Alltagsästhetik: Ein schöner Flur

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

Seit Neustem sieht es in unserem Flur so aus. Eine Wand ist weg und ein neues schönes Geländer ist da. Wunderbar. Und eines Tages weicht der Stein auch Buchenholztreppen. Das wird schön.

Herausforderung selbstbewusstes und willensstarkes Kleinkind

Ich bin seit fast vier Jahren Mutter. Eine unglaubliche Zäsur. Mit einem Moment ist alles anders als zuvor. Und auch, wenn ich lange versucht habe „normal“ weiterzuleben, bin ich doch ab der ersten Sekunde, in der ich dieses wundervolle, laut meckernde Wesen gesehen habe, eine andere geworden. Ich habe schon vor der Geburt ohne groß Aufhabens mein Französischstudium beendet, mich exmatrikuliert. Etwas, dass ich wortreich vier lange Jahre nicht tun konnte. Ich habe begonnen nach einem Haus für uns zu suchen, weil mir die Umgebung, in der wir damals lebten nicht das bot, was ich mir für mein Kind wünsche. Ich begann mit diesen ganzen Nestbaudingen, wie Windeln kaufen, Biokleidung ordern, Bettchen aussuchen, alles mögliche fundamental ablehnen, wie Plastiksachen (nach wie vor) oder Kinderwagen (ich wollte nur tragen – eine absolute Unsinnsidee), meinen Kleiderschrank fast völlig ausleeren, weil ich dachte, dass ich nie wieder so schlank werden würde wie vor diesen zwei rosa Strichen auf dem Test (ein noch größerer Unsinn als die Kinderwagenidee).
Ich habe, anders als viele andere Mamas, die direkt und 100 % in einem Mamamodus waren, länger gebraucht. Lange habe ich mich dafür selbst unheimlich gescholten und unter Druck gesetzt. Aber heute sehe ich das alles viel, viel lockerer.
Minilama ist ein absolutes Wunschkind gewesen, das zum Glück nicht lange auf sich warten ließ. Ich habe die Schwangerschaft als wundervolle Zeit der Vorfreude erlebt, vieles gehäkelt, genäht, süße Kleinigkeiten vorbereitet, sehr viel Sport gemacht, super gesund gegessen, ein Mamaalbum geführt und vieles mehr, von dem ich gar nichts mehr weiß. Die Geburt jedoch war für mich regelrecht traumatisch, auch wenn ich wortreich in der Lage bin, alles zu relativieren, zu verdeutlichen, dass objektiv alles super und prima gewesen sei, allerdings ich selbst zu schwach war, das auch so einzuschätzen, wie es wirklich war. Die direkte Zeit danach verbrachte ich in akuter Todesangst, weil ich eine starke Nachblutung hatte und durch die chaotische Unorganisiertheit von Arzt und Hebamme immer mehr darin bestärkt wurde, dass es keinen Sinn mehr machte, mich aufzuklären, da ja alles zu spät war, später hatte ich massive Stillschwierigkeiten. Mein Unvermögen, mein Kind mit der Brust zu nähren machte mich in meinen Augen zu absoluten Versagerin. Zu m Glück konnte ich es natürlich entbinden. Wenn ich auch das nicht hätte leisten können, wäre ich völlig am Ende gewesen. Ich hielt mich daran fest, dass ich wenigstens 50 % dessen geleistet hatte, was ich von mir erwartet hatte, was ich für selbstverständlich hielt. Dass in meinem Geburtsvorbereitungskurs von 10 Frauen nur 2 natürlich entbunden hatten, nahm ich nicht wahr. Dass aber nahezu alle stillten, außer einer, die es nicht wollte und mir, das nahm ich dafür umso krasser wahr und schämte mich, wenn ich das Fläschchen auspacken musste. Fühlte mich asozial und verantwortungslos. Starke und negative Gefühle waren das damals.
Minilama war ein niedliches Baby, aber ich glaube, ich habe das damals gar nicht so richtig wahrgenommen, mich gar nicht so richtig dran erfreut. Ich war oft gestresst, kam schlecht damit zurecht, wenn das Baby weinte. Das machte mich körperlich fertig, überforderte mich. Zumal ich in der Mietwohnung trotz allen Beteuerungen, dass es ja normal sei, dass dort auch Babies wohnen, immer unruhig wurde, wenn wir den Lärm im Haus produzierten.
Obwohl ich nicht die strahlende Mama war, sondern eher die Planerin und Organisatorin (ohnehin meine Stärken), waren Minilama und ich untrennbar. Ich hätte es nicht aus der Hand gegeben. Wo ich war, war das Kind. Auch wenn ich zu Beginn vielleicht das Mama-Kind-Band nicht innig spüren konnte, irgendwas in meinem Kopf arbeitete richtig. Zum Glück. Auch wenn ich schwer an den doofen Erfahrungen in der Klinik zu knabbern hatte, mittwochs gegen 10 noch monatelang an die doofe Hebamme denken musste, die die Geburt ohne Not derart vorangetrieben hatte, die einen Katheter legte ohne Beschied zu geben, was sie tat, und dann später noch ein Lob von mir haben wollte, dass sie mir den Dammschnitt erspart hatte, obwohl ich das Willkommensbild von der Klinik weggepackt und den Klinikwerberahmen drumherum klammheimlich in die Mülltonne brachte (was Alphalama glaube ich gar nicht weiß), das Kind hätte ich nicht hergegeben. Auch wenn ich mich manchmal postnatal-depressiv fühlte, war ich es glaube ich gar nicht. Nur sauer, gekränkt, erniedrigt worden und daher verletzlicher als sonst und super unsicher, weil ich etwas nicht hinbekommen hatte, von dem ich absolut erwartet hatte, dass ich es leiste. Ich bin mit mir sehr streng. Anderen vermittele ich Nachsicht mit sich selbst, an mich lege ich ganz, ganz andere Maßstäbe an.
