„Die Kinder haben Hunger“ – Mit Lamasus aus der heimischen Türschwelle

Ich denke, jede Mutter kennt das: Man ist mit der ganzen Herde zuhause und irgendwie haben alle plötzlich Lagerkoller. So ging es uns letztens. Es war bullig heiß draußen und da ich selbst die Hitze nicht gut vertrage und daher immer fürchte, die Kinder könnten sie auch schlecht vertragen, versuche ich wenn möglich, an solchen Tagen die Hitze zu meiden.
Wir waren also schon vor 7 Uhr eine große Runde unterwegs gewesen, glückliches Minilama, übel gelaunte Babies. Vorm Freibad reckten zahllose Rentner ihrer Köpfe und schauten mich mit einer Mischung aus Mitleid („arme Frau. Das ist sicher viel Arbeit“) und Verachtung („Warum schreien diese Kinder so? Irgendwas muss diese Frau doch falsch machen!“) an. Währenddessen bekam Minilama einen Koller und lief mir erst vor die Füße und  dann vor den Buggy. Dieses ständige Vor die Füße rennen meines Kleinkindes nervt mich kolossal. Passiert hier öfters, leider. Und da Minilama danach noch den Doppelbuggy „schieben“ wollte und ich wie die biblische gebückte Frau durchs Dorf schlurfen muss (ich lasse den ja nicht los in der Stadt), dann verliere ich die Nerven. Da kann ich auch nichts beschönigen.
Wir waren also kurze Zeit zu viert unterwegs und alle vier brüllten und schimpften. Wunderbar oder eben nicht.
Kaum daheim entspannte sich die Lage nur scheinbar. Und irgendwann brüllten die Kinder wieder los, diesmal die Babies. Minilama spielte lieb mit Bügelperlen und guckte Bücher.
Und da ich tags zuvor unseren Wischmopp zerstört hatte (er ist mir die Treppe runtergefallen, aber nicht wie man denkt, sondern durch den Spalt zwischen Treppe und Geländer) und Alphalama die Sauger der Babies mit ins Ausland genommen hatte, machten wir uns noch einmal auf den Weg. Diesmal mit Kinderwagen und Buggyboard. Ganz reflektiert. Eigentlich nehme ich das Gespann nicht mehr, denn wenn das Board verfügbar ist, will Minilama nicht laufen. Oder nur sehr, sehr kurze Strecken. Aber bei einem Kind seines Alters ist es höchste Zeit, die Beine zu trainieren. Es ist schon länger zu schwer für den Buggy (unser Kind ist nicht fettleibbig, keine Angst. Es ist mit 3 einfach schon so groß wie mancher 5 jährige. Auch nicht krankhaft, kein Riesenwuchs oder so. Sondern einfach das Kind großer Eltern.) und wenn ich ehrlich bin, will ich nicht mehr diese 60 Kilo Wagen, Kinder, Board Kombi 10 Kilometer am Tag schieben. Daher läuft Minilama im Moment selbst. Und das auch richtig gut. 7 Kilometer über den Tag verteilt packt es gut. Aber da es super heiß (30 Grad) war, entschied ich mich für die bequemere Art und nahm Minilama die Möglichkeit zu klettern und selbst zu erkunden. Damit es einigermaßen schnell ging.
Im Laden bekamen wir, was wir brauchten und gingen fix heim. Es war halb 12 als wir an der Türschwelle ankamen. Ich war wirklich geladen. Gebrüll, Hitze, dezenter Schwindel und die Erwartung von zahllosen Aufgaben wie Waschen, Treppenhaus putzen, für ein Wochenende auswärts alleine putzen, kochen und was weiß ich nicht noch zu tun war neben der Bändigung der motzigen Meute quälten mich. Die Babies hatten Hunger. Deshalb waren wir ja daheim. Ich wollte sie sofort hochtragen und umgehend füttern. Den eigenen Toilettengang verschiebe ich auf hinterher, immer. Minilamas und Alphalamas Essen wollte ich parallel kochen, darüber sprachen wir grade,  das Mini und ich. An der Haustür angekommen, meckerte Baby 1 lautstark. Ich wollte grade die Tür öffnen und mit dem Mich-Überschlagen, denn es ist Essenszeit und danach gibts eine frische Windel mal 2 und dann aber fix zum Mittagsschlaf und so viel wie möglich aufräumen und putzen übergehen als ein Rentner an uns vorbeiging und mir feixend erklärte: „Die Babies haben Hunger.“
Danke, darauf wäre ich nicht selbst gekommen. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen oder wie war das noch?
Warum kann man mich nicht unkommentiert lassen? Ich werde es nie verstehen…

Ferienpanik

Minilamas Kita schließt im Sommer für drei Wochen am Stück. Drei Wochen nagen am Urlaubsbudget, denn es kommen ja noch andere Schließtage und Ferientage hinzu. Eine Bekannte sagte mir einmal, dass sie 100 % ihres Urlaubsanspruchs für die Kita aufbrauche und dann immer hoffe, dass sie nicht zwischendurch mal zum Arzt müsse.
