„Ein Kind ist kein Kind“ – Mit Lamasus beim Zahnarzt

Wer mich kennt, weiß, dass mir meine Zähne echt wichtig sind. Mag sein, dass da meine Mutter, die beim Zahnarzt arbeitet, mit ihre Hände im Spiel hatte und mich entsprechend geprägt hat. Zumindest habe ich bis weit in meine Zwanziger hinein Zahnspange getragen (nachts natürlich) und ein top Gebiss durch meine Anstrengungen erhalten. Ich putze 3 bis 4 mal am Tag mit einer sehr hochwertigen Bürste.
Und – das ist der Kern der Story: ich gehe regelmäßig zum Zahnarzt. Angst oder so kenne ich nicht beim Zahnarzt. Bisher sind meine Zähne ja auch jungfräulich und die vier Weisheitszähne, die ich operativ losgeworden bin im frühen Jugendalter – nun ja, ein Spaziergang war das nicht, klar. Kieferchirurgie ist nunmal eher grob, zumal, wenn die Zähne noch im Kiefer sitzen – aber ich scheine da hart im Nehmen zu sein.
Als Kind war ich immer beim gleichen Zahnarzt, bedingt durch das unstete Studentenleben weist mein Bonusheft eine bunte Vielfalt neuer Zahnärzte. Ich habe also schon was gesehen – und ich gehe auch nur zu dem ein weiteres Mal, der mir wirklich zusagt.
Das Ganze ist seit dem Hauskauf und ein bisschen im Dorf Rumprobieren zum Stillstand gekommen und ich habe mit unserem saarländischen Zahnarzt eine für mich gute Wahl getroffen. Da bleiben wir jetzt erstmal.
Nun ist es ja so, dass mit Kindern alles komplizierter wird, besonders mit dem ersten. In Minilamas Schwangerschaft war ich 2 mal im Jahr zum Kontrollieren, damit die doofen Hormone mir nicht das Gebiss zerschießen. Schwanger war das nervig, aber es ging. Nach der Geburt war dann erstmal alles auf Ausnahmezustand, denn das Kinderhandling ist ja nicht evident.
Meine Mutter kam daher zu uns und ich konnte zum Zahnarzt. Unglaublich heute für mich, dass sie mit Verkehr 1,5 Stunden unterwegs war, nur damit ich 10 Minuten mein Mäulchen beim Zahnarzt aufsperren konnte…
Die nächste Untersuchung war schon im jetzigen Ort. Da probierte ich einen Designerzahnarzt aus. So einen mit glänzender Website und weißem Lächeln und mit einem Haufen Zusatzangebote. Die finde ich immer ganz interessant – nehme aber keins in Anspruch. Meine Mutter rät mir immer ab von dem Zeugs, was angeboten wird und sie hat ja Ahnung.
Damals warum auch immer war ich ohne Begleitung oder Babysitter. Tags vorher ging ich dann zum Lagesondieren probehalber zur neuen Praxis: 2.Stock, Treppe, kein Aufzug. Chaos.
Da ich den Kinderwagen grundsätzlich nicht unbeaufsichtigt stehen lasse und schon gar nicht mitten in einem gut einsehbaren Flur (heute auch nur wenn es wirklich, wirklich sein muss und komplett entleert und mit Sicherheitsschloss angekettet) fiel die bequemste Variante schon mal aus.
Hinfahren mit dem Auto und Babyschale fielen auch raus – da wir ja mitten in der Stadt wohnen hätte ich den gleichen Weg zur Garage und dann vom Parkplatz zur Praxis gehen müssen wie auch den direkten Weg von daheim. Mal abgesehnen davon, dass ich keine Kurzstrecken fahre, aus Prinzip nicht. Und unsere Kleinstadt ist ja nicht Berlin oder so. Da kann man alles gut zu Fuß erledigen. (Einzige Ausnahme sind Fahrten mit kranken Kindern, Notfallfahrten und Fahrten mit Kindern bei wolkenbruchartigem Regen – nicht weil ich aus Zucker bin – sondern, weil ich es als meine Aufgabe ansehe, meine Kinder trockenen Fußes von A nach B zu bringen. Ich finde nichts doofer als schon durchnässt mit trienfenem Haar in Schule oder Kita anzukommen ohne Möglichkeit, zum Umziehen und Abtrocknen – das schreit doch nach Lungenentzündung.)
Und von daheim die Babyschale tragen? Nope. Das habe ich nie gemacht und mache es auch heute nicht. Baby in Babyschale hebe ich nicht, auch wenn wir  die leichteste * auf dem Markt haben – das ist mir egal.
Die Hebamme, die ich dieses Mal hatte, macht das übrigens auch nicht – das gibt doch zu denken, oder?
Also habe ich gefrickelt: Bauchtrage und Softschale vom Kinderwagen, wie einen Rucksack auf den Rücken. Warum das? Damit Minilama während der Behandlung drinnen liegen konnte, warm und weich und sich sicher fühlen konnte. Fand ich damals echt klug von mir, die Idee.
Und der Designerzahnarzt, der selbst drei Kinder hat? Der fühlte sich bemüßigt, mein Bemühen zu kommentieren: „Andere Mütter bringen den Kindersitz mit. – Aber das werden Sie noch merken: Ein Kind ist kein Kind.“

Jetzt sind wir wie gesagt alle beim Saarländer, der ist echt in Ordnung. Zum Designer bin ich nicht mehr gegangen, war mir alles doch etwas zu krass.

