Von modernen Dogmen I: Das Stillen

Stillen ist das beste fürs Kind
Babys wollen Muttermilch
Jede Frau kann stillen

Das ist das Resümee meiner theoretischen Beschäftigung mit dem Thema Babyernährung. Der erste Satz steht auf Muttermilchersatznahrungen, der zweite hängt in Plakatform im stillfreundlichen Krankenhaus und den dritten Satz habe ich im Geburtsvorbereitungskurs gelernt.
Und dann die Stunde der Wahrheit. Der Körper spielt nicht mit, das Kind spielt nicht mit, die Technik bringt keine besseren Ergebnisse.
Unerwartet für mich. Und im Stillzimmer lacht mich das zahnlose Baby auf dem Plakat an und sagt „Babys wollen Muttermilch“.
Für das Fachpersonal im stillfreundlichen Krankenhaus bin ich eine Herausforderung. Sie mobilisieren alle Kräfte, alle Ideen, jede Tinktur und jedes Hilfsmittel wird zu Anwendung gebracht.  Ohne Erfolg. Der Körper macht einfach nicht was er soll. Sie wissen nicht weiter und entlassen mich dem Wortlaut der Entlassungspapiere nach als „stillende Mutter“.
Wenn man Mamablogs liest, wird deutlich, dass es nur eine Wahrheit gibt, wenn es im Kinder geht: Wenn dort vom Tragen, von der natürlichen Entbindung, Led-Weaning oder dem Stillen gesprochen wird, gibt es viele zustimmende Kommentare. Mütter kommen ins Schwärmen über diese unbezahlbaren Erfahrungen.
Und wenn eine Mutter sich „outet“, dass sie einen Kaiserschnitt hatte, dass sie gar nicht stillen will, dass sie Gläschen kauft und Plastikspielzeug gutheißt – dann kann sie sich aber auf was gefasst machen.  Aus der Ferne  und Anonymität des Internets kommt sicherlich einer daher, der auch am Kaiserschnitt nach vier erfolglosen Einleitungsversuchen Kritik zu üben weiß und von den Freuden der natürlichen Geburt zu predigen beginnt.
Ja, es hat schon predigthaften und auch missionarischen Charakter, was es über das Kinderkriegen und Kinderhaben zu sagen gibt.
Beim Stillen sowieso: Stillen ist nicht nur Nahrung geben, es ist auch innige Beziehung zwischen Mutter und Kind.
So viel zum Stilldogma. Unsere Welt ist dogmenkritisch, zumindest, wenn die Dogmen von den Institutionen kommen. Aber in Bezug auf die Mutterschaft, die Geburt, die Erziehung, die Ernährung der Kinder gibt es nur eine Wahrheit.
Ich für meinen Teil habe in Bezug auf das Stillen zumindest keine Wahl gehabt. Ich wollte mich der Mehrheitsmeinung anschließen und mein Kind stillen. Weil es am besten für das Kind ist. Aber es ging nicht. Über die Flasche in meinem Gepäck beim Rückbildungskurs habe ich mich geschämt und ich wollte mich so gern erklären, rechtfertigen. Aber es kam ein Punkt, da  hatte ich keine Lust mehr darauf, mit Fremden über meine Brust zu sprechen. Ja, irgendwann nach der Freizügigkeit der Schwangerschaft kam irgendwann der Punkt, wo ich wie vorher auch Wert auf meine Privatsphäre gelegt habe.

Meine Beschäftigung mit dem Stilldogma ergibt folgendes:
Stillen ist in erster Linie Füttern, in zweiter Linie ist es innige Nähe zu dem Kind. Ich bin der Ansicht, dass das Trösten durch Nahrungsmittel kein guter Weg zu einem gesunden Essverhalten ist. Ebenso finde ich, dass Zahnpflege ab dem ersten Zähnchen wichtig ist – und dass daher über nächtliche Mahlzeiten ab dem ersten Zähnchen kritisch nachgedacht werden sollte, wenn man nicht danach noch die Zahnbürste schwingen möchte.
Und ich denke tatsächlich, dass es ist möglich, seinem Kind Nähe zu schenken und es zu trösten ohne  ihm die Brust zu geben – auch wenn viele Berichte auf Mamablogs anderes vermitteln. Eine Mutter, die nicht stillen kann, ist keine Mutter zweiter Klasse. Sie muss sich aber leider so fühlen, denn sie ist ausgeschlossen von diesem umfassenden Lebensgefühl, das das Stillen mit sich bringt.