Ich bin immer hin und hergerissen zwischen der Freude, dass es nicht gleich 6 Wochen sind wie später in der Schule und dem bangen Nachzählen meiner freien Tage. Wenn ich aber ehrlich bin, hatten wir bisher noch nicht die volle Breitseite, weil in Minilamas Kitakarriere nur 8 Wochen zwischen dem Ende von Papas Elternzeit und meiner Schwangerschaft lagen, in der ich ja rasch nicht mehr arbeiten durfte und somit zuhause verfügbar war. So richtig kann ich also gar nicht mitreden.
Die bevorstehenden drei Wochen sind Grund genug für viele Mamas in der Einrichtung so richtig Panik zu bekommen. Als parallel noch in der letzten Woche vor den Ferien ein Magendarminfekt wütete, flippten viele aus. Auch ich ließ Minilama zuhause. Ich konnte es ja zum Glück, da ich schon Urlaub hatte. Magendarm hatten wir schon 2 mal in den letzten 12 Monaten und da ich meist am schlimmsten betroffen bin, habe ich ganz egoistisch entschieden, dass wir uns das einmal sparen können. Selbst krank mit Kindern im Haus ist der absolute, absolute Horror. Davor habe ich die Panik. Meist ist man allein, es geht einem dreckig, man wird nicht so schnell wieder fit wie nötig, die Kinder drehen am Rad und man will nur noch weg. Daher war Minilama zwei Tage länger daheim. Und es fehlte ihm der langsame Abschied vom Kitatrubel. Daher war die Umstellung auch schwierig. Man kennt es ja von sich: Erst noch mit Volldampf am arbeiten, dann entspannt auf dem Balkon… Das gelingt nicht einfach von heute auf morgen. Hinzu kommt bei Minilama die Angst, es dürfe nicht mehr in die Kita, nie mehr.
Ich frage mich manchmal, warum wir Mamas so eine Panik vor der Ferien haben, Warum uns unsere Kinder so entfremdet sind, dass wir fürchten drei Wochen mit ihnen verbringen zu müssen. Oder ob es daran liegt, dass auch die Mamas gerne Entspannung hätten, die Kinder aber eine Rundumbespaßung benötigen. Auf dem Spielplatz am ersten offiziellen Ferientag waren viele völlig erschöpfte Mamas zu sehen, die volle Breitseite die Anpassungsschwierigkeiten ihrer Kleinen mitmachen mussten. Die auch genervt waren vom Tempo, mit dem die Kinder stets was anderes machen wollten. Erst Radfahren, dann Laufrad, dann Roller, dann doch lieber was essen gehen.
Während ich noch versuchte, Minilama das Konzept Ferien wieder näherzubringen, waren andere Mamas schon völlig durch. Oder was auch sein kann, artikulierten ihre Gefühlslage deutlicher. Ich bin da eher zurückhaltend meine negativen Gefühle vor anderen zu formulieren, brauche etwas Zeit, damit ich differenzierter ausdrücken kann, wo der Schuh drückt.
Ferienpanik hatte ich keine, ich war schon eingestellt auf die dichte Zeit überwiegend mit drei Kindern alleine. Wir hatten eine Woche Familienzeit und zwei Wochen Mama-Kinderzeit. Natürlich wünsche ich mir immer, wir könnten mehr Zeit als Familie verbringen, einfach aus dem Grund, dass man sich dann mal eher kurz verkrümeln kann. Um eine Sporttasche fürs Kind zu nähen, einen kurzen Film zu sehen, in Ruhe zu duschen oder auf Toilette zu gehen. Aber ich merke auch, dass ich das gern ausnutze, wenn noch jemand da ist, der auf die Kinder aufpassen kann. Insofern ist es ganz gut, wenn nicht zu oft die Unterstützung da ist.
Ferienzeit mit drei Kindern heißt gerade am Anfang eine 16-18 Stunden Betreuung am Tag. Minilama ist ein schlechter Schläfer. 21 bis 5 Uhr reichen ihm. Gerade abends ist es oft sehr anstrengend.
Das Zeitfenster reicht mir jedoch leider nicht immer. Denn ich habe mit dem Waschen, Kochen und Putzen einiges zu tun. In den Ferien bleibt daher vieles bis zum Wochenende liegen. Wenn eine gewisse Anpassung an die freie Zeit erfolgt ist, hat Minilama längere Phasen des ruhigen Freispiels. Die kann und muss man dann ausnutzen zum Kochen oder Wäsche aufhängen. In anderen Phasen muss man ständig bei den Kindern sein, damit sie sich nicht wehtun. Aus Spiel wird bei meinen dreien gern mal ernst und es wird gebissen (Babies) und geschubst (alle drei) und getreten (Minilama). Oft spielen sie aber schön zusammen. Das Ende ist natürlich nie absehbar.
Ich hatte mehrere Highlights für die Ferienzeit eingeplant, wie 2 Übernachtungsausflüge, Freibad, Freunde besuchen, hatte neue Bücher ausgeliehen und Aufkleber besorgt, Bastelmaterial zusammengesucht usw. Das hat die Tage gut aufgelockert und Minilama viel Freude gemacht. Die Arbeit ist natürlich enorm. Für ein Wochenende zu fünft zu packen ist eine körperliche Anstrengung, gerade wenn es parallel zum Tagesablauf dabeigequetscht werden muss.  Das letzte was ich vorm Fahren mache ist Windeln waschen und das erste, wenn wir wieder ankommen auch. Parallel eben zu allem anderen.
Ich hoffe, mit der Zeit wird es auch für mich Inseln des Ausruhens geben, mehr als 10 Minuten Kurzpause am Tag.
