Jung im Kopf

Minilama erlernt gerade was Relationalität ist. Alter, Gewicht, Größe – all das kann man am besten in Relation zu anderen ermessen. So ist Minilama jung im Verhältnis zu einem Vorschulkind und alt im Verhältnis zu den Babylamas. Auch sind „seine“ Babies älter als die Neugeborenen, die wir auf dem Spielplatz treffen.
Und wir Eltern? Sind wir nun jung oder alt? Meine Mutter meinte „jung im Kopf“ würde bei mir wohl gut passen als wir drüber sprachen. Unrecht hat sie dabei absolut nicht. Alphalama und ich sind so dazwischen – keine Teenieeltern und unser (Erst-)Studium ist auch schon ein paar Jahre erfolgreich abgeschlossen. Wir haben seit mehreren Jahren Wohneigentum, unterhalten Sparverträge, Versicherungen, fahren unsere Autos mittlerweile auf eigene Prozente und die ersten grauen Haare habe ich auch schon – (wobei ich die schon seit 6 Jahren habe; meine Ausbildung war manchmal ein bisschen stressig.) Handwerker sind immer irritiert, dass wir die Besitzer des Wohnturms sein sollen und wenn dann die Herde noch im Sichtfeld ist, sowieso.
Wenn ich auf dem Spielplatz stehe, bin ich oft verwundert, wie alt manche Mütter sind – oder aussehen. So sehe ich doch nicht aus – frage ich mich dann ängstlich. Und beim Taufvorgespräch vor ein paar Wochen war ein super junges Paar dabei, da kam ich mir richtig alt vor als ich mir klar gemacht habe, dass ich die beiden nicht einfach wie im Studium duzen kann.
Jenseits der 30 ist ohnehin jeder alt dachte ich als Jugendliche und dass man als Erwachsener irgendwie anders ist, vom Wesen her, selbstbeherrschter, zurückhaltender, selbstsicherer, im Allgemeinen auch klüger. Und jetzt?
Im Kopf bin ich immer noch (oft) 16, so kommt es mir manchmal vor. Und dieses Mädel wundert sich, wenn auf der Gehaltsabrechnung unter „Kinderfreibetrag“ eine 3 steht. Irre, dass ich drei Kinder haben soll, denkt sie dann einen kurzen Moment lang.
Und dann wieder Szenenwechsel: Zwillingswagen, Buggyboard, drei schreiende Schätze, und nette Gespräche mit Omis über die Erziehung. Diskussion mit den Erzieherinnen darüber, dass Minilama entgegen deren Annahme sehr wohl  Mütze und Tuch dabei hat und auch beides anziehen soll. Telefonat mit dem Kinderarzt wegen Impfterminen. Dann wirds wieder realer. Aber ein Blick an mir runter schürt die Verwirrung: Gestern in der Rückbildung hatte ich Overknees an, die sich bei näherem Überlegen tatsächlich in die frühen 2000er zurückdatieren lassen. Meine Gazelle sind zwar heute pink und waren früher schwarz – aber es sind nach wie vor die gleichen Schuhe, die ich nach wie vor für eine große Designerrungenschaft halte.
Dass Teile von mir noch immer aussehen wie bei einem Teenager hat die Ärztin im Krankenhaus letztens bestätigt – das war ein richtiger Selbstbewusstseinsboost nach der Zwillingsgeburt. Unerwartet war der Satz, aber er kam zur rechten Zeit.
Figur, Frisur, Garderobe und grundsätzliche Haltungen haben sich in den letzten 15 Jahren bei mir nicht mehr wesentlich verändert, wahrscheinlich, weil ich einfach so bin, wie ich mit 15 war und daher auch mit 30 nicht wesentlich anders ticke. Ich scheine Spielzeug zu mögen, liebe Spielplätze und Kleiderbasare, bin an neuen Entwicklungen bei Gesellschaftsspielen interessiert und stehe tatsächlich auf diese Dialoge, die Kinder mit ihren Kuscheltieren führen und erfinde hier nach wie vor gern was Neues, ich prickele gern und basteln liebe ich sowieso. Mit 15 hätte ich mein jetziges Leben mit Sicherheit super gefunden, denn es ist in vielen Bereichen so geworden wie ich mir ein gutes Leben vorstelle und ich hätte wie damals das Abenteuer, den Nervenkitzel vermisst.
Für meine Herde bin ich wohl auch die Erwachsene, denn sie erleben mich in der Öffentlichkeit als klar und selbstsicher. Diese 16jährige im Kopf meldet sich dann in ruhigeren Momenten und hinterfragt das alles nochmal, ob ich so deutlich habe sein müssen, was die anderen darüber gedacht haben mögen als ich so streng zu Minilama war und ob die anderen mich auch nett finden.
Jung im Kopf scheint sie tatsächlich zu sein; diese Frau, die mit 30 noch immer Sneaker und Hoody trägt, auch wenn sie auf die Arbeit geht, die privat lieber Zug als Auto fährt, die ihre Einkäufe nach wie vor zu Fuß erledigt, die auch mit 3 Kindern wieder einen Micra gekauft hat, einfach, weil das Auto zu ihr passt und sie nicht mehr will und braucht als das.

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