turnen machen und regelmäßig ins Schwimmbad gehen. Auch die Musikschule ab 4,5 Jahren ist möglich.
Dennoch weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist und ich achte nach wie vor aufs Geld: Wenn möglich kaufe ich gebrauchte Dinge, Spielwaren, Kleidung und ggf. Schuhe  für uns alle 5, leihe Bücher aus der Bücherei aus oder kaufe gebraucht, kaufe reduzierte Lebensmittel (wie z.B. Brot), koche im Urlaub und im Alltag selbst anstelle essen zu gehen oder einen Snack unterwegs einzukaufen.
Und wenn ich wie neulich in der Kita mit zu viel Konsumfreude konfrontiert bin, mache ich auch den Mund auf. Als die Photographin kommen sollte, überlegten viele, wo sie Festkleidung für ihre Kinder herbekommen sollten. welcher Shop dafür wohl der geeignetste wäre. Andere schwiegen eher. Und ich machte deutlich: “ Ich gucke, was im Kleiderschrank der drei noch zu finden ist. Etwas neues extra für diesen Tag werde ich nicht kaufen.“ Irritierte und erlöste Blicke folgten. Manchmal muss man auch die Stimme erheben, für die, die keine haben. Auch in innerhalb der Blase.

Danke

Bei uns ist grade einiges los. Die Kita ist entvölkert, die Kinder sind krank. Auch unsere, die sich das Staffelholz Woche für Woche weitergeben. Normalität sieht anders aus. Wir sind viel bei  Ärzten, an Tagen,  an denen ich arbeiten kann, arbeite ich so viel es geht, arbeite abends, wenn die Kinder schlafen. zum Glück geht das in meinem Beruf so gut. Ich beglückwünsche mich im Moment regelmäßig, dass ich nicht Lehrerin geworden bin, dann wären meine Schüler grade arm dran und ich sicherlich sehr gestresst. Gestresst bin ich natürlich so und so. Die Zwillinge schlafen schlecht, auch hier hat sich die Staffelholzmethode eingebürgert. Baby 2 ist von 23 bis 2 Uhr im Schlaf-Wach-Modus, Baby 2 von 3 bis 4.30. Dann sind beide wach und untröstlich. Wir haben pro Woche 3 dieser Nächte grade. Minilama, bald 4, hat diese Kitafremdelphase, die man in dem Alter gerne hat. Doof für uns alle.
Heute war ich vormittags mit den Zwillingen unterwegs, da die beiden im Haus nicht zufrieden waren. Da wir noch eine Weste brauchten, war das ok. Ich fand noch ein Legoshirt für Minilama. da es einen Legogeburtstag feiern wird, kam mir das gerade recht. Als wir zuhause ankamen war das Shirt weg. Ich konnte es nicht finden. Dafür fand ich in der Wäsche den vermissten Schuh von Baby 1. Nach dem Essen schliefen die Zwillinge rasch ein und ich suchte nochmal genauer nach dem Shirt. es war aber einfach weg. Wie auch immer musste es aus dem Buggy gefallen sein. Ich musste den Weg also nochmal abgehen. Aber erst nach dem Mittagschlaf.
Als die Babylamas dann wach wurden waren sie beide übel drauf. Baby 1 fing sich schnell wieder, trank und bekam zum Trost den Sauger. Baby 2 brüllte ganz schlimm. Ich kenne das von Minilama, das ist auch oft brüllend vom Mittagsschlaf aufgewacht. Irgendwann endete der Anfall dann von allein, Minilama spielte los als sei nichts gewesen. Baby 2 beruhigte sich nicht mehr von allein. Vielleicht bin ich auch nicht mehr so geduldig wie früher. Sauger, Trinken wehrte es ab, sooft Baby 1 es auch anbot, es trat und schlug um sich. Ich fasste den Entschluss, an die Luft zu gehen. Im Haus war es unerträglich und ich hoffte, die Ablenkung draußen würde helfen. Es ging auch etwas besser, gut ist aber anders. Ich trug das Kind auf dem Arm und versuchte ruhig auf es ein zu reden. Dabei ging ich den Weg vom Vormittag nochmal ab. Und dabei fand ich tatsächlich das verlorene neue Shirt. Jemand hatte es auf eine Hecke gelegt. Ich war so dankbar. 4 Stunden waren vergangen, das Oberteil wie gesagt nagelneu und wahnsinnig schön. Und wie so oft haben wir das Verlorene auch wieder gefunden. Eine Ode an unsere Stadt!

