„Da haben Sie aber viel zu tun“ – Vom Schicksal, Zwillingsmutter zu sein

Die Flut sinnbefreiter Kommentare zu meiner – scheinbar – immensen Fruchtbarkeit reißt nicht ab. Manchmal komme ich mir vor, als führe ich Apu Nahasapeemapetilons Achtlinge spazieren oder sei gar im Panoptikum, in dem die kleinen Comicbabies kurzzeitig ausgestellt wurden. (Staffel 11/7) Das fand bekanntermaßen dessen Ehefrau Manjula überhaupt nicht gut.
Auch ich finde es nicht gut, ständig von Fremden angesprochen zu werden. Ich bin ein durchaus sozialer Mensch und bin sogar im sozialen Sektor tätig und ich mag Menschen. Genauso mag ich aber auch meine Ruhe bei täglichen Verrichtungen wie dem Kauf von Klopapier, Taschentüchern, Impfshots, Briefmarken und sonstigem.
Die Zeiten sind wohl leider vorüber, in denen ich unbehelligt einkaufen oder draußen unterwegs sein durfte. Zumindest wenn ich mit meiner kleinen Herde unterwegs bin und das bin ich nunmal so gut wie immer
Gängig ist das In- den-Kinderwagen-gucken und dabei Nachfragen in dieser Art:

„Sind das Zwillinge?
Wie alt sind die?
Es sind ein Junge und ein Mädchen, oder?
Liegen Zwillinge in ihrer Familie?
Die sind doch sicher Frühchen?
Die kamen doch per Kasierschnitt?“ (Das unterstellte mir letztens sogar ein Orthopäde)
Wahlweise auch:
„Das sind ja zwei, Das haben Sie aber viel zu tun.“
Oder auch gern „Wenn das erste Zwillinge gewesen wären, dann…“
Was dann? Hätte es kein weiteres Kind gegeben, oder? Das steht dahinter. Zwei reichen ja, zwei ist normal und normal ist gut und richtig.
Gern auch völlig ohne inhaltlichen Mehrwert:
„Ich habe auch Zwillinge, die sind aber schon x Jahre alt.“
Leider kommt in nahezu 100 Prozent der Fälle danach nichts mehr, keine weitere Info. Manchmal dann ein Satz, der klingt wie „Es wird besser.“ Ob es jetzt „schlimm“ ist, wissen sie jedoch nicht, ich hab nämlich noch keine Silbe artikuliert.
Und ich lächele artig. Gerade das wundert mich immer – haben die vergessen wie sehr diese Art Smalltalk nervt? Und wie diese Unterstellungen anmaßend sind?
Oder auch im engen Laden, in dem  ich mich übel  festgefahren habe und mir ein Mann zusätzlich den Weg versperrt:
„Geht es?“
Da sage ich jetzt immer „nein.“ Noch nie hat irgendwer dann irgendwas gemacht. „Geht es?“ ist alles, was kommt.

Ich habe nicht immer Lust, das alles zu kommentieren, aber ich denke eigentlich immer das gleiche:
„Ich bin gerade dabei x zu machen. Eben haben die Kinder noch gebrüllt bzw. jetzt brüllen sie grade und zwar infernalisch. Ich bin total angestrengt dabei, mir alles zu vergegenwärtigen, das ich jetzt kaufen muss und habe es eilig, das Mini abzuholen. Der Schlafmangel und kleinere meiner Lebenslage geschuldete Wehwehchen wie Rückenweh, Anämie, Haarausfall tun ihr Übriges, um mir das Leben schwer zu machen und es mir sehr anstrengend zu machen, meinen Kräfte zehrenden Alltag zu bewältigen.  Schwangerschaftsplausch und so weiter sind jetzt nicht dran, denn, wie Sie ja selbst festgestellt haben: Ich habe viel zu tun und muss mich um das Wohlergehen und die Ernährung von 5 Personen kümmern. Am besten machen Sie Platz und räumen mir noch das Hindernis aus dem Weg, lächeln Sie mich nett an und lassen mich und meine Kinder ansonsten in Ruhe. Ich finde die meisten Ihrer Fragen übergriffig, ich mag es nicht , angestarrt zu werden und wenn ich befürchten muss, dass meine drei Kinder gleich angefasst werden, besonders dann, wenn ich kurz nicht gucke, weil ich bezahle oder so, steigt mein Blutdruck in gefährliche Höhen und – ich bin diese Art Muttertier – ich kann nicht dafür garantieren, dass ich höflich bleibe.“ Das ist schon einigen netten Leuten hier im Dorf passiert. Ich bin sehr niveauflexibel, das ahnt man nicht, wenn man mich sieht und für das liebe Mädchen von nebenan hält. Von „Akademikerin“ bis „Eifelbäuerin“ ist alles möglich und das gern auch in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen.

Der Kracher passierte letztens vor dem DM: „Wenn jetzt noch ein Viertes käme, hätten Sie ja nicht mehr genug Arme.“
Wie bitte?
A: Ausreichend Arme habe  jetzt schon nicht, denn ich habe als normaler Mensch zwei Arme und nunmal drei Kinder – insofern verstehe ich nicht recht, was die Aussage soll. Ich habe allerdings eine Phantasie dazu, was Sie eigentlich meinen und wenn Sie tatsächlich in diese Richtung unreflektiert geplappert haben, sollten Sie lieber zurückrudern. Denn: Kinder sind unsere Zukunft und Mütter sind keine asozialen Sozialschmarotzerinnen. Das macht unsere Familienpolitik und auch die Rechtsprechung was den Unterhalt nach einer Scheidung angeht, absolut unmöglich.

Und B: Wie viele Kinder ich noch gebäre ist nur die Sache meines Mannes und von mir selbst. Ob es nun 5 oder 10 Kinder werden ist allein unsere Entscheidung. Und auch die Kriterien, die wir hierfür als maßgeblich ansehen, legen wir fest.  Das diskutiere ich nicht so gern mit Fremden vorm DM in Anwesenheit meines durchaus verständigen ersten Kindes, das schon ängstlich an meinem Ärmel zupft, weil es irritiert ist von fremden Leuten, die sich so distanzlos aufführen.

Und nein: Ich fühle mich nicht gestraft, dass ich zwei Babies auf einmal habe. Das ist nämlich meist die zweite Frage. Und falls doch heute so ein Tag sein sollte, an dem ich gern wieder frei wäre, wenn auch nur für ein paar kurze Minuten, geht es keinen Fremden was an.

1 Gedanke zu “„Da haben Sie aber viel zu tun“ – Vom Schicksal, Zwillingsmutter zu sein

Schreibe einen Kommentar