Wie Lebensgefühl? Genau, das ist die richtige Frage. Die Wahrheiten zum Stillen, die ich einleitend vorgestellt habe, hatten nichts mit dem Wohlgefühl der Mutter zu tun. Sie machen Aussagen darüber, welche Nahrung die Beste für das Baby ist. Und in Bezug darauf gibt es überhaupt keine Diskussionen: Muttermilch ist die Nahrung der Wahl.
Aber mit Selbsterfahrung, Lebensgefühl und Selbstverwirklichung hat das Stillen nichts zu tun. Wer das behauptet, begründet eine Ideologie, die das reiche Wesen der Frau auf ihre Funktion als Milchspenderin reduziert.

 

19 Gedanken zu “Von modernen Dogmen I: Das Stillen

  1. Ein total spannender und guter Post!!! Ich empfinde genau wie du; wo früher einmal Stillen als etwas für arme Leute und total niedriges betrachtet wurde, hat sich das Ganze heute ins Gegenteil verkehrt. Mit ähnlichen Folgen denke ich manchmal: Frauen sind nach wie vor nicht wirklich frei in ihren Entscheidungen, bzw. -und das finde ich viel schlimmer- wenn sie auch stillen wollen, es aber einfach nicht geht (und ganz offen gesagt, kenne ich mehrere Mütter, bei denen es eine echt schwere zeit wurde, weil es einfach nicht klappen wollte), dann kommen Schuldgefühle und immer wieder diese quälenden Nachfragen von anderen: „Warum stillst du dein Kind eigentlich nicht“ (inkl. diversen nett gemeinten Ratschlägen). Ich denke, Stillen ist wirklich das Beste fürs Kind. ABER nicht das EINZIGE. Und vor allem nicht in jedem Fall. Jede Situation ist anders. Manchmal vollkommen anders. Jedes Baby, jede Frau, jeder Körper, jede Familiensituation. Das ist für mich vor allem in alternativen Kreisen eine schwierige Sache, dass so viele Dinge einfach als Nonplusultra dargestellt und nicht mehr hinterfragt werden, bzw. dass man sich komisch vorkommt, wenn man es dann -aus reiflicher Überlegung und wirklich auf die eigene Situation bezogen- anders macht. Nicht stillt. Nicht trägt. Kein Familienbett einrichtet. Süssigkeiten isst. Einen Schnuller gibt.
    Ich meine, klar, ich stille, ich trage (aber nicht alle Kinder gleich lange und gleich intensiv, auch hier gab es echte Unterschiede rein von den Kindern her), ich lasse Kinder bei uns im Bett schlafen (die kleinste nachtnächtlich bis sie sicher 4 sein wird, denke ich), ein Schnuller ist kein Thema, weil ich immer schon nach Bedarf gestillt habe- aber ich muss gestehen, ich sehe bei jedem dieser zugegeben ziemlich alternative-Szene-konformen Entscheidungen immer auch die negative Seite mit dazu. Das Stillen (vor allem so wie ich es mache, aufs Kind zugeschnitten sozusagen und über 2-3 Jahre lang) ist für mich gut und wichtig, aber gleichzeitig bin ich wirklich unheimlich gebunden. Und das Kind in gewisser Weise auch, weil ICH seine Trost-und eine Zeit lang auch Nahrungsquelle bin und somit nur schwer ersetzlich. Das Tragen hat mich zeitweise doch recht hergenommen (ich trage auf der Hüfte meist) und Nächte ohne Kinder im Bett wären sicher auch erholsamer manchmal. Was ich sagen will; Nichts ist nur gut. Auch wenn gerade in der Pädagigik manches so dargestellt wird. Alles hat seine Licht- und seine Schattenseiten. Und manchmal ist sogar das scheinbar gute die falsche Wahl. Dann nämlich, wenn es einem -obwohl man es an sich befürworten und gerne so haben/machen würde, überfordert und auslaugt. Ich finde es toll, dass du auf deinen Bauch hörst und dich nicht verbiegst. In keine Richtung. Gerade heute nacht habe ich unten gesessen in der Küche und ein Nutellabrot gegessen und mir überlegt; „Es KANN doch nicht sein, dass nur ausgeglichene, pädagogisch gebaute, kluge und besonnene Menschen „gute Eltern“ sind.“ Das wäre eigentlich total widernatürlich. Bei DER Menschenvielfalt…

