„Haben Sie ein Auto?“ – Lamasus und das Automobil

Vor einiger Zeit, mitten im Gespräch über den Wohnturm fragte mich jemand „Haben Sie ein Auto?“ Das kam nicht überraschend, da wir keine Garage oder Stellplatz direkt vorm Haus haben und mitten in der Stadt wohnen. Zudem kennt mein Gesprächspartner mich nicht als berufstätige Frau, sondern lediglich die Facette der Herdenmama.
Und? Hat Lamasus ein Auto? Und die drei kleinen Lamas in Allgemeinen? Mein Gesprächspartner hielt es für wahrscheinlicher, dass ein „nein“ kommt denn ein ja.
Und es ist auch wahrscheinlicher, dass zumindest ich (Alphalama lassen wir erst mal aus dem Spiel, sonst wird es zu verworren) kein Auto besitze und ebenso auch keine Fahrerlaubnis habe.
Warum? Wer dem Blog folgt, wird bemerkt haben, dass ich eine durch und durch Öko-Haltung vertrete. Das ist weder ein Modetick von mir noch eine mir genuin selbst eingefallene Haltung. Das liegt am Umfeld, in dem ich groß geworden bin. Als Jugendliche war ich viel mit Ökos zusammen und habe daraus eben auch Schlüsse für mein Leben gezogen, was die Berufswahl und auch die Haltung angeht.
Fakt ist, dass ich mit 17 explizit keine Fahrschule besuchen wollte. Zum einen, weil ich vorhatte nach dem Abi die ländliche Gegend, in der ich aufgewachsen bin, rasch in Richtung Stadt zu verlassen (2 Tage waren es, um genau zu sein zwischen Abifeier und Flug ins Ausland), zum anderen, weil ich ein bisschen Angst hatte, das mit dem Fahren nicht hinzubekommen.
Meine Mutter jedoch ließ absolut nicht mit sich diskutieren (zum Glück, sage ich heute. Einer meiner Professoren hat mit 50 den Führerschein nachgemacht – und es war kein Zuckerschlecken), sie bezahlte mir den Führerschein und fuhr mich zur Fahrschule. Sie sagte nichts als ich über 40 Übungsstunden benötigte (aber beim ersten Mal bestand) und beschaffte mir zudem einen 86er Polo Fox, der mehrere Jahre abgemeldet im Carport anderer Leute herumvegetiert hatte. Über Feldwege von meinem Opa, der für solche Aktionen immer zu haben war, zum Schrauber unseres Vertrauens geschafft und schön aufgearbeitet fuhr der Viergangwagen (Meine Mutter sagte immer „Der 5. Gang ist der Rückwärtsgang) noch einiges an Kilometern. Und überraschte mich an meinem 18. Geburtstag. So richtig enthusiastisch war ich nicht. Aber ich verstand meine Mutter: Ich komme aus einem Minidorf, wo 2 Busse am Tag ankommen: Der morgens zur Schule und der mittags von der Schule. Wer mehr oder weniger als 6 Schulstunden hatte, kam im nächsten Ort an und musste abgeholt werden – oder 20 Minuten durch die Felder heimgehen, was natürlich keine Option war  als Mädchen und allein und am besten täglich zur selben Zeit.
Meine Mutter hatte primär mal keine Lust weiterhin mehrmals in der Woche eine Extrafahrt einzulegen, um mich abzuholen, wie sie es schon in der 10. und 11. Klasse gemacht hatte.
Als Fahranfängerin bin ich gefahren wie auf Eiern. Ich hatte keinen Mut, der Motor „soff“ total oft ab und mir widerfuhren ständig neue abgedrehte Dinge auf den 10 Kilometern zur Schule. Einmal war ich davon überzeugt, einem Igel über die Pfote gefahren zu sein.
Ich kannte bald Schleichwege, um dem allgemeinen Stadtverkehr in der Schulstadt zu entweichen; mittelalterlich-enger Stadtkern und Verkehr wie verrückt, um 1000 Schülerinnen anzukarren und eine ordentliche Steigung noch dazu. Nachdem ich 2 mal den gesamten Verkehr lahm gelegt hatte, weil der Motor sich beim Am-Berg-Anfahren verabschiedet hatte (zuviel Gas gegeben in meiner Not) umfuhr ich das Ganze – nachdem ich zu Fuß eine Begehung gemacht hatte (mache ich heute übrigens in manchen Orten noch immer).
Als ich dann endlich mein Abi hatte und für mehrere Monate ins nähere und fernere Ausland entschwand, stand der Wagen still und ich gab ihn an einem Bekannten weiter, der ihn als Forstauto noch einige Jahre ausdauernd nutze.
Für mich was das mit dem Fahren abgeschlossen. Semesterticket und ÖPNV nutze ich (und nutze ich) sehr gern und mein erster Berufswunsch wäre durchaus auch ohne Auto gegangen. Da ich aber eine von denen bin, die immer mehr wollen, wollte ich auch nicht den Job, den so viele wählen, sondern einen anderen mit mehr Verantwortung, mit mehr Reiz, der meinen diffusen Begabungen mehr entspricht. Und ja, mit einer Ausnahme fahren wir alle oft und viel, sind oft unterwegs, auch über Nacht und brauchen realistischerweise ein Auto.
Hätte meine Gesprächspartnerin also gewusst, was ich neben meinem Mamasein und meinem akademischen Projekt tue, um den Wohnturm zu bezahlen, hätte sie nicht nach dem Auto gefragt.