Jetzt am Ende der Ferien bin ich nämlich regelrecht urlaubsreif und will keinen mehr sehen oder hören. Geht natürlich auch nicht. Die Babies sind ja noch daheim und alles geht wieder los.

Unser Alltag ist ihre Kindheit – Pseudointellektueller Unsinn mal auf die Spitze getrieben

Dieser Satz geistert ja schon länger durchs Netz und hat wohl irgendwie was mit der schönen Bullerbü-Kindheit zu tun, die alle unsere Kinder erleben sollen. Die sorgenfreie, naturnahe und wundervolle Kindheit, die wir Eltern unseren Kindern wünschen. Und für die wir uns aufopfern, zahllose Mamas gehen dafür auch bis zum Burn-Out. Denn die perfekte Kindererziehung, der super Haushalt, das Attraktivitätsgebot und die Karriereanforderungen und was weiß ich nicht, was Mütter noch alles leisten sollen sind echt viel und da schenken sich die Mamas nichts. Muttersein als Wettkampf. Kann sich keiner vorstellen, der nicht mal live dabei war.
Und dann dieser Satz. Der knallt mal richtig rein so wie eine Backpfeife. Unser schnöder Alltag, das Gerenne und Getue – das ist der Alltag unserer Kinder??? Der wichtigsten Wesen auf dem Planeten??? Oh nein. Da muss ich aber schleunigst was ändern, damit die Kinder es besser haben.
So was in der Art habe ich sofort gespürt, als ich den Satz gelesen habe. Manche meinen ja, sie finden die Satz sehr positiv und auch bestärkend. Das freut mich.
Ich finde ihn mehr als sinnentleert, je mehr ich darüber nachdenke. Und ich habe mich schnell von dem Druck verabschiedet, meinen Alltag kinderfreundlicher und erinnerungswürdiger zu gestalten. Nicht, dass ich meinen Kindern 24/7 das Bullerbüfeeling bieten würde mit Freispiel im Wald, duftenden Keksen, Freundesbesuch und Gartenleben und damit schon so perfekt wäre, dass mein Alltag den Kindern schon alles bietet, was sie brauchen um super gut aufzuwachsen. Nein, das mit Sicherheit nicht.
Aber: Mein Alltag heute hat nichts mit dem Alltag zu tun, den ich, Lamasus leben würde bzw. gelebt habe als ich kinderlos war. Die Wahrheit ist: Mein Leben ist komplett auf meine Kinder ausgerichtet. Meine beruflichen Ambitionen sind verschüttet, meine Pläne für Freizeitgestaltung, Sport, Reisen, Paarbeziehung und soziales Leben sind zu 100 Prozent den Bedürfnissen meiner Kinder untergeordnet. Auch mit den bösesten Absichten würde man es nicht hinbekommen, mich selbstsüchtig zu schimpfen. Geht einfach nicht. Ich stehe meinen Kindern jederzeit zur Verfügung, bin da und kümmere mich um alles, was anfällt. Ich sorge mich um ihr Glück, ihre Gesundheit, ihre Förderung, ihre Bewegung, ihre Freunde, ihre Ernährung und ihre Bildung. Mein Alltag sind meine Kinder und eben alles, was damit zu tun hat. Wenn ich mit ihnen in den Lidl fahre, dann tue ich es, um für uns alle (aber natürlich auch für sie) einzukaufen, um uns zu ernähren. Das ist eine Alltagserledigung, die in ihrer Kindheit stattfindet. Wenn ich mit ihnen in die Stadt fahre, tue ich es, damit sie lernen, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, damit sie unsere Geschichte kennenlernen und um ihnen neue Kleidung zu kaufen. Das ist nicht immer glamourös, aber es ist dem Ziel geschuldet, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Das macht auch mir nicht immer Spaß, aber ohne geht es nunmal nicht.
Unser Alltag und unsere besonderen Zeiten in Tag, Woche und Jahr sind die Kindheit meiner Kinder. Dazu gehören Ausflüge in den Wald, ins Freibad, zu Freunden, in den Urlaub, Picknicks, Kino- und Ausstellungsbesuche, Musik- und Sportunterricht, gemeinsames Kochen und Backen und intensive Familienzeit. Dazu gehört routiniertes Handeln und ständig gleiche Abläufe, wie Die Hol- und Bringsituation in der Kita, regelmäßige Erledigungen, das abendliche Zubettgehen. Dazu gehören leider auch Krankheit und Sorgen, Rückschläge und Streit, Überforderung und Unverständnis.
Und vor allem die Mutter (und der Vater) , die trotz der Verfügbarkeit ein kleines Inselchen „Ich“ retten will und daher manchmal auch „nein“ sagen muss. Weil sie  kein zweites und kein drittes Glas Saft eingeschenkt oder einen zweiter Nachtschlag verteilt , bevor sie (gerade Brei fütternd und für morgen kochend) selbst einen Bissen verzehrt hat. Weil jetzt keine Geschichte vorgelesen wird, weil sie gerade Beckenbodenübungen machen will und muss und das Kind bis vor 30 Sekunden zufrieden gespielt hat. Weil es jetzt keine Teilchen vom Bäcker gibt, da zuhause noch was Selbstgebackenes im Brotkasten liegt und wir als fünfköpfige Familie durchaus darauf achten, wofür wir unser Geld ausgeben. Sowas eben. Das hat mit Empathie zu tun, die ich meinen Kindern vermitteln will. Mit praktischem Lebenswissen. Und meine Kinder sollen spüren dürfen, dass ihre Eltern auch nur Menschen sind und keine gestressten Animateure.

