Unerzogen oder ungezogen? – Warum erziehe ich mein Kind eigentlich?

In meiner Internetblase ist gerade auffällig oft die Rede von „unerzogenen“ Kindern. Nach Familienbett, Dauerstillen, veganer Ernährung fürs Kind und attachment parenting scheint das ein neuer Trend in den Reihen der intellektuellen und reflektierten Eltern zu sein. Und ich muss sagen, so langsam aber sicher komme ich an den Punkt, wo ich das Ganze nicht mehr lesen kann. Meinen Blogkonsum habe ich in den letzten Monaten eklatant eingeschränkt, lese bei vielen gar nicht mehr mit, merke auch, dass ich immer weniger Freude daran habe. Entweder alles ist voller sponsored posts und versteckter Werbung oder die Ansichten sind für mein einfaches Gemüt derart krude, dass ich regelrecht hohen Blutdruck kriege, wenn ich es mir durchlese oder bei instagram durchgucke.
Schon als ich mit Minilama schwanger war, fand ich das Familienbett gedanklich gewöhnungsbedürftig. Nicht, dass ich mein Baby in seinem Zimmer schlafen lassen wollte. Aber nach der Lektüre allgemeiner Empfehlungen wurde mir durchaus deutlich, dass es Sinn macht, das Baby im Schlafsack in seiner eigenen (nicht mit Nestchen und Schmusetier bestückten) Wiege an meiner Seite schlafen zu lassen. Und die konkrete Erfahrung mit meinem ersten Kind Minilama, das eine sehr lange Zeit lang große Schlafprobleme hatte, die uns alle über die Grenzen des Machbaren und auch in die soziale Isolation manövriert haben, zeigte es mir noch einmal: Für uns ist das nichts.
Eine reflektierte Meinung zum Dauerstillen konnte ich mir ja nie bilden, da mir diese Erfahrung verwehrt geblieben ist. Ich weiß also nicht, ob ich irgendwann freudig meine Freiheit wieder zurückerobert hätte und einige Stunden in die Stadt hätte gehen wollen oder ob ich es  gut ausgehalten hätte dauerhaft und immer fürs Kind verfügbar sein zu müssen und meinen Busen egal wo ich bin zu entblößen. Ich habe zwar Phantasien dazu, aber der Wirklichkeitscheck steht aus, insofern kann ich dazu nichts Sinnvolles beitragen. Veganismus, Homöopathie und das Impfthema sind ja derart heiße Eisen und neuzeitliche Dogmen, um deren reine Umsetzung die Jünger erbittert streiten. Das ist mir alles zu fanatisch, muss ich sagen. Ich habe dazu meine klare Meinung, die sich dankenswerterweise mit der meines Mannes deckt, sodass wir als Familie keine Probleme haben, unseren Kindern Fleisch und tierische Produkte zu geben, sie von jeder Art von Kügelchen oder sonstigen Tinkturen fernzuhalten (Ausnahme: Traubenzuckerbonbons) und sie zu ihren von der Stäko empfohlenen Schutzimpfungen zu begleiten. Jeder wie er mag.
Und jetzt eben das Thema „unerzogen“. So recht durchdringe ich das Konzept nicht. Ich habe den Eindruck es ist sowas wie die antiautoritäre Erziehung der 60er/70er. Sowas wie laisser-faire vielleicht. Eben, dass man keine erzieherische Intervention macht, sondern das Kind ausprobieren lässt. Sicherlich bin zu einem gewissen Punkt nur, denke ich mir. Gefährliche Situationen wie an der Straße, wenn Verkehr ist, wird man wohl doch moderieren wollen.
Mein ältestes Kind sind jetzt seit vielen Monaten in der Trotzphase. Ich denke, wir sind gerade am Höhepunkt angekommen. Hoffe ich.
Es ist anstrengend. Was insbesondere daran liegt, dass ich mich nur so selten zu 100 Prozent auf dieses Kind und seine unartikulierten Bedürfnisse einstellen kann. Da sind noch die anderen beiden Kinder, der Haushalt, Termine, Erledigungen, der Tagesablauf, der eingehalten werden will und auch meine Bedürfnisse, die sich phasenweise kaum und dann wieder unerwartet vehement melden und es mir schwer machen, so ganz für den anderen da zu sein. Ich dachte immer, Mütter seien selbstvergessener und ruhiger, aber zumindest ich bin noch immer ich und das macht es nicht grade einfach.
Ein Kind in der Trotzphase bräuchte einen Inkubator, in dem es nahezu störungsfrei sein kann. Denke ich mir manchmal. Aber das gelingt nur so selten. Der Alltag läuft ja weiter und sein Umfeld ist eben nicht nur Verständnis und Nachgiebigkeit. Kann es nicht sein, da so vieles zusammenspielen und ineinandergreifen muss, damit unser Zusammenleben gelingen kann.
Vor einiger Zeit wurde Alphalama und mir klar, dass es längst Zeit ist, erzieherische Interventionen zu setzen bzw. dass wir die auch schon länger tun oder miteinander ein konkretes Konzept, konkrete Abläufe vereinbart zu haben. Wir sind schon mitten drin im Erziehen, im Grenzen setzen, darin sozialkonformes Verhalten einzuüben und einzufordern und Selbstständigkeit (oft gegen den Widerstand des Kindes) zu ermöglichen.