An mein Erstgeborenes, meinen Thronfolger, übrigens auch. Mit den Babylamas bin ich viel gütiger, nachlässiger nahezu. Minilama hat manchesmal unter meiner Strenge zu leiden.
Minilama ist kein Anfängerkind gewesen und ist es auch noch heute nicht. Wer von der Elternschaft erwartet, ein goldiges Lachmäuschen um sich zu haben, das putzige Dinge tut und niedlich angezogen ist – der hätte nicht unbedingt im ersten Lebensjahr mein Minilama treffen sollen. Viele andere Kinder sind ja so, im Grunde nach der Liebe der Erwachsenen heischend und tun dann das, was diese von ihnen wollen. Süßes Glucksen oder sowas.
Habe ich mir früher immer gewünscht. Eine Art menschliches Haustier hatte ich wohl im Kopf, wenn ich heute nachdenke, was ich erwartet habe. Habe ich in der Form nicht bekommen. Und im Herzen auch nicht gewollt. Autonomie, Selbststand, Wissensdurst – das sind die Ziele, die ich eigentlich habe.
Und ich bin auch froh drum. Minilama hat seinen eigenen Kopf. Es wollte nicht krabbeln. Es wollte sich nicht drehen, es wollte nicht laufen lernen. Es wollte sitzen und sich umschauen, es wollte Bücher gucken, es wollte was erzählt bekommen.
Es hat sein Tempo gehabt und hat es noch. Und auch wenn ich früher wollte, dass mein 7 Monate altes Kind niedlich umherkrabbelt und auch wenn mich traurig gemacht hat, das mein 13 Monate altes Krippenkind ohne dass ich dabei war, krabbeln und laufen lernte und zwar von anderen als von mir, auch wenn ich begreifen musste, dass mein Kind nicht von mir lernen will, dass es sich regelrecht selbst erzieht, habe ich gelernt, dass ich als Mutter irgendwie trotzdem gebraucht werde. Autonomie ist nur möglich, wenn die Bindung sicher ist. Was das angeht, scheine ich einiges richtig gemacht zu haben.
Minilama macht was es will. Es erzieht sich in weiten Teilen selbst, es hat sein Tempo. Und in seinen Bereichen legt es derart vor, dass man vor Stolz zu platzen droht. Andere Dinge will es nicht. Es will nicht turnen, nicht im Kreis laufen, nicht auf Zuruf balancieren. Und dann macht es das auch nicht. Und dann blockiert es eben andere noch obendrauf. Ob ich das gut finde oder nicht, ob ich meckere oder nicht. Will heißen: Ich kann verdammt noch mal endlich aufhören, mich wie eine Irre aufzuführen. Und wenn ich jetzt fluche tue ich es, um zu betonen, wie wichtig genau das wäre. Aufzuhören, das Kind zu ermahnen, sich sozialkonform zu verhalten. Ob ich das tue und mich (!) damit der Lächerlichkeit preisgebe oder nicht ändert absolut nichts an Minilamas Verhalten. Es bessert sich nicht, es verschlimmert sich nicht. Minilama hat seine Haltung und fertig. Und ja, das gebe ich unumwunden zu: Diese Haltung passt mir absolut nicht. Ich finde es nicht ok, wie es sich im Turnen beispielsweise verhält. Wie es sich versperrt, wie es blockiert, wie es meckert und rumblökt, wenn es einen Meter ohne Hand laufen soll. Ich will, dass das aufhört. Wird es aber nicht. Bzw. wird es schon, weil wir erstmal nicht mehr hingehen werden. Grund: Ich, die Mama, habe keine Lust zu turnen. Zumindest nicht im Minilama-Style. Ich gebe auf. Die Babylamas bekommen im Sommer ihre Chance zum turnen, können schauen, ob sie es mögen.
Wenn ich in meiner Mamazeit eines gelernt habe ist es dieses: Probleme gehen nur dann weg, wenn die Phase irgendwann überwunden ist. Einfach so. Oder -und das ist meistens der Fall – wenn ich meine Haltung dazu verändere. Wenn ich auf meinen Beitrag bei der Eskalation schaue und ihn ausmerze. Das mag bei anderen Kindern anders sein. Hier komme ich stets auf dieses Mantra zurück: Inwieweit könnte ich umdenken, mich revidieren, meinen Blickwinkel verändern?
Ich bin ein sehr zwanghafter Mensch. Immer pünktlich, immer gehorsam, immer pflichtbewusst. Das macht es mir schwer, mein autonomes Kind angemessen zu betreuen. Und da muss ich an mir arbeiten. So einfach ist das.
So auch meine Fokussierung darauf, dass ich in meiner Elternzeit erleben wollte, wie Minilama seine ersten Schritte tut, wie es an meiner Hand durch die Welt stapft mit diesem niedlichen Watschelgang und dem süßen Lächeln. Das gab es nicht. Fertig aus. Und dabei hat nicht Minilama mich enttäuscht, wie ich manchmal tief in mir gefühlt habe, sondern da war ich egoistisch. Ich die Supermama wollte das Erlebensmonopol für diesen Schritt haben. Laufen lernen sie (fast) alle. Also macht es auch keinen Sinn, diese Entwicklung so krass zu fokussieren, wie ich es getan habe. Ich wollte damals für mich einfach einen Erfolg sehen, etwas, dass augenscheinlich die Belohnung dafür war, was ich auf mich genommen hatte. Purer Egoismus eben, genährt nicht von einem bösen Herzen, sondern von tiefer Unsicherheit mit der neuen, der so komplexen Rolle. Den „Gefallen“ bekam ich nicht.
