Schütteln absolut verboten – gewaltfreier Umgang mit Säuglingen

Vor einigen Tagen las ich arglos in meinem Spiegel und bin seitdem gedanklich nicht mehr von einem Artikel losgekommen, der das grauenvolle Los des kleinen Jamie-Dean und die gerichtlichen Folgen beleuchtet. Seither habe ich ihn mindestens drei Mal gelesen und mich schüttelt es noch immer regelmäßig beim Gedanken daran, was dem 7 Wochen alten eigentlich gesunden Kind widerfahren ist.
Hineingeboren in eine schwierige Familiensituation mit Suchtproblematik und Betreuung des Jugendamtes konnte seine Sicherheit nicht gewährleistet werden. Das Kind wurde vom Vater abends aufgeweckt und derart misshandelt, geschüttelt und geschlagen, dass seine Hirnrinde irreparabel geschädigt ist. Er vegetiert seither blind, taub und nahezu bewegungsunfähig in einem Heim dahin. Ein eigentlich gesundes Baby, dem alle Möglichkeiten offenstanden, und das nun jeglicher selbstbestimmer Zukunft beraubt ist.

Besonders seit ich selbst Mutter bin und ich schrecklichen Sorgen kenne, die man sich als Mutter um seine Kinder – gleich wie sie auch nerven und frech sein sollten – immer macht, wenn sie nicht da sind, wenn sie krank sind, wenn es ihnen nicht gut zu gehen scheint, betreffen mich solche Schreckensmeldungen ungemein.

Gewalt ist ein Thema in jeglicher Art von Pflege – sei es nun mit Kindern oder Alten. Abhängigkeiten schaffen wohl einen Nährboden dafür.
Es ist gut, dass die Kinderrechte so explizit eine gewaltfreie Erziehung fordern, dass es verpflichtende U-Untersuchungen gibt, dass Erzieherinnen uns Eltern auf blaue Flecke und Verletzungen beim Kind ansprechen.

Dass Schlagen nicht ok ist, sehen mittlerweile die meisten Menschen ein. Hier gibt es in den letzten Jahrzehnten einen regelrechten Sinneswandel in der Gesellschaft, das finde ich gut. Vor 45 Jahren wurde meine Mutter noch in der Schule gezüchtigt, wie es damals hieß, meine Großeltern ja sowieso. Und als ich Kind war, war ein ordentlicher Klaps auf den Po irgendwie noch toleriert. Noch.
Heute ist das, auch dank der Gesetzeslage und der Einsicht, dass Gewalt keine langfristige Lösung sein kann, zu Recht verpönt.
Und dennoch: Gerade die Kleinsten sind besonders gefährdet. Daher auch der Titel „schütteln absolut verboten“. Bei allen meinen Kindern habe ich bisher im Krankenhaus eine Aufklärungsbroschüre bekommen, die erklärt, warum man sein Kind niemals schütteln darf – niemals auch nur kurz. Denn das Schütteln kann schwere Verletzungen beim Kind hervorrufen.
Und dennoch werden immer wieder Kinder geschüttelt oder sonstwie misshandelt – und ich betone das ausdrücklich –  nicht nur von Menschen, die in Kontakt mit dem Jugendamt sind, die ein Suchtproblem haben oder sonstige schwierige Lebensumstände durchstehen müssen. Das ist weder ein Schichtenproblem noch ein Milieuproblem!
Kinder können die Nerven ihrer Eltern stark strapazieren, denn sie sind zunächst einmal instinktgesteuert und schreien so lange bis sie haben, was sie wollen. Nur was sie genau wollen, weiß man leider nicht immer. Undankbar sind sie dazu auch noch: Den ganzen Tag von Mama getragen, nur gebrüllt. Papa kommt heim und das Kind lacht und gluckst und streckt die kleinen Händchen zum Papa aus. Nun ja, das kann durchaus verletzten und auch aggressiv machen.
Dauergebrüll mit hochrotem Köpfchen, wütendes Schlagen mit Armen und Beinen, Schlafverweigerung, unzufriedene Grundstimmung  – all das vermiest auch den Eltern den Tag und zwar ordentlich. Die Schattenseiten des Elternseins eben. All das lernt man auch erst mit eigenen Kindern so richtig kennen.  Kombiniert mit nächtlichen Brüllstunden (bei Minilama immer 2 Stunden am Stück von 1 bis 3 nachts) bewirkt es, dass die Nerven blank liegen und zwar richtig. Und dann der Gedanke „So soll jetzt mein Leben sein? Das hört nie wieder auf.“

Wer an dem Punkt ist, sollte handeln und unbedingt in den Austausch mit anderen gehen. Unzufriedenheit mit der Situation, Überforderung und Wut auf das Baby sind nicht das Problem, sondern, das, was eventuell daraus entsteht. Insofern ist es keine Schande, enttäuscht zu sein, wie das Leben mit Kind sich aktuell darstellt, wütend zu sein, weil man sein altes Leben vermisst und sich überfordert zu fühlen mit einem unzufriedenen Baby.
Aber all das darf unter keinen Umständen dazu führen, dass man dem Baby Gewalt antut und es, damit es „wieder zur Besinnung kommt“ (oder wozu sonst auch immer) zu schütteln und damit in eine ernste Gefahr zu bringen.

