Zwischenbericht: Ein halbes Jahr Zwillingsmama – 10 Irrtümer über Zwillinge

Die Babylamas sind schon fast keine Babies mehr. Sie sind ein halbes Jahr alt, essen ihre Beikost und werden immer mobiler, entdecken die Welt, lachen, spielen und beobachten ihre Umwelt.
Und wir sind nun seit einem halben Jahr Zwillingseltern. Im letzten halben Jahr habe ich öfters mal episodisch aus meinem Alltag mit Mehrlingen gebloggt (hier, hier, hier) und darüber, wie es ist, wie ein „bunter Hund“ in der Öffentlichkeit aufzufallen. Es ist schräg und manchmal auch witzig, wenn man mit zwei Kleinen unterwegs ist. Die Menschen in meinem Umfeld sind irritiert, schockiert und überwältigt von der Arbeit, die ich wohl mit meinen Kindern habe, die noch alle unter drei Jahren alt sind.
Ich bin überwältigt von der großen Liebe, die ich für diese Kinder empfinde, darüber, wie wundervoll sie sind, welches Glück wir als Familie haben, mit diesen lieben Kindern. Wenn ich sie ansehe, dann bin ich völlig hingerissen von ihrer Schönheit, von ihren hellen klaren Augen, von ihren schönen Wimpern und ihren niedlichen Händchen, die alles entdecken und alles betasten wollen.
Sie sind sogar noch hübscher als ich sie mir vorgestellt habe und sie sind so ausgeglichen und zufrieden, besonders, wenn sie zusammen sind. Wenn sie zusammen auf der Krabbeldecke liegen, halten sie Händchen und lachen sich übermütig an. Wenn Minilama dazukommt, folgen sie seinem Tun überaus interessiert und tun alles, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und geben immer öfter niedliches Gebrabbel und Dinogeräusche von sich. Es ist spannend zu beobachten, wie die Zwillinge miteinander agieren, wie sie miteinander kommunizieren, sich freuen, einander oder das Baby im Spiegel zu sehen. Sie beginnen, sich zu drehen und werden zunehmend mobiler. Die beiden entwickeln ganz eigene Persönlichkeiten und trotz sehr großer Ähnlichkeiten.
Nach einer anstrengenden Zwillingsschwangerschaft und schönen Kennenlerntagen und -wochen sind wir im Alltag angekommen. Der, von dem alle immer unaufgefordert sagen, bald besser wird. Die Kinder wachsen und gedeihen und sind jedes so groß wie ein Einling, noch immer. Keinerlei Anzeichen von irgendwelchen Nachteilen dadurch, dass sie sich 38 Wochen lang einen Bauch geteilt haben. Auch sonst zeigen sie keine Verzögerungen oder Auffälligkeiten, die man Mehrlingen ja häufiger nachsagt und weshalb sich viele vor dem Los „Zwillinge“ fürchten. Die U 5 war jedenfalls völlig in Ordnung. Sie sind nicht kränker als andere Kinder ihres Alters, nicht anstrengender, nicht lauter oder quengeln mehr. Sie sind manchmal etwas ungeduldig, was ich aber nachvollziehen kann, denn sie müssen öfters mal warten.
Das Horror-erste-Lebensjahr mit Zwillingen? Ist wohl in die zweite Jahreshälfte verschoben, wenn die Zähne kommen. Damit haben meine Kinder traditionell etwas Probleme. Gerade wenn drei in einer Woche durchbrechen. Minilamas Gebiss war mit 13 Monaten quasi vollständig und das arme Kind hat einiges mitgemacht in den 7 Monaten Zahnungsperiode. Darauf warten wir also noch und sehen erste Vorboten, bei einem der Babies stärker (und weißer blitzender) als beim anderen.
Ich kann also Entwarnung geben: Das Leben mit Zwillingen ist definitiv keine Höllenqual 24/7 wie es mir die Menschen weißmachen wollen. Und ich bin auch nicht zu bemitleiden, weil ich mit Mehrlingen gestraft bin. Alphalama und ich würden gern mal zu den Einlingseltern sagen, die uns so runtermachen: „Wie? EIN Kind? Oh Gott, was wollt ihr das nur machen? Was macht ihr die ganze Zeit? Das wird schlimm. Wir sind froh, dass wir keinen Einling haben, dann hätte ja nur einer was zum Knuddeln!“ – Nun ja, das denken wir uns natürlich. Aber mein Gegenüber hatte oft nicht den Anstand, seine Meinung zu Zwillingen für sich zu behalten – vom Unbekannten bis zur näheren Freundin. Zwillinge empfinden viele als Strafe und sagen das auch den armen Zwillingseltern. Damit die sich besser fühlen oder so.