„Ich kann gerade nicht vier Kinder füttern, Mäuschen“ – Mit Lamasus beim Vorgespräch zum Kinderschwimmkurs

Seit dem Jahreswechsel ist Minilama auf der Überholspur unterwegs. Erst fing es um Weihnachten rum mit dem autonomen Sauberwerden an und ist seither tagsüber sicher trocken. Kurz darauf wollte es ein Fahrrad haben. Erst wollte ich bremsen, weil es erst kurz zuvor ein Laufrad bekommen hatte und wenig Interesse am Streckenfahren, sodass ich nicht den Eindruck hatte, das Fahrrad sei dran. Als Minilama aber nach zwei Wochen noch immer diesen Wunsch hegte, dachte ich, es sei doch dauerhafter als erst angenommen. Ich suchte ein preiswertes gebrauchter 12 Zoll Rad, holte es ab und wir gingen auf eine Freifläche zum Üben. Keine 10 Minuten später fuhr Minilama ohne Hilfe und ohne Stützräder Rad. Einfach so.
Und daher war mir klar, dass jetzt das Schwimmenlernen  an der Reihe ist. Als ich vor einigen Jahren einen Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge machte, sagte die Referentin, dass man sobald das Kind Rad fährt übers Schwimmen nachdenken solle, denn dann seien die Kinder motorisch in der Lage dazu.
Minilama ist ans Wasser gewöhnt, geht jede Woche mit mir ins Schwimmbad. Es kennt keine Schwimmärmchen, sondern paddelt mit der Aquanudel durchs Wasser, springt vom Beckenrand und kann den Kopf unter Wasser tauchen. Es kann sich im Schwimmbad angemessen bewegen, weiß, wie man sich dort verhält, dass man sich duscht vorm Schwimmen beispielsweise und dass man nachher Haare föhnt. Der Ort ist ihm vertraut, das ganze Drumherum ebenfalls.
Ich habe nach längerem Suchen einen Schwimmkurs gefunden, der mir zusagt und Minilama dort angemeldet. Eigentlich ist es ab 4 Jahren – aber meine Schilderung gepaart mit der Bereitschaft einen 2. und 3. Kurs zu machen, wenn nötig, haben es uns ermöglicht, jetzt einzusteigen. Ich erwarte nicht, dass Minilama nach den 12 Wochen das Seepferdchen macht. Ich möchte aber, dass das Schwimmen in der Gruppe ebenso wie das Turnen in der Halle für es ein normaler Bestandteil des Alltages ist. Von Anfang an. Ich selbst liebe das Wasser, könnte täglich schwimmen und im Wasser joggen. (Habe ich vor den Kindern auch getan, jetzt nehme ich, was möglich ist, im Moment 2 mal in der Woche.) Auch Minilama fühlt sich wohl, will schwimmen – weiß aber bisher nicht, was das genau sein soll, natürlich.
Ich freue mich auf den Kurs, auf Mama-Minilama-Zeit, aufs Beobachten der Fortschritte, aufs Kennenlernen der Kursinhalte.
Gestern abend war das Vorgespräch, erfreulicherweise schön unaufgeregt und routiniert von Seiten der Kursleiterin. Das mag ich. Also, wenn jemand weiß, was er tut, schon oft den Kurs gemacht hat und Ruhe und Erfahrung ausstrahlt. Minilama meinte auch hinterher: „Hier kann ich schwimmen lernen.“ Ein gutes Votum also.
Vor Ort natürlich die üblichen Mamis und Omis. Für ein Kind kamen beide Eltern, ein Kind kam mit den Großeltern, die den Kurs mit dem Kind machen wollen. Wir waren in  Mini-Vollbesetzung da. Weil alles andere für die 30 Minuten zu viel Aufwand gewesen wäre und Urlaub vom Papa erfordert hätte. Hätte er gemacht, aber ich nehme das nur an, wenn es absolut nötig ist. Bei einer Babyimpfung z.B. Da macht es Sinn, hier nicht.
Die meisten waren ohne Kinder gekommen, ich eben mit dreien. Es wurden haufenweise Fragen gestellt, deren Sinnhaftigkeit teilweise fraglich ist. Andere waren interessant, von daher war alles soweit ok. Da das Treffen in der Nähe der Babyabendessenszeit hineinragte hatte ich Milch, Brot, Obst und Gurke und Lätzchen nebst Kühlakku dabei. Alles war vorbereitet geschnitten und verzehrfertig. Für Minilama hatte ich was zu trinken und Knusperbrot dabei. Da es warm war wollten wir noch ein Stieleis kaufen. Der örtliche Aldi hat aber nur Mehrstückpackungen, sodass wir auf Muffins zurückgriffen. Unterwegs haben meine Kleinen oft extra großen Hunger und viel Durst. Und da nicht absehbar war, wie lange das alles dauert, war ich auf die maximale Zeit von 1 Stunde eingestellt und vorbereitet.
