Herausforderung selbstbewusstes und willensstarkes Kleinkind

Ich bin seit fast vier Jahren Mutter. Eine unglaubliche Zäsur. Mit einem Moment ist alles anders als zuvor. Und auch, wenn ich lange versucht habe „normal“ weiterzuleben, bin ich doch ab der ersten Sekunde, in der ich dieses wundervolle, laut meckernde Wesen gesehen habe, eine andere geworden. Ich habe schon vor der Geburt ohne groß Aufhabens mein Französischstudium beendet, mich exmatrikuliert. Etwas, dass ich wortreich vier lange Jahre nicht tun konnte. Ich habe begonnen nach einem Haus für uns zu suchen, weil mir die Umgebung, in der wir damals lebten nicht das bot, was ich mir für mein Kind wünsche. Ich begann mit diesen ganzen Nestbaudingen, wie Windeln kaufen, Biokleidung ordern, Bettchen aussuchen, alles mögliche fundamental ablehnen, wie Plastiksachen (nach wie vor) oder Kinderwagen (ich wollte nur tragen – eine absolute Unsinnsidee), meinen Kleiderschrank fast völlig ausleeren, weil ich dachte, dass ich nie wieder so schlank werden würde wie vor diesen zwei rosa Strichen auf dem Test (ein noch größerer Unsinn als die Kinderwagenidee).
Ich habe, anders als viele andere Mamas, die direkt und 100 % in einem Mamamodus waren, länger gebraucht. Lange habe ich mich dafür selbst unheimlich gescholten und unter Druck gesetzt. Aber heute sehe ich das alles viel, viel lockerer.
Minilama ist ein absolutes Wunschkind gewesen, das zum Glück nicht lange auf sich warten ließ. Ich habe die Schwangerschaft als wundervolle Zeit der Vorfreude erlebt, vieles gehäkelt, genäht, süße Kleinigkeiten vorbereitet, sehr viel Sport gemacht, super gesund gegessen, ein Mamaalbum geführt und vieles mehr, von dem ich gar nichts mehr weiß. Die Geburt jedoch war für mich regelrecht traumatisch, auch wenn ich wortreich in der Lage bin, alles zu relativieren, zu verdeutlichen, dass objektiv alles super und prima gewesen sei, allerdings ich selbst zu schwach war, das auch so einzuschätzen, wie es wirklich war. Die direkte Zeit danach verbrachte ich in akuter Todesangst, weil ich eine starke Nachblutung hatte und durch die chaotische Unorganisiertheit von Arzt und Hebamme immer mehr darin bestärkt wurde, dass es keinen Sinn mehr machte, mich aufzuklären, da ja alles zu spät war, später hatte ich massive Stillschwierigkeiten. Mein Unvermögen, mein Kind mit der Brust zu nähren machte mich in meinen Augen zu absoluten Versagerin. Zu m Glück konnte ich es natürlich entbinden. Wenn ich auch das nicht hätte leisten können, wäre ich völlig am Ende gewesen. Ich hielt mich daran fest, dass ich wenigstens 50 % dessen geleistet hatte, was ich von mir erwartet hatte, was ich für selbstverständlich hielt. Dass in meinem Geburtsvorbereitungskurs von 10 Frauen nur 2 natürlich entbunden hatten, nahm ich nicht wahr. Dass aber nahezu alle stillten, außer einer, die es nicht wollte und mir, das nahm ich dafür umso krasser wahr und schämte mich, wenn ich das Fläschchen auspacken musste. Fühlte mich asozial und verantwortungslos. Starke und negative Gefühle waren das damals.
Minilama war ein niedliches Baby, aber ich glaube, ich habe das damals gar nicht so richtig wahrgenommen, mich gar nicht so richtig dran erfreut. Ich war oft gestresst, kam schlecht damit zurecht, wenn das Baby weinte. Das machte mich körperlich fertig, überforderte mich. Zumal ich in der Mietwohnung trotz allen Beteuerungen, dass es ja normal sei, dass dort auch Babies wohnen, immer unruhig wurde, wenn wir den Lärm im Haus produzierten.
Obwohl ich nicht die strahlende Mama war, sondern eher die Planerin und Organisatorin (ohnehin meine Stärken), waren Minilama und ich untrennbar. Ich hätte es nicht aus der Hand gegeben. Wo ich war, war das Kind. Auch wenn ich zu Beginn vielleicht das Mama-Kind-Band nicht innig spüren konnte, irgendwas in meinem Kopf arbeitete richtig. Zum Glück. Auch wenn ich schwer an den doofen Erfahrungen in der Klinik zu knabbern hatte, mittwochs gegen 10 noch monatelang an die doofe Hebamme denken musste, die die Geburt ohne Not derart vorangetrieben hatte, die einen Katheter legte ohne Beschied zu geben, was sie tat, und dann später noch ein Lob von mir haben wollte, dass sie mir den Dammschnitt erspart hatte, obwohl ich das Willkommensbild von der Klinik weggepackt und den Klinikwerberahmen drumherum klammheimlich in die Mülltonne brachte (was Alphalama glaube ich gar nicht weiß), das Kind hätte ich nicht hergegeben. Auch wenn ich mich manchmal postnatal-depressiv fühlte, war ich es glaube ich gar nicht. Nur sauer, gekränkt, erniedrigt worden und daher verletzlicher als sonst und super unsicher, weil ich etwas nicht hinbekommen hatte, von dem ich absolut erwartet hatte, dass ich es leiste. Ich bin mit mir sehr streng. Anderen vermittele ich Nachsicht mit sich selbst, an mich lege ich ganz, ganz andere Maßstäbe an.