Dafür andere, unerwartete. Erste Wörter, erste Sätze – natürlich im Kindergarten abgeschaut, von den peers, den von Herzen geliebten Erzieherinnen (samt dialektalem Einschlag), die mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit zu richtigen Gesprächen wurden. Ein verbaler Vorsprung von mindestens 2 Jahren zu Gleichaltrigen.
Natürliche Neugierde, Bibliophilie, Freude am Sprechen, am Gestalten – das hat man entweder oder man hat es nicht. Auch hier: Ich beanspruche keinen Anteil an dem, was das Kind kann. Ich habe angeboten, eine breite Palette an Möglichkeiten, mich stets informiert gehalten, welche guten Ideen es gibt – Minilama wählt aus und fordert ein. Mehr geben konnte ich als ich noch keine weiteren Kinder hatte. Heute muss ich oft vertrösten, erklären, dass jetzt drei da sind. Das passt Minilama nicht. Wenn es etwas will, dann viel davon und sofort. Da darf man nicht in die Zeitschrift gucken, während man beim 100 Teile Puzzle zum „dabeisein“ abkommandiert wurde. Das geht nicht.
Diese Form von teilen und abgeben ist für Minilama nicht möglich. Das ist schwer für es. Und mich zerreißt es auf der einen Seite, auf der anderen will ich den Geschwistern auch Mutter sein, will sie anregen, fördern, mit ihnen spielen. Minilama leidet unter der doppelten Entthronung, weil es nicht mehr alle, alle Aufmerksamkeit zu jeder Zeit bekommen kann. Es kann auch keine alleinige Aufmerksamkeit ansparen für spätere Phasen, in denen ich auf die Babylamas achten muss. Einfach, damit sie nicht auf den Tisch krabbeln oder an der Spülmaschine herum manipulieren. Da habe ich noch nicht gespielt oder aufgeräumt und gekocht. Auch die 2 Nachmittage, an denen Minilama und ich für uns alleine Zeit verbringen und die 2 Stunden Mittagspause an den Wochenenden, in denen es die Eltern für sich hat, reichen nicht aus, um es zu befrieden. Hier komme ich an die Grenze, das gebe ich zu. Mehr freie Zeit nur für ein Kind möchte ich nicht erübrigen, es ist ohnehin mehr als die Geschwister bekommen, mehr als ich für mich oder meine Partnerschaft habe. Oft muss Minilama ohne weitere Erklärung spüren: Hier ist die Grenze, mehr gibt es nicht. Das finde ich furchtbar, aber ich muss einfach zugeben, dass mehr nicht möglich wäre.
Minilama bringt mich, das liest man sicher heraus, oft an den Rand dessen, was ich leisten kann. Es hat Angewohnheiten, die dermaßen nervtötend sind, dass ich fast aus der Haut fahre. So braucht es zum An- oder Ausziehen der Jacken und Mützen und Schuhe 25 Ermahnungen und mindestens 20 Minuten. Mehrmals täglich. Morgens beim Anziehen, dann beim Jacke anziehen daheim und später wieder in der Kita. Und vorm Zubettgehen wieder Meist wird auch geschimpft und geweint. Das zermürbt mich, das nervt die Babylamas, das verzögert unseren Alltag. Ob wir nun in den Dinopark, zum Schwimmen, auf den Spielplatz  oder zum Indoorspielplatz wollen: Bevor das Schöne beginnt, muss erst das Theater gemacht werden. Weil die Babies nichts machen müssen und Minilama sich selbst anziehen soll, eskaliert diese Routine seit langer Zeit. Ich wollte lange nicht Anstand nehmen von dem, was das Kind kann und es durch Helfen verwöhnen. Mache ich mittlerweile aber oft. Und habe ein schlechtes Gewissen wegen der Inkonsequenz, spüre aber, dass das ständige Meckern und Ermahnen auf Dauer die Beziehung belastet, das Kind stresst.
Es ist super anstrengend und maximal fordernd, ein derart aufgewecktes Kind großzuziehen. Von 4 Uhr morgens bis 21 Uhr abends ohne echte Pause. Das ist nicht ohne. Kein Fernsehen, weil ich das nicht will, wenig Interesse an Hörspielen, weil ich denke ich noch nicht das Passende gefunden habe, das Minilama lange genug fesselt.
Als Mutter dieses Sturkopfes, dieses Quertreibers kann ich sagen: Kein Anfängerkind, aber dieses Kind kommt gut durchs Leben. Es weiß, was es will, es verfolgt seine Ziele, es spricht die ohne Scheu Leute an, die ihm beim Erreichen der Ziele helfen können. Es kommt weiter. Es ist unabhängig und braucht wenig, um sich sicher zu fühlen.
Wenngleich unsere Beziehung nicht so rosarot und verknallt ist, wie ich das bei anderen mitkriege: Lamasus, die rationale Denkerin hat bekommen, was sie sich gewünscht hat. Klug, selbstbewusst, willensstark, durchsetzungsfreudig, interessiert, vielseitig begabt ist das Kind. Und wo Licht ist, da ist auch immer Schatten, oder wie war das?

