Feuertaufe

So richtig gesund ist ja keiner. Aber so richtig krank war ich zum Glück auch noch nie.  Die großen schlimmen Dinge sind mir dann doch erspart geblieben. So war ich bis zu Minilamas Geburt keinen Tag in einem Krankenhaus.
Je länger ich nicht in eins musste, desto mehr Angst hatte ich davor. Vor der Behandlung, vor den Schmerzen, vor dem Zusammenliegen mit Fremden, vor der ewig langen Zeit, die man rumbringen muss und so weiter und so fort.
Ich bin ja auch die, die lieber eine Geburt ohne Schmerzmittel will als sich einen Zugang legen zu lassen und die eine PDA für ein theoretisches Angebot hält.
Als wir dann die Zwillinge erwarteten, bereitete ich mich schon auf das Schlimmste vor, was blieb mir denn auch übrig bei den Horrormeldungen, die man so hört?
Alles lief wunderbar bis in die 36. Woche hinein. Da wütete ein wütender Kitakeim in unserer Stadt und warf alle Kinder, Eltern und (ohne Übertreibung) die meisten Großeltern danieder. Mitten in der Sommerglut waren wir alle zwei Tage lang am Ende unserer Kräfte – eine böse Bauchgrippe ließ die Apotheker nervös werden und rasch einem größeren Vorrat an Vomex anlegen. Minilama hatte in dieser Woche bereits den Mittwoch Abend in einer fremden Kinderarztpraxis verbracht und seinen Kindersitz und Alphalamas Wagen nachhaltig kontaminiert, das Arme.  Auch Alphalama war ein wenig blümerant zumute  zunächst und dann ging es ihm sehr, sehr dreckig.
Nur ich, Dickbauch-und Dickfuß-Lamasus war noch auf dem Damm und desinfizierte fleißig die Orte des Geschehens. In der Nacht zum Samstag bekam ich dann schmerzhafte Wehen und dachte, die Geburt stünde bevor. Wir stoppten die Wehenabstände und eine immer weiter wachsende innere Unruhe und der dringende Wunsch, in die Klinik zu fahren machten sich breit. Beides für mich deutliche Anzeichen dafür, dass es bald losginge. Und daher wurde das Nofallkommando „Entbindung“  aktiviert. Die Schwiegereltern bereiteten sich vor, das klinikfertige Auto machte sich auf den Weg zur Klinik während ich angstvoll die Wehen veratmete.
Dort angekommen entleerte sich meine Bande noch kurz vor dem Eingang und ich lief vor, um an der Kreisssaaltür zu läuten. Ich durfte direkt ans CTG und das Gerät schrieb fleißig hohe Wehen auf während ich vor Schmerzen nicht wusste, wie ich mich drehen oder wenden sollte.
Alphalama hingegen durfte nicht mit in den Kreißsaal – da er ein Kind (Minilama) dabei hatte, das auf die Abholung durch den Opa wartete. Aber auch danach blieb ihm der Einlass verwehrt – er sah, so die Hebamme, ja aus wie „ausgekotzt“ und gehörte in die Notaufnahme und nicht ans Kreißbett. Konnte ich alles verstehen, aber gut fand ich das nicht.
Mit letztem Akku vom Handy (typisch – wenn man es braucht, ist das Ladegerät nicht zur Hand) rief ich meine Mutter zur Hilfe, damit sie bei der Entbindung anwesend wäre. So ganz ohne Unterstützung wollte ich die Kinder dann doch nicht entbinden, zumal die Wehen im Gegensatz zu meiner ersten Geburtserfahrung derart schmerzhaft waren, dass ich sie kaum aushalten konnte und zunehmend doch über eine PDA nachdachte. Meine arme Mutter, völlig überrannt von der Bitte, knapp 100 Kilometer zu fahren und einer Zwillingsgeburt beizuwohnen, muss sich zuhause erstmal eine Tüte gesucht haben, um dort heftig hineinzuatmen, denn mit dieser Anfrage hatte sie, der ein natürliches Geburtserlebnis samt Wehen verwehrt blieb, nicht gerechnet.
Während Alphalama Medikamente bekam, die ihm helfen sollten, sein Innerstes nicht länger nach außen zu kehren, schlug das CTG unbarmherzig in hohen Spitzen aus und ich, ja ich, wartete auf die Hebamme, um mit ihr ernsthaft darüber ins Gespräch zu kommen, wie ich mit diesen schlimmen Schmerzen bei dieser beginnenden Geburt umgehen sollte. Als sich plötzlich alles änderte: Mir wurde ebenso schlecht wie dem Rest der Stadt. So viel zum Thema Wehentätigkeit. Auch als Zweitgebärende ist man nicht immer sicher, ob es nun losgeht oder nicht.
Ich rief noch um Hilfe, aber die Hebammen waren bei einer komplizierten Geburt im Nebenraum und hörten mich nicht. Daher hatte die arme Putzfrau echt viel zu tun. Witzig fand ich übrigens, dass ich dann zwei Wochen später in genau dem gleichen Kreissaal entbunden habe – und zwar ganz ohne das Gefühl, dass ich die Schmerzen nicht aushalten könnte.
Die Geburt war also verschoben und ich schöpfte neuen Mut, bald heim zu kommen zumal die Kunder top fit waren und von meinem Elend zum Glück nichts abbekamen. Ich schlug sogar das Zugangs-Angebot der Ärztin aus und trank mutig Apfelschorle  – wegen der Elektrolyte. Das war natürlich ebenso idiotisch wie das Elektrolytgelaber im gleichnamigen Film und ich brauchte noch knapp 20 Minuten bis auch ich dann einsah, dass es keinen Zweck hatte und um Zugang und Tropf bat.
Meine Mutter, mittlerweile von der Wendung der Dinge informiert, bremste ihre Tätigkeit etwas ab und aß und trank erstmal was zu Hause – um dann später beim Liegen und Tropfbekommen dabei zu sein. Das war  schon nötig und da Alphalama selbst am Ende seiner Fähigkeiten war, war ihre Unterstützung unabdingbar für mich.
Alphalama war mittlerweile nur noch mit seinem eigenen Leiden belastet – da die Geburt verschoben war übernahmen die Schwiegereltern das gut gelaunte Minilama (das den Virus ja schon ausgestanden hatte – das Ganze war ja in 2 Tagen rum – bei allen) und wartete zusammengekauert am Fußende meines Bettes auf Besserung.
Als die Medizin anschlug gab sich die Krankheit nach letztem wildem Aufbäumen geschlagen und ich konnte abends sogar schon wieder selbstständig ins Bad wanken – sodass ich das Einzelzimmer (das gleiche übrigens, das ich bei der Einleitung auch noch mal kurz hatte)  gegen einen Mittelplatz in einem Dreibettzimmer mit zwei anderen schwangeren Frauen tauschen musste.
Als unsere Babylamas dann zur Welt kamen, hatte das Krankenhaus und vor allem das allein dort bleiben müssen (diesmal gab es natürlich kein Familienzimmer), das Zugang legen und das Tropfbekommen seinen Schrecken verloren – und ja, die 6 Stunden intravenöse Einleitung haben mir keine Angst gemacht, sondern mich nur ordentlich genervt. Die Schmerzen, die ich dabei eigentlich haben sollte, habe ich kaum gespürt. Deutlich besser als Angst fand ich das – und weiß die Feuertaufe mehr als zu schätzen.

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