An mein Erstgeborenes, meinen Thronfolger, übrigens auch. Mit den Babylamas bin ich viel gütiger, nachlässiger nahezu. Minilama hat manchesmal unter meiner Strenge zu leiden.
Minilama ist kein Anfängerkind gewesen und ist es auch noch heute nicht. Wer von der Elternschaft erwartet, ein goldiges Lachmäuschen um sich zu haben, das putzige Dinge tut und niedlich angezogen ist – der hätte nicht unbedingt im ersten Lebensjahr mein Minilama treffen sollen. Viele andere Kinder sind ja so, im Grunde nach der Liebe der Erwachsenen heischend und tun dann das, was diese von ihnen wollen. Süßes Glucksen oder sowas.
Habe ich mir früher immer gewünscht. Eine Art menschliches Haustier hatte ich wohl im Kopf, wenn ich heute nachdenke, was ich erwartet habe. Habe ich in der Form nicht bekommen. Und im Herzen auch nicht gewollt. Autonomie, Selbststand, Wissensdurst – das sind die Ziele, die ich eigentlich habe.
Und ich bin auch froh drum. Minilama hat seinen eigenen Kopf. Es wollte nicht krabbeln. Es wollte sich nicht drehen, es wollte nicht laufen lernen. Es wollte sitzen und sich umschauen, es wollte Bücher gucken, es wollte was erzählt bekommen.
Es hat sein Tempo gehabt und hat es noch. Und auch wenn ich früher wollte, dass mein 7 Monate altes Kind niedlich umherkrabbelt und auch wenn mich traurig gemacht hat, das mein 13 Monate altes Krippenkind ohne dass ich dabei war, krabbeln und laufen lernte und zwar von anderen als von mir, auch wenn ich begreifen musste, dass mein Kind nicht von mir lernen will, dass es sich regelrecht selbst erzieht, habe ich gelernt, dass ich als Mutter irgendwie trotzdem gebraucht werde. Autonomie ist nur möglich, wenn die Bindung sicher ist. Was das angeht, scheine ich einiges richtig gemacht zu haben.
Minilama macht was es will. Es erzieht sich in weiten Teilen selbst, es hat sein Tempo. Und in seinen Bereichen legt es derart vor, dass man vor Stolz zu platzen droht. Andere Dinge will es nicht. Es will nicht turnen, nicht im Kreis laufen, nicht auf Zuruf balancieren. Und dann macht es das auch nicht. Und dann blockiert es eben andere noch obendrauf. Ob ich das gut finde oder nicht, ob ich meckere oder nicht. Will heißen: Ich kann verdammt noch mal endlich aufhören, mich wie eine Irre aufzuführen. Und wenn ich jetzt fluche tue ich es, um zu betonen, wie wichtig genau das wäre. Aufzuhören, das Kind zu ermahnen, sich sozialkonform zu verhalten. Ob ich das tue und mich (!) damit der Lächerlichkeit preisgebe oder nicht ändert absolut nichts an Minilamas Verhalten. Es bessert sich nicht, es verschlimmert sich nicht. Minilama hat seine Haltung und fertig. Und ja, das gebe ich unumwunden zu: Diese Haltung passt mir absolut nicht. Ich finde es nicht ok, wie es sich im Turnen beispielsweise verhält. Wie es sich versperrt, wie es blockiert, wie es meckert und rumblökt, wenn es einen Meter ohne Hand laufen soll. Ich will, dass das aufhört. Wird es aber nicht. Bzw. wird es schon, weil wir erstmal nicht mehr hingehen werden. Grund: Ich, die Mama, habe keine Lust zu turnen. Zumindest nicht im Minilama-Style. Ich gebe auf. Die Babylamas bekommen im Sommer ihre Chance zum turnen, können schauen, ob sie es mögen.
Wenn ich in meiner Mamazeit eines gelernt habe ist es dieses: Probleme gehen nur dann weg, wenn die Phase irgendwann überwunden ist. Einfach so. Oder -und das ist meistens der Fall – wenn ich meine Haltung dazu verändere. Wenn ich auf meinen Beitrag bei der Eskalation schaue und ihn ausmerze. Das mag bei anderen Kindern anders sein. Hier komme ich stets auf dieses Mantra zurück: Inwieweit könnte ich umdenken, mich revidieren, meinen Blickwinkel verändern?
Ich bin ein sehr zwanghafter Mensch. Immer pünktlich, immer gehorsam, immer pflichtbewusst. Das macht es mir schwer, mein autonomes Kind angemessen zu betreuen. Und da muss ich an mir arbeiten. So einfach ist das.
So auch meine Fokussierung darauf, dass ich in meiner Elternzeit erleben wollte, wie Minilama seine ersten Schritte tut, wie es an meiner Hand durch die Welt stapft mit diesem niedlichen Watschelgang und dem süßen Lächeln. Das gab es nicht. Fertig aus. Und dabei hat nicht Minilama mich enttäuscht, wie ich manchmal tief in mir gefühlt habe, sondern da war ich egoistisch. Ich die Supermama wollte das Erlebensmonopol für diesen Schritt haben. Laufen lernen sie (fast) alle. Also macht es auch keinen Sinn, diese Entwicklung so krass zu fokussieren, wie ich es getan habe. Ich wollte damals für mich einfach einen Erfolg sehen, etwas, dass augenscheinlich die Belohnung dafür war, was ich auf mich genommen hatte. Purer Egoismus eben, genährt nicht von einem bösen Herzen, sondern von tiefer Unsicherheit mit der neuen, der so komplexen Rolle. Den „Gefallen“ bekam ich nicht.