Alltagsästhetik: 1,2, 3 und 4

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

 

 

Minilama zählt bis etwas über 30 und erkennt die Zahlen bis 6 sicher. Es rechnet einfache Additionen und Substraktionen im Zahlenraum bis 4. Neu ist das Zahlen schreiben. Einfach so die Zahlen von 1 bis 9 (auf dieser Seite nur von 1 bis 7) hingeschrieben nachdem es auf einem Fühlkärtchen ertastet hat, wie man die malt. Außer der 3, bei der ich vorgemalt habe, wie es geht, alles original Minilama.
Einfach so. Mal eben zwischendurch.

Alltagsästhetik: Evolution

Alltägliches kann erstaunlich schön sein, wenn man es aus einem anderen, einem unerwarteten Blickwinkel betrachtet. Die Schönheit des Alltags möchte ich in der Reihe „Alltagsästhetik“ einfangen.
Ein Bild, ein paar Sätze, flüchtig wie der Augenblick.

 

 

Minilama macht ja keine halben Sachen. Erst monatelang ablehnen, etwas Figürliches zu malen, weil es es nicht kann. Und dann an einem Abend in 10 Minuten mal eben die Evolution vom Kopffüssler hin zum richtigen Männlein durchgezogen. Wie es sich für einen Linkshänder gehört, muss das Bild von rechts nach links gelesen werden.

