„Oh Gott, Zwillinge“ Gretchenfrage Kinderfreundlichkeit

Ich bin im Moment täglich mit meiner kleinen Herde auf den Straßen und Plätzen unserer Kleinstadt unterwegs, weil ich den Hol- und Bringdienst zur Kita für Minilama übernommen habe, damit Alphalama früher zur Arbeit und dementsprechend auch früher wieder heim kann.
Morgens gegen 7 und abends gegen 4 sieht man uns also mit Doppelkinderwagen Marke sehr robust und sehr groß und Buggyboard mit wechselnder Zahl an Sirenen – mindestens einer schreit, oft aber auch alle drei. Es ist mir dabei noch immer unklar, wie viele davon Solidaritätsschreier sind und wer genau ein Leiden hat, das herausgeschrien werden muss.
Als Mehrfachmama kann mich diese Kulisse nicht mehr schockieren; Kinder schreien nunmal und ich beziehe das nicht länger (wie noch bei Minilama) darauf, dass ich etwas versäumt habe. Wenn mich also heute eine Oma anspricht, ob das Baby vor Hunger weint und daher den Supermarkt beschallt, sage ich sehr selbstbewusst „Sicher nicht“, denn ich gehe unter normalen Umständen nicht aus dem Haus ohne dass alle eine frische Windel und ein Fläschchen bekommen haben.
Wir vier auf der Straße werden gern angeguckt, manchmal auch ein bisschen begafft. Wundert mich zwar, denn unsere Stadt bringt sehr viele Zwillinge hervor, aber trotzdem. (Letztens auf dem Weg zum Spielplatz waren 4 Zwillingspaare unterwegs und ein weiteres war schon im Sand und spielte.)
Und da wären wir auch schon bei der Gretchenfrage – was die Kinderzahl angeht.
Wie kinderfreundlich bist du?
Das mache ich mittlerweile an der Reaktion auf meine Zwillinge fest.
Viele, viele Menschen, auch junge Mütter reagieren regelrecht geschockt über die Tatsache, dass Zwillinge durch meine Präsenz nicht länger ein theoretisches Geschehnis bei einer Befruchtung sind, sondern real da sein können, dass sie „jeden treffen können“. Diese Arbeit, diese Mühe, oh nein. Viele Mütter sind sich da einig: „Ich wäre ausgeflippt, wenn ich Zwillinge erwartet hätte.“
Schön, oder? Wenn man selbst mit seinen süßen Knubbelchen da steht.
Wie ich das nun machen würde? Wie das gehen würde? Ob das keine unmenschliche Überforderung sei? Finanziell und auch was die eigene Entfaltung angeht, die Beziehung und überhaupt: Zwei Kinder auf einmal??? Was ist das nur für ein schlimmes Los.
Am besten wäre es wenn schon Zwillinge ja gewesen, das erste wäre ein Zwilling gewesen, dann hätte es keine weitere Schwangerschaft gebraucht. Drei Kinder sind ja zu viel. Das dritte Kinderzimmer fehlt auch im neuen Haus.
Die andere Zwillingsmama und ich (beude übrigens glückliche Besitzerinnen von bezahlbaren und raumstarken Altbauten),  die bei dem Gespräch (oder Monolog) anwesend waren haben uns belustigt angelacht. Was bleibt uns auch anderes übrig? Hätten wir eines der Kinder verstoßen sollen? Und welches genau? (Wer sich nicht so gut vorstellen kann, warum das schwierig ist, auch wenn die Kinder einen um den Verstand bringen, sollte sich die meiner Ansicht nach beste Serie aller Zeiten ansehen (Friends), und zwar Staffel 10 Folge 2 „The one where Ross is fine“. Dort will Phoebes Bruder ihr einen der Drillinge, die sie für ihn ausgetragen und geboren hat, geben, da er seit vier Jahren nicht mehr geschlafen hat und den Eindruck gewonnen hat, dass das dritte Kind irgendwie zuviel ist. Als er jedoch den Namen des Kindes nennen soll, welches er ihr überlassen möchte, gehen im rasch die Kinder aus. So richtig will er nämlich keines loswerden, dazu liebt er jedes als Individuum zu sehr. Ich wollte die Szene per Youtube einbetten, aber sie ist leider nicht verfügbar.)

Alte Männer weisen mich regelmäßig darauf hin, dass sie selbst diese schreckliche Zeit mit kleinen Kindern zum Glück hinter sich haben. Ich will gar nicht zickig fragen, wie viel sie überhaupt an diesen Kindern getan haben, diese Alleinverdiener der 70er Jahre, aber irgendwie ist es doch schon bezeichnend, wie gut es viele Menschen zu finden scheinen, dass ihre Kinder aus dem Haus sind und sie nicht länger mit ihrer Anwesenheit nerven.

Zum Glück gibt es ein paar wenige Frauen, die verzückt in das Gefährt gucken und sagen, dass sich auch so gern Zwillinge hätten. So wie ich bis ich meine endlich im Bauch hatte.
Zwillinge sind nämlich nichts von dem, was die armen Menschen, die mich ansprechen und (ja das sage ich so deutlich) im Endeffekt nicht kinderfreundlich sind (und das annehmen wollen, das sie geschenkt bekommen, sondern das wollen, was sie wollen), sondern sie sind einfach super.
Zwillinge sind ein Geschenk, das nur jedes 75. Paar bekommt. Sie sind etwas Besonderes, etwas an dem die gesamte Familie wachsen und sich erfreuen kann.
Geschwister, die am gleichen Tag Geburtstag haben, die gemeinsam ihr gesamtes Kinderleben teilen dürfen.
Ich empfinde meine Babylamas als Geschenk, als Segen – und fühle mich vor allem reich: reich gesegnet, kinderreich.
Auf dem Spielplatz habe ich nur einen Satz entgegnet: „Man wächst an seinen Aufgaben.“

3 Gedanken zu “„Oh Gott, Zwillinge“ Gretchenfrage Kinderfreundlichkeit

  1. Ich finde Zwillinge auch toll! Bei uns liegen sie in der Familie, man darf also optimistisch sein! 😉
    Deine Artikel lese ich übrigens total gern und da muss ich wirklich den Hut vor dir ziehen: bei 3 kleinen Kindern noch die Zeit zu finden, so regelmäßig und spannend zu posten – das zeugt sicher von einem guten Zeitmanagement!

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