Dafür andere, unerwartete. Erste Wörter, erste Sätze – natürlich im Kindergarten abgeschaut, von den peers, den von Herzen geliebten Erzieherinnen (samt dialektalem Einschlag), die mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit zu richtigen Gesprächen wurden. Ein verbaler Vorsprung von mindestens 2 Jahren zu Gleichaltrigen.
Natürliche Neugierde, Bibliophilie, Freude am Sprechen, am Gestalten – das hat man entweder oder man hat es nicht. Auch hier: Ich beanspruche keinen Anteil an dem, was das Kind kann. Ich habe angeboten, eine breite Palette an Möglichkeiten, mich stets informiert gehalten, welche guten Ideen es gibt – Minilama wählt aus und fordert ein. Mehr geben konnte ich als ich noch keine weiteren Kinder hatte. Heute muss ich oft vertrösten, erklären, dass jetzt drei da sind. Das passt Minilama nicht. Wenn es etwas will, dann viel davon und sofort. Da darf man nicht in die Zeitschrift gucken, während man beim 100 Teile Puzzle zum „dabeisein“ abkommandiert wurde. Das geht nicht.
Diese Form von teilen und abgeben ist für Minilama nicht möglich. Das ist schwer für es. Und mich zerreißt es auf der einen Seite, auf der anderen will ich den Geschwistern auch Mutter sein, will sie anregen, fördern, mit ihnen spielen. Minilama leidet unter der doppelten Entthronung, weil es nicht mehr alle, alle Aufmerksamkeit zu jeder Zeit bekommen kann. Es kann auch keine alleinige Aufmerksamkeit ansparen für spätere Phasen, in denen ich auf die Babylamas achten muss. Einfach, damit sie nicht auf den Tisch krabbeln oder an der Spülmaschine herum manipulieren. Da habe ich noch nicht gespielt oder aufgeräumt und gekocht. Auch die 2 Nachmittage, an denen Minilama und ich für uns alleine Zeit verbringen und die 2 Stunden Mittagspause an den Wochenenden, in denen es die Eltern für sich hat, reichen nicht aus, um es zu befrieden. Hier komme ich an die Grenze, das gebe ich zu. Mehr freie Zeit nur für ein Kind möchte ich nicht erübrigen, es ist ohnehin mehr als die Geschwister bekommen, mehr als ich für mich oder meine Partnerschaft habe. Oft muss Minilama ohne weitere Erklärung spüren: Hier ist die Grenze, mehr gibt es nicht. Das finde ich furchtbar, aber ich muss einfach zugeben, dass mehr nicht möglich wäre.
Minilama bringt mich, das liest man sicher heraus, oft an den Rand dessen, was ich leisten kann. Es hat Angewohnheiten, die dermaßen nervtötend sind, dass ich fast aus der Haut fahre. So braucht es zum An- oder Ausziehen der Jacken und Mützen und Schuhe 25 Ermahnungen und mindestens 20 Minuten. Mehrmals täglich. Morgens beim Anziehen, dann beim Jacke anziehen daheim und später wieder in der Kita. Und vorm Zubettgehen wieder Meist wird auch geschimpft und geweint. Das zermürbt mich, das nervt die Babylamas, das verzögert unseren Alltag. Ob wir nun in den Dinopark, zum Schwimmen, auf den Spielplatz  oder zum Indoorspielplatz wollen: Bevor das Schöne beginnt, muss erst das Theater gemacht werden. Weil die Babies nichts machen müssen und Minilama sich selbst anziehen soll, eskaliert diese Routine seit langer Zeit. Ich wollte lange nicht Anstand nehmen von dem, was das Kind kann und es durch Helfen verwöhnen. Mache ich mittlerweile aber oft. Und habe ein schlechtes Gewissen wegen der Inkonsequenz, spüre aber, dass das ständige Meckern und Ermahnen auf Dauer die Beziehung belastet, das Kind stresst.
Es ist super anstrengend und maximal fordernd, ein derart aufgewecktes Kind großzuziehen. Von 4 Uhr morgens bis 21 Uhr abends ohne echte Pause. Das ist nicht ohne. Kein Fernsehen, weil ich das nicht will, wenig Interesse an Hörspielen, weil ich denke ich noch nicht das Passende gefunden habe, das Minilama lange genug fesselt.
Als Mutter dieses Sturkopfes, dieses Quertreibers kann ich sagen: Kein Anfängerkind, aber dieses Kind kommt gut durchs Leben. Es weiß, was es will, es verfolgt seine Ziele, es spricht die ohne Scheu Leute an, die ihm beim Erreichen der Ziele helfen können. Es kommt weiter. Es ist unabhängig und braucht wenig, um sich sicher zu fühlen.
Wenngleich unsere Beziehung nicht so rosarot und verknallt ist, wie ich das bei anderen mitkriege: Lamasus, die rationale Denkerin hat bekommen, was sie sich gewünscht hat. Klug, selbstbewusst, willensstark, durchsetzungsfreudig, interessiert, vielseitig begabt ist das Kind. Und wo Licht ist, da ist auch immer Schatten, oder wie war das?