Zwischen den Jahren

Die Zeit zwischen den Jahren ist für mich immer so ein bisschen wie Niemansland. Richtig was machen kann man nicht bzw. ich selbst bin in einer derart lahmen Stimmung, dass mir die Kraft fehlt, eine Unternehmung anzugehen – außer schwimmen gehen oder aufräumen oder Akten sortieren, Steuerdokumente ordnen, Kleiderschrank ausmisten usw.
Das sind so grob die Dinge, ich ich vor der Elternschaft gemacht habe zwischen den Jahren. Wobei ich traditionell bis zum letzt möglichen Termin arbeiten gehe, letztes Jahr also bis zum 23.12. Die Kita hat mitgemacht, Alphalama und ich waren bis zum Schluss arbeiten. Warum? Weil es so ruhig und surreal entspannt auf der Arbeit ist, weil man in Ruhe im Büro für Ordnung sorgen kann, neue Projekte andenken, sich die ersten Schritte dazu überlegen kann. Und in Ruhe einen warmen Tee genießen. Bevor das Weihnachtschaos losgeht.
Ich bin kein Weihnachtsmensch. Schon als Kind habe ich das Fest nicht so gemocht. Die wesentlichen Personen meiner Familie auch nicht, sodass es oft eher gedämpft und pflichtbewusst-nett zuging. Geschenkefluten und leuchtende Kinderaugen kenne ich nicht. Das kam erst als 10 Jahre nach mir meine Cousinen zur Welt kamen. Und da war ich schon kuriert vom Zauber der Weihnacht.  Auch keine nette Familienzeit, bei der sich die Großen mit den Kleinen in besonderer Weise beschäftigt haben. Dafür war im Zuhause meiner Kindheit immer viel zu viel zu tun. Kochen, aufräumen, spülen, Weihnachtsputz, Plätzchenschalen füllen, alle Mann duschen und nett anziehen, zur Kirche gehen, allen Anwesenden „Frohe Weihnachten“ wünschen usw.
Ich bin traditionell an Heiligabend spätestens um 18 Uhr absolut bettfertig, als ob ich da eine innere Uhr hätte. Weihnachtliche Blockbuster sind schon immer an mir vorbeigegangen, ich habe immer darum gebeten, jetzt ins Bett zu dürfen.
Alphalama kommt aus einem weihnachtsbegeisterten Haushalt, in dem das Wohnzimmer zum Weihnachtswunderland umfunktioniert wird und alle Anwesenden mit nett verpackten Kleinigkeiten erfreut werden (und sich auch damit erfreuen lassen, ganz wichtig), wo zufrieden zusammen gegessen wird und eine richtige Weihnachtsstimmung aufkommt. Darauf freue ich mich immer sehr. Allerdings ist das ja im letzten Jahr unter zwei Schwällen Kleinkinderbrochenem begraben worden. Wir haben das Fest im neuen Jahr nachgeholt, feiern also in 2017 zwei Mal Weihnachten. Auch schön.
Unsere Weihnachtstage waren stark vom Kranksein geprägt und die darauf folgende Woche auch. Am Donnerstag waren wir Eltern wieder soweit auf dem Damm, dass wir den Kindern und uns das bieten konnten, was wir alle verdient haben. Voher war bei uns Chaos. Unsere drei Kinder sind ja sehr agil und interessiert, klettern auf allem herum, Baby 1 sprang sogar ständig von der Couch in der (Plastik-)Baum. Am 2. Weihnachtstag baute ich dann alles ab, während Alphalama sich vor Bauchkrämpfen wand und ich noch versuchte stark zu sein. Wenigstens gelang es uns, zeitlich versetzt auszufallen. Was gewesen wäre, wenn wir beide gleichzeitg akut krank gewesen wären, kann ich nicht sagen. In jedem Fall hätten die Babies währenddessen dauerhaft gebrüllt. Sie hatten ja Zahnweh – jedes hat 2 Backenzähne in der Woche bekommen – und ein sehr großes Nähebedürfnis gepaart mit den massivsten Schlafschwierigkeiten seit sie auf der Welt sind, noch schlimmer als zu der Zeit als Alphalama für 10 Tage im Krankenhaus lag und ich alle drei alleine hatte.