Auch wenn ich mittlerweile Routine haben sollte, bin ich nach wie vor gestresst von dem Vor- und Nachbereitungsaufwand, den solche Treffen mit sich bringen. Heute musste ich beispielsweise in Minilamas neuer Kitagruppe zum Gespräch. Vorgestern war ich mit den Babies bei einem Facharzt. Solche Termine bringen mich immer ein bisschen aus dem Rhythmus und liegen mir ein wenig im Magen. War aber auch viel diese Woche, muss ich zu meiner Ehrenrettung sagen. Ich denke, anderen fällt das nicht auf, dass ich gestresst bin und angespannt, denn ich habe wohl ein gutes „Pokerface“, aber in mir drinnen ist es dann oft sehr chaotisch. Ich falle nach wie vor ungern auf – nur durch gute Leistung natürlich. Aber ungern durch Chaos, Gebrüll von Kindern, Überforderung und Steckenbleiben in der zu schmalen Tür.
Vor dem Gespräch holte ich Minilama in der Kita ab. Nachmittags meistens mit dem Board, morgens geht es die 1,7 Kilometer sicher zu Fuß. Abends weiß man es oft nicht recht einzuschätzen und dann ist es für alle quälend. Gehen trotz Board ist leider keine Option. Ist das Board da, wird es genutzt.
Es waren knapp 30 Grad draußen. Baby 2 biss Baby 1 lachend aber feste in den Arm. Ich konnte später 4 Bissspuren sicher ausmachen. Gebrüll, Geschrei, ständiges Anhalten, der Versuch den Kindern mit Gurkenstückchen die Zeit zu vertreiben. Die Wegstrecke war also beschwerlich.
Als wir an dem Treffpunkt ankamen fanden wir einen guten Platz, an dem auch der Kinderwagen sein konnte. Minilama hatte richtig Durst wegen der Hitze und die Babies sahen die Flasche. Das ist bei uns der Vorbote für schlimmes Gebrüll. Wenn die Babies was zu trinken sehen, wollen sie auch was und zwar sofort. Und wehe, der Geschwister hat 10 Sekunden eher was. Ich kramte also zwischen meiner Handtasche, Minilamas Kitarucksack, Minilamas Westen und Jacken, der Muffinverpackung und dem Essensbeutel mit dem Kühlakku herum, um die Flaschen und die Dose mit dem Knusperbrot für Minilama hervorzubefördern. Dann fing der Essensreigen an. Kind 1 will dies, Minilama das, Kind 2 jenes.
Parallel dazu kam ein anderes Kind zu uns gelaufen, das mit seines Mama ebenfalls zum Vorgespräch gekommen war. Es machte allein mehr auf sich aufmerksam als unsere drei zusammen – und das obgleich der Milchurschrei ausgestoßen wurde. Das Mädchen hatte vor der Tür Laugenstange gefuttert und Saft aus der Nuckelflache getrunken und ich bin nach wie vor unsicher, ob dieses Kind auch das Kind ist, dass ab sofort schwimmen lernen soll oder eben die kleine Schwester des Schwimmkurskindes. In jedem Fall war seine Mama richtig genervt vom Kind und ließ es daher frei im Raum umherflitzen. Als es das Speiseparadies sah, das ich aus dem Korb des Kinderwagens beförderte, war es natürlich interessiert. Meine Kinder essen auch am liebsten das, was die anderen haben. Das kenne ich. Die Kleine kam zu uns und war sehr interessiert. Allerdings nicht so wie sonst die meisten Kinder an den Zwillingen, sondern an der Brotdose mit dem Babyessen, die ich in der Hand hielt. Es quetschte sich an Minilama vorbei, das neben mir auf einem Stuhl saß und futterte und griff in die Brotdose. Wortlos. Ich sah mich nach der Mutter um, die jedoch in eine andere Richtung schaute. Ich konnte also keinen Blickkontakt aufbauen, um zu erfahren, ob ich dem Kind überhaupt was geben darf. Ich zumindest will nicht, dass meine Kinder ohne Rücksprache mit mir Essen oder Getränke von Fremden annehmen. In meinem Umfeld ist das auch allgemein üblich, dass man kurz die anderen Mamas fragt: “ Kann ich ihm/ihr einen Keks geben? Ist das ok?“ Ich bat das Kind also zu warten (was natürlich nicht so leicht war, da die Händchen schon gierig in der Brotdose herumkramten und fragte dann in den Raum (parallel zum Vortrag der Schwimmlehrerin): „Darf sie ein Stück Nektarine haben?“ Das schien das Interessanteste aus der Dose zu sein. Die Mutter war davon genervt, anders kann ich es nicht sagen und machte mir deutlich, dass ich dem Kind geben könne was immer ich bzw. das Kind wollte. Ich gab also das Stück Obst, das Kind ging zur Mama zurück nicht ohne an Minilamas Arm zu reißen und Nektarine, die es dann doch nicht mehr so richtig wollte, an Minilamas Shirt abzuwischen. Minilama beschwerte sich. Zu Recht meiner Meinung nach. Zum Glück nur eine Episode und kein Geweine von Seiten Minilamas. Ich füttere meine Babies weiter, Minilama bedient sich ja schon selbst. Und hörte zu, versicherte der Kursleiterin, dass die Babies nicht beim eigentlichen Kurs dabei sein würden, sondern zuhause betreut würden. Das wäre ja auch sonst richtige Kinderquälerei und zum Glück passt der Kurs und der wöchentliche Besuch meiner Mutter überein. Alles super.
