Verschwiegene Schattenseiten der Elternschaft: Schlafprobleme und Schreibaby

Mit etwas Abstand sehe ich die Babyzeit von Minilama deutlich klarer und begreife auch besser, warum wir als Eltern so außerordentlich oft grenzwertig belastet waren – und das obwohl wir beide junge, geduldige und agile Menschen sind und nur ein Kind hatten. Ich begreife auch besser, warum ich oft so traurig und enttäuscht war, warum ich es nicht ertragen konnte, andere Mütter mit ihren gut schlafenden, gut gelaunten, innig schmusenden Babies zu sehen, warum ich so dermaßen frustriert war, dass Minilama keinerlei Anstalten machte, irgendwie mobil zu werden.

Schon die Geburt meines ersten Kindes war für mich eine traumatische Erfahrung. Ich will das noch heute kleinreden, denn eigentlich war es keine schlimme Geburt. Ich kenne Frauen, die was ganz anders mitmachen mussten. Daher gestehe ich mir nach wie vor nicht gern zu, dass auch ich viel mitgemacht habe. Einfach weil das Ganze objektiv nichts war. Es war ein Blasensprung, ein Kristellergriff, Geburtsverletzungen, auch am Zervix, eine starke atone Blutung, die durch Nähen gestillt wurde und die einige Stunden später auf der Station noch einmal nachblutete. Zudem hatte ich Stillprobleme und wurde mit Milchpumpe aus der Klinik entlassen. Trotz viel Unterstützung durch meine Hebamme konnte der Milchfluss nicht in Gang gebracht werden, daher musste ich den Versuch beenden. Soweit so normal. Dennoch hat mich das arg mitgenommen und geschwächt. Und in meinem Selbstbild angegriffen. Nach wie vor rechtfertige ich mich dafür. Nach wie vor schäme ich mich, dass mein Kind keine Muttermilch bekommen hat.

Hinzu kam dann leider, dass Minilama häufig Phasen hatte, in denen es so gesehen ein Schreikind war, arge Schlafprobleme hatte und teilweise bis heute noch hat. Leider – und das sage ich direkt – haben wir Eltern keine richtige Hilfe finden können mit diesen Dingen. Mein alter Kinderarzt hat uns (also mich und Alphalama, der extra frei hatte nebst Baby) wieder heimgeschickt und gebeten ein Schlafprotokoll auszufüllen und in 6 Wochen wiederzukommen. Da waren wir mit 9 Monate altem Baby aber schon jenseits von Gut und Böse, völlig übernächtigt, vom Gebrüll zermürbt und wirklich an der Grenze des Leistbaren (und das mit einem Kind). Ich kam mir derart nicht wahrgenommen vor, dass ich den Arzt wechselte.

Aber von Anfang an: Das neugeborene Minilama war  im Krankenhaus durch die Geburt völlig gestresst und schrie durch die Nacht. Alphalama trug den kleinen Wurm flurauf und flurab im Tragetuch, bestellte noch in dieser Nacht sein eigenes im Internet. Die beiden entwickelten eine innige Tragebeziehung.
Zuhause wechselten Phasen am Tag, in denen das Kind zufrieden trank, strampelte und schlief und Phasen, in denen es untröstlich schrie. Am Anfang „half“ das Pucken noch um zur Ruhe zu finden, aber irgendwann befreite sich das Baby aus dem Pucktuch, so sehr ging es dagegen an. Da wir nicht überzeugt vom Pucken sind, ließen wir es dann auch sein. Die Zwillinge wurden nicht gepuckt. Auch andere Tipps wie warme Füßchen, Lavendelduft, Schnuller – alles half entweder gar nicht, kurzzeitig oder wurde wie der Schnuller verweigert. Minilama wechselte zwischen Phasen, in denen es Nähe wollte und Phasen in denen es sich mit aller Kraft von uns wegdrückte. Das waren für mich als junge Mutter die schlimmsten Momente, zu begreifen: „Mein Kind weint, es will aber meine Nähe nicht.“ Das musste ich erst mal verkraften. Natürlich kann ich all das rationalisieren und auch entwicklungspsychologisch deuten, dennoch tut es einfach weh erleben zu müssen, dass das Kind, zumindest phasenweise, überwiegend weint, Nähe manchmal regelrecht hysterisch ablehnt, sich wegdrückt und dann in der Öffentlichkeit ein lieber Goldschatz ist, der gluckst und von Fremden als „freundlich“ wahrgenommen wird, ja teils sogar auf dem Arm anderer Menschen total zufrieden wirkt. Das tut einfach nur weh und das kann man nicht schön reden.

