„Ein Glück, dass die Zwillinge sich nicht daran gehängt haben“ – Lamasus bleibt sprachlos zurück

Vorweg: Meine drei Kinder sind keine Engel und ich muss oft sehr streng die Grenzen setzen, sonst würden gerade die Kleinen einfach alles ausräumen, entdecken und anschauen. Sich wehtun und richtig verletzten. So ist beispielsweise die Küche ein Sperrgebiet für die Zwillinge, da ich sie auch trotz Sicherheitsschlössern letztlich nicht kindersicher bekommen und keine Lust habe jedes Mal die 30 Tüten Milch, die wir durchschnittlich bevorraten wieder ins offene Regal zurück zu räumen. Dafür ist das Haus einfach zu groß, der Tag zu anstrengend. Mal abgesehen davon, was sonst noch passieren könnte, wenn die beiden in der Küche auf Entdeckertour gehen würden.
Und ja, ich habe ein schlechtes Gewissen, dass meine Kinder so begrenzt sind, weil ich immer den Eindruck habe, andere Kinder sind da viel freier in ihrer Entfaltung. Allerdings räumen meine Kinder auch tatsächlich alles aus, stecken alles in den Mund, unterstützt von Minilama, das ebenfalls gern alles in den Mund nimmt. Das Chaos ist unbeschreiblich, wenn man die Meute unreguliert loslässt. Das tun andere Kinder, meiner Beobachtung nach nicht in dem Aufmaß.
Und mal abgesehen davon haben wir ja auch drei Kinder, während die meisten nur zwei haben. Ich reite da eigentlich selten drauf rum, weil ich die Zwillinge nicht als Problem ansehe. Aber es stimmt schon: Wenn man zwei Babies hat, muss man deutlich besser acht geben, denn auch wenn eines auf dem Arm und damit außer Gefahrenzone hat, krabbelt das andere vielleicht gerade fröhlich durch die Scherben das Fläschchens, das es gerade heruntergeworfen hat. Daher ist es bei uns einfach etwas mehr durchgestrafft als bei anderen Leuten, daher gelten vielleicht auch, was die allgemeine Sicherheit angeht strengere Regeln. (Türen müssen z.B. immer verschlossen werden, Minilamas Stuhl muss sofort nach dem Aufstehen in den Flur, Gläser müssen mitten auf dem Tisch stehen, Bastelsachen sofort weggeräumt werden, Bügelperlen sind nur unter erhöhter Wachsamkeit nutzbar usw.)

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Überraschung, Mama :)