    ganz liebe Grüsse und tut mir leid, dass ich jetzt hier deinen Comment-Platz zu sprengen drohe ;-)

    Bora

  2. Hallo Bora,

    danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich bin froh, wenn meine Gedanken meine Leser ansprechen – und wenn dabei ein längerer Kommentar herauskommt, umso besser.
    Dein Text gefällt mir gut und er beleuchtet den Konformitätsdruck (so nenne ich es mal) auch in alternativen und eigentlich ja freidenkenden Kreisen treffend von einer anderen Seite. Vielen Dank dafür!
    Lamasus

  3. Hallo :)

    Bin gerade auf deinen blog gestoßen, sehr schön!
    Und ich bin sehr dankbar über dein Stillpost. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht: Vertrauen auf „Jede Frau kann stillen“, wunderschöne natürliche Geburt ohne jegliche Schmerzmittel und superschnell im Geburtshaus (im Wasser, im Vierfüßlerstand), sehr zartes Kind, Gewichtsabnahme, Gelbsucht, Zufütterung, immernoch vertrauen auf ein gutes Ende, Brusternährungsset, Abpumpen, Hebammen und Stillberaterinnen wussten nicht weiter, trotz aller Umsetzung der ach so effektiven Tipps (die anderen Frauen wirklich halfen und zum Stillerfolg führten) …. nach der Wochenbettzeit keine Tendenz nach oben, extrem abgekämpft und kaum die Neugeborenenzeit genießen könnend. Die Milch floss einfach nicht, trotz dtändigem Anlegens, anlegens, anlegens und Bockshornklee. Hatte auch kaum und spät einen Milchsinschuss, wer weiß, was da los ist. Und dann fragen alle, sogar Unbekannte, ob ich stille bzw. auch jetzt erlebe ich es, dass es vorausgesetzt wird. Ich sage schon gar ncihts mehr, sondern denke: „Ich stille eben mit der Flasche.“ Anfangs konnte ich meinen Sohn kaum in der Öffentlichkeit ernähren, habe mich auch so geschämt oder unwohl gefühlt, aber nach einigen Monaten ging es dann. Leider habe ich eine stillfanatische Schwiegermutter, das hat es auch sehr schwer gemacht in der Zeit. Was mich wirklich ärgert ist dieser Satz :“Jede Frau kann stillen“. Ich kann das nicht mehr glauben, nach all den Geschichten, die ich gehört und selbst miterlebt habe und meiner eigenen, recht traumatischen, Stillerfahrung sowie der Beschäftigung mit der Geschichte des Stillens.
    Wie dem auch sein, ich bin noch am Verarbeiten (mein Sohn ist 7 Monate alt), habe auch etwas Sorge, wie das wohl beim 2. Kind ist ….

    Danke auf jeden Fall für den schönen Text.

    Eine Frage noch: Weshalb kauft ihr keine Weleda und Demeter-Produkte? Weil sie anthroposophisch sind?

    Liebe Grüße
    Wenke

    • Hallo Wenke,
      ach ja, Bockshornklee – das hatte ich schon verdrängt.
      Schön, dass meine Erfahrungen Zustimmung finden – das war der Grund, warum ich es abgefasst habe, wenngleich es ja sehr privat ist und man sich ja auch nicht gern outen will als „nicht stillend“.
      Was deine Frage angeht: Ja genau, wir möchten keine anthroposophischen Firmen unterstützen – ist aber nicht ganz so einfach, gerade, wenn man gerne Holzsachen mag und ökologisch hergestellte Kosmetik bevorzugt.
      Liebe Grüße,
      Lamasus

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