Alphalama erlebte das meistens abends zwischen 5 und halb 7, wenn ich schwimmen war. Ich hinterließ ein zufriedenes Baby und wenn ich wieder kam hörte ich schon auf der Straße, wie das Kind sich die Seele aus dem Leib schrie, während Alphalama es trug, fütterte, wickelte, schmuste, gut auf es einredete. Irgendwann nahm er Ohrenstöpsel, dann seine Kopfhörer. Er bekam nach einigen Monaten einen Tinnitus.
Zunächst hatten wir im Umfeld kein Verständnis erfahren. Dass Kinder mal brüllen und man wenig schläft ist ja auch normal. Als Minilama einige Monate alt war, wollten wir Eltern einige Stunden in die Stadt, um etwas essen zu gehen. Alphalamas Eltern kamen zum Kinderhüten. Minilama war süß und lieb, freute sich, dass der Opa da war (den liebt sie heute noch über alle Maßen). Als wir wiederkamen fanden wir zwei fertige Großeltern vor, die eben eine Pizza bestellt hatten. Das Kind in der Wiege schluchzte alle paar Minuten auf und hatte sich in den Schlaf geweint. Es wachte bald nach der Heimfahrt der Babysitter brüllend auf – und das Abendschreien begann erneut. Nur dass wir Eltern unsere Kraft schon verbraucht hatten. Minilama war bei den Großeltern irgendwann untröstlich gewesen, hatte nur geweint, sich weggedrückt. Wie bei uns auch. Seitdem gab es diese Art Babysittertreffen nicht mehr abends. Wir haben dann darauf geachtet immer zeitig daheim zu sein, um die Situation dort in geregelte Bahnen lenken zu können.

Mit dem Umzug ins Haus erreichte alles einen neuen Höhepunkt. War  Minilama über Tag auf der Baustelle zufrieden, ging es abends auf dem Weg in die Wohnung richtig zur Sache. Der gesamte Stress des Ortswechsels entlud sich. Wenn ich abends im Laden ausstieg, um etwas zu essen zu besorgen, musste Alphalama im Auto bleiben, ich schlug so fix es ging die Tür wieder zu. Das Kind brüllte wie am Spieß, man konnte es draußen hören. Es war satt, frisch, wir versuchten, es abzulenken. Keine Chance.
Kurz nach dem eigentlichen Umzug wachte das Kind nachts regelmäßig gegen 1.30 Uhr auf und brüllte 2 Stunden lang. Nahezu auf die Minute. Nichts half, wir haben alles probiert. Sogar Schmerzzäpfchen halfen erst nach den 2 Stunden. Wir guckten irgendwann nachts Filme, die Töne lenkten Minilama etwas ab. Völlig pädagogisch falsch, das weiß ich auch, aber wir waren kurz davor durchzudrehen.
Trotz der beträchtlichen nächtlichen Wachzeiten wachte Minilama gegen 5 Uhr auf, wollte nicht mehr schlafen. Bald darauf verweigerte es auch den Mittagsschlaf. Im Bett hatte es ohnehin nie geklappt, geschlafen wurde nur im Wagen. Aber auch mein Versuch durchs Gehen das Kind in den Schlaf zu schaukeln brachte nichts. Wir Eltern waren wirklich am Ende. Alphalama muss 1 Stunde zur Arbeit fahren, schlief mehrmals fast auf dem Weg ein. Und ich kam bei morgendlichen Spaziergängen im winterlichen Frühmorgen (so gegen 5 Uhr meist das erste Mal, in der Hoffnung, dass das Kind wieder in den Schlaf findet) an den Häusern Bekannter vorbei, deren Kinder bis 8 Uhr und länger schliefen. Ich war traurig, wütend, enttäuscht. Medizinisch gab es keine Erklärung, alles abgeklärt. Minilama zahnte sehr schnell, vielleicht lag es daran.
Dennoch: Minilamas Gebiss ist schon länger vollständig und die nächtlichen Wachphasen waren auch danach noch eine Zeit lang Thema. Und ich habe jetzt den Vergleich. Das war nicht normal, ganz einfach. Und ich hätte mir so sehr gewünscht, dass der Arzt das anerkennt, uns Mut macht. Aber diese Bestätigung haben wir nicht bekommen. Leider.