  • Ein soziales Netzwerk ist für junge Familien unheimlich wichtig. Ob das Omas und Opas und Verwandte sind oder andere Mütter, die man anrufen und treffen kann oder Tagesmutter und andere Menschen, die gegen Geld bei der Kinderbetreuung helfen. Menschen, die vorbeikommen und zum Gespräch bereit sind und die auch bleiben, wenn das Kind übel launig wird.
  • Der Austausch mit anderen Müttern relativiert oft die eigene Wahrnehmung – ob beim Plausch im Laden oder bei einem Babykurs und der Rückbildung.  Bei mir kam dadurch eigentlich immer die Einsicht, dass andere es mindestens so schlimm haben wie ich. Super ist es, wenn man Mütter mit älteren Kindern kennt. Dann kann man sehen, auf was man sich freuen kann, wenn die aktuelle Phase überwunden ist. Krabbelnde und zweizahnige lachende Kleinkinder haben es mir immer leichter gemacht mein zahnendes Meckerbaby anzunehmen.
  • Rausgehen und unter Leute kommen. Das ist einer der wesentlichen Tipps für junge Mütter zuhause. Auch wenn das Kind noch so brüllt (mittlerweile sage ich sogar: gerade wenn das Kind brüllt wie irre und man selbst mit verrückt wird) sollte man unbedingt an die frische Luft gehen, draußen sein, was anderes sehen. Egal wie das Wetter ist.
    Wenn man ausschließen kann, dass das Baby Hunger hat oder eine volle Windel und wenn es zudem kein Fieber hat (immer messen, wenn das Kind sich nicht grade warm geschrien hat) spricht absolut nichts dagegen, den Kinderwagen zu schnappen und raus zu gehen. Mit Minilama habe ich mich anfangs geschämt, wenn es so laut und aggressiv gebrüllt hat und bin so schnell es ging wieder ins Haus gegangen. Nicht, damit jemand es mitbekommt. Ich frage mich heute: Was sollen die anderen denn nicht mitbekommen? Dass mein normales Kind geweint hat, was ebenfalls völlig normal ist und kein Zeichen davon, dass ich eine schlechte Mutter bin! Heute bin ich eher der Ansicht, dass die Gesellschaft gerade die anstrengenden Schreistunden mit mir zusammen durchstehen kann. Im Ernst: Was im Haus noch super laut erswcheint, geht im Verkehrslärm nahezu unter – und ich bin nicht mehr so stark belastet davon. Dauerbeschallung macht nämlich richtig aggressiv.
    Das Schaukeln des Wagens macht die Mäuse meistens schläfrig und entspannt sie – Umweltgeräusche übrigens auch. Meine Babylamas lieben Baustellenlärm und schlafen dann rasch ein. Je lauter und je mehr Durcheinander an Geräuschen, desto besser.
    Untröstliche Babies, die sich auch auf dem Arm nicht mehr beruhigen lassen, kommen bei mir in den Kinderwagen. Ich nehme Schnuller und Fläschchen mit und – ganz wichtig – meinen Ipod. Den entwirre ich mir auf der Straße als allererstes in Ruhe und stecke die Ohrstöpsel in die Ohren, denn: Die Kinder schreien so und so. Das weiß ich ganz einfach – ich habe ja schon alles probiert. Und doofe Kommentare anderer nutze ich aus, um mir die Sorgen von der Seele zu reden: „Ja, der kleine Schatz weint schon den ganzen Tag, sehr anstrengend. Hoffen wir, dass der Schatz sich jetzt ein bisschen beruhigt.“ Fertig aus.
    Kaum 100 Meter von zuhause beruhigt sich die Meute auch tatsächlich in 99 Prozent der Fälle und ich mich natürlich auch.
  • Wenn alles scheitert und das Baby sich einfach nicht beruhigen will, versuche ich, mich nicht ausschließlich dem Gebrüll auszusetzen, denn wie schon erwähnt: das macht auf Dauer richtig aggressiv. Ich mache das Radio an, mache ein Video an, öffne die Fenster, je nachdem, was ich (ja ich!) gerade brauche. Ich nehme das Kind auf den Arm und gucke in Ruhe nach, ob die Windel voll ist und ob das Kind Hunger hat. Wenn nicht, gehe ich 2-3 mal die Treppen hoch und runter mit dem Baby, gucke in den Spiegel mit ihm, zeige Mobiles und plaudere so vor mich hin. Wenn ich aber merke, dass ich wütend werde und die Geduld verliere, kommt das Kind entweder in die Babytrage oder ich mache irgendwas im Haushalt (am besten staubsaugen, das beruhigt meine ganz gut oder mit Wasser hantieren oder Haare waschen und fönen – während das Baby im Bettchen oder der Decke in der Nähe ist. Und man fängt mit Bedacht von vorne an: Windel? Hunger? Fieber?
  • Wenn gar nichts mehr geht und man selbst an die Grenze kommt, braucht man eine Verschnaufpause, unbedingt. Man legt das Kind sicher auf dem Boden oder in seinem Bettchen ab und geht aus dem Zimmer, atmet ruhig durch. Das ist völlig in Ordnung, kurz eine Pause zu machen – man bleibt ja keine Stunden weg. Man kontaktiert jemanden, mit dem man reden kann. Plaudert am Telefon, skypt, geht einmal durchs Haus oder was auch immer – am besten natürlich in der Nähe des Kindes. Man teilt das Leid mit einem anderen Menschen. Erzählt, was los ist, wie es einem geht, und welche Gefühle man grade hat. Und im Ausnahmefall bittet man jemanden, vorbeizukommen, um zu helfen.  Das ist ja nicht jeden Tag nötig

Was man jedoch unter keinen Umständen machen darf, ist Gewalt gegenüber dem Kind auszuüben. Das ist weder befriedigend noch klug: Im schlimmsten Fall verletzt man sein Kind derart, dass es sein Leben lang unter den Folgen zu leiden hat.

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