Das Mädchen auf weiteren Erkundungstouren kommt nun an den Kinderwagen und beginnt darin herumzuwühlen. Will ausräumen, ich denke es sucht noch nach was zu essen. Die Mutter ist wieder nicht in unmittelbarer Nähe, sondern sitzt 2 Reihen hinter uns auf dem Platz. Ich denke schnell nach. Kern meiner Überlegungen ist: Ich finde das Verhalten unverschämt. Natürlich mache ich Abstriche, weil es ja ein kleines Kind ist. Aber dennoch: Das müssen dann die Eltern unterbinden. Und wenn sie das nicht machen, finde ich das nicht nur unverschämt, sondern ich zweifele auch an deren Aufmerksamkeit fürs Kind (über die Erziehungsziele kann ich nichts sagen.) An fremde Sachen kann man nicht gehen. Das muss ein Kind lernen. Man kann natürlich fragen, ob man noch was haben kann und in den allermeisten Fällen hört man dann auch kein „nein“. Aber im Grunde isst und trinkt man das, was die Mama (oder der Papa) dabei haben. Als ich meine Mutter dazu befragte, sagte ich was Ähnliches. Wenn sie gesteigertes Interesse an fremdem Essen beobachten würde, würde sie dem Kind eigenes anbieten (da es offensichtlich Lust hat) und dahinter sein, dass das Kind nicht ausbüxt. Zumal, so meine Mutter, sie ungern Mamas, die schon mit ihren eigenen vielen Kindern beschäftigt sind, belästigt hätte.
Ich merkte zumindest in mir gesteigerten Stress und fühlte mich unwohl. Das kann ich sagen. Denn ich wollte definitiv kein anderes Kind durchfüttern, zumal wenn es sich einfach bedient und dabei noch mein Zeugs durchwühlt und an Minilama herumtatscht. Grenzüberschreitung auf voller Linie. Und die Mutter? Nicht in direkter Nähe. Ok im gleichen Raum, aber nicht da, wo sie meiner Ansicht nach hingehört. 2 Schritt hinter dem Kind, in direkter Sprechentfernung. Grade wenn man „nur“ eins dabei hat und es aus dem Buggy raus lässt. Ich mag spießig sein und da kann auch mein Einzelkindwesen durchgekommen sein. Also dieses „ich will nicht teilen“. Bei aller Selbstkritik an mir, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es noch 30 Minuten so weiter gehen sollte. Dass ich mich um ein unbekanntes Kind kümmern muss, dass ich ihm Essen geben oder vorenthalten muss, dass ich es bitten soll, Minilama und ev. die Zwillinge nicht anzufassen (mögen meine drei nicht), nichts an ihnen abzuputzen. Dass ich mich an den Händchen des Kindes vorbeidrücken muss, um meinen Kindern was zu essen zu geben. Das ist Erzieherisch, das steht mir bei fremden Kindern nicht zu. Und ich habe schon die Aufgabe aus meinen drei Kindern wohlerzogene und selbst denkende Kinder zu machen. Reicht für den Moment.
Ich wägte also meine Worte gut ab, denn ich möchte nichts sagen, dessen Inhalt sowas in der Art ist wie: „Man fragt erst, bevor man sich was nimmt.“ oder auch, wenngleich pädagogisch völlig korrekt „Ich möchte nicht, dass du im Kinderwagen herumräumst.“ oder „Geh zu deiner Mama, die hat sicher was zu essen für dich.“ Steht mir nicht zu. Aber irgendwas wollte ich schon sagen, denn ich wollte unter keinen Umständen das Ganze einfach so hinnehmen. Noch was aus der Dose, die auf dem Tisch steht, eventuell. Im Kinderwagen herumwühlen, absolut nicht. Dürfen übrigens meine Kinder auch nicht, zumindest nicht unterwegs. Ich bin wohl eine strenge Mama. Zumindest eine, die ihren Kram zusammenhalten will…
Ich wende mich also dem Kind zu und sage:“ Mäuschen, es tut mir leid, aber ich kann gerade nicht vier Kinder füttern.“ Es stimmt, das trifft nicht ganz den Kern dessen, was ich meine – aber wie hätte ich es denn sonst sagen sollen, ohne Kritik zu üben an der Abwesenheit der Mama?
Das Kind sieht sich irritiert um, die Mutter kommt langsam zu uns. Ich wiederhole mein Sätzchen leise, bewusst auch mit der devoten Entschuldigung, die Deeskalation bringen soll. Die Mutter hingegen ist total pikiert und blafft mich an: „Müssen Sie auch nicht.“ Recht hat sie zwar, sehe ich ja auch so. Aber irgendwie bin ich mit einem echt doofen Gefühl im Bauch aus der Sitzung heimgegangen. Und hoffe, die sehen wir nicht so bald nochmal wieder.
Ich als diese Mutter hätte mich entschuldigt, definitiv nicht geblafft. Hätte mich schon beim ersten Mal, als es Nektarine gab „danke“ gesagt und mein Kind ebenfalls zum „danke“ sagen angehalten. Und dann meinem Kind erklärt, dass das Essen für die Babies ist, die da im Kinderwagen sitzen. Und eigenes Essen angeboten. Wenn Interesse an den anderen Kindern dagewesen wäre (was ich allerdings nicht gesehen habe), wäre ich nach der Sitzung mal zum „Hallo“ sagen gekommen.