„Magst du mithelfen?“ – Lamasus und die Herde auf einem Parkplatz auf dem Weg zur Kita

Wenn möglich gehe ich mit den Kindern zu Fuß. Weil wir in einem eher überschaubaren Ort leben, in dem alles wirklich gut fußläufig erreichbar ist. Läden, Ärzte, auch der Kindergarten, wenngleich man dafür in den Ortsteil gehen mzuss. Gut, die Bürgersteige im Ortskern könnten mancherorts etwas breiter sein, denn mit dem Kinderwagen fährt man gern zwischen Bürgerstzeig und Straße, mit schiefem Gefährt. Das Ganze ist entsprechend unbequemer je länger oder breiter der Wagen ist. Aber es gibt auch Ecken im Ort, wo man gut mit dem Kinderwagen fahrne kann. Dass wir im alten Ortskern und nicht im Neubaugebiet wohnen – dafür können die Städteplaner ja auch nichts.
ich bin schon immer gerne zu Fuß unterwegs gewesen. Seit wann das so ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich seit ich gehen kann oder so. Unterwegs sein, Weg unter die Füße nehmen macht mir Spaß. ich sehe was, kann stehen bleiben, atme frische Luft ein – der Sinn vom draußen sein hat sich mir schon immer erschlossen. Zu Schulzeiten bin ich gern draußen gewesen, was aber oft nicht so gut ging, weil wir in einem abgeschiedenen Ort gewohnt haben und so richtig raus in die Felder oder den Wald gehen einfach zu gefährlich war alleine. Das sah ich ein, weil in unserem Dörfchen in kurzer Zeit zwei  Menschen als  2 Sexualstraftäter verurteilt wurden. Als Studentin liebte ich es in der Stadt, in umbautem Gebiet unterwegs zu sein, sonntags Waldwege zu erkunden. Auch in der Ausbildung war ich mir meinen Walkingstöcken immer unterwegs, um den Kopf frei zu bekommen, neue Ideen für meine SchülerInnen und die Gruppen, die ich betreute zu entwickeln. Ähnlich wie das Schwimmen gehört diese ganz einfache Form des bewegens integral zu meinem Alltag dazu. Das Auto nutze ich eigentlich nur, um zur Arbeit zu kommen oder wenn wir als Familie einen Ausflug an etwaswiter entfernte Orte machen. An guten Tagen kommen ich locker auf 22.000 Schritte, wenn ich arbeitne muss immerhin auf 7000 bis 9000 Schritte.
Daher ist es undenkbar für mich etwas zu sagen wie „Minilama ist kein großer Läufer“ oder „Die Strecke packen die Kinder nicht.“ Wir sind eine Familie, die viel zu Fuß macht. Und da müssen die Kinder einfach mitziehen. Ich sage es mal so: Alphalama und ich haben vieles aufgegeben, was für früher in unserem Alltag normal und selbsttverständlich getan haben. Auch Dinge wie in Ruhe am Tisch eine Tasse Tee trinken oder in Ruhe alleine auf der Toilette zu sitzen, länger als 2 Minuten duschen, Pflegespülung auf die Haare zu verteilen, ein Buch im Wohnzimmer liegen zu lassen oder den Mülleimer in die Küche zu stellen (ich laufe für jeden Apfelkern ins Bad). Diese Dinge, die man sich als Eltern einfach abgewöhnt, wenn das Wohnzimmer mehr und mehr zum Kinderparadies wird. Spätestens eit Krabbeltunnel, Bällebad, Riesenduplokiste und Spielküche eingezogen sind, haben ich auch Alphalamas Adapter und Ladegeräteschublade ausgeräumt, die Baby 1 so gerne aufgemacht und ausgiebig angefasst hat. Ich kenne meine Kochrezepte jetzt auswendig, weil die Kochbücher auf dem Speicher stehen, ich habe die Glas-Topfdeckel auf dem Brotkasten liegen, komme nur hastig an die Gewürzschublade, wenn ich eilig das Tuch, dass die Laden verknotet hält löse (die normalen Schubladenschlössen knacken die Twins schon) und eilig herausfische, wa sich brauche. Meist gibts ungewürzt oder mit bisschen Salz.