Spätestens seit ich schwanger war, musste Minilama selbst die Treppen gehen beispielsweise, da ich es nicht heben durfte. Spätestens seit die Babies auf der Welt sind, soll Minilama seine Schuhe selbst an- und ausziehen und danach ins Schuhregal stellen. Es soll auf der Straße rechts und links schauen und uns Eltern nicht weglaufen, wenn wir unterwegs sind. Außerdem soll es keine Blumen in fremden Vorgärten pflücken, nicht mit Fremden mitgehen oder von ihnen Essen annehmen, keine Essensreste vom Boden auflesen und verzehren und nichts in den Mund nehmen. Das ist eine Auswahl der Erziehungs- und Entwicklungsziele (bunt gemischt, wie ich grade merke), die wir aktuell ans Kind herantragen. Ich würde nicht sagen, dass wir strenge Eltern sind. Guten Tag sagen oder Hand geben würde ich nicht einfordern vom Kind, beispielsweise. Auch was das Händewaschen angeht, bin ich ziemlich lax und auch was das Essen am Tisch angeht.
Minilama hat einiges an Spielraum, besonders, wenn es im Großen und Ganzen lieb ist. Will heißen, wenn es nicht herumbrüllt, (gerade Alphalama hat Schwierigkeiten mit dem hohen Geräuschpegel) nicht im Laden auf den Boden fällt und nach etwas Abwegigem verlangt und wenn es die Geschwister nicht quält und mir nicht davonläuft. Dann bin ich sehr geneigt, dem Kind viel Gutes zukommen zu lassen wie Eis oder ein neues Buch, Vorlesezeit, einen spontanen Ausflug zum Spielplatz oder 10 Minuten länger abends Buch gucken, Basteln mit neuen Sachen, die Vorbereitungszeit brauchen.
Wenn Minilama aber das Dorf beschallt, weil es etwas nicht bekommt, das es ohnehin nie gibt (wie Quetschobst, Milchschnitte oder sonstige Verwirrungen der Menschheit), die Zwillinge tritt und vor ein Auto läuft, greife ich durch. Schimpfe, erkläre, verweigere das Nachmittagseis oder die 10 Minuten länger im Buch blättern und mache klar, dass z.B. Wasserfarben malen unter den Umständen einfach unmöglich ist. Ist kann ja nicht verantworten, dass die Zwillinge zu Schaden kommen während ich die Sachen zusammentrage, die dazu nötig sind oder dass Minilama sich was aus Quatsch in den Mund steckt und dann gar verschluckt, wenn ich gerade nicht aufmerksam bin.
Das muss Minilama einsehen. Und das tut es meistens aus, wenn auch erst vorm Einschlafen, wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben.
Dass Minilama heute selbst die Treppen hoch- und runtergeht und nicht ständig verlangt getragen zu werden ist ein Erfolg, der knapp ein halbes Jahr harte Arbeit brauchte. Dass es sich selbst die Schuhe anzieht und die Schläppchen wegräumt, dass es fragt, welche Jacke es braucht und welche Mütze, dass es sich erkundigt, was wir mitnehmen müssen – das hat noch länger gedauert und ist noch immer nicht fest etabliert. Dass es morgens mit mir bis zur Kita geht (1,7 Kilometer) ist die neuste Errungenschaft, die mich viele, viele Nerven gekostet hat. Minilama kann nämlich deutlich mehr als es will.
Andere Dinge, beispielsweise die Pflege, sind tagesformabhängig. Mal geht es mit dem Zähneputzen lassen, dann wieder nicht. Duschen und Haarewaschen gehen eigentlich nicht, Nägelschneiden geht grundsätzlich nicht. Kämmen geht selten.
Würde ich Minilama einfach lassen, da bin ich sicher, brächte ich es barfuß auf dem Arm in die Kita, trüge ich es die ganze Zeit umher. Äße es nur Süßigkeiten, trüge es nie eine Jacke, nähme es noch immer alles und jedes in den Mund, wäre Struwelpeter gegen es ein Vorbild an Gepflegtsein. (In der Kita hingegen würde es alles mitmachen und können)
Ich hingegen wäre deutlich entspannter, es gäbe auch keine Konflikte zuhause. Wahrscheinlich wäre ich immer die geliebte Supermom. Und dennoch mache ich mir die Arbeit, das Kind zu erziehen, ihm Grenzen zu ziehen und setze mich  seinen Reaktionen aus. Weil ich denke, dass genau das meine Aufgabe als Mutter ist. Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, was zentral und was marginal ist. Welches Verhalten wir sanktionieren und was nicht.
Minilama testet seine Grenzen aus, will wissen wie weit es gehen kann. Es arbeitet sich ab an mir. Und ich glaube, seine Erzieherinnen haben recht, wenn sie sagen, dass Kinder Grenzen brauchen, um sich zu orientieren und dass Grenzenlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Verlorenheit bedeutet.