Ich lebe wohl auf der Insel der Seligen – in meinem direkten Umfeld hätte es sowas nicht gegeben. Andere Mamas, die ich kenne und deren Kinder dort auch schwimmen gehen sollen haben mich später angesprochen auf die Situation. Deren Einschätzung hat mich ein bisschen beruhigt, dass ich nicht ganz falsch gehandelt habe… Dennoch: Ideal ist es nicht gelaufen und das finde ich schade.

Unerzogen oder ungezogen? – Warum erziehe ich mein Kind eigentlich?

In meiner Internetblase ist gerade auffällig oft die Rede von „unerzogenen“ Kindern. Nach Familienbett, Dauerstillen, veganer Ernährung fürs Kind und attachment parenting scheint das ein neuer Trend in den Reihen der intellektuellen und reflektierten Eltern zu sein. Und ich muss sagen, so langsam aber sicher komme ich an den Punkt, wo ich das Ganze nicht mehr lesen kann. Meinen Blogkonsum habe ich in den letzten Monaten eklatant eingeschränkt, lese bei vielen gar nicht mehr mit, merke auch, dass ich immer weniger Freude daran habe. Entweder alles ist voller sponsored posts und versteckter Werbung oder die Ansichten sind für mein einfaches Gemüt derart krude, dass ich regelrecht hohen Blutdruck kriege, wenn ich es mir durchlese oder bei instagram durchgucke.
Schon als ich mit Minilama schwanger war, fand ich das Familienbett gedanklich gewöhnungsbedürftig. Nicht, dass ich mein Baby in seinem Zimmer schlafen lassen wollte. Aber nach der Lektüre allgemeiner Empfehlungen wurde mir durchaus deutlich, dass es Sinn macht, das Baby im Schlafsack in seiner eigenen (nicht mit Nestchen und Schmusetier bestückten) Wiege an meiner Seite schlafen zu lassen. Und die konkrete Erfahrung mit meinem ersten Kind Minilama, das eine sehr lange Zeit lang große Schlafprobleme hatte, die uns alle über die Grenzen des Machbaren und auch in die soziale Isolation manövriert haben, zeigte es mir noch einmal: Für uns ist das nichts.
Eine reflektierte Meinung zum Dauerstillen konnte ich mir ja nie bilden, da mir diese Erfahrung verwehrt geblieben ist. Ich weiß also nicht, ob ich irgendwann freudig meine Freiheit wieder zurückerobert hätte und einige Stunden in die Stadt hätte gehen wollen oder ob ich es  gut ausgehalten hätte dauerhaft und immer fürs Kind verfügbar sein zu müssen und meinen Busen egal wo ich bin zu entblößen. Ich habe zwar Phantasien dazu, aber der Wirklichkeitscheck steht aus, insofern kann ich dazu nichts Sinnvolles beitragen. Veganismus, Homöopathie und das Impfthema sind ja derart heiße Eisen und neuzeitliche Dogmen, um deren reine Umsetzung die Jünger erbittert streiten. Das ist mir alles zu fanatisch, muss ich sagen. Ich habe dazu meine klare Meinung, die sich dankenswerterweise mit der meines Mannes deckt, sodass wir als Familie keine Probleme haben, unseren Kindern Fleisch und tierische Produkte zu geben, sie von jeder Art von Kügelchen oder sonstigen Tinkturen fernzuhalten (Ausnahme: Traubenzuckerbonbons) und sie zu ihren von der Stäko empfohlenen Schutzimpfungen zu begleiten. Jeder wie er mag.
Und jetzt eben das Thema „unerzogen“. So recht durchdringe ich das Konzept nicht. Ich habe den Eindruck es ist sowas wie die antiautoritäre Erziehung der 60er/70er. Sowas wie laisser-faire vielleicht. Eben, dass man keine erzieherische Intervention macht, sondern das Kind ausprobieren lässt. Sicherlich bin zu einem gewissen Punkt nur, denke ich mir. Gefährliche Situationen wie an der Straße, wenn Verkehr ist, wird man wohl doch moderieren wollen.
Mein ältestes Kind sind jetzt seit vielen Monaten in der Trotzphase. Ich denke, wir sind gerade am Höhepunkt angekommen. Hoffe ich.
Es ist anstrengend. Was insbesondere daran liegt, dass ich mich nur so selten zu 100 Prozent auf dieses Kind und seine unartikulierten Bedürfnisse einstellen kann. Da sind noch die anderen beiden Kinder, der Haushalt, Termine, Erledigungen, der Tagesablauf, der eingehalten werden will und auch meine Bedürfnisse, die sich phasenweise kaum und dann wieder unerwartet vehement melden und es mir schwer machen, so ganz für den anderen da zu sein. Ich dachte immer, Mütter seien selbstvergessener und ruhiger, aber zumindest ich bin noch immer ich und das macht es nicht grade einfach.
Ein Kind in der Trotzphase bräuchte einen Inkubator, in dem es nahezu störungsfrei sein kann. Denke ich mir manchmal. Aber das gelingt nur so selten. Der Alltag läuft ja weiter und sein Umfeld ist eben nicht nur Verständnis und Nachgiebigkeit. Kann es nicht sein, da so vieles zusammenspielen und ineinandergreifen muss, damit unser Zusammenleben gelingen kann.