Will heißen: Gepaart mit diesen krassen nächtlichen Wachphasen, die auch die Babylamas zunehmend entwickeln, ist unser Leben sehr stark verändert, haben wir kaum noch eigene Entfaltungsspielräume als Eltern. Ein Beispiel: Ich gehe vielleicht noch alle 2 Wochen schwimmen, dafür trune ich jetzt abendlich mit Heimvideo. Meine Fitnessgruppe vor Ort habe ich verlassen, weil es nicht mehr ging. Alphalama hat seit ewigen Zeiten kein Bier mehr gebraut.
Manche Dinge lasse ich mir aber nicht nehmen – auch wenn Unbeteiligte dann immer so tun als würde ich meinen Kinder was antun, weil sie gehen müssen oder mit zum Einkaufen kommen müssen. Irgendwo ist einfach Schluss mit der Selbstaufgabe, da bin ich rigoros. Und dazu gehören sich selbst an- und ausziehen, selbst Zähne vorputzen, am Tisch sitzen, wenn es was zu essen gibt, beim Händewaschen nicht unnötig Wasser laufen lassen und Antwort geben, wenn man gerufen wird. ich betone: Guten Tag und danke sagen, irgendwelche Onkel mit Handschlag grüßen, die Portion  aufessen und vieles andere ist mir völlig schnurz. Ich will nur nicht, dass zuhause dauernd dieser extreme Stresslevel herrscht, dass ständig wer erneut Durst hat, obwohl man noch nicht mal alle drei einmal durch hatte (und ich elbst noch nichts gehabt habe), dass man 10 Minuten braucht bis man aus dem Haus kommt, weil einer keinen Bock hat, Schuhe anzuziehen oder dass ständig Essen auf dem Boden herumkugelt, dass Wasser verschwendet wird (da bin ich eine wirklich militante Umweltschützerin und ich wünsche mir, dass meine Kinder Respekt vor den Ressourcen entwickeln. In der Kita wird das leider eher weniger vermittelt.) oder dass dauernd gebissen wird (die neueste Phase der Babylamas). Das alles ist extrem stressig, bringt Unruhe in den Alltag, macht einfachste Dinge zur Mammutaufgabe. Dann fehlen für schöne Sachen, die Freude machen und die Familie zusammenschweißen,  den Kräfte. Und so reduziert auf die Lebenserhaltung will ich einfach nicht leben. Ich will natürlich auch keinen Langstreckenflug mit allen dreien machen oder bis nachts in einem Restaurant sitzen, aber so ein bisschen Normalität wäre schon klasse.
Vor Kurzem hatte ich wieder eines dieser Erlebnisse, wo ich hinterher gar nicht richtig weiß, was da vorgefallen ist.
Wenn ich Bürotage habe, versuche ich so früh wie möglich im Büro zu sein, sodass ich dann regelmäßig aufs Auto ausweiche. die 20 Minuten Fußrückweg möchte ich dann nicht investieren. Ich habe aber auch schon abends das Auto an der Kita stehen lassen, damit die Kinder gelüftet werden und ich später keine Zeit verliere. Wie es eben geht.