In der Ausbildung habe ich das Autofahren gelernt; nicht mit der Feuertaufe, sondern mit der Schneetaufe. Ich begann im Winter in einer Höhenregion. Und kaum dass ich alle Strecken grob abgefahren hatte, warf es wie aus Eimern. Radeshoch lag der Schnee und leider waren die örtlichen Räumdienste nicht in der Lage, der Sache Herr zu werden. Trauriger Lamasusrekord: in 10 Minuten zwei Mal festgefahren, aber jedes Mal so richtig, so dass ich den Wagen mit der Schneeschaufel (die ich neben Besen und anderem Winterzeugs stets im Auto hatte) freiräumen musste.
Wenn immer möglich nutzte ich Bus und Bahn und nahm den Wagen als Zuwegbewältiger.
Auf der ersten Stelle stand der Wagen am örtlichen Netto und ich bewältigte den Weg von Tür zu Tür (70 km) mit dem Zug, Das war eine schöne Zeit, im Nachhinein.
Obgleich wir nun in einer Stadt wohnen (und vorher immer in kleinere Dörfchen) ist der Weg zur neuen Dienststelle nicht sinnvollerweise mit den Öffentlichen zu machen. 90 Minuten für 25 Kilometer in einem Touristenbus mit Radanhänger und Umsteigen in einem Dorf ohne Laden halte ich nicht für gangbar, zumal ich diejenige bin, die heimfährt, wenn Minilama aus der Kita abgeholt werden muss.
Ich fahre dienstlich knapp 1000 Kilometer im Monat, mal mehr mal weniger. Und privat? 0-10 Kilometer im Monat.
Nach wie vor. Denn die Privatfrau Lamasus ist Autogegnerin. Sie lehnt Kurzstrecken ab, Fahrten zum Aldi, zum Arzt, in die Kita. Wir leben in dicht besiedeltem Gebiet. Und auch wenn ich die Stadtgrenze verlassen muss, um Minilama zur Kita zu bringen, gehe ich nicht länger als 2 Minuten nicht an Häusern vorbei. Da brauche ich keine Angst zu haben. 1,7 Kilometer sind es ein Weg. Die gehe ich vier mal am Tag, bei Wind und Wetter. Ausnahme ist, wenn Minilama krank von der Kita abgeholt werden muss. Dann mute ich ihm das nicht zu.
Einkaufen „fahren“ kennen wir sogesehen nicht. Wir tragen die Einkäufe im Rucksack oder fahren sie im Kinderwagen (wobei der Doppelwagen schockierend wenig Platz im Korb bietet) – und das nicht täglich. Maximal zwei Mal pro Woche kaufen wir zu Fuß ein, meist in Zusammenhang mit Hol- oder Bringgängen zur Kita.
Als Alphalama und ich nach dem Wohnturm suchten, suchten wir auch Infrastruktur mit: Stadtbusanbindung, Zuganbindung, Ärzte- und Schulauswahl, Freibad, Schwimmbadnähe. Für nichts brauchen wir das Auto.
Als Privatpersonen sind wir autofrei, gehen zu Fuß oder nehmen den Zug in die nächst größere Stadt (der schneller ist als der Bus). Ich habe sogar erwogen, mein Auto zu verkaufen für die Elternzeit (weil es den TÜV nicht geschafft hätte). Aber als wir dann Zwillinge erwarteten, traute ich mich nicht, kein Auto zu haben, wenn Alphalama weg ist den ganzen Tag.  Wenn man mal in die Klinik müsste oder so. Eigentlich Quatsch das Ganze. Aber der neue Wagen ist super und fürs Arbeiten ideal. Verkaufen würde ich ihn natürlich nicht mehr, ich gehe ja bald wieder arbeiten. (Das ist auch so ein Thema: Mit drei Kindern wieder arbeiten gehen? Das geht doch nicht)
Entgegen aller Erwartungen:  Einen FamilienSUV haben wir noch immer nicht, obschon alle meinen, wir bräuchten einen Sharan oder sowas, für was sich Eltern üblicherweise verschulden. Mein kleiner Micra fasst wenn nötig uns alle und das trotz üppigen Reboardern. Und weit fahren wir gewöhnlich nicht mit allen fünf, das geht schon.
Im Moment brauche ich den Wagen nur, wenn einer krank wird und heim soll oder wenn ich zum Bahnhof muss, um ins Schwimmbad zu kommen. Was aber nicht heißt, dass ich noch wie auf Eiern fahre, wie früher. Die Schneetaufe hat mir geholfen und die Tatsache, dass ich von Beruf Spurensucherin bin, auch. Wenden und rückwärts einparken kann ich auf jeden Fall souverän. Nach drei verschiedenen Stellen mit immer neuen Orten und Geheimeckchen, die zu erkunden sind, finde ich doch das meiste und habe einiges an Fahrpraxis gesammelt.
„Haben Sie eigentlich ein Auto?“ fragte mich die nette Dame, die mir Wellcome geschickt hat, um mich zu entlasten.
Sie wollte mir helfen, wenn ich mal ein Auto bräuchte für meine Herde. Damit ich nicht immer so weit laufen müsste mit dem Kinderwagen und den drei Kleinen und nicht immer so schleppen müsste. Als ich dann ein bisschen von dem erzählte, was ich hier ausgeführt habe, war sie verwundert. Die Öko-Lamamama und diese Autostory? Nein, da hätte sie doch eher erwartet, dass ich „nein“ sage.

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