2 Gedanken zu “Herausforderung selbstbewusstes und willensstarkes Kleinkind

  1. Danke für den tollen, so sehr reflektierten Text.

    Unser Sohn ist in vielem anders als Minilama, aber ich erkenne uns irgendwie wieder. Dieses fordernde. Keine Pausen. Die Frage nach dem allem Gerecht werden.

    Ich durfte viele Denkanstöße mitnehmen. Vielen vielen Dank dafür!

  2. So als Tip für Hörspiele: Die kleinen Einsteins. Die fesseln meinen Sohn, seit er vier ist. Er ist jetzt 6 und lässt sich noch immer gerne in die Jacke helfen von uns und unsere 3,5 Jahre alte Tochter zieht sich zur Zeit aus Prinzip nichts alleine an zu Hause. War bei meinem Sohn auch so, dachte da es lag an der Babyschwester… aber ich denke, es ist so, weil sie die Aufmerksamkeit genießen beim Anziehen… in der Kita können es nämlich beide, oder wenn sie „Um die Wette anziehen“ spielen, können sie es sogar total schnell. Naja, dann gebe ich Ihnen eben jedes Mal die von Ihnen gewünschte Aufmerksamkeit und habe weniger Gemecker und komme sogar pünktlich los… Es nervt mich manchmal, aber so ist es echt leichter für uns und Können können sie es ja!

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