Wenn Minilama im Buggy unterwegs einschlief (bis weit über den 2. Geburtstag) konnte man darauf wetten, dass es beim Aufwachen mindestens 1 Stunde lang untröstlich brüllt. Mir graute davor. Meine Mutter war mal dabei und konnte es nicht glauben. Sie stand schockiert daneben wie mein Kund wetterte und zeterte wie Rumpelstilzchen. Und wie es jeden Versuch nach Nähe einfach abwehrte. Jeden Versuch, es abzulenken, ins Leere laufen ließ. Wie es echt schlimm litt, aber wir nichts machen konnten.
Irgendwann hört das auf, Minilama redet wieder normal, es äußert Hunger oder Durst, es bekommt das Gewünschte. Und alles ist wie immer. Es redet, erzählt, spielt, lacht und ist froh. Man muss das Schreien aushalten. Wie schon in den Babyzeit auch. Helfen kann uns keiner. Es gibt keine Medizin, keinen Trick.

In der Kita hat es normal im Bett geschlafen, das war daheim mittags nie drin. Es hielt dort Mittagsschlaf von 12.30 bis 15 Uhr, manchmal länger. Es war eins der ersten Kinder, die schliefen.
Einmal, da waren die Babylamas schon auf der Welt, habe ich es wegen eines Arzttermins früher abgeholt. Es schlief noch, wurde geweckt. Da weinte es wie bei uns zuhause öfter, war untröstlich. Die Erzieherinnen kannten Minilama so gar nicht. Und ich schämte mich ohne es zu wollen. Und das aus einem Grund: dass mein Kind bei mir so ist, aber in der Umgebung der Kita niemals so reagieren muss. Auch das tut weh, sehr weh. Auch wenn ich weiß, dass Kinder in Kitas allgemein vieles machen und können, was daheim absolut unmöglich wäre.
Seit einiger Zeit haben wir den Mittagschlaf auch in der Kita aufgehört, da Minilama dann abends nicht ins Bett wollte. Bei uns war (und ist) es von 5 Uhr morgens bis 20 Uhr abends wach. Als es noch in der Kita schlief (teils bis 4 Uhr) war es manchmal bis nach 21 Uhr wach.
Da sage ich ehrlich: Das ist eine enorme Anstrengung für uns Eltern, daher haben wir auch so lange versucht, einen Mittagsschlaf zu „erzwingen“, einfach weil wir mal durchatmen mussten oder aufräumen, putzen, kochen. Bei den Babylamas sind wir was den Mittagsschlaf angeht, deutlich entspannter. Wenn sie im Wagen einschlafen, freut mich das, wenn nicht, gehe ich noch eine extra Runde, damit sie sich etwas ausruhen können. Vielleicht kommt die Entspannung daher, dass wir nicht mehr derart übermüdet sind.

Ich schaue mit offenem Mund auf Familien, in denen einer noch einem Hobby nachgeht, samstags Fußball spielt oder regelmäßig in einem Chor singt. Wo Kinder mitlaufen, abends um 7 Uhr im Bett eine CD hören und dann irgendwann einschlafen bis morgens um 8. Das klingt für uns wie Science-Fiction, zumindest wenn wir an unser erstgeborenes Kind denken.