An dem konkreten Morgen stand mein Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz. Ich war ordnungsgemäß in die Lücke hineingefahren, allerdings war die komplette rechte Seite des Autos dadurch nicht begehbar, weil direkt daran ein Bordstein angrenzte. Unmöglich, die Zwillinge so in ihre Sitze zu bringen. Ich musste also den Buggy nebst Anhängen (Rucksäcke, Tagesproviant, Regensachen, denn es nieselte, Stoffwindeln, Minilamas Roller, Helm, Sicherheitsweste…) alleine stehen lassen, um das Auto etwas zurückzufahren. Zuerst verfrachtete ich Minilama ins Auto, da es leider nicht auf die Bitte, irgendwo stehen zu bleiben hört. Dann parkte ich den Buggy so, dass ich ihn nicht touchieren könnte, stellte den Warnblinker meines Wagens und das Rundumlicht an Minilamas Roller, der auf dem Buggy lag, an. Es war halbdunkel und der Berufsverkehr auf dem Parkplatz hatte begonnen und es passte mir gar nicht, die Kinder dort unbeaufsichtigt stehen lassen zu müssen.
Ich parkte also die paar Meter um, setzte er st einen Zwilling ins Auto, legte dann die ganzen Sachen vom Buggy auf den freien hinteren Sitz, setzte dann den anderen Zwilling in den Sitz, klappte den Wagen ein, legte ihn in den Kofferraum, packte noch etwas um, da der Rücksitz zu voll war, legte das Regencover etwas zusammen usw. Es gab einiges zu tun, das Auto ist klein, der Platz war begrenzt, viel Zeugs musste bewegt werden, außerdem ist gerade der Buggy nicht so federleicht, wie die Werbung es einem weiß machen will; es nieselte ja auch noch. Die Kinder waren sehr ruhig, da kann ich mich wirklich nicht beschweren. Und während ich so hantierte und tatsächlich ans Schwitzen kam, blickte ich mich immer wieder mal um, um zu sehen, ob mein doof geparktes Auto und mein Hintern, der ja noch weiter in die Fahrbahn hineinragte, irgendjemandem den Weg versperrte. Zum Glück nicht. Aber eine Jugendliche und ihre Mutter hatten offensichtlich ihr Morgenunterhaltungsprogramm gefunden. Die Jugendliche starrte ohne Witz mit offenem Mund auf die Szene, die ich dort abgab. Und als Jugendarbeiterin konnte ich den Mund nicht halten: „Magst du mithelfen?“ fragte ich. Ich wäre wirklich froh drum gewesen, wenn mir jemand den Buggy angefasst hätte oder auch schon vorher dazu gekommen wäre, um ein bisschen beim Rauswinken zu helfen. Leider bekam ich keine Hilfe. Ich wurde nur angestarrt. So angestarrt zu werden macht mich immer wütend und hilflos. Hingucken, klar. Sieht ja interessant aus diese kleine Großfamilie.
Hilfe anbieten? Unbedingt! Mache ich selbst auch jederzeit. (Ich habe mal mit drei Kindern im Schlepptau den entlaufenen Hund einer E-Rollstuhlfahrerin wieder eingefangen, geht alles, wenn man will)
Andere anglotzen wie ein Zootier, weil sie anders aussehen oder was anderes machen wie andere? Gehört sich einfach nicht. Punkt.

Die tollen Tage

Minilama mutiert jedes Jahr mehr zum Fastnachtsfan. Ja, das Kind liebt Fastnacht. Die Kita tut ihr übriges, denn aus dem Kolleginnenkreis der Erzieherinnen rekrutiert sich Jahr um Jahr die neue Dorfprinzessin bzw. neues Gefolge. Die meisten trainieren Kinder in der Tanzgruppe vor Ort. Alle sind auf dem Straßenkarneval zu treffen.