Und ja, ich bin zwischendurch richtig gestresst, einfach weil es mein Naturell ist, immer wuselig zu sein und immer Druck zu haben. Außerdem nehme ich als Jugendarbeiterin das Thema Aufsichtspflicht verdammt ernst und ich will nicht, dass meine Kinder (ob nun meine leiblichen oder die für die ich Verantwortung habe) sich verletzten, weil ich nicht richtig aufgepasst habe.
Das kann ich mal besser und mal schlechter regulieren und bin daher leider nicht immer die Supermom, die ich gerne wäre und die meine Kinder immer verdienen. Allerdings – und da bin ich auch realistisch – verhält es sich mit den Minis ähnlich. Gut, die Babies haben noch Schonfrist in gewisser Weise, da sie noch nicht sprechen können und sich eben durch Schreien verständlich machen müssen. Minilama hingegen ist ein sehr intelligentes Kind und kann sich sehr gut ausdrücken. Was es nicht daran hindert, zwischendurch die Sprachfähigkeit zu vergessen und anstelle dessen wortlos absolut bockig zu sein. Sich nicht anziehen oder ausziehen zu können, keine Reißverschlüsse zu beherrschen, nicht die Hände waschen zu wollen, zu schwach zu sein, um die Treppe hochzusteigen. Und das alles ab 5.00 morgens bis 20 Uhr abends. In der Kita eben noch zufrieden gespielt, sobald die Mama kommt, fehlt die Fähigkeit Mützenschal und Schuhe anzuziehen und die Treppe runterzukommen ist auch nicht mehr drin. Manchmal lächele ich das weg, an anderen Tagen muss ich die Faust in der Tasche machen, manchmal setze ich mich noch 25 Minuten in die Gruppe und bitte alle 5 Minuten darum, doch mit raus zu kommen, an anderen Tagen werfe ich resigniert die Jacke auf den Boden und sage „tschüss“ und drehe mich um. Ich hasse mich sehr dafür, dass ich dem Kind nicht immer das Verständnis geben kann, das es einfordert, aber manchmal ich es einfach zu viel von allem. Zu viel „kein Hunger“ zu viel “ ich will Schokolade“ zu viel „ich will nicht die Zähne geputzt bekommen und laufe jetzt durchs ganze Haus“, zu viel “ nein, nein, ich muss nicht aufs Klo“ und dann 15 Minuten später „ich muss jetzt sofort hier an der Straße bei minus 2 Grad“, zu viel „ich kann das nicht“ und zu viel „ich will keine Schuhe anziehen“.
Manches geht, anderes lässt meine innere Zwanghaftigkeit nicht zu. Ohne Schuhe herum zu laufen z.B. Das geht, geht, geht nicht. Die Böden sind kalt und in meiner Familie haben wir alle sehr empfindliche Blasen. Und Zähne putzen ist auch so was. Ich bin über 30 und habe noch nichts an den Zähnen gehabt. Nichts, nichts. Und ich finde, das macht meine Mutter zu einer guten Mutter. Kaputte Kinderzähne ist für mich ein Erweis für das Versagen der Eltern (eigentlich der Mamas). Kann jeder sehen wie er will, ich sehe es genau so. Und beziehe diese Gedanken tatsächlich auch nur auf mich und meine Aufgaben. Die Zähne und Blasen anderer kann ich gut lassen wie sie auch sein mögen.
Langer Rede kurzer Sinn: Meine Kinder sind herausfordernd. Minilama isst am besten bei anderen, hier will es nur Müsli und Schokolade, es schläft nicht daheim (was bin ich froh, dass ich die Erwartung „Mittagsschlaf“ irgendwann fallen gelassen habe, denn das gab und gibt es nicht bei uns) und es testet an mir sehr hart die Grenzen aus. Das liegt daran, dass dieses Kind die unregulierte Version seiner Mama ist; freiheitlich erzogen, selbstbewusst und sehr, sehr pfiffig noch dazu. Und ich bin die Reflexionsfläche, an dem es sich abarbeitet. Weiß ich, ist aber dennoch echt anstrengend und vor allem so krass – denn wie oft weiß ich genau, was das Kind denkt, meint, will – und kann dann doch nicht das geben, was es will.
Und auch wenn ich beim Turnen, wo Minilama sich oftmals mehr anstellt als die 2jährigen („Hand, Haand!!!!“ „Ich kann das nicht“.  „Nein“) schon mehr als einmal gedacht habe, dass keine daneben gefallen ist, wenn jemand normal weitergeturnt hat und dann gegen Minilama, das bockig auf der Matte sitzengeblieben ist, gedotzt ist, lasse ich auf das Kind nichts kommen. Und zwar gar nichts, Das ist mit Abstand (jetzt mal die Minis abgesehen, aber so differenziert kann man ja nicht immer sein) das klügste, beste, und tollste Kind das ist kenne und es hat ein Potential von dem andere nur träumen können. Und jeder der Minilama auch nur im Entferntesten doof kommt muss meinen Übermamazorn fürchten und der ist groß.
Meine Mutter sagte mal „Du bist mir roh 1000 Mal lieber als andere gekocht“ als ich wieder dachte, andere Kinder wären irgendwie besser als ich und liebenswerter (das war immer meine Sorge als Kind und oft auch noch heute.) Der Satz war richtig heilsam für mich. Denn wenn andere da waren war sie zu denen immer so mild, dass ich dachte, die wären so super. Und wie ich öfters mal Breitseite bekam wusste ich ja nur zu gut.
Minilama zumindest ist ehrlich, offen, gerechtigkeitsliebend, kreativ, willensstark und den anderen Menschen unvoreingenommen zugeneigt, dabei unabhängig und zielstrebig. Außerdem liebt es seine Geschwister und geht ohne den eigenen Vorteil zu suchen mit ihnen um.
Was will man mehr?  Und obgleich ich so oft den Raum verlassen muss, um nicht loszubrüllen, gerade, wenn Minilama nach einer Serie von Bockigkeiten dann Sätze heraushaut wie „Was ich will, das kriege ich auch“, liebe ich dieses tolle Kind mehr als alles andere.
Denn Minilama hat egal was in seinem Kopf nach neuen Verknüpfungen zu suchen scheint, die Basics drauf. Sich entschuldigen oder so.