3 Gedanken zu “Unerzogen oder ungezogen? – Warum erziehe ich mein Kind eigentlich?

  1. Als bald-Erstmama bin ich froh, auch mal wieder so einen Artikel zu lesen. Denn es stimmt – die „unerzogen“-Artikel kommen einem schon langsam zu den Ohren raus.
    Natürlich versteht man, dass ein Kind im Trotzalter wütend wird, weil es noch nicht richtig artikulieren kann, was ihm eigentlich nicht passt – dass ich mich als Mutter aber von meinem 3-jährigen Kind hauen lasse, da hört es für mich wirklich auf. Habe da letztens auf einem anderen Blog einen Artikel gelesen und kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

    Ich bin deiner Meinung, dass Kinder Grenzen brauchen. Sonst fühlen sie sich verloren. Ein kleines Kind kann einfach noch nicht einschätzen, welche Kleidung heute dem Wetter entspricht. Und dass man sein Kind jeden Morgen selbst entschieden lässt und sich dann darauf verlässt, dass es sich die Strickjacke anzieht, wenn es friert: kann gut gehen. Kann aber auch beim zweiten Versuch zur fiesen Grippe führen.

    Ich selbst und meine Geschwister sind mit liebevoller Strenge aufgewachsen und haben weder eine gestörte Beziehung zu unseren Eltern (ganz das Gegenteil ist der Fall!), noch Probleme mit unserem Selbstbewusstsein. Mach weiter so und dein Minilama wird sicher eines der reifsten Kinder und die Erzieher froh, auch mal wieder so etwas zu erleben :)

  2. Als Eltern hat man die Verantwortung fürs Kind, also führe ich auch, weil die Erwachsenen den Gesamtüberblick haben. Stück für Stück mache ich die Welt für meine Kinder größer. Sie bekommen mehr Entscheidungsfreiheit und ! Pflichten. Was ich konsequent einfordere, ist der Respekt und die Wertschätzung untereinander. Das ist meine Aufgabe als Mutter.

  3. Habe das gerade gelesen. DANKE! Ich hab selbst 3 jährige Zwillinge. Ja bei uns gibt es Regeln, Lob (ist ja auch verpönt) und auch Strafen wenn sein muss.
    Ich gebe mir Mühe alles Alterskonform zu machen und sie haben auch sehr viele Freiheiten, aber im Gegenzug nehme ich mir auch mal heraus was zu verbieten, weil ich jetzt keinen Nerv mehr habe (aufgrund meiner Bequemlichkeit wird abends um 19 Uhr nicht mehr mit Knete rumgematscht als Bsp.).
    Ich lese unerzogen auch oft – die ganz krassen wollen ja gar keine Grenzen. Und wenn sich das Kind mit der Kita schwer tut bleibt man eben Zuhause weil „es gibt immer eine Wahl.“ Häh? Und von was lebt man dann? Harz4 ?
    Ich finde es wichtig Kinder ernst zu nehmen und zu begleiten. Sie auch Grenzen – natürliche und gesellschaftliche – kennenlernen zu lassen. Und ggf. regulierend einzugreifen wenn ihnen die Weitsicht noch fehlt (Stichwort Süßigkeiten, Fernsehkonsum u.ä.).
    Und sie auch die Grenzen anderer wahren zu lassen.

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