Langer rede kurzer Sinn: es gibt extra einen Rundlauf, um zu klären wer an Fastnachtsdonnerstag wie lange die Kita braucht – damit so viele wie möglich von den närrischen Damen zeitnah ins Gewühl eingehen können. Und auch wenn ich nahezu aus dem Rheinland komme, ist Fastnacht an der Mosel eine ganz, ganz andere Nummer. Und Minilama fragt eigentlich schon vor St. Martin nach Fastnacht. Wegen der Gummibärchen, wegen der Verkleidung, wegen der Prinzessin, wegen dem leckeren Köstlichkeiten, die es im Kindergarten gibt.
Karneval liegt nach den Weihnachtsferien schon in der Luft bei uns. Besonders letztes Jahr als die großen Montagsumzüge ausgefallen sind und bei uns im Mai nachgeholt wurden, war ein richtiges Fastnachtsjahr. Da gab es gleich ein Kostüm mehr und die Mama stand wackelnd unter Vomex-EInfluss an der Straße, während Alphalama und die Babylamas zuhause ausruhten. Nur Minilama, das die Pest ins Haus gebracht hatte, war zu dem Zeitpunkt schon wieder fit und verzehrte gut gelaunt Riegel um Riegel am Straßenrand.
Dieses Jahr waren wir weitestgehend fit. So fit wie Eltern mit drei kleinen Kindern in der Kita nunmal sein können, deren Kinder nachts seit Monaten kaum 2 Stunden am Stück schlafen und am Tag keine 2 Minuten ohne direkte Aufsicht sein können, die die Herdplatten anstellen und auf alles klettern, was wir so haben. Zumindest hatte niemand gebrochen, das reicht mir ja schon, um glücklich zu sein. Magendarm bekommen wir Eltern eigentlich immer auch ab (bitte jetzt kein Gerede von wegen Hygiene anstimmen. Wer den Schaden hat, bekommt die guten Ratschläge ja immer noch gratis dazu. Aber:  – manche Erreger sind einfach in der Luft und wenn man das wegwischt, hat man es sich schon fast gefangen. Da helfen weder Handschuhe noch Mundschutz. Und wahrscheinlich sind wir einfach zu weich für die Keime, die Minilama ins Haus bringt)
Die Kinder hatten je ein Indoor- und ein Outdoorkostüm. Und ohne es abgesprochen zu haben, wollte Minilama das gleiche Kostüm, das ich auch für die Babylamas besorgt hatte. Von der Art her. So brachte ich am Donnerstag Babybatman, Babysuperman und Superman in die Einrichtung. (oder eben die Frauenvariante – welches Geschlecht meine Kinder haben, erwähne ich hier ja bewusst nicht). Zumindest waren die drei als Superhelden unterwegs. Supermini hatte ein entsprechendes Longsleeve mit Klettcape, die Kleinen einfache Longsleeves mit den Heldengesichtern drauf. Das reicht für so kleine Kinder als Verkleidung. Gerade wenn der Tag lang ist. Das kann man auch super einfach so anziehen. Und das Minilamakostüm – das kann ein Geschwister nochmal haben oder ich verkaufe es eben wieder über Kleinanzeigen weiter. Ein bisschen was Besonderes muss es schon sein. Auch wenn ich mich immer wieder ertappe, mich zu rechtfertigen. Fastnacht ist ja so verschwenderisch und verschwenderisch ist doof.