Wo wir auch schon beim Thema wären. Ich bin schwer sprachlos zu kriegen, aber gestern war es soweit.
Gestern war Besuch da. Wir haben seit ein paar Wochen endlich eine Couch und die ist Kindersperrgebiet. Da darf kein Spielzeug drauf liegen, da wird nicht drauf geklettert, gegessen, gesprungen und da wird auch nicht mit den Hausschuhen dran abgewischt. Die Kinder haben ausreichend Sitzmöglichkeiten im Haus und einen Fernseher, auf den die Couch ausgerichtet wäre, gibt es bei uns auch nicht. Für meine Kinder kein Problem, denn (und das ist wichtig) ich sitze am Tag nicht drauf, sie auch nicht. Fertig. Das Ding ist da, aber unwichtig.
Unmittelbar nachdem  die Besuchsmama die Couch getestet  und für unbequem gefunden hat, beginnen die Besuchskinder auf der Couch herumzuklettern und zu hüpfen werfen die Kissen auf den Boden, wo die Babies sie dankbar in Empfang nehmen und auf dem schon verkrümelten Boden herumziehen und daran lutschen. Ums kurz zu machen: Der Mutter, bei der zuhause die Couch auch nicht besprungen werden darf , ist es nicht gelungen in den 2 Stunden, in denen sie bei uns waren, ihre Kinder vom Klettern auf unserer Couch abzuhalten. „Wir dürfen das“, so das große Kind. Was soll ich sagen? Minilama bekommt ja auch das, was es will.
Das kleine Kind hat nicht aufgehört die Zwillinge zu knuddeln und sich nicht ermuntern lassen, das bitte sein zu lassen, als die Babylamas hysterisch angefangen haben zu weinen. Da hat Baby 2 es in seiner Not in die Backe gebissen. Die Mutter war richtig sauer – ich (ja verurteilt mich nur) fand es völlig ok. Ein Tier, das man in die Ecke drängt, beißt eben auch. Und Kinder, die in Ruhe spielen und dann vom Rücken her gedrückt werden, dass es dem Drückenden fast schon zu anstrengend ist, dürfen sich auch wehren. Und das ein 1jähiges eben nicht groß argumentieren kann, ist ja hinreichend bekannt. Und dass die Twins beißstark sind auch…
Soweit so gut. Und dann kam die Mutter von der oberen Etage runter, wo die Großen immer wieder mal gespielt  haben und fragte, wie wir eigentlich die Treppenschutzgitter befestigt haben. Ich erklärte, welchen  Schreiner wir beauftragt hatten und dass es ein 2 Komponenten Kleber sei, der die Dinger festhielte und dass es nicht billig war. Ich dachte, sie fragt fürs eigene Haus.