Vor einiger Zeit wurde Alphalama und mir klar, dass es längst Zeit ist, erzieherische Interventionen zu setzen bzw. dass wir die auch schon länger tun oder miteinander ein konkretes Konzept, konkrete Abläufe vereinbart zu haben. Wir sind schon mitten drin im Erziehen, im Grenzen setzen, darin sozialkonformes Verhalten einzuüben und einzufordern und Selbstständigkeit (oft gegen den Widerstand des Kindes) zu ermöglichen.
Spätestens seit ich schwanger war, musste Minilama selbst die Treppen gehen beispielsweise, da ich es nicht heben durfte. Spätestens seit die Babies auf der Welt sind, soll Minilama seine Schuhe selbst an- und ausziehen und danach ins Schuhregal stellen. Es soll auf der Straße rechts und links schauen und uns Eltern nicht weglaufen, wenn wir unterwegs sind. Außerdem soll es keine Blumen in fremden Vorgärten pflücken, nicht mit Fremden mitgehen oder von ihnen Essen annehmen, keine Essensreste vom Boden auflesen und verzehren und nichts in den Mund nehmen. Das ist eine Auswahl der Erziehungs- und Entwicklungsziele (bunt gemischt, wie ich grade merke), die wir aktuell ans Kind herantragen. Ich würde nicht sagen, dass wir strenge Eltern sind. Guten Tag sagen oder Hand geben würde ich nicht einfordern vom Kind, beispielsweise. Auch was das Händewaschen angeht, bin ich ziemlich lax und auch was das Essen am Tisch angeht.
Minilama hat einiges an Spielraum, besonders, wenn es im Großen und Ganzen lieb ist. Will heißen, wenn es nicht herumbrüllt, (gerade Alphalama hat Schwierigkeiten mit dem hohen Geräuschpegel) nicht im Laden auf den Boden fällt und nach etwas Abwegigem verlangt und wenn es die Geschwister nicht quält und mir nicht davonläuft. Dann bin ich sehr geneigt, dem Kind viel Gutes zukommen zu lassen wie Eis oder ein neues Buch, Vorlesezeit, einen spontanen Ausflug zum Spielplatz oder 10 Minuten länger abends Buch gucken, Basteln mit neuen Sachen, die Vorbereitungszeit brauchen.
Wenn Minilama aber das Dorf beschallt, weil es etwas nicht bekommt, das es ohnehin nie gibt (wie Quetschobst, Milchschnitte oder sonstige Verwirrungen der Menschheit), die Zwillinge tritt und vor ein Auto läuft, greife ich durch. Schimpfe, erkläre, verweigere das Nachmittagseis oder die 10 Minuten länger im Buch blättern und mache klar, dass z.B. Wasserfarben malen unter den Umständen einfach unmöglich ist. Ist kann ja nicht verantworten, dass die Zwillinge zu Schaden kommen während ich die Sachen zusammentrage, die dazu nötig sind oder dass Minilama sich was aus Quatsch in den Mund steckt und dann gar verschluckt, wenn ich gerade nicht aufmerksam bin.
Das muss Minilama einsehen. Und das tut es meistens aus, wenn auch erst vorm Einschlafen, wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben.
Dass Minilama heute selbst die Treppen hoch- und runtergeht und nicht ständig verlangt getragen zu werden ist ein Erfolg, der knapp ein halbes Jahr harte Arbeit brauchte. Dass es sich selbst die Schuhe anzieht und die Schläppchen wegräumt, dass es fragt, welche Jacke es braucht und welche Mütze, dass es sich erkundigt, was wir mitnehmen müssen – das hat noch länger gedauert und ist noch immer nicht fest etabliert. Dass es morgens mit mir bis zur Kita geht (1,7 Kilometer) ist die neuste Errungenschaft, die mich viele, viele Nerven gekostet hat. Minilama kann nämlich deutlich mehr als es will.
Andere Dinge, beispielsweise die Pflege, sind tagesformabhängig. Mal geht es mit dem Zähneputzen lassen, dann wieder nicht. Duschen und Haarewaschen gehen eigentlich nicht, Nägelschneiden geht grundsätzlich nicht. Kämmen geht selten.
Würde ich Minilama einfach lassen, da bin ich sicher, brächte ich es barfuß auf dem Arm in die Kita, trüge ich es die ganze Zeit umher. Äße es nur Süßigkeiten, trüge es nie eine Jacke, nähme es noch immer alles und jedes in den Mund, wäre Struwelpeter gegen es ein Vorbild an Gepflegtsein. (In der Kita hingegen würde es alles mitmachen und können)
Ich hingegen wäre deutlich entspannter, es gäbe auch keine Konflikte zuhause. Wahrscheinlich wäre ich immer die geliebte Supermom. Und dennoch mache ich mir die Arbeit, das Kind zu erziehen, ihm Grenzen zu ziehen und setze mich  seinen Reaktionen aus. Weil ich denke, dass genau das meine Aufgabe als Mutter ist. Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, was zentral und was marginal ist. Welches Verhalten wir sanktionieren und was nicht.
Minilama testet seine Grenzen aus, will wissen wie weit es gehen kann. Es arbeitet sich ab an mir. Und ich glaube, seine Erzieherinnen haben recht, wenn sie sagen, dass Kinder Grenzen brauchen, um sich zu orientieren und dass Grenzenlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Verlorenheit bedeutet.