Nach drei Jahren sind wir leider auch schneller an der Belastungsgrenze als zu Beginn. Zum Glück können wir Eltern uns bei der Einschlafbegleitung abwechseln. Einschlafbegleitung heißt bei Minilama, dass jemand bei ihm bleibt, es streichelt und mit ihm Buch liest und CD hört, bis es einschlafen ist. Heute fordert das früher so schmuseunwillige Kind seine Streicheleinheiten explizit ein, hält oft im Tun inne, um uns oder die Geschwister wortreich zu knuddeln.

Neulich wachte Minilama ein paar mal nachts wieder schreiend auf, war nicht ansprechbar, brüllte nur laut. Wir waren dann beide an seinem Bett, redeten beruhigend auf es ein, versuchten heraus zu finden, was wohl helfen könnte. Bei jedem nächtlichen Aufwachen dieser Art ist die Kommunikation schwierig und sobald das Kind wieder normal spricht ist der Spuk vorüber. Es ist kein direkter Nachtschreck, aber vielleicht eine Art davon. In jedem Fall ist es echt doof für uns alle, wir haben dabei oft richtig Angst, dass es das ganze Haus wach brüllt und damit die kurze Nachtruhe beendet ist. Zum Glück erinnerte sich Minilama morgens nicht mehr daran. Wir hatten Angst, dass die Schlafschwierigkeiten zurück kommen würden, aber seit einiger Zeit schläft es zum Glück ruhig durch und steht morgens grinsend neben unserem Bett.

Ich sage ehrlich: Solche extremen Schlafschwierigkeiten wie Minilama als Baby bis knapp 14 Monate hatte (die mit den nächtlichen zwei Schreistunden) zehren enorm an den Kräften. Und sie isolieren auch. Ich wollte zumindest nicht hören, wie gut andere Kinder schlafen, wie schön es für andere mit ihren pflegeleichten Kindern ist, wie wenig sich ihr Leben geändert hatte, seit das mitlaufenden Kind bei ihnen ist, das alles so einfach mitmacht, wollte uns auch nicht outen, wie es bei uns zuging. Alphalama hingegen suchte oft den Austausch mit anderen Eltern.
Spaziergänge mit anderen Mamas mit dem Kinderwagen waren für mich oft schwierig, da Minilama manchmal (meist wenn andere dabei waren)  auch im Wagen ziemlich schrie. Das erste Babyjahr war wirklich eine einsame und anstrengende Zeit, die ich mir nicht zurückwünsche und keinem anderen wünsche.

Auch wenn es besser wird (das hört man ja immer): Schreibaby mit Schlafproblemen ist eine echt schlimme Kombination. Man kann nicht viel anderes machen als aushalten, mit dem Kind zusammen durchhalten. Und zu akzeptieren, dass das Kind gerade nur schreien kann/will/muss.
Das ist lange nicht so schön wie das Dauerstillen und Dauertragen, das innige Verbundensein der Naturmutter mit ihrem kleinen, verschmusten Schatz, das ich mir als Mutter-Kind-Beziehung gewünscht hatte. Aber es ist eine Facette der Wirklichkeit, die wir in der Babyzeit von Minilama erlebt haben, die zu unserem Leben geworden ist und die wir treu begleitet haben so gut wir konnten.
Heute nach drei Jahren hat sich vieles zum Besseren gewandelt. Minilama schläft seit es 14 Monate alt ist, weitgehend durch. Auf den Mittagsschlaf haben wir an den Wochenenden seit seinem 2. Lebensjahr immer weniger Wert gelegt, sondern versucht Phasen zum Ausruhen zu bieten, um so das irritierte Wachwerden mit Weinen zu verhindern. Die nächtlichen Weinattacken sind mit zunehmender Zahnzahl deutlich zurückgegangen, kommen aber an Tagen, die Minilama emotional aufgewühlt haben, durchaus nochmal vor und sind daher ein guter Indikator dafür, dass Minilama mehr Zuwendung braucht, weil es mit einem Thema besonders beschäftigt ist.

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