Und da ich der Meinung bin, dass man auch mit Kind(ern) einiges (nicht alles, natürlich, daher habe ich auch noch nicht Spectre gesehen, aber auch dieser Tag wird kommen!) machen kann ohne gleich eine Armada an Zugehfrauen zu benötigen, habe ich es heute gewagt: Der erste perfekte getimte Termin für die drei Zahnträger im Haushalt ist leider wegen übler Erkältung abgesagt worden und ich hatte keine Lust mehr, länger ohne die zahnärztliche Zustimmung in Bezug auf mein post-partum-Gebiss umherzulaufen. Zumal meine Tante nach ihren Schwangerschaften richtig Schwierigkeiten mit den Zähnen bekommen hat – und auch meine Mutter nicht so ganz unbeschadet da raus kam. Also nur ich heute – und die Babylamas natürlich.
Und: Ja, mit mehreren Kindern wir alles einfacher. Schrill, oder? Das liegt aber nicht an den Umständen – das sicher nicht. Kinder sind nunmal eine Belastung und ein Ärgernis für die Öffentlichkeit, das ist ja allgemein bekannt.  Das liegt am Muttertier selber. Ist wohl ein Überlebensmechanismus (witzig nur, dass der bei mir bei sowas wie dem Zahnarztbesuch in Gang kommt).
Wobei rein äußerlich alles komplexer ist: Es regnet wie aus Eimern (das hat es vor 2 Jahren nicht getan, da hat es irgendwie so gut wie nie geregnet hier), der Kinderwagen ist an einigen Stellen schon durchnässt vom Gewaltmarsch in die Kita (ich habe mal geguckt: 7 Kilometer machen wir am Tag), ich trage schon die zweite Garnitur der Tages: Die erste hängt tropfend auf dem Speicher. Was nicht regennass war, ist schweißnass – ich liebe die „modernen“ Regensachen ja ungemein. Und auch die zweite Garnitur sieht übel aus nach ein paar Metern. Die Welt hat sich überdies gegen Mehrlingseltern verschworen an diesem Tag und parkt den Bürgersteig der Hauptstraße zu. Der eine Handwerker macht direkt Platz, parkt um, der SUV-Fahrer, der eine Oma mit Rollator rauslässt (aber nicht zur Tür oder gar in die Praxis begleitet) meckert mich an, weil ich auf der Straße an ihm vorbeigehe und offensichtlich keine Zeit habe, zu warten, bis er den Bürgersteig wieder freigibt – er habe schließlich „einen Behinderten“ dabei. Ich habe nichts gesagt, zumindest nicht laut. Nett.
Ich helfe der Oma mit ihrem Rollator über die Schwelle des Zahnarztes und schaffe mich dann selbst über die Stufe in den Flur und in die Praxis. Dort ist es warm wie in der Hölle oder wie in den Feuern Mordors (je nachdem, welcher Vergleich einem besser gefällt) und meine kleine Brut beginnt herzzerreißend zu klagen – über das Leid der Welt und darüber, dass es zu warm ist und sie Hunger hat.
Als Mehrfachmutter kenne ich den klugen Ablauf: Mama zieht sich erstmal bis aufs Tshirt aus, holt das Regencover vom Wagen, das den gesamten Boden flutet und holt dann denjenigen raus, der am lautesten weint. Der andere bekommt kurz einen Schnuller, damit nicht die Hölle losbricht. Und immer wieder wechseln – dann weint keiner richtig laut.
Krankenkarte und Bonusheft werden mit einer Zwischenbewegung auf den Tresen gebracht und ich warte ab. 20 Minuten später gehts durch ins Behandlungszimmer – finde ich super, denn das Wartezimmer ist voll ohne Ende und die Menschen haben komplexe Sachen teilweise. Der Kinderwagen bleibt stehen wo er steht, ist auch zu groß für größere Bewegungen. Kind 1 und meine Jacke kommen mit ins Behandlungszimmer, drauf wird das Kind abgelegt, das zweite geholt.
Die Helferin erkundigt sich, ob ich Hilfe dabei habe – ich verneine – da wird sie erst des zweiten Babies auf dem Boden ansichtig und wird blass. Und wieder einen unbescholtenen Bürger ohne Grund bis ins Mark hinein verstört – das scheint meine neue Mission zu sein.
Da ein Baby weint, darf es beim Zahnsteinentfernen mit auf den Bauch, das andere wird währenddessen vom Zahnarzt bespaßt (ein toller Zahnarzt – ich habe es schon erwähnt, oder?), dann guckt er sich alles an, lobt und klopft mir auf die Schulter. Ich kündige Papa-Alphalama und Zahnputzverweigerer-Minilama für die nächsten Wochen an, er nickt wissend.
Kommando zurück, die Kinder zurück in den Wagen, Mützchen * an, triefendes Regencover drüber, welches mittlerweile kleine Pfützen im Korb des Wagens hinterlassen hat, Mama zieht sich wieder an, dann Millimeterarbeit, aber es geht, der Wagen ist draußen, ich rufe „auf bald“ und es geht heim. Zwei kleine Sirenen im Wagen, Hunger geschwächt und daher wütend, die Armen, Regen tropft auf das Cover, auch ein bisschen in den Wagen – liegt an einem Konstruktionsfehler des Cover, wie mir jetzt auffällt. Wenn ich dafür die marktüblichen 40 Euro ausgegeben hätte, würde ich mich jetzt ziemlich ärgern…
Dennoch: Genau so macht man das. Ich klopfe mir grade auch auf die Schulter – ich bin weder kurz vorm Heulen noch nass geschwitzt und völlig entkräftet fühle ich mich auch nicht. Ein bisschen schokohungrig vielleicht.

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