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Jetzt ist es komplett lose, es lehnt an der Wand. Das Kind (3,5 Jahre, 20 Kilo) hat sich aber nur ganz leicht dran gehängt, so die Mutter, die wohl dabei war. Das dürfte ja echt nicht passieren, dass das Gitter sowas nicht aushält. Ein Glück, dass die Zwillinge das nicht gemacht hätten und wir jetzt wüssten, dass es nicht hält. Das war ihre Reaktion.
Ich war sprachlos. Kein Wort der Entschuldigung oder dass es ihr leid tut. Nur die Feststellung, dass dieses Teil unseres Hauses scheiße ist und ja ohnehin nicht hält. Dass sich ein 20 Kilo Kind dran hängt müsste es ja wohl aushalten.
Ich bin anderer Meinung. Das Gitter soll Babies vom Sturz abhalten, die von unten dagegen krabbeln. Größere Kinder dürfen fragen, ob ich ihnen das Gitter öffne, jederzeit. Aber dranhängen ist absolut unnötig und auch verboten. Das würde kaum ein Gitter festhalten. Bei uns die eben noch die Sondersituation, dass man in die die Wand keine Dübel drehen kann, die was aushalten sollen. Daher ja die echt teure Schreinerlösung.
Aber dennoch: Keine Kinderhände ans Gitter. Für Minilama absolut keine Frage, das Ding hängt schon seit 7 Monaten ohne das Minilama es in irgendeiner Weise bespielt hätte. Auch andere Freunde von Minilama haben das Gitter noch die angeschaut oder angefasst. Wozu auch? Ich habe vorher erklärt, dass es ein Backup ist, falls einer vergisst die Tür in den Flur zu schließen und die kleinen Kinder raus krabbeln.
Dass das Gitter nicht bombenfest hält war mir schon klar, aber fest war es bis gestern schon, also fest genug eben für den Hausgebrauch.
Ich als Mutter hätte mich  entschuldigt und meinem Kind erklärt, dass dieser Move nicht so klug war.
Ich war echt sprachlos, wirklich sprachlos über die Art, wie die Mutter versucht hat vom eigenen Fehlverhalten und dem ihres Kindes abzulenken und es zu meinem Fehler zu machen. Schließlich hat es ja nicht gehalten. Da kann sie ja nichts dafür, wenn sie ihr Kind nicht davon abhält sich dran zu hängen.
Alphalama sagte eben: „Ich bin zu Großzügigkeit und Höflichkeit erzogen, aber das klappt ja nur, wenn das Gegenüber auch so handelt.“ Jo, das stimmt schon. Im Grunde hätte ich gesagt „Passiert eben. Sind Kinder.“ Ich habe ja selbst 3 lebendige Kinder, die gern mal Papierlampen verknittern und Regale ausräumen und CDs auf dem Boden verteilen. Da bin ich ja auch froh, wenn mein Gegenüber nachsichtig ist. Aber so – das hat mich echt sprachlos zurückgelassen.
Ich habe den Schreiner angerufen, er kommt in 10 Tagen. Bis dahin muss ich schauen, was ich mache, um die Kinder vor der Treppe zu schützen. Und mal abwarten, was es kostet. Schreier sind ja nicht billig, das weiß man ja.

 

 

3 Gedanken zu “„Ein Glück, dass die Zwillinge sich nicht daran gehängt haben“ – Lamasus bleibt sprachlos zurück

  1. Es ist eine Schweinerei, wie sich die Mutter benommen hat. Wenn es passiert, steht man für den Schaden ein und begleicht ihn. Ansonsten ist es kein Benehmen. Ich setze ebenfalls schnell, klare Grenzen in kleinen Dingen, nach dem Motto wehrt den Anfängen. Erklärung ja, keine Diskussion. Und wenn dann das Kind bockt. Dafür sollen sie ruhig auf Bäume klettern, den Hang runterrollern und ich nehme sie viel und gerne auf den Arm, weil sie mir nicht egal sind und ich ihnen Werte fürs Zusammenleben mitgeben möchte, auch wenn es anstrengend ist.

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