Ein ambivalentes Fest: Warum ich Weihnachten eigentlich nicht mag

Jetzt da die glamorösen Feiertage hinter uns liegen, gestehe ich: Ich mag eigentlich kein Weihnachten. Zumindest nicht so, wie es wohl abzulaufen hat mit Beutefeldzug, Festfressen und Familienzerwürfnis.
Besehen wir es mal von  Außen: Die Geschenkeflut kurbelt ordentlich die Wirtschaft an, bringt Eltern und Kinder oft weiter auseinander als zusammen, der Stress mit dem Baum wird jedes Jahr größer, da er besser, schöner, gerader sein soll als im Vorjahr,  der Druck, das beste Essen zu zaubern steigt ebenso an und beflügelt die Kaufwut im Zusammenhang mit dem Thermomix („das gelingt sicher, Lamasus. Das brauchst du auch“). Was mich schon seit Jahr und Tag ärgert, ist die exorbitant steigende Werbung für Damendessous im Zusammenhang mit den Weihnachtsfeiertagen. Erstmal für 20 Leute nett kochen, die Kinder üppig bescheren und dann noch Nachtisch für den Mann sein oder sowas. Ärgerlich in meinen Augen und ein Widerspruch zu meinem Frauenbild.
Weihnachten ist ein Familienfest, das Fest des Friedens. Kinderaugen sollen leuchten, es soll schneien, die Familie soll sich versammeln und fröhlich miteinander scherzen. So sieht man es doch in der Werbung.

Dass das nicht die Wirklichkeit ist, wird immer wieder deutlich: Alte Menschen in Altenheimen fiebern auf ihre Verwandten, die sie entweder gar nicht oder nur sehr kurz abholen und sind hinterher völlig daneben, völlig aus dem Alltag gerissen, zerstrittene Menschen müssen einander wieder sehen, alte Wunden reißen auf, viele Kinder werden durch die Mitbringselwelle derart konsummaterialistisch gepolt, dass sie anstelle „frohe Weihnachten“ nur sagen „was hast du mir mitgebracht?“
An Weihnachten verträgt man sich, da macht man es sich schön. Das ist sozusagen der „Wohlfühltag“ schlechthin, der Tag, auf den alle Hoffnungen gesetzt werden.
Dass Menschen währenddessen im Mittelmeer ertrinken, in Banken auf dem Boden schlafen, dass Einsame an diesem Tag der Familie einfach keinen Ort haben, an den sie gehen können, da ja Kino, Schwimmbad, Läden usw. geschlossen haben, blendet man tunlichst aus.
Das war jetzt einmal die absolute Negativseite des Fests der Liebe, deutlich überzeichnet natürlich.
Aber es ist wahr: Alte Menschen geraten zu Weihnachten oft aus dem Takt, alte Wunden reißen auf, Menschen werden sich ihrer Einsamkeit bewusst oder auch der Tatsache, dass ihr Leben nicht so ist, wie es sein sollte, schön familiär und nett. Und das ärgert mich, weil alles wieder so veräußerlicht wird, so sinnentleert. Im Laden werden uns „frohe Feiertage“ gewünscht, von Jesu Geburt keine Spur.
Nicht falsch verstehen: Ich liebe das Christfest. Die Inkarnation Jesu bedeutet mir viel, ja wenn ich drüber nachdenke,  alles. Und gerade seit ich selbst Kinder habe, erahne ich, was Maria durchgemacht haben muss. Hochschwanger auf der Flucht, Alleingeburt in einem Stall nach stressiger Ankunft an einem völlig fremden Ort, Niederkunft ohne jegliche Vorbereitung was Erstausstattung angeht, unterbrochenes Wochenbett durch ständigen Besuch, Flucht ins Ausland wegen akuter Bedrohung für ihr Kind. ungeklärte Familienkonstellation, jugendliche Unsicherheit und so weiter und so fort. Und außerdem hat sie ja die Mutterschaft über Gottes Sohn anvertraut bekommen. Eine Erziehungsaufgabe, die es wie wir ja heute wissen, in sich hatte.
Dass sie ruhig wurde und alles in ihrem Herzen erwogen hat, kann ich gut nachvollziehen.
Und dieses Kind, das in manchen Christmetten als Holzfigur durch die Kirche getragen wird, das erfreut jeden, der sich drauf einlässt. Meine Oma ging dieses Jahr sogar spontan bei der Prozession des Pastors und der Ministantinnen mit, weil sie es so schön fand und regelrecht mitgerissen wurde. Und dabei ist meine Oma normalerweise eher ruhig und beobachtet lieber. Dieses Kind bringt alle zum Staunen. Und das soll es auch. Meine Kinder bringen mich schon so oft zur Verzückung, wie viel mehr muss es dann Gottes Sohn tun, der in einem winzig kleinen Dorf in einem unbedeutenden Fleck der Welt bei armen Leuten geboren wurde?

Weihnachten ist für mich ein ruhiges, ein innerliches Fest. Geschenke finde ich unnötig und eine Festtafel ebenso. (Aber es geht nicht nach mir, das ist auch ok so.) Bei einem Knäckebrot mit Käse und Butter zusammenzusitzen (Minilamas und mein erster Gedanke, wenn wir gefragt werden, was wir essen wollen) mit den Menschen, mit denen man im Alltag ohnehin zu tun hat und sich auszutauschen, gemeinsam die Weihnachtsgeschichte lesen und früh ins Bett gehen, das ist Weihnachten für mich. Und ich denke dabei immer wieder an jene, die warum auch immer kein Zuhause haben, zu dem sie gehen wollen oder können. Und ja: Es muss ein Ort geschaffen werden, wo Vergemeinschaftung geschieht – über die Christmette hinaus. Davon bin ich überzeugt. Es gibt immer wieder Ideen wie ein gemeinsames Kochen an Heiligabend und diese Ideen sind so wertvoll, dass sie weitergedacht werden müssen. Ich bin schon seit einigen Jahren gedanklich dran – mal sehen, was sich entwickelt in meinem Nahraum aus diesem ambivalent gewordenen Tag.

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