Für den Straßenkarneval haben die Kinder immer Capes, die über die Jacke getragen werden. Ich halte nichts von Strumpfhosenbeinen oder dem Weglassen der Winterjacke. An Fastnacht ist es immer kalt und nach Fastnacht müssen wir Eltern wieder arbeiten gehen. Besonders, weil es ja vor Fastnacht eher schwierig war, einer geregelten Erwerbsarbeit nachzugehen, setze ich meine Hoffnung auf die Zeit nach Fastnacht. Und ich leiste meinen Beitrag, indem ich die Kinder warm einpacke. Dass andere dünner bekleidet sind wie ich im Hochsommer wundert mich jeder Jahr aufs Neue. Aber wieder gilt: Wahrscheinlich bin ich einfach zu weich für dieses Wetter. ich trage nach wie vor Wolle-Seide-Tights unter der Jeans und gedenke das auch noch etwas länger zu tun, wenn diese tolle Tights sich bis dahin nicht selbst aufgelöst hat. Ich trage das Ding wohl zu häufig…
Drache, Biene und Eule waren also bei den Festumzügen zusammen mit Erdbeere und Ritter unterwegs. Minilama erstaunt mich sehr wenn es ums Feiern geht: Da legt das Kind sich so richtig ins Zeug. Auch wenn der Zug noch so lange dauert, „helau“ wird gebrüllt, die Hand geschwenkt. Beim Kinderkarneval in der Halle stand das Kind 3,5 Stunden lang applaudierend auf einem Stuhl, nur unterbrochen durch eine Stärkung in Form eines Schälchen Pommes. Und 4 Kilometer Wegstrecke legte es auch noch zurück. Das sind die Momente, in  denen ich einfach weiß, dass meine Erziehung doch nicht so falsch ist, wie ich in schlimmen Momenten oft denke. Minilama kann sich problemlos in ein soziales Gefüge einfinden, hat keine Kontaktschwierigkeiten, kann seine Wünsche artikulieren, weiß sich zu benehmen, ist in der Lage, sich dorthin zu bewegen, wo es hin will. Ganz im Ernst: ich bin dermaßen stolz auf dieses autonome und selbstbewusste Kind. Da kann ich es leichter verschmerzen, dass gerade diese Autonomie in Minilamas Babyzeit mir oft sehr weh getan hat.
Es ist schön zu begreifen, wie viele Freiräume sich ein 3 jähriges Kind dank Unterstützung der Eltern bereits erobern kann.
Fastnacht war für Minilama ein Highlight im Jahr. Es folgen Geburtstag, Ostern, Urlaub am Meer, Babylamageburtstag, Urlaub bei den Alpakas, St. Martin usw. Das Kind weiß einfach, wie man sich das Leben schön macht.

Eine Sache hat die stolze Mama, die anscheinend auf der Insel der Seligen lebt, erschreckt: Beim Kinderkarneval wurde schlimmer gesoffen als bei manchem Straßenkarneval. Ich naives Mäuschen dachte noch, die falsche Getränkekarte läge aus als ich erst Wein, Bier, Sekt las und dann am Ende Limo und Cola entdeckt hatte. Quasi ein Rest von der Galasitzung, dachte ich. Aber nein! Da saßen sexy Teufel mit lustigen Bären am Tisch, die Kinder tanzten vorne und die Alten flirteten fröhlich miteinander wie vor 15 Jahren während Bier und Wein flossen. Da oute ich mich gern als prüde. Alkohol trinken und Kinder dabei haben gehen für mich nicht zusammen. Besonders, wenn man alleine mit Kindern unterwegs ist. Und damit meine ich jetzt kein Glas Sekt nippen, sondern richtig was bechern. Die Kinder liefen quer durch die Halle, die Eltern, teils wieder auf der Suche gingen ihren Interessen nach. Finde ich doof, unangemessen und tatsächlich richtig peinlich. Noch peinlicher wie zu Jugendzeiten.Die Kinder sind doch jetzt dran, unsere Zeit war doch schon. Mal abgesehen, dass man doch auch ohne Alkohol Spaß haben kann (abgedroschen, ich weiß). Aber so schlimm ist die Kindersitzung echt nicht gewesen, dass man sie nur im Suff ertragen konnte. Es war richtig schön. Und als Eltern würde ich es nicht gut finden, wenn meine Kinder vor Betrunkenen Garde und Kindertanz aufführen würden.
Wie gesagt: ich oute mich als prüde, was Alkohol über das kleine Maß eines Glases hinaus angeht. Man weiß ja auch nie, was der Tag noch bringt. Und im Krankenhaus mit dem Taxi oder dem RTW ankommen mit der Begründung: „Wir Eltern sind leider noch zu dicht vom Kinderkarneval; wir konnten nicht selbst fahren“ – finde ich echt peinlich und allein dieses Risiko einzugehen wäre ich nicht bereit.