Minilama quälte sich bis Mitte der Woche mit Appetitlosigkeit herum. Nicht mal Zuckerdonut oder Kinderschokolade konnten den Teufelskreis durchbrechen. Das Kind wollte einfach nichts. Alphalama klagte über Ähnliches, hinzu kamen wellenartige neue Anfälle von nahezu maximalen Bauchschmerzen und Übelkeit, bei denen nur Ablenkung und Couchsitzen etwas Linderung verschafften. Normalerweise geht es mir am schlechtesten bei diesen Geschichten; wenngleich ich mich immer nur so kurz wie möglich ausklinke (obwohl: es ist schon verlockend, im Bad auf der Turnmatte zu liegen, alles ist schön warm, man hat ein Tablet dabei und niemand stört einen. Aber diesen Gedanken verscheuche ich mal ganz schnell. Das kann ich Alphalama nicht antun.)
Dieses Mal war es ok und ich war tags drauf wieder im Einsatz für die anderen Lamas der Herde.
Unsere tolle Wochenplanung – die ich in weiser Voraussicht weit vorgeplant hatte, um nicht in dieses Loch der Untätigkeit und gähnenden Langeweile zu fallen, während die Kinder aufdrehen und das Mobiliar zu Schrott klopfen, zu fallen – musste dann gekürzt werden. Der Indoorspielplatz entfiel weil die befreundete Familie stark erkältet war und Alphalama aufatmend eingestand, dass es ihm auch zu anstrengend wäre, mit Minilama durch die hohen Rohre zu krabbeln.
Also Alternativprogramm. Und das war schnell gemacht. Donnerstags morgens um 4 Uhr, zur nicht mehr aufschiebbaren Wachzeit der Kinder kündigte ich an, das ich an diesem Tag was machen will, auf das ich Lust habe. Also weder Indoorspielplatz, noch Tiergehege oder Waldelebnispfad und auch keinen Spielemarathon oder Legosession (beides kann man mit Minilama ohne Probleme machen), sondern was, auf das ich Lust habe. Schließlich, so referierte ich leidenschaftlich während Alphalama neben mir im Delirium lag, habe auch ich frei und mir durch meine harte Arbeit was Schönes verdient. Oder so. Zumindest wollte ich in die Stadt. Zum bummeln. Und das obwohl die Kinder das nicht soo toll finden. Außerdem wollte ich noch irgendwo essen gehen und fing gleich an nach vegetarischen Restaurants in der Provinzstadt zu suchen, in die Alphalama und ich derart verliebt sind, dass wir nach dem Studium nicht weiter als 12 Kilometer davon entfernt leben wollen (unterbrochen durch einige Jahre des Exils für meine Ausbildung – wobei ich es dort dann auch so schön fand, dass ich regelmäßg auch Touren ins Saarland vorschlage).
Letzlich aßen wir dann doch nicht dort, weil es zu weit außerhalb war, aber ein leckeres chinesisches Schnellgericht erweckte auch den Hunger in Minilama wieder. Wir bummelten wirklich gemütlich durch die Stadt, sahen uns Spielzeugläden an, naschten Gummibärchen und genossen die Zeit. Der Lagerkoller war wohl auch bei den anderen größer gewesen als gedacht. Mit einigen netten Kleinigkeiten im Gepäck machten wir uns auf den Heimweg und Minilama und ich besuchten Minilamas liebsten Freund, der Geburtstag feierte. Und da merkt man doch, wie groß die Kinder schon sind. So schön haben die Kinder selten zusammen gespielt, regelrecht erholsam für die Mamas. Ich muss aber auch zugeben, dass ich die Babylamas zuhause gelassen habe, um den Weihnachtsbaum und die Kugeln zu schützen. Mit nur einem Kind ist es doch sehr, sehr entspannend.
Den Freitag nutzten wir ebenso gut und sahen uns an, wie die Milch ins Tetrapak kommt. Und da wir uns verfahren hatten, fanden wir auch noch ein Einkaufszentrum mit Hema. Ein Fest für mich!
Und es gab noch Pizza für alle. Wenn ich sage, dass das gut lief, lüge ich. Aber wir haben am Tisch gesessen, sind bis zum Schluss geblieben, sind satt geworden. Mehr als zuhause möglich ist. Es wird, es geht aufwärts.
Mit einem Weihnachtssonntag bei Alphalamas Eltern läuteten wir das neue Jahr ein (welches wir mehr wach als ruhend begrüßt hatten. Mit Ausnahme der Zeit von 23.30 bis 1 Uhr waren mindestens 2 Kinder gleichzeitig wach.) und hoffen, dass es gesund und segensreich sein wird.