„Alles wird besser“ sagen die Leute. Ich freue mich drauf – wo es doch schon im ersten halben Jahr überwiegend schön war mit den Babylamas und dem Mini. Jay, drei Kinder und eine Schwangerschaft gespart. Was kann es Besseres geben?

Nach einem halben Jahr kann ich folgende Bilanz geben:

  1. Oh je, Zwillinge! Das ist doch eine schlimme Risikoschwangerschaft und man muss dauernd zum Arzt.

Ja, muss man. Alle 2 Wochen mindestens. Aber dafür sieht man seine Kinder regelmäßig per Ultraschall.

2. Risikoschwangerschaft. Da stirbt doch sicher noch eins im Bauch und es werden sicher Frühchen.

Joah. Schwangerschaften sind im Allgemeinen unvorhersehbar und es kann alles Mögliche passieren. Am besten geht man aber vom Besten aus. Dem Körper ist durchaus zu trauen. Ich kenne genug Zwillingsmamas, die eingeleitet werden mussten (einschließlich ich selbst), ebenso wie ich Einlingsmamas kenne, die Frühchen in der 27. SSW geboren haben.

3. Zwillinge werden per Kaiserschnitt geboren.

Die Kaiserschnittrate in der BRD ist hoch, knapp jede 3. Schwangerschaft endet per Kaiserschnitt. Das hat verschiedene Gründe. Beckenendlage ist einer davon. Liegt ein Einling oder der führende Zwilling in BEL, wagen sich nur wenige Klinken an eine natürliche Geburt. Wer es sich zutraut, findet aber sicher eine Klinik, die es versucht.
Da bei Zwillingen alles Mögliche sein kann, was die Lage und die Gewichts- und Größenverhältnisse der Kinder angeht, gibt es schon mal einen Kaiserschnitt. Aber es ist keine Gleichung Zwillinge = Kaiserschnitt.
Wenn die Kinder gut liegen, der führende schwerer ist und sie 2 Fruchtblasen haben, rät die Klinik sicher zur natürlichen Geburt. Und wenn die Mama es sich zutraut, kann sie eine sehr, sehr schöne Geburt erleben.

4. Zwillinge kann man nicht stillen

Ich zumindest kann das tatsächlich nicht, denn ich konnte ja nicht mal einen Einling sattbekommen und habe mich daher dagegen entschieden, es dieses Mal zu versuchen. Theoretisch ist das aber möglich, denn der Körper kann genug Milch produzieren. Ob man Lust hat, 2 Babies an 2 Brüsten gleichzeitig zu stillen, sollte man sich überlegen. Mit der richtigen Hebamme, kann man es lernen. Ich würde eine Kombination aus Brust- und Fläschchenfütterung versuchen, wenn ich es könnte – gern auch mit abgepumpter Milch, damit man auch mal ohne Kinder weg kann und vor allem nachts der Partner mithelfen kann.

5. Zwillinge kann man nicht mit Stoffwindeln wickeln

Ein klares: Doch. Man kann Zwillinge mit Stoff wickeln und ein 2jähriges grade mit dazu. Das geht, wenn man es will und ausreichend Windeln im Haus hat. Wer sich aber vor Babykot ekelt und ungern Pipiwindeln anfasst, der sollte es sich gut überlegen, ob er sich das Ganze im Doppelpack geben will. Zu besten Zeiten gehen hier am Tag 25 Windeln durch, die man von Kot befreien muss, die man waschen, aufhängen und im Haus verteilen muss.
Wer nicht gern wäscht, sollte also nach Alternativen suchen.
Stoffwindeln für Zwillinge sind für Überzeugte kein Problem. Wir haben keine Plastikwindeln als Backup hier und vermissen sie nicht.

6. Zwillinge sind motorisch langsamer als Altersgenossen und brauchen mehr Förderung in Form von Therapien

Kann ich nicht bestätigen. Die Babies sind ebenso langsam wie Minilama und gleichzeitig völlig normal entwickelt. Bisher haben wir noch keine Extratermine und ich gehe grade auch nicht davon aus, das es passieren wird.

7. Zwillinge? Ihr könnt doch nie wieder schlafen

So 2 Stunden am Stück gehen immer, wir werden an schlechten Nächten von 19.30 (da schlafen hier alle) bis 4.30 (zwischen 4.30 und 5.00 ist die Nacht hier beendet) bis zu sieben Mal geweckt, oft von beiden. Das kann sehr zermürbend sein, grade wenn die Kinder dann auch (gemeinsam) acht Flaschen leer trinken und mehrmals gewindelt werden müssen und dabei schrill brüllen, dass man Angst haben muss, dass sie Minilama wecken.
Wir sind nicht ausgeschlafen und nutzen nicht unser gesamtes Hirnpotential im Moment, aber es gibt immer auch Nächste, in denen sie in der ersten Runde bis 23.00 schlafen und dann erst um 2 wieder kommen. Meistens schlafen sie auch rasch wieder ein.

8. Da brüllt doch einer den anderen wach

Nope. Hier nicht. Der eine schläft entspannt, der andere weint.

9. Die machen doch Schichten, einer ruht sich aus, der andere brüllt und umgekehrt. Da kommt man doch zu nichts mehr.

Es gibt solche Phasen am Tag, aber sie sind nicht in der Mehrzahl, zum Glück. Oft wechseln sich die Kinder ab: Heute ist der eine übel drauf, morgen der andere. Mit etwas Selbstdisziplin bekommt man die täglichen Aufgaben trotzdem erledigt. Zwillingsmütter sind ohnehin Supermoms oder sie werden es ganz schnell.

10. Mit Zwillingen ist man doch völlig überfordert, man hat zu wenig Arme

Mütter, die ihre Kinder ständig im Tragetuch haben und Dauerknuddeln können es sich nicht vorstellen, das für zwei gleichzeitig zu machen, allein weil sie nicht genug Arme haben.
Und ja, man kann Zwillinge nicht ständig im Tuch haben, man braucht einen Kinderwagen und Haushalt mit Kind auf dem Bauch ist auch schwierig, denn man hat ja 2. Dauerknuddeln und den ganzen Tag im Nachthemd bleiben ist auch schwierig, zumal als Mehrfachmama. Ich habe keine Möglichkeit, den Alltag komplett den Zwillingen unterzuordnen. Sie sind in eine bestehende Familie hineingekommen, in der Minilama seine berechtigten Bedürfnisse deutlich macht, in der es Zeiten, Aufgaben und Rituale gibt. Die Kinder haben hierin ihren Platz, aber sie sind nicht der Nukleus der Familie.
Manchmal müssen sie warten, sich alleine beschäftigen oder beobachten, was gerade getan wird.
Trotz Zwillingen manage ich den Haushalt, das Einkaufen, das Kochen, Hobbies, Minilamas Termine usw. Es gibt Kuschelphasen am Tag, an denen ein Baby im Mittelpunkt steht, aber eben auch andere Zeiten.
Diese Einsicht macht mich in vielerlei Hinsicht deutlich entspannter als Einlingsmamas, die von sich erwarten, dass sie alles für ihr Kind tun – jederzeit und immer.

 

2 Gedanken zu “Zwischenbericht: Ein halbes Jahr Zwillingsmama – 10 Irrtümer über Zwillinge

  1. Punkt 10 ist so erfrischend. Das lernen auch Mehrfachmütter, deren Kinder auch schnell hintereinander kommen, obwohl ich die ersten Wochen da herausnehme. Da mussten die Großen mehr zurückstecken.

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